rezensionen

Dramatische Abstraktion. Cate Le Bon in der Kantine am Berghain am 2. Juni 2019

Cate Le Bons Konzert am 2. Juni in der Kantine am Berghain bestätigt ihre in der Nische verankerte Stellung als eine der wenigen Pop-KünstlerInnen, die es fertigbringen, die experimentelle Lässigkeit der 60er mit dem Glamour der 80er, das Monotone mit dem Vertrackten und Kammerpop mit Postpunk und Jazz zu vereinbaren.

2013, da hatte Cate Le Bon gerade ihr drittes Album herausgebracht, hörte ich zum ersten Mal diese Songs. Unauffällig begleiteten sie mich, entfielen mir wieder, nur um sich langsam wieder ins Gehör zu schleichen. Ihre Musik lässt sich finden, ohne dass du sie gesucht hast.

Beim vor ein paar Wochen erschienenen neuen Album “Reward”, das die Gitarristin und Sängerin auf ihrer Record-Release-Tour präsentiert, hat sie gegenüber den Vorgängern einiges verändert. So schrieb sie die zehn neuen Songs auf dem Klavier, was sich in der balladesken Grundstruktur vieler Stücke bemerkbar macht. Auch entwickelte sie ihre auf einem klassischen Songmuster fußende Soundpalette weiter: sie gewann das im derzeitigen Pop fröhliche Umstand feiernde Saxophon dazu, das den Rhythmus hervorragend ergänzt und lässt, wie im Album-Opener, feingliedrigen Synthies den Vortritt.

Noch davor steht Neta Polturak, die mit aufgekratzter Stimme, irgendwo zwischen dem Sprechgesang eines Nick Cave und Lou Reed, mit Drum Machine, Effektgeräten und Gitarre hymnenhafte Skizzen vorträgt. Polturak arbeitet mit Tempo- und Dynamikwechseln, hangelt sich an den Riffs entlang, ehe die Stücke abrupt enden. Mit einem fast an Blues erinnernden Minimalismus füllt die Solokünstlerin den Raum.

Wie zu erwarten läutet die Headlinerin auch mit „Miami“ das ausverkaufte Konzert ein und markiert damit den Bruch mit dem früheren Sound-Arrangement. “Welcome to the new disco” deklamiert Le Bon ernst und getragen, nur um sich mit den folgenden Songs einer abstrakten wie subtilen, wehmütigen Tonsprache zu bedienen.

Das erste Konzerthighlight kommt unvermittelt: Vorausgegangen sind Wechsel an den Instrumenten, die Band halt sich als mehrstimmiger Backgroundchor bereit. Das eingängig wie dezente “Home To You” entpuppt sich live als ein aufmüpfig-charmantes Kammerstück im besten Sinne. Statt auszufaden hallt es noch eine ganze Weile im Loop, wie es der Kurzfilm zum vorigen Album “Crab Day” so schön vorgemacht hat. Jene beiden Singleauskopplungen, “Love is not love” und “Wonderful”, nehmen sich 2019 noch beatiger und variantenreicher aus. Als der Refrain kurzerhand in “Wunderbar” umschwenkt, ist der Weg zum krautigen Songfinale nicht mehr weit.

Grundlage der findigen Erneuerung von Le Bon & Band ist der narrative Charakter des Gesangs. Insbesondere die neuen Songs sind darauf angelegt, Le Bons Stimme in den Mittelpunkt zu rücken, die mit zackigen und percussiven Elementen unterstützt wird. Das Call-and-Response-Verfahren funktioniert besonders beim Song “The Light”, der auf das Grundgerüst heruntergebrochen wird und im zweistimmigem Gesang eine Dramatik erreicht, die durch die fünf multiinstrumentellen Bandmitglieder zusammengehalten wird. Die exzellente Soundanlage in der Kantine tut ihr übriges. So wird ein auf dem Album bieder daherkommender Song zu einem Höhepunkt des Abends. Mit einem kurzen Gänsehaut-Jam, der in “What’s Not Mine” übergeht, kündigt sie das Ende des Sets an. Das Keybord hämmert wie ein Xylophon, während die anderen schon von der Bühne gestiegen war und nur das Flirren der Gitarrensaiten nachträgt.

Lange lassen sich die MusikerInnen nicht bitten. Nach gestampften Postpunk und chromatisch absteigendem Riff ist selbst das Cembalo von “Magnicient Creatures” im Bereich des Möglichen. Nach großer Geste und dem schon jetzt besten John-Lennon-Gedächtnis-Song dieses Jahres, “Meet The Man”, werden die Zuhörenden wieder dem Techno von nebenan überlassen.

\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\

Die Nacht, die Lieder

Wer etwas über zeitlose Musik erfahren will, sollte Josephine Foster zuhören.

Im Gespräch nach dem Konzert ist ihre Stimme viel tiefer. Wie zuvor auf der Bühne wirkt sie ruhig und gelassen, schaut aufmerksam. Die US-amerikanische Singer-Songwriterin Josephine Foster erklärt eines ihrer Instrumente, als sei das alles nichts, auch Kinder könnten darauf spielen. Ihr multifunktionales Begleitinstrument ist eine Zither, „a German instrument, you can find it on Ebay“. Mal nutzt sie sie als Waschbrett, das, auf dem Schoß gehalten wie bei der Zugabe, den Rhythmus vorgibt; mal ersetzt sie ihr die Harfe (so heißt sie auch „Auto Harp“) oder eine Harmonika, indem die Knöpfe des Aufsatzes einzelne Saiten verzerren oder in den Bassbereich verlegen können, um die Polyphonie ihrer Musik stärker zu akzentuieren.

Die Straßen in Mitte sind so verlassen wie seit Jahrzehnten nicht. Der Rote Salon dämmert in seinen Grundfarben. Die kunstvoll geschnitzte Holzdecke nickt stumm auf uns herunter, Menschen lehnen sich in die Stühle und verteilen sich in die Erker neben den Säulen. Auf der anderen Seite des Platzes, am „Kino Babylon“, prangt „60s OST – Umsonst“, Puppen sitzen auf dem Vordach. Josephine Foster ist auf Europatour. Im Repertoire hat sie diverse, oft wenig beachtete Alben aus ihrer fast zwanzigjährigen Karriere, mit denen sie die bereits Bekehrten stets zu überraschen wusste. Hier wechselte sie Genres wie Ausdrucksformen ihrer Stimme und erprobte sich in Salon-Liedern, in der Folk Music der 30er und 60er, in Oden und gar im deutschen Kunstlied des 19. Jahrhunderts wie im Album „A Wolf in Sheep’s Clothing“ aus dem Jahr 2006.

Sanft getragen durch Flügel, Gitarre, Zither und Mundharmonika umreißt Josephine Foster heute Abend mit ihrer klassisch geschulten Stimme alle Register dessen, was Folk sein kann. Fosters Stücke erlauben in ihrem technischen Aufbau und ihrer harmonischen Raffinesse eine fragile Offenheit, die erst in der zurückhaltenden Virtuosität ihres Live-Auftritts vollständig zum Tragen kommt. In schnellen Stimmungswechseln, von lamentierend bis beschwingt, outen diese sich zuweilen als durchkomponierte Pièces, dann wieder als flüchtig hingeworfene Kleinode, die aus Koketterie mit jedem Barrett ein Jahrzehnt weiter zurückgreifen. Ihre facettenreiche Stimme, die schleifen und in den Höhen glitzern kann, korrespondiert dazu wie die instrumentalen Koloraturen und Pausen.

Fosters Stimme trägt lang und hallt bis an die Bar nach hinten. Sie setzt zu einem Solo an, doch ist es nur ein improvisiertes, hinauszögerndes Zwischenspiel. Die linke Hand greift nach Akkorden, die rechte schleicht zusammen mit der Stimme in alle Richtungen, durch alle Modulationen, die du, wie dir schlagartig klar wird, vor lauter Punk vermisst hast. Ihre Stimme stockt kurz, als ginge ein flüchtiger Schauer durch den Saal, doch schon kehrt diese Lässigkeit einer sich selbst genügenden Präsenz zurück. Gleich könnten, als „Deux Ex Machina“ gewissermaßen, Orchester und Chor für die Abschluss-Fanfare erscheinen. Alles ist mit wenigen Mitteln angedeutet, wie in gutem Theater.

An einer Stelle des Konzerts dann leitet Josephine Foster noch mit einer Hand auf den Tasten ein, bringt die Zither und ihre Stimme zum Rauschen („and the birds began to sing“), um am Flügel schließlich in die Tonart des Anfangs zurückzukehren. Die Binnenerzählung ist beendet, der Rahmen gesetzt. Josephine Foster senkt die Stimme wieder leicht und geht zur nächsten Geschichte über.

Der gekürzte Konzertbericht findet sich auch auf: https://www.byte.fm/blog/redaktion/josephine-foster-konzertbericht-86109/


Tagtraum in Arcade. Thundercat, 13. Dezember 18, Huxleys Neue Welt

Wer mit der Apokalypse im Fernsehen aufgewachsen ist, hat in der futuristischen Crossover-Variante von Stephen Bruner alias Thundercat seinen Jazz gefunden.

Draußen herrschen Schulden in der Musik, es ist vorweihnachtliche Betriebsamkeit in Nord-Neukölln. Doch nur einen Security-Check und eine Treppe später befinden wir uns in einem Luftschiff ins Nirgendwo. Die geschätzten 1000 Personen in leitender Funktion erwarten Nebelschwaden. Eine Orgel in dem riesigen Ballsaal des Huxleys mit seinem Holzparkett, goldenen Ornamenten, gelben Röhren und wallenden Vorhängen setzt ein. Es ist halb neun, als sich ein schmächtiger Student mit grauem T-Shirt und Brille an die Regler seiner Kommandozentrale macht.

Dorian Concept spielt sein Live-DJ-Set mit Tracks aus seinem in diesem Jahr erschienenem Album. Eingeläutet durch Stroboskope (ein Warnschild für Epileptiker ist am Eingang platziert) und Nebelschwaden setzt es Fiepen und Synthies, folgen melodische Sequenzen auf harte Brüche. Mit geschickten Überblenden verlaufen sie sich elegisch zu einem Amalgam aus verzerrtem 70er-Jahre-Funk, vertrackt-verspielter Elektronik mit sichtlicher Begeisterung für Videospiele der 90er und dem entfremdeten wie entspannten Spiel der 10er Jahre mit seinen gezielt eingesetzten Pausen und Verzögerungen. Mittlerweile werden die Beats noch punktgenauer ertastet und markanter auf den Schaltflächen geschlagen, zuletzt mit gehauchter Stimme. Schon wird ein Bass hinter ihm über die Bühne getragen, doch Concept spielt noch eine Nummer.

„What’s Going On?“, fragt eine Stimme mit Marvin Gaye ins Luftschiff hinein und lacht dabei, wie auch bei allen zukünftigen Liebesbekundungen aus dem Publikum, die Stephen Bruner allesamt beantwortet. „Rabbot Ho“, der erste Song aus Thundercats neuestem Album „Drunk“ an, prescht in doppelter Geschwindigkeit voran. Bei den krachenden Drums und dem in die Fläche ausgelegten Sound der zwei Keyboards geht der Gesang des Manns in der orangen Trainingsjacke anfangs noch ein wenig unter. Eine Nu-Jazz-Improvisation an seinem 6-Saiter-Bass später ist Bruner aber voll da.

Space Odyssee am He-Man-Platz

Schon wird es mit dem heimlichen 80er-Hit „Bus In The Streets“ glitzern und poppig. Doch dann nimmt Thundercat über ein analytisch wie impulsives Mini-Solo die Loopstation mit und groovt sich in die Effekte hinein. Ganz zum Tragen kommt das breite Griffbrett des Basses beim ersten Highlight des Konzerts, dem rhythmisch vertrackten „Tron Song“, der sich mit dem Keyboard um eine Tonfolge aufbaut, über die Bruner in seinem markanten Falsett die Koloraturen setzt. Ihm gefällt, was er sieht: junge Leute mit andächtigen, mitfiebernden Gesichtern, die nach jedem Solo vor Begeisterung in die Hände klatschen und entlang der Funk-Riffs schreien.

Ähnlich wie seine Kollaborateure und Labelpartner bei „Brainfeeder“ aus L.A., Kamasi Washington und Flying Lotus, schafft es Thundercat, nicht nur Musikstile gekonnt zu verschmelzen, sondern auch Fans unterschiedlicher Lager zu begeistern. Das liegt zum einen an den cleveren Arrangements, die live beeindruckend musikalisch unterstrichen werden; zum anderen funktioniert das Bandgefüge: Bass, Keyboard und Drums haben allesamt Mikrofone vor sich, verstärken sich mal gegenseitig, fungieren an anderer Stelle, wie beim großartig verlangsamten „Heartbreaks + Setbacks“, als Background-Vocals für den jeweils anderen. Für manche ist das Gospel, für andere Punk!

Dazu übertragen sich die Querverweise („R.I.P. Mac Miller“) und der obskure Humor aus den Songs mit Referenzen an seine Anime-Helden – „Dragonball“ („Tokyo“), eben die „Thundercats“, die in den 80er Jahren ästhetisch zwischen H.R. Giger und He-Man schwankenden cyberfuturistisch kämpfenden Wildkatzen – oder aber ein Jingle-Sound, der aus einer Matchbox-Werbung stammen könnte, nur zu gut auf die Bühne. Ein paar wenige Ansagen und sich wiederholende Songstrukturen, die in intime, tranceartige Kammersituationen aus Solo, Flächen und eklektischem Krachen münden, wären jedoch nach gut der Hälfte des Konzerts verzichtbar gewesen. Vielleicht wäre hier das ursprünglich als Venue angedachte „Astra“ in Friedrichshain die bessere Wahl gewesen.

Ein Schrei und wir sind wieder elektronisch! Arcade reißt uns mit seinen fiependen Melodien aus unseren Videospiel-Träumen. Beim vorletzten Song gehen die mitwippenden Musik-Nerds wieder voll mit und wissen, wann ihnen der Gesang überlassen wird. Als Dankeschön gibt es das tolle soulige „Show You The Way“, das Thundercat auf „Drunk“ mit seinen Idolen Michael McDonald und Kenny Loggins singt, bevor er den Song am Schluss wieder intergalaktisch entgrenzt. Nach 80 Minuten sind wir wieder zurück bei Level 1, doch mit einem Leben mehr.

___________________

„No One Is An Island“. Idles, 11. November 2018, SO36

In einem über weite Strecken berauschenden Konzert schaffen es Idles mit einem Punk-Handstreich aus Hymnen und Sprechgesang große Emotionen im SO36 zu entfachen.

Schöne englische Akzente ziehen durch den langsam sich füllenden länglichen Raum des legendären Kreuzberger Punktempels SO36. Plötzlich taucht da ein Satz in der Menge auf. „No One Is An Island“ steht darauf, bekannt als T-Shirt-Spruch des Protagonisten im Video zum Song „Danny Nedelko“ der Band Idles. Es wird das Motto des Abends bleiben, umschreibt es doch die Politik der Band: Anspielen gegen Vereinzelung, Mut machen, Kritik üben. Zuvor, schon kurz nach Einlass, tritt das Berliner Trio Plattenbau auf. Die Erfahrenen im Publikum stehen da bereits auf der kleinen Empore rechts und schauen interessiert. Sie sehen, dass der Bassist gleichzeitig für Rhythmus, Melodie verantwortlich ist. Verzerrt singt er dazu, während die Drums dreschen und wirbeln und das Keyboard sich in Synthienebel und Feedbackschleifen ergibt, langsam Formen annimmt, bis wir im Jahr 1986 gelandet sind – in den besten Momenten sogar bei gutem Krautrock. Zwischendurch werden die Instrumente gestimmt.

Vertrackter, verzerrter und lauter wird es beim Duo John, der zweiten Vorband. In der Tradition von Noise-Bands wie No Age oder Japandroids malträtiert auch hier der Drummer als Sänger das Mikrofon. Auf ihrem ersten Berlin-Konzert zeichnet sich die Band durch abrupt endende Songs, Stakkato-Einlagen und eine aus Wut und Empathie gespeiste Energie aus. Ihr bester Song ist wohl „Godspeed In The National Limit“.

Idles aus Bristol haben sich mit ihren kurz aufeinanderfolgenden ersten zwei Alben „Brutalism“ und „Joy As An Act Of Resistance mitten rein ins diskursive und mediale Getümmel geworfen und damit weit über die Indieszene für Aufsehen gesorgt. Doch während RezensentInnen einstimmig die Energie und die in der Tradition von The Fall, Crass oder The Sex Pistols stehende Nöligkeit der Band loben, gehen die Meinungen über die Lyrics von Sänger John Talbot auseinander. Für die einen sind sie witzig, provokativ und aufgeladen mit kritischem Brennstoff; für andere dagegen sind die plakativen, politisch unmissverständlichen Botschaften zu eindimensional, teilweise gar esoterisch. Das Konzert in Kreuzberg offenbarte jedoch die Wirksamkeit dieser Form der künstlerischen Gegenwartsbewältigung, die hinter der gekonnten Verbindung von derbem, basslastigem Postpunk mit poetischer Gesellschaftskritik steht. Zu verdanken war dies der performativen Inszenierung der Band und, was nicht zu unterschätzen ist, der erstaunlichen Textsicherheit und Euphorie von mehreren hundert dicht an dicht Gedrängten. Das Kreuzberger Zusammenkommen entfaltete eine Sogwirkung und eine Komplizenschaft, der sich kaum eine Person im Raum entziehen konnte und die auf die Bühne zurückstrahlte. Selten habe ich auf einem Konzert so viele gereckte Fäuste erlebt, selten waren die humorvollen bis dramatischen Songtexte einer Band über den ‚National Health Service‘ oder die zerrüttete Familie Anlass für so viel Jubel, selten wurde derart die Wichtigkeit von Solidarität und Pluralität auch jenseits des heutigen Abends betont.

So sehr sich Idles über die Verhältnisse, den seit dem Brexit-Referendum in UK aufstrebenden Nationalismus, Traditionalismus und eine offen zur Schau tretende Maskulinität in Gesellschaft und Politik auskotzen (wie z.B bei „Samaritans“), finden sich in ihren Songs eben auch sehr persönliche Einblicke in Konflikte, die wohl allen bekannt sind, wie die Aufarbeitung von Trauer oder die eigene, medial gefütterte Unsicherheit. Es waren dann auch diese Songs, die in ihrer Verletzlichkeit live noch einmal herausstachen. Sie erzeugten eine Ambivalenz und einen Überschuss, die in dem Furor noch einen Spalt offen ließen und so von den Zuhörenden gedeutet werden konnte. Ähnliches schien bisweilen in den nicht zu knappen Ansagen von Talbot an sein Publikum auf: „Equal opportunities for the poor and the rich!“ Wieviel davon Sarkasmus, wieviel Ernst war, blieb bewusst unklar.

Seit dem zweiten Song, „Colossus“, herrscht traute Ekstase. Das Publikum und die fünf Bandmitglieder singen zusammen „Forgive me, father, I have sinned“, unterlegt von einem zackigen, verzerrten Postpunk. Und natürlich haben alle angefangen zu rauchen, trotz des strikten und stetig gebrochenen Rauchverbots. Das Schlagzeug, der sich wiederholende Bass und die Texte sind zum Bersten aufgeladen, bis sie der Sänger mit dem Nietzsche-Tatoo auf der Hüfte herausbellt. So entwickelt sich wie erwartet eine Pogo-Meute ganz vorne, die einzelne Stagediver nach hinten schwemmt. Überwiegend junge Menschen in ihren Dreißigern grölen mit und nutzen die Tanzfläche, so gut es bei den engstehenden Reihen eben geht. Für die, die denken, dass die Jungs clever und witzig seien, sich aber vor den berüchtigten Live-Auftritten fürchten (wie ein Youtube-Kommentar zu einem Idles-Song suggeriert) sei gesagt: Ab Reihe 30 wurde es ruhiger. Der längliche Raum des SO36, in dem sich seit nunmehr 40 Jahren Spaß und Widerständigkeit treffen, ist für solche natürlich ausverkauften Konzerte immer noch der beste Ort!

Fast wähnen wir uns in einer Kapelle, mit dem Wanderprediger Talbot vorne, der zu den Bekehrten über Klassenperspektive und gegen völkischen Nationalismus spricht: ein Wort, ein Chorus – und schon ist die Gemeinde da. Die Botschaft geht durch seinen Körper, immer wieder schlägt er sich auf die Brust und den Kopf, wühlt sich durchs nach hinten gekämmte schwarze Haar. Später dirigiert er die Menge bis diese sich selbst beschwört hat und eine Minute noch „Dance till the sun goes down“ weitersingt. Ein Gänsehautmoment! Mit zunehmender Dauer des Konzerts setzt sich der performative Charakter auf der Bühne durch. So nimmt einer der beiden Gitarristen Reißaus nach vorne, ein anderer inszeniert sich als Marionette. Fast am Ende ist die Bühne zum Welttheater mutiert. Immer mehr Menschen steigen herauf, tanzen im Pulk, die Band überlässt einigen kurzzeitig die Instrumente. Wer spielt hier noch für wen?

Es sind diese Emotionen, die zuletzt im Diskurs fehlten, die das Feuilleton begeistern und das Genre mit Vertretern wie Savages, Iceage oder Sleaford Mods wieder relevant erscheinen lassen. Hier scheint die Wut durch, die an anderer Stelle fehlt, der Mut zur Zuspitzung, die vielen offenen Flanken in ihren Texten, der Hang zum Crossover der Stile, der je nach Absicht variiert wird: hier Oi-Punk, Hardcore, da Indierock, Noise oder eklektischer Punk. So wie im „Love Song“, den Talbot der EU widmet. Kein schlechter Move. Es ist der 11. November, genau 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, mittendrin in einer Zeit, in der weltweit Faschismus, Autoritarismus und Rassismus im Aufschwung sind.

Nass liegt die Oranienstraße vor uns. Zufriedene Gesichter ziehen weiter. Doch da ist noch mehr. Vielleicht ein Gefühl, dass diese aus einem Raum treten, in dem gerade versucht wurde, kollektive Handlungsoptionen auszuleuchten. Im besten Sinne Underground also: hier wurde kurzzeitig ein Ort geschaffen, in dem Monarchie und Alltag einer kritischen Revision unterzogen wurden und der in der Praxis, im Tanzen und Sprechen, schon einmal als vorübergehender Bruch mit den Normen erfahrbar war. Konzerte mögen vielleicht nicht die einzige Antwort auf die gesellschaftlichen Verhältnisse sein. Doch als Experimentierstätten künstlerischen Übermuts und kollektiver Sinnstiftung sind sie unabdingbar, da in ihnen die ganze Palette von Gefühlen, Erfahrungen, Politiken verhandelt und – ausgespuckt – der absurden Realität da draußen entgegengesetzt werden kann. Idles und Fans haben es vorgemacht, jetzt kann es nur weitergehen.

Der Artikel erschien in leicht gekürzter Fassung ursprünglich am 12. November auf dem ByteFM-Blog.


Embryo, 7. September 2018, sowieso

Ein voller Nachtzug ins Irgendwo. An was hältst du dich heute? Buchstaben fehlen in den Wörtern; das Mündliche gewinnt zunehmend Oberhand. „Masano ist da, Masano!“ „Flöte dabei? Wir haben eine!“ Die Menge auf Stühlen stimmt ein und lacht. Es ist wieder der Laden vom Januar, das ‚Sowieso’ in der Nordneuköllner Weisestraße, in dem die Hälfte des Publikums selbst Musik macht oder so schön andächtig über der Musik sitzt, dass der Barkeeper, Chef und einzige Mitarbeiter kaum hinterherkommt mit dem Abrechnen. Die Leute strömen zu ihm, bestellen Wein oder Bier, dazwischen raucht er Selbstgedrehte und lässt sich die Bands, die er alle paar Tage im Laden hat, gefallen. Der schöne Hinterraum auf der rechten Seite, ein langgezogener, gefließter Schacht, scheint dagegen dem Verfall preisgegeben zu sein. Blaulichter ziehen an der Wand vorbei. Später wird Masaro die Querflöte auf dem Tablett serviert werden. Er tut überrascht, lässt seinen Hut auf und steigt über Beine nach vorne in den auf ihn wartenden Wirbel. Verursacht hat ihn zuerst eine Zitter, die mein Ohr schon nicht mehr hinterherkommen lässt. Wenn der eine vorrückt, spielt schon die andere. Stühle werden gerückt und das Panorama einer Werkstatt tut sich auf. Embryo, schaut auf diese Band (zum Beispiel im gerade erschienenen Film, „Embryo – Free4Ever you think“ über die Weltreisen und vor allem Kollaborationen dieses 50-jährigen Klangkollektivs): wir sind auf dem vorletzten Konzert ihrer einwöchigen Mini-Berlin-Tour. Es ist egal, woher sie kommen, überall schließen sich ihnen Musiker_innen an, neue Instrumente, Traditionen, Modi. Zusammengehalten von einigen Veteranen und Marja Burchard an Marimba, Klavier, Gesang und Posaune, der Tochter des kürzlich verstorbenen Mitgründers Christian, stellen sie jetzt ihr Stakkato auf die querliegenden Seiten. Eine mir unbekannte Trommel setzt an, Schlagzeug, Bass und Gitarre, dazu die Hammondorgel, souverän von einem weißhaarigen schlaksigen Hünen verwaltet. Die Trommel wird zur E-Violine, die Instrumente wechseln im Laufe des Konzertes noch ein paar Mal. Ich muss mich festhalten, die Berge türmen sichm, die Schrift wird unleserlich, wenn es rhythmisch von der Bühne klatscht. In den Reihen wird gefolgt. Was tut es, wenn ich mitzeichne, wie es war, dieses vermeintliche Impro aus Haut & Knochen? Die bewegen und zucken sich von selber, bis zur Gänsehaut wie im Schlaf. Ich nenne das die 1. Trance. Mit den Augen auf der Bühne, eigentlich aber … ein Faden des Besenschimmers, den der neue Drummer aus dem Publikum austariert, eine Hand ein Strick, eine andere schlägt. Kneife die Augen so fest zusammen, wie es geht und sage mal, was mir gefällt, ohne mich zu rechtfertigen. Ein Täuschungsmanöver gegen mich. Umbauarbeiten. Embryo nicht mehr polyrhythmisch, stattdessen spielen sie sich an der Grundvariation ab, der Stimmungsbau flechtet sich zu Schlieren, die schnell am Abteilfenster herabrinnen. Die Fahrt nach Rumänien, wie ich sie mir vorstelle, dauert nur einen kurzen Abschnitt mit Haken. Quereinstiege, Abstecher und weitere Angebote liefern die Einsätze, geleitet von sich kreuzenden Augenpaaren. Die Hashtags fliegen herum (Chemnitz on my mind). Was könnte in der Zwischenzeit alles draußen passieren?! Morgen ist hier, zwei Blocks weiter, Straßenfest. Wie ich wünschte, dass sie dort und nicht im tiefen Keller des legendären Supamolly am letzten Tag ihrer Tour spielten!

………………………………………………………………………………………………………………………………….

Kathrin Passig / Aleks Scholz: VERIRREN. Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene, Rowohlt Berlin, 2010

Es kann schnell passieren, das Gleichgewicht zu verlieren, die Orientierung und Übersicht. Daneben und manchmal auch dagegen steht die Lust, Neues zu entdecken, Experimente zu wagen, aus den gewohnten Bahnen und Straßenzügen auszubrechen, ohne sich durch Arbeit oder teuren Urlaub oder durch beides das Leben zu vermiesen. Einen Aufschlag in diese Richtung macht das von Kathrin Passig und Aleks Scholz bereits 2010 herausgegebene Band VERIRREN. Changierend zwischen Essaysammlung, Reisebericht, empirischer und theoretischer Forschung und polemischer Kolumne will das Buch methodische Stütze „für Anfäger und Fortgeschrittene“ sein, Definitionen und Handwerkszeug liefern für die bewusste, vorübergehende Orientierungslosigkeit, „für den Zustand, in dem man nur ein bisschen verirrt ist – und zwar freiwillig” (26).

Experimente

Entsprechend der angekündigten Schwierigkeitsabstufungen gliedern sich die Teile des Textes. Wir beginnen mit Anleitungen für Experimente, sich in der unmittelbaren Umgebung zu verirren. GPS und Karten sind zu unterlassen, um von einer Kneipe in einem Stadtteil zu einer anderen zu kommen. Das Patentrezept für interessante und Wege lautet demzufolge schlicht: „den Weg verlassen“. Wer sich einmal die wilden und zugleich logischen Entgleisungen der Trampelpfade auf Wiesen angeschaut haben, die den Bedürfnissen der Menschen zumeist besser gerecht werden, versteht auch die Subversivität dieser die Ordnung brechenden Handlungsweise.: „Trampelpfade kennzeichnen das Ergebnis einer über lange Jahren geführten demokratischen Absitmmung bezüglich der besten Strecke zwischen zwei Orten“ (30). Expert_innen des Verirrens (dazu später) haben deshalb ein gespaltenes Verhältnis zu den Verbindungslinien, die gemeinhin als „Wege“ bezeichnet werden und sehen diese als das an, was sie sind: Konventionen und nur mehr „eine von vielen Optionen, von A nach B zu gelangen“ (31). Wie schon bei anderen Formen der „Schwarmintelligenz“, des Phänomens der Lemminge in Fragen von Wirtschaft und Krise, lassen sich hier Verbindungslinien zum Sprachwandel (vgl. Rudi Keller) oder zu den schon in den 1960er Jahren angestellten Studien von de Certeau (vgl. „Die Kunst des Handelns“) zu subversiven Alltagshandlungen gegen Normierung und Anpassung ziehen.

Übungen

Schon leichtere Übungen erzeugen jedoch eine erstaunliche Fallhöhe: so wird in einer Gamification-Volte das Neuentdecken der Umgebung durch Analogien zu Computerspielen vorgeschlagen (vgl. 32/33), um andere Orte und Wegstrecken kennenzulernen, ganz nach dem Motto: ‚Schaut hin, es ist alles da, wir müssen es nur aus einem anderen Blickwinkel, vielleicht länger, betrachten’. Das „nächste Level der Realität“ ist tatsächlich ein Gedanke, den ich als Vertreter der Generation Y schon hatte und sicherlich mit anderen gemein habe, inklusive der experimentellen Vorstellung: ‚’ Ich erwische mich beim Lächeln ob der schön ausgeführten Gedankengänge, wenn die Realität mit einem programmierten Computerspiel verglichen wird, welches allerdings in punkto Farbverläufen und Lichtreflexen nicht ganz herankommt oder dabei versagt, bis ins letzte Detail weiterprogrammiert worden zu sein (beziehungsweise, wie augenzwinkernd angemerkt wird, dies womöglich auch auf die Realität zutrifft, wir nur noch nicht in diese Welt vorgedrungen wären) (vgl. 33). Wer erschuf eigentlich das Computerspiel Realität? Sind nicht es vielmehr wir, die wir täglich konstruktivistisch eine neue Welt und einen neuen Zugang zu ihr erschaffen, indem wir durch sie hindurchgehen (oder -irren)? Nehmen wir an: Zwei Reihen Häuser, in einem Winkel von mindestens 45° zueinander – schon ist eine kleine Vorstadt entstanden, mit Geschäften, Höfen, Wiesen. Leute verirren sich, sagen ein paar Mal ‘Guten Tag’, da sie sich nicht wiedererkennen und am Abend gehen die Laternen aus und einige werden nicht mehr gesehn, haben aber ihre Zeichen hinterlassen. Auf meine Straße bezogen wäre diese Übung, ein möglichst akurates Bild des Ladens mit seinen Mafiageschäften bei mir um die Ecke zu zeichnen. Mal hat er zu, dann wieder auf, zwischendurch wird wieder gewerkelt, dann war er abgebrannt (Versicherungsbetrug?), jetzt ist schon seit Jahren alles wieder abgedichtet, eine neue Theke ist gebaut, die Wände gestrichen. Alle zwei Wochen ist einmal Licht und ein paar Leute sind drin zu sehen, doch durch den dicken Streifen Milchglas auf dem Fenster lässt sich nicht blicken. Oder die Sozialberatungsagentur schräg gegenüber, die nie Kund_innen hat und der Besitzer nur ab und an draußen vor der Tür anzutreffen ist, mürrisch seine Zigarre paffend. Auf dem Aushang sind alle Arten von Dienstleistungen zu finden. Und ein Schild, das „Coffee to go“ anbietet, das so nicht ernst gemeint sein kann. Was würde passieren, wenn ich darauf anspräche?

Im Blick des Kindes ist die Welt eine Ansammlung von Leveln, Plattformen und Aufgaben. Alles ist voller Informationen und Daten und nicht einfach da. Ich zitiere mich selbst: „Wie komme ich von links unten, über Schilder und Rolltreppen, dann noch eine Treppe in den weiteren Verlauf, der Straße nach vorne, rechts oben von meinem Ausgangspunkt, wenn die Erde weggedacht wird, die dazwischen liegt und die ich wie eine Membran durchquere, oben und unten vermische und alle, die mir folgen wollen, nurmehr verwirre.” – Übersetzt in die Terminologie der Logik des kunstvollen Verirrens: Um deine Umgebung zu verstehen, musst du Schneisen in die Realität schlagen, abseits der vorgestanzten Formen und Wege gehen und dir deine eigenen Zugänge schaffen. Bleibt das Problem, ob dies auch andere überzeugt und vermittelbar bleibt. Aber geht das nicht allen „Surrealisten, Dadaisten, Nihilisten, Situationisten und Psychogeographen so, die im 20. Jahrhundert diverse spielerische Strategien zur Erforschung von Landschaften entwickelt (haben)“ (35/36)? Ähnlich wie beim intentionalen Umherschweigen, dem dérive, handelt sich das bewusste Verirren zwar „nur“ um ein Gedankenexperiment, gewissermaßen um einen Trick oder Ersatzmotivation, um das Gehirn in seinen Grundaufgaben – vor allem also die Orientierung zu behalten – abzulenken (37). Die Funktionalität als Verirrexperte zu hintergehen, hat das Ziel, ein „möglichst vielfältiges Bild der Umgebung zu erstellen“ (38). Der analytische Plan, den solch eine Expertin, die du werden kannst, entwickelt, bevor sie aus dem Haus geht, bezieht sich wiederum auf die gewollte Entgrenzung, das Chaos in einem Rahmen zulässt – eine vertrauensvolle Unruhe, die produktiv wirkt, weil du sie hin bis zu einer anderen Form der Weltaneignung und -betrachtung weiterdrehen kannst.

Techniken

Eine ähnlich stimulierenden Spannung zwischen Wissenschaft und Poesie besteht hinsichtlich der Methoden und Techniken. So gehe es beim Verirren um Grundfragen der Wissenschaft, um Problemlösungsstrategien („Draußen sein und dort zurechtkommen ist eine empirische Wissenschaft“ (249)), gar um Einsichten in Erkenntnisprozesse (262). Diese Wissenschaft von den anderen Ebenen der Realität lässt sich demnach lernen, ist Übungssache. Was Wissenschaftler_innen und Verirrte gemeinsam haben, ist die mentale Landkarte, die sie entwickeln und nach der sie vorgehen, das Ergebnis aus Datenerhebung, Korrekturen, Analysen und Theorien; das Prinzip lautet ‚Trial and Error’. Dabei muss wie bei jeder guten Methodenfindung und –ausübung Unwissenheit ausgehalten werden (263), bis hin zur Umarmung des ewigen Zweifels (264). Esoterische Ausbrüche à la „Den Berg, den wir besteigen wollen, existiert nur in unserem Kopf und später als Gipfelfoto, das man an die Verwandten schickt.“ (261/262) sind da auf der anderen Seite natürlich auch nicht weit.

Produktiv wird das Verirren somit als Kulturtechnik, als eine „Kunst der Weg- und Zurechtfindung“, die zwischen geplantem, freiwilligem Verirren und dem, was gemeinhin als „Orientierung“ bezeichnet, hin- und herchangiert und oft keine so klare Grenze ziehen kann und/oder will (vgl. 265). Darunter fällt auch die Beschäftigung mit der Welt im Kopf, der „Agenda des Unbewussten“ (231), die so genannte Freudsche Fehlleistungen hervorrufen kann. Hierbei erfüllt eine ursprüngliche Verwirrung oder „Verblendung“ein langgehegtes Bedürfnis, indem es Hinweise – als sei es Absicht – übersieht. Erst später wird deutlich, dass der eigene Wille stärker gewesen sein könnte. Die Profiregel, soviel sei verraten, lautet demnach (und da überschneidet sich VERIRREN sicherlich mit anderen Ratgebern aus anderen Ecken, das „Wissen um die eigene Unvollkommenheit“ (255).

Historische Einschübe und Kuriositäten aus aller Welt, die Youtube-Schnipseln gleichen, unterstreichen die in allen Facetten durchdeklinierte Methode in ihrer für Einsteiger geeigneten wie professionellen Les- und Spielart. Neben vielen kleinen Episoden in nonchalanter Sprache, die darauf hinauslaufen, sich trotz allem nicht verrückt machen zu lassen wäre da beispielsweise die Versuch- und Irrtum-Methode der besten Seefahrer der Welt aus Polynesien mit ihren Seemarken, die Misserfolge bewusst in Kauf nimmt, um Erfahrung zu gewinnen und sich Zeit zu nehmen, die Umgebung mit ihren Zeichen kennen zu lernen und zu deuten. Die Prämisse lautet hier: Um ein Ziel wirklich zu erreichen, gilt es, sich tastend und näherungsweise dem Gegenstand und den Methoden seiner Erforschung zu nähern. Ungenauigkeit muss ausgehalten werden; mehr noch: sollte einkalkuliert werden.

Dann gibt es die Abenteuergeschichten von Menschen, die aus Lerninteresse, Wagemut und Freiheitsdrang das Risiko suchten, ins Unbekannte aufbrachen. Sie experimentierten, wenn sie nicht weiter wussten und lernten dadurch, sogar Angst und Furcht als Wegbegleiter zu schätzen, d.h. sie zu kontrollieren. Solche das Buch durchziehenden Kapitel heißen z.B. „Lob der Unsicherheit“, „Im Dienst der Erkenntnis“, „Der Zufall als Helfer“ oder „Das Prinzip Coolness“.

Die erfundenen Irrfahrten des Odysseus sind die Prototypen des Verirrens. So „geriet er einfach in ein paar Stürme, die sein Schiff in Gegenden spülten, die vorher noch kein Mensch gesehen hatte.“ (28). Diese Rekurse verweisen wiederum auch auf einen anderen, historischen Anspruch an die Orientierung, die bewusst das Verirren in Kauf nahmen. Detailgetreue Karten, die Fähigkeit, diese zu lesen, geschweige denn GPS gab es nicht, auch wenn letzteres ganz neue und auch im Buch erwähnte Fallstricke und Verirrungsmöglichkeiten bietet. Dagegen stieg (und steigt weiterhin in immer schnellerem Tempo) der Grad an Mobilität, was zu einer anderen Weltwahrnehmung und Raumverhältnis führt: Der Nahraum, sonst Bezugspunkt für die meisten (die zugleich arm waren und an Mobilität nicht denken konnten), wird Teil eines größeren, noch zu entdeckenden Raums, der viele kleine beinhaltet. Gegenden, Straßen, Städte werden von mehr und mehr Menschen gesehen und befahren. „Verirren“ als Problem des Fortschritts also (135).

Dass damit eine potentielle Überforderung vorgezeichnet ist, liegt auf der Hand. Der in den Bereich für fortgeschrittene und Expert_innen des Verirrens bestimmte Bereich, diese zu reflektieren, miteinzubeziehen und sich freiwillig auszusetzen (da sie Techniken kennen, wieder herauszufinden), ist denn auch einer der spannendsten des Buches, verweist er doch auf universelle Muster der Weltaneignung durch die Austarierung seiner Position innerhalb der Konstruktion von Einheiten wie „Gesellschaft“, „Welt“ oder „Realität“. Die Gefahr, in neoliberale Managementsprache zu verfallen, besteht selbstverständlich, wie denn auch zugegebenermaßen in den meisten Ratgeberformaten. Einsicht in die eigene Ratlosigkeit, und Ver(w)irrtheit zu bekommen und sie als eine ständig dich und andere begleitende Lage zu verstehen, vor der es sogar manchmal zu kapitulieren gilt, trägt jedoch zugleich emanzipative Züge. Es erlaubt, auch schwierige Situationen zu überstehen und sich wieder oder anders zu verorten, um die Zeichen der Umgebung (richtig) zu deuten, auch wenn der Körper schon voll Paranoia und Trotzigkeit ist, weil doch das gewollte Verirren in Kauf genommen worden war und du einfach weitergelaufen oder gefahren bist. Hier sei geraten, skeptisch zu prüfen, was die analoge, digitale oder mentale Karte anzeigt, sei es auf dem Meer oder in wachsender Panik in den Industriehalden der eigenen Stadt.


METZ, 19. Juli 2018, Cassiopeia

Möglichkeitsräume. Wer zahlt, kommt rein. Geht es auch anders? Den Arm in die Höhe gestreckt, den Tanz auf die Bühne geholt, das Publikum nimmt schnell zu, aus den Ecken des Cassiopeia auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain latscht es schnell herein, um vor der Wall of Sound stehenzubleiben und die mächtige Anlage in dem kleinen Raum zu genießen, wo erst einmal die Vorband spielt. HOPE. Mit Songs, die sich nicht so recht entscheiden können, einmal Rock, dann Post-Punk sein wollen mit flirrenden Interpol-Gitarren, Elegisches, während das Schlagzeug weitertreibt, dazwischen funkt in der Strophe das Keyboard; am Ende ein Satz auf Deutsch. Der dritte Song baut auf abfallenden Arpeggien auf, während die schüttere Stimme der Sängerin „Hands off my (unverständlich)“ singt. Erst dann wird Fläche gebaut und sie zielt auf den oberen Stimmton, mit stärkerer Dynamik bis es ausbricht. Dann wieder Feedbackschleifen, Kloppen auf irgendwas, die Strahler neben der Bühne folgen zackigen Bewegungen, die sich zusehends im Nebel verlieren, bis die Scheinwerfer an anderer Stelle nicht mehr nachkommen. Apokalyptisch zwar (was sagt das heute über uns, wenn die Bands wieder spielen, als wären die 80er, wenn Gemeinschaft in Konzertsälen gesucht wird?), aber genug Licht zum Schreiben. Der beste Song: ein monotoner Beat nach dem Gewitter, wir hören „the beauty of it all“. In guten Momenten folgen sie in ihrer existentialistischen Ästhetik und ihrem Cut-Up der Band Malaria, wenn wie aus der Ferne ein doch klares Hauchen die engen Reihen erreicht: „All of my shame, it still burns“. Dazu eine noch nicht definierte weitere Ebene, in dem Wissen um all die Verweigerungshaltungen, sowohl im Krach, als auch in den ruhigen Stücken. Zum Schluss doch noch ein Rückfall in die Songstrukturen hinein, der nicht nötig gewesen wäre.
Kollosale Jugend, nach dem Rauchen im von drei Seiten abgeschirmten Außenbereich sortiert sich das Publikum neu und die mehrheitlich mittelalten Männer müssen um ihren Platz kämpfen. Ist es besser, allein oder zu zweit auf Konzerte zu gehen? Wo passiert der Diskurs: zwischen der Band und dem Publikum (mir?), zwischen dem Publikum (heute Abend nur beim Crowddiving von zwei Leuten ganz am Ende, als es nicht mehr anders ging) oder zwischen mir und möglicher Begleitung? Es ist ein Aufnehmen, das sich an Notizen, kurzen schnippischen Aufnahmen und einer Architektur einer Gesellschaft im Kleinen entlanghalt. Das macht METZ, deren Sound dich umwirft und aufbaut, dialektisch. Die dir zeigen, warum Übersteuern so wichtig ist und warum der Bass, der alles zusammenhält, selbst wenn er hier im Blau und Rot und Weiß und Gelb der Lichter untergeht). Wir sind bei einer modernen Form von lautem Rock `n`Roll angelangt. In den ersten Applaus zählt das Schlagzeug, das antihistorischen Beton abwerfen wird, zumindest habe ich das so verstanden. Das Keyboard trägt, psychedelisch können sie auch, Stampfen, Pfeifen, der Antrieb eines wechselseitigen Gesangs. In der folgenden Stunde die Finessen einer 3er-Combo, die Bandcamp nie vermitteln kann. Wir hören Stimmen, ob wir wollen oder nicht. Gerade sind sie auf einer Spur, als hätten sie die vorhin erwähnte zusätzliche Ebene rausgefiltert. Alles eine Frage der Frequenz, denken wir den Effekt, zu gleichen Teilen Noise, prompt zuende, dann wieder, dann scheint er zu beginnen: die Stimme! Was war in der Zwischenzeit? Keine Pausen, kaum Ansagen (danke, danke!) und keine Panzer. Wir sind so sehr bei uns, dass sich ein Einblick nicht lohnt. Die letzten zwanzig Minuten oder so überwachen wir uns nicht mehr selber, auch wenn ich nicht für andere sprechen will. Auf einmal stehen wir alle auf der Bühne, nur die Band schaut uns an. Vom Song zum Track zum Noise (Repeat). Wenn du die Wahl hast. Solche Morgen gehen seit Jahren gut. Transparent und nicht transparent zur gleichen Zeit. So wird Musik wieder wichtiger, wird Zusammenspiel, als Teil eines Kontinuums aus Gesprächen, das sich fortan in die Tourigassen erstreckt. Ein Schrei, allenthalben.

20180719_221532

___

Parquet Courts, 4. Juli 2018, Festsaal Kreuzberg

Europa nähert sich dem Faschismus. Die US-Kurzanleihen werden mittlerweile wie die Langzeitanleihen  bewertet. Ein sicheres Indiz, dass die nächste Wirtschaftskrise nicht weit ist, meint ein Freund. Dürfen wir da auf Konzerte gehen, oder auf Demos? Der Köfteburger im Wrangelkiez ist ausgezeichnet, wir unterhalten uns, während Gruppen und Einzelne dem lauwarmen Abend entgegenlaufen, bis sie an der Wiese vor dem schon nicht mehr neuen Festsaal Kreuzberg an der Grenze zwischen Kreuzberg und Treptow (der alte am Kotti ist abgebrannt, abgefackelt?) eintreffen. Geweckt werde ich wieder im Innern der geräumigen Halle, die schon zur Hälfte gefüllt ist. Da ruft einer: „Kuckuck“ und schon wird die Vorband Die Tunnel, eingerahmt zwischen den roten wallenen Bühnenvorhängen, sichtbar.

Sie rumpeln mit Lightshow, spielen Alternative und bestehen dementsprechend aus einem Bass greifenden Sänger, dem Gitarristen, einem Keyboarder, der auch mal die Effekte bedient (dazu später) und dem Drummer. Mit der Band danach macht das leider mal wieder 4×2 männliche Dudes. Es ist ordentlich Hall drauf und drei der ersten vier Dudes sind in kurzen Hosen. Auf deutsch oder englisch singt der Gitarrist nun, was erstmal ein gutes Zeichen ist, manchmal haben wir es auch mit beiden Sprachen zu tun, während das Keyboard zum Schellenkranz wechselt. Ein Coversong der Pink Faces. Die Sitzlandschaft an der rechten Seite sieht zu, wie die Köpfe auf der Bühne anfangen zu schwingen, bestimmt müssen sie auch an die Beatles denken, wegen der Gitarre-Bass-Symmetrie, die nur gelingt, wenn eine der beiden Personen Linkshänder ist. Die Arme und Beine haben die Zuschauenden ans Polster geschmiegt; nachher stehen sie, nun vollständig entspannt von ihren anstrengenden Berufen, auf. Sie sehen zu, wie das stärker werdende Keyboard wie automatisch an die 80er gemahnt. Kalter Krieg. Dazu der hallende Bass und existentielle Wort-Klang-Konstellationen, ein Song über Schlafstörungen und Probleme (Identifikation!), der mit der Line „Ich kam auf diese Welt“ beginnt. Es folgen Noiseverwirrungen und Krautrockeskapaden, Rumwerkeln im Hintergrund (der Keyboarder, mal wieder) wie bei meinem letzten Konzert (Superchunk) und dann „noch 2 Lieders“. Da wird ein Solo auf zwei Bassakkorden zelebriert, der Beginn eines Jams, ein Song names Stoked, eine Art waviges Velvet Underground, das nur aus einem einzigen Solo besteht, auch die von der Landschaft werfen jetzt ihre Köpfe umher, bis aprupt die Musik abbricht. Auf der Social-Media-Seite der Band gibt es zum Song auch ein schönes Video, unterlegt von einem dieser typischen Truffaut-Filme, die zu allem gut passen.

3 Mikrofone, 2 Gitarren, 1 Keyboard. Das „1,2,3,4“ folgt jedoch auf dem Fuß.

Wir sind beim zweiten Song der Hauptband und schon jetzt ist es tight. Ein Schaukeln und Schlackern um einen Akkord, mit den Wangen, wieder ist es der Bassist (Sean Yeaton), der den Takt vorgibt, wieder steht er in der Mitte, unterstützt von der Dringlichkeit des linken Gitarristen, A. Savage, der an einen Teddyboy erinnert und mit seinem Nölgesang auch an King Krule. Es ist Post-Punk, es ist Punk, sie wollen Rock’n’Roll statt Rock, also noch einen Schritt zurück, um zu modernisieren und noch wütender zu werden, mit dem Zusatz, dass Blues auch ganz ruhig sein kann. Was sie  jetzt auch werden oder der Sänger, der hält ein weißes, zitheränliches Instrument, wie eine Lyra, die die ganze Welt trägt. Und dann gibt es wieder Songs, bei denen vom ersten Upbeat klar ist: Das ist Americana, mit ihrer ganzen Country- und Folk- und Blues-Tradition von gutem und schlechtem Kampf und Verlorensein und Freiheit. Einmal poltert das Schlagzeug und konterkariert, einmal ist der Gitarrist rechts dran als Sänger. Forget about it! Da klingen sie so dringlich wie fast die frühen Wire (kann ich ein größeres Kompliment aussprechen?). Na gut, ihnen wären die Soli als Spektakel abgegangen. Mit „Wide Awake“ spielen sie auch einen neuen Song, der schon bekannt sein kontte, da er als Single ausgekoppelt wurde und sich irgendwo zwischen Vampire Weekend und den Happy Mondays verortet. Dazu neue Mitmusiker_innen links hinten, versteckt, und bald wieder vergessen. Vielleicht brauchen wir mehr Trillerpfeifen, mehr polyrhythmische Bewegungen, auf Konzerten wie auf Demos. Das Wippen auf und vor der Bühne ist anders, tranciger, raviger. Noch zu den Bassbewegungen: Du hast das Gefühl, die erzählen was, das dann im groovigen Gewühl untergeht und nur den Geschmack eines Spiegelbildes der Nachricht, der Kommunikation, die rübergebracht werden sollte, hinterlässt.

Trommelwirbel, „My Way“, einleitende Worte, nicht viele, zum Glück. Und tatsächlich: Wir haben Independence Day oder auch „4th of July – just like any other day“. Teddyboy wird wieder wütend, das heißt, es ist gut. Parquet Courts sind dann am stärksten, wenn sie schreien, bis sie verstanden werden. Just als ich mir wünsche, sie würden mal weiterspielen und nicht den Applaus abwarten – machen sie es. Ziehen das Set an. Die Ahs müssen sich nicht selbst ergeben, sie landen in der Lust. Und auch der Drummer Max Savage hat ein Mikro, doch schafft einen harten Upbeat als Einleitung. Der Keyboarder Austin Brown entpuppt sich mit seinem langen strähnigen Haar als zweiter Gitarrist und nimmt sich in seinen zwei Herzen die 90er zu Brust, genug Slacker ist er schon mal; auch wenn die Eleganz eines verdammt ähnlichen „Marquee Moon“ der Ikonen von Television fehlt, nur hinab ins letzte Gitarrensolo, modern und zackig, perkussiv und gerupft, noch einmal kollektiv, noch einmal für sich. „Expressing anger constructively but without trying to accommodate anyone“, heißt das bei ihnen. Raven gegen Deutschland und die USA. Draußen, an der Spree, ist wieder Europa.


Superchunk, 2. Juni 2018, Quasimodo Berlin

Als ich vor über 10 Jahren das letzte Mal hier war, gab es meines Wissens das Quasimodo-Restaurant mit seinem glitzerndem Schriftzug gegenüber dem roten des Clubs noch nicht. Die glorreiche Vagantenbühne aber schon, auch die Straßen voll Parfüm. Dutzende sitzen hier in den Restaurants und auf dem Gehweg. Eine Stunde vor Konzertbeginn ist die heterogene Schar von Konzertgängern vor Ort beachtenswert. Viele sind kaum älter als 30 und treiben sich in Kleingruppen auf dem Plateau vor der schmalen Treppe zum Eingang herum. Es droht wieder eine warme Nacht zu werden, nur der forsche Wind erinnerte an den Regenschauer von vor zwei Stunden.

Um halb 11 ist es dann voll geworden. Die glitzernden Säulen und Heiligen an den Wänden stechen hervor. Superchunk, das ist eine bald 30 Jahre existierende Alternative-Band aus North Carolina um Gründer und Labelchef Mac McCaughan an Gitarre und Mikro. Keine Jazzband, sondern Alternative Rock, wie es in den 90ern und vielleicht noch Anfang der 00er Jahre genannt wurde. Wir werden tanzen können, soviel steht schon am Anfang des Konzerts fest. Es gibt wenige Ansagen, aber in diesen erfahren wir: die Band weiß um die Bedeutung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und sie tritt gegen den jetzigen US-Präsident ein. Je länger das Konzert läuft, desto mehr entwickelt sich der Kellerraum in ein Festival und darin in das letzte Konzert eines langen Tages im Freien. In den besten Momenten bist du wieder Teil der goldenen Indiejahre, z.B. bei „Shallow End“ oder bei einem Song über das Sterben der Plattenländen.

Vorne hat sich unterdessen ein Pulk von Menschen gebildet, der wippt, wiegt und sich mit Armen und Beinen zunehmend Platz verschafft, selbst bei verschnörkelten Soli an Songenden. Dennoch ist es eine überraschend gesittete Pogo-Fraktion, die die Hände in die Höhe reißt und denen du gleich abnimmst, dass sie die Rock- und Popgeschichte des letzten Vierteljahrhunderts runterbeten können. An einem Punkt muss der Sänger aber noch sanft der Menge zusprechen, doch bitte nicht in die Zuhörenden vor sich zu springen. Sonst aber sollte unbedingt gehüpft werden.

Die Band kann sich nicht zwischen Stadion und Indieschuppen in der Provinz entscheiden und vermutlich weiß sie das auf ihrem letzten Abend der Tour auch nicht wirklich, was dem Auftritt nur gut tut. Irgendwo zwischen Pavement, Circle und Radiohead geben sie sich gerade empört genug, wie es in der Nähe des Kudamm erlaubt ist. Eher preisen sie die sich im Raum verteilte Menge, die in eng aneinanderstehenden Grüppchen zuhört, als „perfektes Publikum“ und belohnen sie mit zunehmend längeren Feedbackschleifen und am Ende ihres Sets mit ihrem bekanntesten Hit, „Hyper Enough“. Der Clubraum dankt mit ausbalancierten Höhen und Tiefen des wiederkehrenden Refrains.

Als Zugabe geben sie schließlich ein klassisches College-Punk-Mashup, nur um dann ihre Versiertheit im allerletzten Song noch eine Krautrockeskapade rauszukehren. Erst jetzt erinnerst du dich: Wir sind in einem Jazzclub, das heißt, wir haben es mit fließenden Übergängen zu tun. Dann brechen sie in der Improvisation ab. McCaughan klatscht ein in ein paar ihm entgegengestreckte Hände und wünscht gute Nacht. Sogleich setzt die Musik des Clubs wieder ein, eine leider in dieser Stadt alltäglich normal gewordene Methode, das Publikum nach Hause zu entlassen. Zufriedene Bandshirts (u.a. von „Sepultura“ und „The Ex-Hex“) rauschen ab.


André Gorz: Wege ins Paradies, Rotbuch Berlin, 1983

MAJUSKELN! VON LINKS! Mit fünfundzwanzig Thesen will der Sozialphilosoph André Gorz, geboren 1924, der Krise der 1980er Jahre (die im Grunde seitdem andauert) begegnen und sie von links überwinden. Dass heute kein Sachbuch, das in den öffentlich-bürgerlichen Diskurs hineinwirken will, ein „links“ im Namen stehen hat, ist eine Geschichte der linken Bewegungen und ihres Einflusses für sich. Und doch sind in den Medien derzeit, 2017, wieder mehr zeitaktuelle Diagnosen zu finden, die versuchen, die Gegenwart durch die Utopie einer anderen Zukunft (das beste aus den anderen Vergangenheiten) als die alternativlose zu denken, zu analysieren und zu diskutieren. Ein utopischer Mehrwert und Überschuss, der so wichtig scheint wie nie und der nicht verhandelbare Standards setzen soll. 1983 erschienen, hat der schöne Rotbuchband in klassischen roten und weißen Farben 1986 schon das 23.-25. Tausend erreicht – für heutige Verhältnisse dreißig Jahre später, zumal für ein ökonomisch und ökologisches Sachbuch, eine enorme Zahl!

Ein Grund für den Erfolg liegt sicherlich an der Zugänglichkeit der kurzen Kapitel, die, durch Thesen eingeleitet, mit vielen Unterpunkten und Listen daherkommen. Sie gleichen einem Programm, das konkrete Handlungsoptionen aufzeigt und den Diskursfortschritt zu der Zeit, gerade in punkto Arbeits- und Reichstumsverteilung, dem Verhältnis Arbeit-Kapital und ökologischen Notwendigkeiten anzeigt, an denen sich in der Folge Leute wie Nancy Fraser, Benjamin Butler, Wendy Smith, Paul Mason oder auch Thomas Piketty abarbeiteten. Nicht umsonst heißt der Untertitel des Buches „Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit“.

Systematisch geht Gorz in den vier Kapiteln und einem vom Verlag hinzugefügten Schlussteil mit Nachwort und Anhängen auf die kapitalistische Dauerkrise und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft, Individuum und Umwelt ein. Kapitel eins und zwei rekurriert auf das Vergangene und den derzeitigen Zustand, der skizziert und begrifflich eingeordnet wird. Darauf aufbauend werden die Folgen der angenommenen zunehmenden Arbeitsbeseitigung und die Schlüsse für ein Handeln jenseits des Kapitalismus in den Thesen verhandelt. Entscheidend ist hier Gorz beachtenswerter (und wieder in Vergessenheit geratener) Vorschlag eines Arbeitskontos von minimal 20.000 Stunden, gerade auch im Zusammenhang mit der Debatte um ein bedingungsloses und soziales Grundeinkommen in Finnland oder den Experimenten zur Teilzeitarbeit, so gerade in Schweden zu erleben. Die unterschiedlichen Vorschläge des ‚Rechts auf Einkommen’ vertragen sich gleichwohl auch, wie der Autor zugibt, mit einer „elitistischen Technokratie“ oder rechten Visionen für eine Entlohnung der „erzwungenen Untätigkeit“- wenn die Empfänger allein durch Konsum, Produktion und Wirtschaftswachstum gesellschaftlich ruhiggestellt sind. Um eine „Garantie für Freiheit, Gleichheit und Sicherheit der Individuen“ hervorzubringen, bedürfe es mehr, nämlich eine Einbettung in das gesellschaftliche „Recht jedes Einzelnen auf Arbeit: das heißt auf die Erzeugung von Gesellschaft, auf die Erzeugung von gesellschaftlich wünschenswerten Reichtümern und auf die freie Kooperation mit anderen bei der Verfolgung eigener Ziele“ (66).

Zurück zum Anfang: Mit dem den Thesen vorangestellten Zitat des liberalen Philosophen Ralf Dahrendorf, dass der „Weg in die Arbeitsgesellschaft verbaut“ ist, geht nun Gorz von der normativen Annahme aus, dass das anvisierte Paradies – die befreite Gesellschaft, eine der derzeitigen grundverschiedene ist, die grundverschiedene Arbeits- und Moralvorstellungen hat, da sie keine kapitalistische sein kann, will sie von autonomen Individuen geprägt sein, die handlungsfähig, zufrieden und sozial sein wollen. Hermeneutisch interessant wiederholt sich Gorz lesefreundlich an vielen Stellen, arbeitet häufig mit Zitaten und Fußnoten, jedoch ohne auf große Quellenangaben zu setzen, um im Detail nicht den Zugriff auf das Ganze zu verlieren und in diesem ebenfalls einen induktiven Rest zu bewahren, der beispielhaft den Arbeitsalltag und die Bedeutung für die Einzelnen im Blick behält. Schon die ersten Seiten scheinen alle grundlegenden Annahmen und Zielsetzungen zu enthalten, auf die das Buch abzielt. So geht der Autor, Jahre vor der Etablierung des Postkapitalismus oder des Neoliberalismus von einem „halbtoten Kapitalismus“ aus, „in dem Produktion und soziale Kontrolle, Produktionsapparat und Herrschaftsapparat […] eine normalisierende Technokratie fortfährt, ein bereits erloschenes System im Namen von Werten zu verherrlichen, die schon seit langem keine Geltung mehr haben.“ (8, die Seitenzahl wird im Folgenden als einfache Ziffer in Klammern gehalten). Davon ausgehend müsse mit Wassily Leontief das mittelfristig und realpolitische Ziel sein, aufgrund der veränderten Produktionsbedingungen eine veränderte Einkommenspolitik anzustreben.

Nebenbei, am Ende

Es kann an dieser Stelle nicht angestrebt werden, die vielen Diskursschritte, die Gorz im essayistischen Stil vornimmt, nachzuzeichnen. Vielmehr soll auszugsweise einige interessante Argumente und Thesen beschrieben und sie auf ihre jetzige Aktualität und Relevanz überprüft werden. Dennoch sei auf zwei Überlegungen verwiesen, die im Kontext des Fokus auf die Arbeit ein wenig herbeilektoriert wirken, dennoch einen Einblick in die assoziativ und gleichzeitig theoretisch umfassende Arbeitsweise von Gorz geben. Zum einen ist das der globalisierungskritische Ansatz, der statt eines Wirtschaftsprogramms und „Entwicklungshilfe“ für die sogenannte „3. Welt“ für selbstständigen und unabhängigen Zugang zu Mitteln der Eigenproduktion und den Produktionsmitteln plädiert. Zum anderen wird – daran anschließend – auf die Ethik und Gesellschaft konstituierende Unterscheidung zwischen Mensch und Tier im Zuge der industriellen Tierproduktion hingewiesen. Diese habe durch Standardisierungsverfahren und Effizienzsteigerung, die Herstellungskosten um einiges verringert und die Produktivität derart gesteigert, dass Fleisch zu einem relativ günstigen Grundnahrungsmittel werden ließ. Dies gehe jedoch auf (nicht eingerechnete) Kosten der Umwelt, auf Kosten der in „Werkstätten“ eingepferchten Tiere und zuletzt der Menschen und sei damit ein Lehrstück für die wirtschaftliche Abhängigkeit der Gesamtentwicklung. Industrielle Vorgaben erhöhten die Abhängigkeit der Züchter, die, so sie auf dem „Markt“ überleben wollen, gezwungen sind, dem systeminhärenten Zwang zur Monokultur und Vergrößerung nachzugeben, um ihre geringe Gewinnspanne für ihre Produkte durch eine vergrößere Produktion zu kompensieren. Ein Trend also, der nach wie vor existiert und den die für den Export bestimmten Überschüsse und „Proteinträger“, die zusätzlich durch EU-Agrarsubventionen gefördert werden, eher zementieren als abfedern.

Dazu kommt eine systematische Ausbeutung der Böden der „3. Welt“, da diese Staaten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Rohstoffabhängigkeit exportieren müssen, was zu Lasten der Produktion von Grundnahrungsmitteln geht. Diese müssen sie selbst importieren statt sie selbst zu produzieren oder aber an den Weltmarktpreis anpassen, was ihre Verhandlungsposition schwächt und für die einheimische Bevölkerung zunehmend unerschwinglich wird. In der exemplarischen Schlussfolgerung von Gorz heißt das, dass sich die brasilianischen Großgrundbesitzer eher dafür entscheiden, Soja als Tierfutter für die europäische Produktion anzubauen statt Bohnen für die einheimische Bevölkerung. Die unterschiedliche und von den Industriestaaten zu ihrem Vorteil diktierte Zollregelungen mit Staaten der südlichen Halbkugel, aus Asien, aber vor allem aus Afrika und Lateinamerika, ist hier noch gar nicht erwähnt. Es bleibt die nicht neue, aber dennoch in seiner Kompromisslosigkeit hervorstechende und weiterhin aktuelle, weil zum Handeln jedes Einzelnen auffordernde Erkenntnis, daß „[d]er Hunger in der Dritten Welt […] von unserem miesen Fraß geschürt [wird] “ (141).

Interessante und effiziente Lösungsansätze und Gegenmaßnahmen stehen auf der anderen Seite schon lange bereit: so sollten Subventionen in die Aufzucht und die Haltungsbedingungen der Tierproduktion gehen (eine ethische, tierrechtliche Diskussion steht hier freilich noch aus); Produzierende sollten, wie es vielfach in kleinem Maße schon in der Landwirtschaft hauptsächlich über Genossenschaften schon betrieben wird, garantierte Abnahmepreise bekommen; Ziel solle eine Verfügbarkeit von Grundnahrungsmitteln sein, die hauptsächlich über eine Förderung der inländischen Wirtschaft und Nahrungsmittelsicherheit erreicht werden könne. In den Industrieländern – ein oft wiederholtes Mantra, nichtsdestotrotz richtig – müsse wiederum über ein anderes Konsumverhalten und eine Mäßigung im Verbrauch einsetzen (vgl. 142).

Ursachenforschung I: Klassenkampf

Im Folgenden wird auf einige Thesen und methodische Überlegungen von André Gorz eingegangen. So stellt der Autor an den Anfang seines Buches eine diskursive Ursachenforschung zum Zeitgeist. Aus seiner Sicht wagen es linke Parteien seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr, strukturelle Umgestaltungen am Produktionssystem vorzunehmen oder dies anzusprechen. Grund dafür sei ein auch bei Linken im Wachstumsdogma verhafteter „realpolitischer“ sozialdemokratischer Keynesianismus, der in seiner Vertuschung tatsächlicher (vielfach wirtschaftlicher) Probleme wie Ungleichheit, Armut und neokolonialistischer Ausbeutung dem Neoliberalismus das Feld bereitet hat. Parallelen bzw. Kontinuitäten zu heute scheinen hier durchaus gegeben, gerade mit Blick auf den Arbeitsfetisch und die auch unter Linken noch häufig anzutreffende nationalprotektionistische Wirtschaftspolitik als Antwort auf Finanzkrisen und Herausforderungen der Globalisierung. Gorz versucht gleichzeitig, einem radikalen Keynesianismus staatlicher Investitionsbelebung eine Kritikfähigkeit einzuimpfen, indem er auf die Endlichkeit der menschlichen wie natürlichen Ressourcen verweist und diese in den Kontext des kapitalistisch systeminhärenten Zwangs zur Kapitalisierung stellt. Eine politisch betriebene stärkere Investitionstätigkeit (wie sie die EZB gerade durch ihre Null-Zins-Politik und die dadurch angestrebte niedrige Inflationsrate im Euroraum betreibt) sei so nur begrenzt möglich, da die Profitrate tendenziell immer weiter sinkt, was wiederum nur bei hohen Profiten und hoher Investitionsneigung zu kompensieren ist. Bei weiterer Gegensteuerung läuft die Wirtschaftspolitik Gefahr, durch mehr Kapitaleinsatz (wie bei der Nachfrage im Immobiliensektor und den daran anschließenden Finanzblasen ersichtlich) der tatsächlich eingesetzten dahinter stehenden Konsumption nicht zu entsprechen. Es kommt zu Überakkumulation und Wertverlust. Ein Gegenprogramm nach Gorz könnte die klassisch linke Forderung nach Umverteilung der Geldmenge sein, was dazu beitragen könnte, die Unterkonsumption und damit eine Überakkumulation zu beheben.

Da aus seiner Analyse die Produktion in den entscheidenden Wirtschaftssektoren immer kapitalintensiver wird, jedoch weiterhin rentabel bleiben, d.h. die Profitrate erhalten bleiben muss, kann dies nur die verschärfte Ausbeutung des Produktionsfaktors ‚Mensch’ erreicht werden. Die Veränderung der Produktion durch häufigeren Maschineneinsatz, die nur langsame Amortisierung des eingesetzten Kapitals durch schleppende Produktivitätsgewinne und eine zunehmende Verlagerung des Faktors Arbeit in Richtung Kapital (siehe Überakkumulation) hatte jedoch in den Nachkriegsjahrzehnten aus Sicht der arbeitenden Bevölkerung den Vorteil, dass sie für das Wachstum des Betriebs oder der Branche noch unentbehrlich waren. Die Vollbeschäftigung gab so der arbeitenden Klasse die Möglichkeit, durch Streiks, Boykottaktionen oder Abwesenheit in Konflikt mit dem Kapital zu treten, um Forderungen Lohnsteigerungen und Arbeitszeitverkürzung einzufordern (23/24). So sei es nach Gorz der Arbeiterklasse gelungen, die Rationalität des Kapitalismus zu durchkreuzen. Darauf aufbauend sei es ihr jedoch nicht gelungen, diesem eine andere Rationalität herzustellen und dem alten System entgegenzusetzen. Wiederum versuchten Arbeitgeber, durch einen höheren Takt, Parzellierung der Aufgaben oder mithilfe von seitdem als gängige Praxis vorherrschendem Outsourcing von Produktionsstandorten in „Billig-Lohn-Länder“ ohne soziale, gesundheitliche und arbeitsrechtliche Mindeststandards eine höhere Produktivität und eine Senkung der Lohnstückkosten zu erzielen. Gleichzeitig erhöhten sich durch die wachsende Arbeitsintensität bei den verbliebenen Industrien, die (noch) nicht ausgelagert werden konnten, die sozialen Kosten. Seiner Fähigkeit zur Garantie von Arbeitsplätzen beraubt, sprang der Staat hier mit seinem angeschlagenen Gesundheitssystem in die Bresche, um das Kapital mit seinen Arbeitsplätzen im Land zu halten wie auch eine erhöhte Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Das Schauspiel wiederholt sich heute im hilflosen Steuerdumping des kommunalen wie föderalen politischen Staatspolitik, der um jeden Preis große Unternehmen und ihre Arbeitsplätze am Standort halten will.

Ursachenforschung II: Diskurskampf

Neben den Produktivitätssteigerungen und Investitionen der 1950er und 1960er in Europa führte eine soziokulturelle Veränderung zu einer Abwendung des Werts der Arbeit, die laut Gorz die Grundlagen des heutigen Produktionssystems des Industrialismus, der auf maximaler Ausbeutung, Expansion, Wachstum und Kapitaleinsatz beruht, untergräbt (56). Seine politische Analyse geht hierbei von einer Freisetzung emanzipativen Potentials durch eine Produktivitätssteigerung aus, die durch die technisch immer weiterentwickelten Möglichkeit der „Automation“ in Gestalt von arbeitserleichternden Maschinen, Robotern und Systemen entstünde. Er stützt sich zudem auf empirisches Datenmaterial, um zu zeigen, dass dieses Potential durch die Arbeitnehmer erkannt würde und sich in einem Wertewandel äußert, der Freizeit einen gleichberechtigten Status gegenüber der Arbeit einräumt. Der Faktor Zeit gewinnt an Bedeutung, gerade in Bezug auf nicht-entlohnte, von Gorz „autonome“ genannte Tätigkeiten.

Der sich dadurch entspinnende Kampf um politische Hegemonie und Druck einer weiteren Verringerung der Arbeitszeit, Vergütung von ehrenamtlichen, gesellschaftlich relevanten Tätigkeiten (Hausarbeit, Pflege, Erziehung, Nachhilfe, etc.) sowie eine Neudefinition von „Arbeit“ ist beim Blick auf Diskurse der letzten Jahre, gerade im Hinblick auf Geschlechterpolitik, weiterhin am Laufen. Dies hängt wohl nicht zuletzt damit zusammen, dass der neoliberale Turn, den das Buch in seinen Anfangsjahren erfasste, dem Faktor Arbeit gegenüber der Zeit betonte, sich jedoch einiges an rhetorischen Tricks einfallen ließ, um Begrifflichkeiten zu verschleiern oder neuen Pepp zu verleihen: von der Aufwertung des Selbstständigen bis zur Neugestaltung von „flexibilisierten“ Arbeitsverträgen und der scheinbar selbstbestimmten Einteilung von Arbeit und Freizeit wurde nichts unversucht gelassen, das maximale an Arbeit aus den Lohnabhängigen zu holen und sie dabei noch in dem Glauben zu versetzen, dies sei für Selbstverwirklichung, „Autonomie“ nötig und ein Teil „moderner“ Freiheit. Schließlich ist ja alles am Ende Arbeit (was sich in Dogmen wie der ewigen Erreichbarkeit widerspiegelt) und freie Zeit im Sinne von Muße bereite nur Unglück, führe letzten Endes zum gesellschaftlichen Tod.

„Produktiv zu sein“ hat sich in dieser gesellschaftspolitischen Konstellation zum Common Sense entwickelt. Unabhängig von einer sich ständig verstärkenden Konkurrenz um sinnvolle Arbeit und einem dazu scheinbar paradox stehenden Zwang, zu arbeiten, ist die Zahl derer, die Erfüllung in der prekärer und ungleicher werdenden Arbeitswelt suchen, anders als Gorz vorausgehen hat, nicht dramatisch gefallen und von der Freizeit überholt worden (vgl. 55). Arbeit zu haben ist wichtig geblieben, das Feindbild bleibt der Sozialschmarotzer; ehrenamtliche oder gesellschaftlich bedeutsame freiwillig geleistete Arbeit wird weiterhin nicht entlohnt und nur in Sonntagsreden als unentbehrlich gepriesen. Gut entlohnte und Sinn stiftende Arbeit wiederum muss mensch sich leisten können. Das Rattenrennen um die „guten“ Arbeitsplätze mit entsprechenden Bedingungen und hoher Bezahlung geht demnach munter weiter. Parallel dazu ist die von Gorz konstatierte Gegenüberstellung der vollständigen Arbeitslosigkeit gegenüber der gesellschaftlichen Norm der Vollbeschäftigung seit einigen Jahrzehnten de facto durch die Teilzeitarbeit, die prekären Beschäftigungsverhältnissen, 450 € -, 1€ – und 80c -Jobs etc. aufgebrochen worden, d.h. wiederum auf ein Arbeitsethos zugeschnitten, das Nicht-Arbeit (und damit „Faulheit“) sanktioniert und gleichzeitig in ständiger Abhängigkeit und Unruhe lässt (angehalten, etwas Besseres zu suchen), in Zweit- und Drittjobs als Resultat der Fragmentierung des Arbeitsmarktes nach den Wünschen der Arbeitgeber – des Kapitals.

In einem angehängten Interview, das Gorz nach dem Erscheinen des französischen Titels mit seinen Schüler*innen führte und das so für die deutschsprachige Ausgabe zur Verfügung stand, verweist er dann auch tatsächlich auf die Langlebigkeit von Normen der Industriegesellschaft, insbesondere die Ideologie der Arbeit. Den Arbeit verherrlichenden Zwang, der einher geht mit einem entindividualisierten utilitaristischen Gesellschaftsverständnis geht eine Verleugnung der Entfremdungstendenzen durch die Lohnarbeit einher – im Grunde also ein ähnlich früh von Marx angesprochener Befund, der in Reportagen, Dokumentarfilmen (z.B. bei Haroun Farocki) für die Jahrzehnte danach empirisch immer wieder bestätigt wurde, insofern bei weitem nicht nur auf Bürojobs in großen Firmen oder die klassische „Fließbandarbeit“ gemünzt werden kann (vgl. 103/104). Die Ideologie der Arbeit verdecke zudem nur den Umstand, dass die Menge der von Menschen auszuübenden, gesellschaftlich notwendigen, d.h. produktionssichernden Arbeit aufgrund von Einsparungen und Produktionsgewinnen schon länger abnimmt (108/109). Wie sich herausstellt, hat sich der Fetisch der Vollbeschäftigung jedoch weiterhin, gerade in Deutschland, gehalten und entscheidet ganze Wahlkämpfe, auch wenn augenfällig ist, wie Statistiken geschönt werden und knapp an das Existenzminimum heranreichende Niedriglohnjobs, Zeitarbeit, Projektverträge und weiteres unregelmäßig-prekäres mehr die Funktion von Arbeit als Selbstzweck und durch den Lohn ermöglichende Konsumteilhabe konterkarieren.

Dr. Jekyll, Mr. Hyde: Die Kapitalseite hatte nur kurz geschwächelt. Dass Gorz nicht die dargestellten Adaptionskräfte des Neoliberalismus in späteren Jahrzehnten im Blick haben konnte, versteht sich von selbst. Entscheidend ist für’s erste, dass Gorz auf diese bereits hingewiesen hat sowie auf die Verknüpfung von staatlich oktroyierter und gesellschaftlich anerkannter Norm der Vollbeschäftigung zur Stabilität einer auf Leistungsethik beruhenden Herrschaft (58). Wie hier deutlich wird, hält Gorz zwar an marxistischen Kategorien wie des „Klassenkampfes“ fest, er versucht jedoch, diese einer kritischen Revision zu unterziehen und mit sozialpsychologischen und kulturellen Theorien zu erweitern, um ein breiteres Tiefenmuster der wirkenden Strukturen in der Gesellschaft und des einzelnen Menschen zu erstellen.

Ganz Postmarxist entkoppelt er zudem Theorie und Empirie. So erwartet er aufgrund der durchaus vorhandenen Widersprüche in der Zusammensetzung des Kapitalismus oder dem tendenzieller Fall der Profitrate keine mathematisch-logischen Folgen für einen Zusammenbruch des Systems. Vielmehr verbindet er verschiedene Ansätze zu einer auch heute oft zu hörenden Systemkritik, die auf der Anerkennung der Anpassungsfähigkeit und der Resilienz des Kapitalismus aufbaut, der sich, so konstatiert er, in seiner neoliberalen Inkarnationen verschiedene ideologische Schutzpanzer angelegt hat und von Individuen in ihrem eigenen Glücksstreben internalisiert wurde. Der Autor, der sich wie seine Zeitgenossen mit der Krise des Weltwirtschaftssystems seit Mitte der 1970er konfrontiert sah, sucht demgegenüber nach anderen Wegen seiner Überwindung – sei es im wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Bereich, und oft in einer Kombination aus diesen. Einer wäre aufgrund der Produktions- und Kapitalgewinne eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich (150).

Arbeit: Fetisch und Ware, Zeit und Herrschaft

Durch die Automation und die in den letzten Jahrzehnten erzielten Produktivitätsgewinne könne, so Gorz, bei Konsumenthaltung und Senkung der Kapitalkosten, Vollbeschäftigung nicht mehr möglich sein – so würde die Arbeit und speziell die Lohnarbeit nicht mehr im Zentrum der Tätigkeit stehen. Gegenüber Marx, der von einer systemimmanenten Abschaffung des Kapitals durch Automatisierung und daraus resultierende fehlende Arbeiter*innen und demzufolge Konsument*innen spricht, die sich die produzierten Waren leisten könnten, geht Gorz von einem anderen politischen Szenario aus. Ihm zufolge umfassen die menschlichen Tätigkeiten bei weitem nicht nur die sogenannte „Lohnarbeit“, weshalb er eine sukzessive Verschiebung der Arbeitszeit und – tätigkeiten anstrebt sowie eine Neustrukturierung der freigewordenen Zeit. Unterlegt werden müsste dieses Modell von einer gesellschaftlich zu bestimmenden Arbeitsethik (151) – eine Abkehr von der „produktiven Ethik“, die seit zweihundert Jahren mit ihrem „Lob der Arbeit als Züchtigung, Opfer, Verzicht auf Leben, Genuß, Selbstverwirklichung“ (153) unser Leben dominiert. Im Mittelpunkt stehen daher kooperative und selbstbestimmte Kreativität, eine neue Qualität der Beziehungen zu anderen und zur Natur.

Am wahrscheinlichsten wäre für den Autor zu Anfang eine 32-Stunden-Woche an vier Tagen in zwei Schichten. Um Arbeitslosigkeit zu verhindern, könnte die Arbeitszeit flexibilisiert werden, die er jedoch nicht im luftleeren neoliberal-entgrenzten Raum ansiedelt. Grundlage dafür wäre eine Planung der Kosten und Produktion der Arbeit, die faktisch mit einem Lohn auf Lebenszeit verknüpft wäre. Ein Minimum an Arbeit – sowohl die gesellschaftlich notwendige als auch die konsumierbare Produktion – würde so auf größere Zeitspannen auf die Gesamtheit der Erwerbstätigen verteilen werden. Ein Vier-Stunden-Tag, gekoppelt an eine turnusmäßige Zirkulation von Arbeiten und Berufen beispielsweise würde für den Autor so neben der Arbeitsentlastung und der freigewordenen Zeit für den Einzelnen auch im Arbeitsleben zu mehr Verantwortungsgefühl und letztlich mehr Kenntnissen führen. Wer mehr arbeiten und mehr verdienen will, könnte auf die Perioden der Nicht-Arbeit, die zwangsläufig bei dieser Neuaufteilung der Arbeitszeit entstehen würden, verzichten. Gorz versucht so den Nimbus der Spezialisierung und Professionalisierung verlangenden Berufe zu entzaubern und dadurch deren inhärente Hierarchien und den Status aufzubrechen, indem die Berufe für alle, zumindest für eine bestimmte Zeit, freigegeben werden (vgl. 116).

Der Optimismus von Gorz, der auch von dem kulturellen Wandel nach 1968 beeinflusst sein dürfte und der die technischen Fortschritte als Emanzipation fördernd ansieht, hat sich, ähnlich der Digitalisierungseffekte, innerhalb von wenigen Jahrzehnten oder gar Jahren vielfach in sein Gegenteil verkehrt oder liegt zumindest weit hinter früheren gesellschaftspolitischen (linken) Erwartungen. Arbeit, Arbeitszeit und Wachstum sind als Determinanten unserer Gesellschaften weiterhin recht komfortabel etabliert, obwohl die sozialen, ökologischen, politischen und militärischen Folgen täglich nachzuvollziehen sind, während sich der sozialen Graben und die Kluft zwischen Kapital und Arbeit vergrößert. Selbstproduktion und massenhafte Genossenschaften, die sich anschickten, bereits ein ‚Jenseits des Sozialismus’ im Kapitalismus zu entwerfen, sind nur einem kleinen Teil der Bevölkerung vorbehalten und auch hier meist Spielwiese und Laboratorium der klassenbewussten Mittelschicht. Wo André Gorz jedoch im Hinblick auf die heutigen Zehnerjahre richtig liegt, ist der Bezug zu den Dienstleistungen, die als Waren individualisiert werden und bereitwillig im Sinne der „Selbstüberwachungsgesellschaft“ (Jacques Attali) genutzt werden. Die Datensammelwut von Unternehmen und Behörden zu Profit- und Überwachungszwecken unterstreicht dies und führt von Staatseite zu argumentativen Kniffen, um sich die Deutungshoheit im digitalen Raum gegenüber der privaten Konkurrenz zu sichern – ein Einfallstor für Überwachung und Kontrolle unter dem Dogma der „Sicherheit“. Analog und digital dazu enthemmt die mediale Omnipotenz durch schnelle und kurze Wege per Smartphone die Bereitschaft, Auskunft über sein Verhalten in Form von Daten und Informationen zu geben und diese zu erhalten. Die Selbstbildung der Individuen, die ständige Perfomance in einer Gesellschaft, die zur anhaltenden Selbstoptimierung verdammt ist, sie führt nur über eine Norm. Diese ist aber zunehmend nicht mehr nur eine diskursive, sondern wird rationalistisch auf Grundlage von Statistiken, Daten und Studien definiert – und sollte im besten Fall täglich überprüft werden!

Auf der anderen Seite zeigt sich, dass Gorz wiederum die Vorzüge einer sich anbahnenden digitalen Revolution (die er „Telematik“ nennt) überschätzt, da er sie mit seinen Thesen zur Differenzierung und Individualisierung der Gesellschaft verknüpft und dagegen die Fallstricke der Digitalisierung unterschätzt. So ist aus heutiger Sicht anzumerken, dass die Digitalisierung im Gegenteil zur Abschaffung des Stundenzwangs geführt hat, zu einer individualisierten und/oder jederzeit überprüfbaren Kontrolle, internalisierten Konkurrenz und eines daraus resultierenden entgrenzten Selbstoptimierungs- und Ausbeutungszwangs. Selbstverständlich ist so das Home Office mit entsprechender Technik für einige ein Fortschritt, aber dass sich dadurch Familienkollektive als Produktionsgenossenschaften selbstständig machen könnten, ist selbst 30 Jahre später in Zeit von Breitband, LTE, serienmäßigen 3D-Druckern fern jeder Vorstellung, es sei denn, du gehörst zur gut ausgebildeten, oft prekarisierten digitalen Boheme. Der neue Hang zur Autonomie führte, wie Gorz prognostiziert hatte (von 33 % auf 20 % des Tages bis Ende des 20. Jahrhunderts), somit nicht zur weiteren Verkürzung der Arbeitszeit (vgl. 127/128). Auch Teilzeitarbeit und Stundenplan ‚á la carte’ etc., deklariert als „Selbstverwaltung der Zeit“, führen in die Irre. Ein paar empirische Befunde, wie z.B. eine neue Unternehmensstruktur und bessere Absprachen schaffen noch keine Umkehr marktwirtschaftlich-kapitalistischer Prinzipien. Und dass auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer*innen geachtet würde, Vollzeitjobs mit Lohnausgleich in zwei oder mehrere Teilzeitjobs oder prekarisierte Jobs umgewandelt würden, ist nicht passiert und wird in diesem und mit diesem System nicht passieren.

Zwar beschreibt der Autor die Gefahren von relativistischer Propaganda einer an Einfluss gewinnenden Medienindustrie, sieht aber auch durch die quantitative Steigerung von Medien und unterschiedlichen Anwendungsweisen das „Monopol der großen Pressegruppen gebrochen“ (124). Ein Beispiel dafür sei zudem der rapide sinkende Fernsehkonsum, den er als Hoffnungsschimmer für einen künftigen pluralistischen Medienkonsum sieht – ein in der Rückblende vergebliche Hoffnung. So hat sich trotz der Erfolgsgeschichte des Internets, das erst 10 Jahre später diesen Massengrad an Vernetzung erreicht hatte, der Fernsehkonsum nicht derart abgenommen wie prognostiziert, abgesehen von anderen Tendenzen der Atomisierung und Ausdifferenzierung in der Gesellschaft trotz (oder wegen?) nie dagewesener Kommunikationsmöglichkeiten. Hier zeigen sich die Unzulänglichkeiten der Analyse, die, ähnlich wie bei Toffler, technische Innovation als entscheidende Variabel verwendet.

Kapitalismus als Herrschaftssystem

Gorz betrachtet den Kapitalismus nicht nur als gesellschaftliches Produkt oder als organisch, quasi-logisch aus dem Feudalismus entstandenes Wirtschaftssystem, das sich den menschlichen Bedürfnissen angepasst hat. Vielmehr wird selbst in den kurzen Abrissen von Chemin du paradis deutlich, dass wir es mit einem Herrschaftssystem zu tun haben, das sich in zwar gehorchende und ausführende Akteure äußert, sich jedoch ebenso in unterschiedlichen Kalkschichten unserer Umwelt sediert hat. Der dem Kapitalismus inhärente klassische Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital spielt weiterhin eine herausragende Rolle, da sich das System in Erscheinungsformen des Lohns, der Waren und der Warenbeziehungen ausdrückt. Entscheidend bleibt somit der Zugang zu den Produktionsmitteln und seine Verteilung: die Produktionsverhältnisse. Legitimiert wird die Arbeit einmal durch Geld, mit dem Waren produziert sowie anschließend konsumiert werden können, als auch durch den gesellschaftlichen Status der Arbeit. Hier sieht Gorz, wie angesprochen, eine zunehmende Arbeitsverpflichtung und Ausgrenzung der Nicht-Arbeitenden als Tendenzen. Andernfalls droht neben der Armut die Marginalisierung, die sich je nach Regime in Segregation, wie z.B. fehlender gesellschaftlicher Teilhabe und räumlicher sowie soziokultureller Ausgrenzung zeigt. Beim Blick auf den gerupften Sozialstaat, Hartz IV, einer Politik des „Förderns und Forderns“, die gerade europaweit Schule nach dem Modell des Musterschülers Deutschland macht, wird deutlich, dass es an Vollarbeitsstellen fehlt und die in Zeiten der „Schwarzen Null“, Schuldenbremsen und geringen Lohnzuwachse entweder durch die Einsparungen oder die Inflation getilgt werden.

Die Tatsache, dass die Arbeitselite im ersten Sektor (des Transportes, der Kommunikationsdienstleistungen und der Distribution) immer kleiner wird und einer wachsenden Schicht von Menschen entgegensteht, die in Teilzeit arbeiten (z.T. in mehreren Niedriglohnjobs), „aufstocken“ müssen oder von „Arbeitslosengeld“ alimentiert werden, zeugt von einem inneren Widerspruch in der Produktionsweise. Die Produktions- und Warenordnung schafft es demnach nicht mehr, das Kapital zu akkumulieren und in Form von Konsum zu verwerten, dass nötig wäre, um sich zu vermehren (vgl. 63/64). Um das Versagen des Systems zu verschleiern und die Kontrolle über die Gesellschaft in technokratischer Manier aufrechtzuerhalten, bedarf es deshalb feststehender Normen und eines ausgeklügelten moralisch unterlegten Systems. So wird beispielsweise nicht selten auf das individuelle Versagen und die eigene Unzulänglichkeit gegenüber dem Arbeitsmarkt verwiesen, da schließlich „einfach zu wenig getan“ wurde, um in diesem zu bestehen und sich durchzusetzen; ähnliche Argumentationen finden wir in der deutsch-europäischen Austeritätspolitik oder anderen chauvinistischen Wirtschaftsdiskursen. Dass diesen historisch-strukturelle Feindbilder („der faule Grieche“, „der schmarotzende Arbeitslose“, „Einwanderung in die Sozialsysteme“…) nicht fremd sind und zupass kommen, um von der systemischen Ebene abzulenken und sein Sozialprogramm national einzuhegen (Nahles: Arbeitslosengeld nur für Deutsche, Wagenknecht usw.), wundert da kaum noch.

Da die Automatisierung durch die wegfallenden Arbeitsplätze mit den Arbeiter*innen auch die potentiellen Konsument*innen beseitigt und die Arbeitsleistung in Form der Industriemaschinen nicht entgeltet wird, muss die Kaufkraft künstlich generiert werden und zwar aus Mitteln, die nicht Ergebnis des ökonomischen Werts des Produkts sind: die auf dem Tauschwert beruhende Produktion bricht, so die Argumentation, zusammen (51). Was aber machen die führenden Köpfe und herrschende Klasse der „Warenordnung“ mit dem Konsum, der bei Niedriglöhnen und einer bröckelnden Mittelschicht nicht ausreichend generiert wird und eine deflationäre, die Wirtschaft und Investitionsfreudigkeit mindernde Wirkung entfalten kann? Eine Idee der Kapitalseite ist, die Konsumenten dafür zu bezahlen, dass sie sich am Konsum auch beteiligen können. Anders gesagt: „Der Konsum muss eine Beschäftigung werden, die der entlohnungswürdigen Arbeit gleichkommt (61/62) und als Geldtauschwert wieder in den Warenkreislauf eingespeist werden kann. So war sich die Kapitalseite seit dem Zweiten Weltkrieg durchaus bewusst, dass der zukünftige Konsum von einem Wertewandel, neu zu schaffenden Bedürfnissen sowie einer finanzkräftigen Gesellschaft abhängt. In den Nachkriegsjahren waren die gesellschaftlichen Bedürfnisse noch vor allem kollektive gewesen: Schaffung von Wohnraum sowie Zugang zu Hygiene und gesundheitlich-medizinischen Produkten und Einrichtungen (vgl. 35). Der neue Konsument, wie er zur weiteren Markterschließung erforderlich war, sollte jedoch in seinen Bedürfnissen der warenförmigen, individualisierten Ordnung entsprechen und sich dadurch den produzierten und zu konsumierenden Waren mit seinen Muster an Neigungen, Werten und Mentalitäten anpassen und gleichzeitig diese je nach Notwendigkeit produzieren. Der gedankliche Schritt zur Datenakkumulation und dem individuellen Produktdesign per Drucker mit seinem und wachsenden Markt von heute ist hier nicht weit.

Um der mit weniger Arbeitsstunden und einem anderen Arbeits- und Freizeitverständnis ausgestalteten Zukunft begegnen zu können, macht sich Gorz gegenüber der Kapitalseite für die Idee einer Grundversorgung stark. Diese sei jedoch bei weitem nicht nur monetär i.S. eines Grundeinkommens gefasst, sondern schließe die Grundbedürfnisse befriedigende gesellschaftliche Infrastruktur bzw. Dienstleistungen mit ein. Dieser Weg führe mit Marx hin zu einer „freien Entfaltung der Individualitäten“, hinaus aus der Warenlogik, dem Tausch- und Mehrwertsystem, mithin zu einer nicht-kapitalistischen, die nicht grundsätzlich auf dem Verkauf der eigenen Arbeitskraft basiert. Interessant ist zusätzlich, dass der Autor auch im oben skizzierten Veränderungspotential die dem theoretischen Sozialismus gleichermaßen inhärente Prämisse „Jeder nach seinen Leistungen“ durchbricht und eine andere „Vergesellschaftung des Produktionsprozesses“ anstrebt (vgl. 51).

Auswege und Hindernisse

Eigeninitiative, Autonomie durch Automation und Zeitgewinn sind die formulierten Ziele, die durch mehr Eigenproduktion, radikale Arbeitszeitverkürzung und ein Lebenseinkommen Arbeit vom Kapital unabhängig machen soll. Zur wachsenden Autonomie der Individuen in einer ausdifferenzierten Gesellschaft füge sich dabei die technische Möglichkeit der eigenmächtigen Produktion perfekt ein, flexibel und nachfrageorientiert den eigenen Produktbedürfnissen nachzukommen. Wenn die Prosumption oder die Selbstdiagnose als emanzipative Gesellschaftstechnik gegen Marktzwänge bei Gorz noch als Hoffnungsschimmer gegen die Übernahme aller Lebensbereiche durch die Vermarktung aller Lebensbereiche dargestellt wurde (129), so wird mittlerweile deutlich, dass diese Hoffnung verfrüht war. Die technischen Maßstäbe haben sich geändert und sind einer anderen Form von Unklarheit und Ungewissheit gewichen, etwa beim Umgang mit der Informations- und Datenfülle, monetäre Zugangshürden zu Internetdiensten, Überwachung oder Netzsicherheit. Dies zeigt auch, dass es außertechnologischer – politischer – Entscheidungen bedarf, um Fortschritte der ganzen Gesellschaft, und nicht nur einer kleinen Elite, zukommen zu lassen. Selbsthilfegruppen und selbstorganisierte Beratungsstellung (cross-counseling) ersetzen kein flächendeckendes, professionelles und gefördertes Angebot (ohne Sharingdienste, Ebay-Kleinanzeigen verteufeln zu wollen, sie sind aber in den meisten Fällen kommerziell orientiert, oder fristen ein Nischendasein statt ihren libertären Grundgedanken weiterzuverfolgen). Neue libertär sich gebende Startups wie die plattformorientierten Uber, Amazon oder andere Service-Leasingdienste haben die Ausbeutung vervollkommnt und ziehen ganz reale Arbeitskämpfe und Gerichtsverfahren nach sich.

Auf der anderen Seite wird Gorz konkreter, wenn er historische Handreichungen auf seine heutige Tauglichkeit prüft. Er fragt: Wann ist Antikapitalismus in Grundrechte betreffenden Bereichen wie ‚Wohnen’, ‚Gesundheit’ oder ‚Transport’ sinnvoll und wo sind Beispiele zu finden, die bereits jetzt praktisch umsetzbar sind? Möglichkeiten sieht er in der praktischen Solidarität der Nachbarschaftshilfe, der Neuordnung des städtischen Raums (gegen Betonwüsten und Reihenhäuser in der Vorstadt und für die Annäherung von Wohn- und Arbeitsort!, vgl. 31), aber auch in dem Einbezug der sozialen Kosten in die Produktionskosten, eine „Vergesellschaftung der Produktionsentscheidungen und eine gesellschaftliche Verwaltung der Produktion selbst“ (36). Tauschbeziehungen und solidarische Alternativen könnten dabei wiederum die Unabhängigkeit gegenüber staatlichen Leistungen der Krankenpflege, Polizei und Fürsorge erhöhen und schüfen einen gesteigerten Individualisierungsgrad. Ähnlich argumentiert Gorz bei der Forderung nach einer egalitären Neuorientierung der Medizin, die nach wie vor von großen monopolistisch agierenden Konzernen dominiert wird (41), indem eine kollektive Beherrschung des Angebots vorangetrieben wird, die nachfrageorientiert über die Produktion entscheiden kann. Dies ja eine Forderung, die mittlerweile von vielen unter dem Patentzwang multinationaler Konzerne stehenden „Entwicklungs“- oder Schwellenländer umgesetzt wird, die kurzzeitig aus der Warenlogik ausbrechen und das entsprechende Medikament geringfügig verändert eigenständig produzieren, um Engpässe zu verhindern.

Die Mikroinformatik bzw. die „mikroelektronische Revolution“ ist dann auch die größte Hoffnung, die zur Selbstermächtigung und zur Schaffung eines Autonomierahmens außerhalb einer vorherrschenden kapitalistischen Logik mit seiner „produktiven Ethik“ führen soll. Sie könnte die Möglichkeit eröffnen, Individuen als gesellschaftliche Wesen zu begreifen, die neben ihren individuellen Bedürfnissen die gesellschaftlichen Tätigkeiten, die notwendig sind, ausüben. Die kollektive oder individuelle Wahl, Umfang und Art der Arbeit zu bestimmen, wird ergänzt durch eine Strukturierung gesellschaftlicher und individueller Tätigkeiten in der Gesellschaft auf unterschiedlichen Ebene: Gorz unterscheidet zwischen den Lösungen der Produktion zur Deckung der Grundbedürfnisse und dem Funktionieren der Gesamtgesellschaft (1. Ebene), kollektiv in lokalen Gemeinschaften entschiedene freiwillige und verpflichtende Tätigkeiten auf lokaler Ebene (die i.S.v. Genossenschaften Selbstorganisierung fördern sollen und auch in Teilen die Grundbedürfnisse mit decken könnten) (2. Ebene) sowie der autonomen und persönlichen Arbeit (3. Ebene) (vgl. 98). Zusammengenommen seien sie in ihrer Fähigkeit, arbeitstechnische Komplexität miteinzubeziehen, Verantwortung selbst zu organisieren und überlappende, flexible Arbeitsmodi zuzulassen, „ein Garant für Gleichgewicht und Freiheit jedes Einzelnen“ (99). Zudem böten diese selbst zu schaffenden kollektiven Tätigkeitskollektive besonders gute Voraussetzungen zur Schaffung öffentlicher Räume und somit zur Initiative und Phantasie. Große Zeit der Selbstverwaltung und alternativer Lebensformen der 70er und 80er, hier haben sie ihr theoretisches Fundament!

Produktionstechnisch strukturiert wird diese zweifache Arbeit für sich selbst und die Gesellschaft durch kollektiv organisierte, gemeinschaftliche Arbeit in vergesellschafteten Produktions-, Verbrauchs- oder Handwerksgenossenschaften, die mit geringem Aufwand und an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientiert zwanglos produzieren könnten. Statt „ich muss dies und das arbeiten“, könnte es einfach lauten: „ich arbeite“ – was genau und wie lange (siehe die Idee zum Lebenseinkommen), entscheiden sowohl die individuellen Fähigkeiten als auch die gesellschaftlichen Notwendigkeiten. Hier verknüpft Gorz Ideen des Anarchismus mit libertär sozialistischen, den er einem zentralisierten Staatssozialismus vorzieht. Eine befreite Gesellschaft sei das Ziel und dies könne mit einer „programmierten“, technokratischen Produktion des Notwendigen nicht allein gelingen, da diese nur einen kleinen Teil der (Lohn-)Arbeit ausmache. Vielmehr solle generell „Arbeit“ als Lohnerwerb nicht mehr als Haupttätigkeit angesehen werden und dafür gedanklich eine Trennung von Einkommen und Arbeitsplatz vorgenommen werden. „Arbeiten heißt irgendetwas tun, gleichviel, ob hier oder anderswo.“ (54).

Gleichwohl zeigt André Gorz auch die Fallstricke der gesellschaftlichen Arbeit auf, die mit der Funktion von Arbeit auch in unseren heutigen Gesellschaften zu tun haben und eng mit den Nützlichkeits- bzw. Rationalitätsargumenten untermauert sind. Eine übermäßige Identifizierung des Einzelnen mit der gesellschaftlichen Arbeit (die die Arbeitsentfremdung eigentlich aufheben oder zumindest reduzieren sollte) könne nicht selten zu einem Opferzwang werden, die Arbeit für den „organischen gesellschaftlichen Leib“ (55) zu leisten, was auf Kosten des Individuums ginge und Partikularinteressen übergehen könnte. Der Leviathan ist nie weit!

Im heutigen Zustand schon Ansätze des Neuen finden, die Brüche und Widersprüche des Kapitalismus aufzeigen und sich in der Schaffung eine Parallelstruktur zu nutze machen – hier gibt sich der Autor als Anhänger einer permanenten Revolution zu erkennen. En gros schimmert dies an unterschiedlichen Unterpunkten durch, die als Anschauungsmaterial dienen, bei denen nach den Brücken gesucht werden kann und wo diese bereits in Teilen zu finden sind. Wo sich formal eine gewisse Strenge und Übersichtlichkeit ergibt, schwankt der Band inhaltlich je nach Kapitel zwischen Analyse auf Basis einiger Quellen, aber auch einer Theorieschau, Ausblick, Prognose und politischem Programm.

Jenseits des Industrialismus. Kritik und Weiterführung

In den Artikeln, die im Anhang zusammengestellt sind, wendet sich Gorz Tofflers Thesen einer „Dritten Welle“ zu, die eine neue Ordnung jenseits des Industrialismus und jenseits des Paradigmas des Kalten Kriegs (Kapitalismus vs sozialistischer Produktionsweise und Herrschaftsform) kommen sieht: Nämlich einen Kampf zwischen den alten, reaktionären Verfechtern des Industrialismus, auf der anderen Seite „die bereits Millionen umfassende Streitmacht derer, die erkennen, daß die dringlichsten Probleme der Welt – Ernährung, Rüstungskontrolle, Bevölkerungsdruck, Armut, Rohstoffe, Ökologie, der Zusammenbruch der Städte, das Bedürfnis, produktiv tätig zu sein – nicht mehr innerhalb der industrialistischen Ordnung gelöst werden können“(120).

Wenn dieses neue Paradigma mit dem Abklang der alten kapitalistischen Logiken („Der Glaube an die Arbeit, die Religion der Leistung, des Wachstums, des Fortschritts“ (121)) verknüpft wird, wird jedoch auch erkennbar, dass wir es hier mit einer Studie zu tun haben, die vor der neoliberalen Volte geschrieben wurde, die unter veränderten Vorzeichen (Regulierung, Privatisierung, Globalisierung, Finanzialisierung und im privaten Selbstoptimierung und Streben nach ökonomischer Freiheit) seit den 80ern die kulturelle Hegemonie in den westlichen Industrieländern und darüber hinaus innehat.

Ein weiterer Kritikpunkt an Gorz und vielen anderen linken bis libertären: die Hypothese, dass Staat und Gesellschaft zerfallende Konstrukte sind, hat sich bisher noch nicht bewahrheitet. Zwar gibt es eine gesellschaftliche Liberalisierung und Ausdifferenzierung, die wechselnde politische Mehrheiten zum Standard werden lässt; angesichts des reaktionären, national-konservativen bis faschistischen Backlashes, dessen Vorläufer die Mehrheitsmeinung erfolgreich prägen konnten, ist eine Abwicklung der politischen Rechts-Links-Konfrontation (außer vielleicht bei Teilen von Rot-Grün in Deutschland) schnell wieder aus dem Diskurs verschwunden.

Weiterhin wurde schon zu Prä-Internetzeiten die Überinformation und „Maßlosigkeit des Kontexts“ (122) beklagt. Der Rechenschaftsbericht eines Ölmultis eignet sich jedoch nicht zur Erklärung eines sich in Veränderung begriffenen Gesellschaftsmodells; vielmehr scheinen hier Dimensionen der ideologischen, theoretisch sich festigenden Panzerung des Kapitalismus auf, dessen vermeintliche Rationalität dadurch untermauert wird, technokratische Entscheidungen, wissenschaftlich oder analytisch zu legitimieren und Politik in wirtschaftlichen Kategorien denkt. M.a.W.: Was hier als Weiterentwicklungsprozess und Symptom des Auswegs aus der hierarchischen industrialisierten Großproduktion gesehen wird, ist Teil eines von wirtschaftlichen und politischen Eliten systemstabilisierenden und -ausbauenden Herrschaftssystems, das sich seit knapp 40 Jahren in den Alltag ausgedehnt hat.

Die Leistungslogik ist so präsent wie nie und Maßstab für Ratings, Rankings, Boni, Einwanderungsgesetze etc. geworden. In wenigen Bereichen hat die „Dritte Welle“ zu mehr Klarheit, Unabhängigkeit und Emanzipation von Zwängen und Autoritäten geführt. So betont der von Gorz häufig zitierte Toffler dann Ende doch noch zu Recht, dass es politischen Druck auf das System braucht, damit der schleichende Weg der Veränderung sich gegen das „totalitäre System des Industrialismus“ auch durchsetzen kann (131).

Wie anhand der theoretischen und thematischen Vielseitigkeit von Wege ins Paradies deutlich wird, wäre es also gut möglich, ein eigenes Seminar zu dem Buch zu entwerfen oder auch einen eigenen Lesekreis, der sich an den einzelnen Teilen des Buches abarbeitet. Da wäre zum Beispiel seine Auseinandersetzung mit Marx, mit Sozialismus und Anarchismus, seine Beziehung zur Ungleichheit, dem Grundeinkommen und der radikalen Arbeitszeitverkürzung, wie auch die von Gorz verwendete Methodik, gegensätzliche Diskurspositionen in den Blick zu nehmen, verdeutlicht an seiner Herangehensweise an die Problematik der Stabilisierung der sozialen Kosten aus linker antikapitalistischer und rechter konservativer Sicht. Interessant wären auch ein Vergleich mit weiteren seiner Werke und ein Blick auf seinen politischen Aktivismus vor dem Hintergrund seiner Schriften.

Im Ganzen ist Wege ins Paradies ein kompliziertes, doch gut lesbares und in seiner Machart profundes Essaywerk, das politische und gesellschaftliche Zusammenhänge komplex analysiert und Lust am Weiterstöbern macht, auch wenn einige Thesen von den Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelt falsifiziert wurden. Beachtenswert ist dabei auch, dass Gorz konsequent an der neuen Forschung seiner Zeit dran ist und sich auf einsehbares und neues Quellenmaterial bezieht.

Es bleibt die Frage, ob ähnlich gelagertes Zusammendenken der verschiedenen gesellschaftlichen Subsysteme bei der Analyse – aber eben auch beim politischen Handeln – wieder zu einer Renaissance linker Ideen innerhalb der Gesellschaft führen könnte.

/////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////

Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre, Fischer 1976

Ein Standardwerk der DDR-Literatur, in Prosa und wieder einmal im Westen veröffentlicht, heimlich herein geschleußt. Um den geht es nicht, klar, sondern um den anderen Teil Deutschlands: Westleser sollen etwas erfahren über ihre Nachbarn/Schwestern/Brüder. Ostleser wollen auch etwas über sich und den Staat, in dem sie, je nachdem, leben wollen oder leben müssen, erfahren.
Denn wunderbare Jahre hat es auch in diesem Staat gegeben, vor allem für Heranwachsende. Die in einzelnen kleineren, scheinbar unabhängigen Geschichten unterteilte Erzählung ist durch die Beschreibung des Erzählers von seinen Eindrücken, Feststellungen und Sichtweisen gekennzeichnet. Dies im größten Abschnitt der “Wunderbaren Jahre” besonders im Hinblick auf seine jugendliche Tochter. Gerade als junger Mensch nimmt diese die Unzulänglichkeiten, Absurditäten des Alltags besonders wahr. Der Verwaltungs – und Ordnungsapparat, in Form von Schule , Ideologien oder sonstigen Einschränkungen – was nicht dem sozialistischen Bild entspricht wird zurechtgestutzt, gleich verboten. Warum ist das so? Wieso darf man Bücher nicht lesen, sich eine eigene Meinung bilden, diese kundtun und wieso darf man nicht auf einem öffentlichen (!) Platz Gitarre spielen? Es ergeben sich Fragen, deren Beantwortung nicht nur einem Vater schwerfallen, da sie schlicht nicht aus der eigenen Perspektive zu beantworten sind. Absurd und irrational: der einzeln Denkende als Gefangener der Umstände und der herrschenden Logik. Der Leser nimmt Teil an diesem kritischen Prozess, hört aufmerksam dem subtilen Beschreibungen des Autors zu, denn in jedem Alltagsschnipsel steckt ein Teil dieses großen Drucks oder sagen wir, dieses Schwindelgefühls, Ohnmacht gegenüber einer Diktatur. Dabei wird man mit der Frage konfrontiert, ob es nicht auch Teil der Identität ist, aus dieser Unterdrückung, seelisch wie körperlich, sich zu definieren. Viele sind ausgereist aus der DDR, doch für viele war es, glaube ich, auch ein Teil des “großen Spiels”, sich zu behaupten, gerade gegen ein System, das dem Individuum kritisch gegenüberstand. Und die Hoffnung nicht aufzugeben. Besser vielleicht, als dort, drüben, zu wohnen, wo es schon alles gibt, wo sich (scheinbar) alles erfüllt hat. Diese Gedanken habe ich von Volker Brauns Buch “Hinze und Kunze”, doch ergeben sich einige, zugegeben, wenig erstaunliche Parallelen, sind beide Bücher doch von Kritikern des Regimes geschrieben.
Zurück zu den Erzählungen und dem Leser: Diese herantastende Vater-Tochter-Beziehung, die von aufrührerischen, trotzigen, „verschrobenen“ Elementen der Tochter und von einfühlsamen, hilflosen und schlicht dokumentarischen Passagen des Vaters durchzogen ist, prägt das Geschehen deutlich. Selbst ich als junger Leser war erstaunt über die unberechenbare Aufmerksamkeit der Tochter, dieser „sie“, die mit ihrer scheinbaren Naivität die Gewöhnung, die sich ja doch immer einstellt(insbesondere für Erzähler und/oder Autor) durchbricht. „Sie ist die Faust, mit der Gott auf ihre Eltern niederfährt, aber eine weinende.“ Mit dieser „unmöglichen Metapher“ am Ende es Abschnitts ist alles gesagt.

Wie es im Leben steht: und nicht wie in der Zeitung, so schreibt es Kunze. Das Buch steigert sich mehr und mehr, schweift ab, erzählt von anderen Schicksalen, an denen beispielhaft die Unterdrückung der Menschen in für mich jungen Menschen alltäglichen und selbstverständlichen Situationen erschüttert. So viel besser eignet sich dieses zusammengewürfelte Erzählen, dieses Panoptikum an Sequenzen, Szenen, Fetzen von Gesprächen und Gedanken und Erlebtem zur Darstellung des ständigen. Schon allein die Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses, aneinander gereiht, zeugt von der dauernden Auseinandersetzung von „Innen“ und „Außen“. Das eine ohne das andere ist nicht möglich; man soll die Augen nicht verschließen, im selben Maße aber auch auf die eigene, innere Stimme hören: man politisiert sich. Sind die ersten Szenen noch von einem eher beobachtenden Standpunkt, etwa in der „Entwicklungsstudie“ eines Jungen in einer patriotisch-sozialistischen Gesellschaft, so ist insbesondere der letzte Teil ein durchweg politischer. Er betrifft die Tschechoslowakei, Jahre 68-75: Prager Frühling, Opposition, die Rolle der NVA, Aufstand vergebens! Aber eben auch Geschichten über Solidarität, über heimliches, stilles oder unmerkliches Nicht-Aufgeben, auch wenn die sozialistische Wirklichkeit, ob in DDR oder der CSSR auch den letzten zurück in diese holen will. Inmitten der sogenannten „Befreiung durch die Sowjetarmee“ und der allgegenwärtigen Propaganda, „ohne Hoffnung, ohne Skepsis“ ist der Dichter, der Schriftsteller, seine Freunde, das Café Slavia, in dem noch geschwiegen werden konnte. Ein vollkommen anderer Erzähler hier, müde wirkend, aber alles andere als vereinnahmt. Er wird realistisch, spricht von Zahlen, von Schicksalen in Briefdokumenten, von der Armee der Sowjetbesatzer, von Protest in Prag und Brünn. Das hatte ich nicht erwartet; zur Zeit lese ich Milan Kundera. Wie mit einem Schleier überzogen kommen mir die Ereignisse, die Reiner Kunze erzählt, vor. Ich vermische sie mit dem Buch, das ich gerade lese, dem Roman. Vielleicht deshalb kommen mir diese Geschichten, unter dem Kapitel „Café Slavia“ zusammengefasst, romanhafter vor, zusammenhängender, ein einheitlicheres Bild ergebend. Gleichzeitig schrieb ich: realistischer, was für manche Leute sicherlich ein Widerspruch ist. Romanhaft heißt allerdings nicht „erfunden“, höchstens „fiktional“ (steht auch so ähnlich bei Kundera). Einigen wir uns auf „prosaisch“ und „poetisch“. Der zweite, kleinere Teil, das Café Slavia, ist für mich also poetischer verfasst. Und auch abseits der DDR, bei den „Verbündeten“ gab es diese „wunderbaren Jahre“ inmitten all dem beschriebenen Grau. Würde man als Leser allein auf die häufige Ironie der Texte zurückgreifen, könnte man den Titel des Buches als höhnischen, verbitterten Rundumschlag des Autors verstehen. Doch im Gegenteil gar nicht so ironisch gemeint ist, vielmehr übergreifend ist, jedem Satz einen Funken Hoffnung dazu gibt. Das Buch erschien schließlich kurze Zeit nach ´75. ´68 und ´75 – zwei Zeitmarkierungen, an denen gezeigt wird: es hat sich nichts geändert. Vielleicht ist das Buch für Braun auch als Abschluß gedacht, als sein Beitrag zur Zeitgeschichte, zur Erklärung der Geschichte von Menschen.
Wie die Orgel in einer Szene, die den ganzen Kummer, die Bitterkeit, die Wut einfach (!) übertönt, hinwegdröhnt, so auch am Ende des Buches, die Abkehr, grenzüberschreitend: Gedichte! Tschechische Dichter, unterdrückt, verboten, zensiert, im inneren oder äußeren Exil, wie der Autor selbst (´77 Ausreise in die BRD). „Angst“ kommt in diesen vielleicht fünfzehn zusammengetragenen Gedichten häufig vor, dunkel sind sie. Aber zeigen eben auch die Standhaftigkeit gegenüber der politischen, diktatorischen Übermacht, trotz all des Schmerzes, Leides und der Verbote. Am eindrücklichsten für mich: die Vierzeiler von Jan Skácel, alle in Großbuchstaben.
In den Ostblockstaaten wurden die Dichter, obwohl vielleicht früher geehrt, nicht mehr gedruckt, sie existieren nicht, Kritik existiert nicht. Da es ja einen Sündenbock gibt und es das Gute gibt, befreiende, erlösende – die Sowjetunion, den „wahren Sozialismus“. Gestellte Bilder und Fotos, Briefmarken, auf denen jubelnde Blumenkinder den „Frieden“ begrüßen, die „Ruhe vor den aufrührerischen Elementen“. So steht es in der Zeitung, so will es gesehen werden. Anstelle eines Nachwortes dann, ohne jeden Zweifel, zum ersten Mal der Autor. Und die an ihn gerichtete Frage, ob er es so schreibe oder aber „wie´s im Leben steht“. Das Bekenntnis hat der Leser ihm, Reiner Kunze, schon längst abgenommen.

März 2008

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Zu Nufas neuem Album „Nero“

Musiker*innen werden immer unsicherer und verschließen sich in ihre Studios und Tourbusse. Diese allgemein gehaltene, platte und bewusst in vielen Richtungen offen gehaltene Aussage könnte als Antithese zu solchen Formationen und Künstler*innen dienen, die es verstanden haben, sich zu verweigern, denen Mode momenthaft und funktional gebräuchlich erscheint, nur um dann die sämtlichen Erwartungshaltungen ihres Umfelds, einschließlich der eigenen, neu zu konfigurieren. Ausschlaggebend für diese seltene Wandlungsfähigkeit der mit Jahrzehnten Pop und Kultur auf den Schultern geschulter und gebildeter Musiker könnte u.a. deren gut gefülltes Konto musikalisch interessanter Kooperationspartner sein – angefangen mit ihrer Rolle als jüngste Band des von „Faust“-Organisten Hans-Joachim Irmler gegründeten Scherer Klangbad-Labels über Zwischenspiele mit Elektronikern wie e.stonji oder als Backgroundchor für deutschsprachige Poplegenden wie Bernadette La Hengst. Die erst vierte Langspielplatte der vier Leipziger ist nach dem römischen Kaiser Nero benannt, der durch sein zwischen Pathologie und Kunst changierendes Leben bis heute fasziniert und zugleich fragen lässt, was das mit einem machen kann, wenn Du schon mit 17 Sonnenkaiser bist. Hören wir uns also „NERO“ an:

Als hätten sie dich schon lange begleitet, hallen die wenigen klar voneinander abgrenzbaren Stücke ihres Albums dennoch als Ganzes nach. Die Melodien treten überdeutlich hervor und zerfließen in „12.10“, dem ersten Stück, in Clubsound, Krautrockreferenzen, Synthie-Sound als eine Melodie wie aus einer Siebziger-Serie, bis der Bass ansetzt. Es ziept, Jonas Dorns virtuose Gitarre erhebt und verzerrt sich. Es muss Abend geworden sein, der entspannt und getragene Post-Rock-Jazz, der als Kategorie jetzt noch eine Rolle spielen mag, wird durch den Bass geerdet und wird von jeglicher Free-Jazz-Emblematik freigesprochen. Etwas später, zur ersten blauen Stunde, wirken die Stücke in der Wiederholung deutlich improvisierter, auch wenn die Struktur hinter dem Spiel stärker hervortritt. Die Stilebenen, die wie am Reißbrett entworfen anmuten und denen Du versucht bist, auch graphisch auf einem Blatt nachzuspüren (ob malerisch, in Notengebilden oder einem Satzschema) entwickeln in diesem Paradox von exakter Planung und kurzem Taumel eine Spannung, die Kommunikation zwischen Band und Publikum erlaubt. Abwechselnd verteilen sich die Stimmen der Instrumente in einem großen Raum, in dem moduliert jederzeit Neues hervorbrechen kann und in dem eine neue Kante oder Ecke hervorsticht. In Farbe umgewandelt wechseln sie sich nach jeder Session ab. Es sind diese Rollenwechsel und die prinzipienhafte Offenheit, die das Album gegenüber seinem Vorgänger „Holiday“ (2013) abgrenzt und um Klangfarbe und Spielfreude erweitert.

Momente passiven Zuhörens innerhalb der 42 Minuten gehören dazu; es wird Kraft gesammelt für den nächsten Atemzug, die nächste Steigerung. Vorerst bleibt die Melodie eingängig, manchmal verraten die rhythmisch vertrackten Konturen das Potential eines neuen Songs, wenngleich nicht sicher ist, ob er sein Entstehen auf den nächsten verschiebt. Im Stile bester Filmmusik sind die Harmoniebrocken nach fünf weiteren Minuten bereits vertraut im Groove. Es sind dieser Groove und das mit sphärischen Synthesizern angereicherte tröpfelnd-klirrende Keyboardspiel von Martin Panitz, die die Rezeption und die Arrangements im Hintergrund zusammenhalten, während die einfallsreichen Übergänge Anleihen und Vorboten neuer Harmonien sind. „NERO“ ist selbstreferentiell und zugleich voller Verweise, Spiegelbild seines orgiastisch-brutalen Namensstifters und alles ästhetisierenden Künstlers mit seiner Wasserorgel. – Nie zuvor war Nufa so nahe am Film und am Orgiastischen, war ihre Musik mehr Klang als Theater!

Das Session-Mixtape kulminiert nach dem Zwischenspiel von „[INTERLUDE]“ in einer Klang-Dunst-Wolke, lediglich einer Andeutung, bis sich doch eine andere Melodie herausstellt, die von Jonas Dorn an der Gitarre repetierend vorgelegt wird, bis das Schlagzeug (durchdringend: Fabian Stevens) und der Bass von Benjamin Dörr einsteigen. Krächzen beendet das Spiel wieder, verzerrte Barré-Akkorde dröhnen zur Bridge, doch geht es noch mal in den leicht variierten Anfangstext. Oft begnügen sich die Ideen mit ihrer Rolle im Gesamtwerk, haben nurmehr den Charakter von Gerüchten und musikalischer Luftpost. Nufa befriedigen nicht. Sie schaffen neue Bedürfnisse, ohne vom Wesentlichen ihrer musikalischen Vision abzulenken.

Von Platte gespielt, legt sich der Beginn der B-Seite, mit „AT PARADISE BAY“ in eine Wand aus Dream-Pop und Shoegaze, jede getragene Melodie wird – und da erinnern sie noch an ihren einnehmenden hermetischen Taumel – durchbrochen von Metall, von etwas, das die Stille schmerzhaft durchtönt. Neu erscheint hier, was erst beim Hören der exzellenten Plattenaufnahme zu erkennen ist, wie sich das Keyboard anschließend perlig abstößt und aus diesem hervorgeht: In jeweils kurzen Intervallen und Blöcken, die die Komposition direkt vor Ohren führen, wird sie gleichzeitig für Disco-, dann für eine Popsequenz genutzt, um nach kurzem wieder von der Strophe und den Riffs unterbrochen zu werden. Wenn es nach Stillstand riecht, ist es nur eine Vorbereitung auf das längst in anderen Teilen angeklungenen Impro-Sets. Zuweilen überfordert die Band mit ihren Medley-Qualitäten, wenn sie ihre Vielseitigkeit und rhythmisch komplexen Möglichkeiten bei „JUPITER“ mit rasch aufeinanderfolgenden Sequenzen austestet; live und auf dieser Release-Tour, die sie im Mai von Hamburg und Berlin noch nach Leipzig, Halle, Ulm und Weimar führte, ist dieses musikalische Zusammenspiel jedoch fern jeder Rivalität ein virtuoses, synästhetisches Erlebnis!

Am Ende der Nacht, nach viel Krach und Melodie gehst Du geläutert aus diesem Konzert, zu dem am besten Metaphern aus der Architektur passen: Tragender ist die Band geworden, sie bauen sich die Gebäude mit ihren Skalen auf, um sie, je nach Situation einstürzen oder abbrennen zu lassen, durch den Hinterausgang zu flüchten oder gleich den Loop auf dem Höhepunkt zu beenden. Ein echter Nero eben.

Weitere Informationen: http://www.nufa-band.de

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Tintenfisch 19/20 – Jahrbuch: Deutsche Literatur 1980 und 1981, Verlag Klaus Wagenbach Berlin

Der Beginn der 80er, die allgemeine Neuorientierung, der zwischen Hoffnung und Angst vor der Apokalypse sich befindliche Diskurs schlägt sich schon im Vorwort nieder. Da ist von gesellschaftlichem Wandel (zum ersten Mal gibt es in der BRD mehr Beamte als Arbeiter!) die Rede: ein Zustand, den wir längst akzeptiert haben, der nicht mehr hinterfragt wird und den die Spätergeborenen nicht anders kennen. Nicht nur die Autoren sind längst in die literarischen Geschichtsbücher eingegangen, auch die damaligen Zustände sind archiviert. Es bleibt das Papier, mit dem wir versuchen können, die Unmittelbarkeit und den Optimismus zu begreifen, der mitschwingt. Wir sehen Versuche, wirklich heranzukommen an die Wirklichkeit und dass die Fragen und endlosen bearbeiteten Themen auch wirklich zu Veränderung in Ost und West führen kann. Die Ernüchterung, die danach eintritt, mag ein Grund sein, warum heute eine solch vorder – oder hintergründig politisch engagierte Lyrik, Prosa oder Dramatik – nicht einmal als Anthologie – möglich oder gewollt wird: sie ist hier nicht zu spüren, in keinem der Texte. Als ob man heute das Wort „Utopie“ noch überhaupt in den Mund nehmen dürfte, ohne ein Schmunzeln zu kassieren. Ja, man hat es sich abgewöhnt, es scheint, ein oder zwei Generationen haben diesen Begriff gepachtet, und nachdem er anscheinend nicht für die Praxis getaugt hat, wurde er als inhaltsleer verworfen.

Der „Tintenfisch“ hat immer Signalwirkung. Schon zwanzig Jahre danach – mit immer steigerndem Maß, befürchte ich – wirkt diese Sammlung als gebundenes Jahrbuch der Literatur eines Jahres museumsreif und schön nach Antiquariat duftend. Der Pappumschlag, der als einziges Element mehrfarbig ist, die Schreibmaschinenschrift auf dem gelblichen Papier, der handgemachte Stil überhaupt; jedes Quartheft (das gehört zum Bild) wird in einem kleinen Backsteinbau in Berlin-Kreuzberg an die Abonnenten sorgsam verpackt, hoffnungsvoll, unsicher, aber geschafft und froh. Ich mache wieder einen Helden aus Klaus Wagenbach, den einsamen Frontkämpfer revolutionären guten Geschmacks. Schriftsteller mit ihrer  Zurschaustellung und ihrem Auftreten sind zusammen dieses alljährliche intellektuelle Schlaue Buch im Überlebenskampf „wider die Mittelmäßigkeit“, für den kollektiven Subjektivismus, wider die Tendenz, „für alle zu sprechen“, wie es Rolf Dieter Brinkmann in einem Brief schreibt. Denn das sei derzeit „die zeitgemäße Ideologie.“

Wie immer treten die Großen aus heutiger Sicht auf: Günther Kunert, Alfred Andersch, Thomas Bernhard, Enzensberger, Hildesheimer, Alexander Kluge, Peter Weiss, Wolf Wondratschek, Peter Bichsel, Urs Widmer, Erich Fried, Oskar Pastior oder Wolfgang Hilbig und Dürrenmatt – eine kleine Olympiade der vorletzten (ausgesprochen männlichen) Generation; wer schlägt sich wacker, wer fällt durch, wer zieht Bilanz, wer ackert und schikaniert?

Günther Kunert weist zurecht auf die ungerechte Beurteilung des „Alten Fritz“, Friedrich II hin: noch schlimmer als sein Vater, der despotische „Soldatenkönig“, steht er für Unterdrückung seiner Untertanen unter dem Deckmantel der Toleranz und der (französisch inspirierten) Aufklärung, die ihm eher nachträglich, und vielleicht aus einem Angstgefühl, wie es sein damaliges Volk empfand, mit scheinbar geschichtsbewusster Miene angehängt wird – einen guten Kumpel in der deutschen Geschichte muss man schließlich haben (dürfen)!

Wondratschek, natürlich, wobei sein „Hotel „zum Deutschunterricht“- Gedicht zu seinen schwächeren gehört.

1981 sind zeitpolitische Gedichte wie die von Volker von Törne („Sieger der Geschichte“, „Lied vom realen Sozialismus“; „Bilder“) seltener; letztere aber haben schnittige Metaphern, sind prosaisch, aber noch nicht gleich interessant, nur weil sie drastische Phrasen und Wörter beinhalten, homerisch Zeitläufte umspannen (von Hektor und Achill über Caesar zu „des Pentagons gewaltige Geschwader“ im „Sieger der Geschichte“) und Biermann Konkurrenz im Beschreiben der „Umstände“ macht. Dennoch: der Anfang der 80er hat seinen Ton, zwischen Zuversicht und Hoffnungslosigkeit, zwischen Bewährtem und Radikalem – ab jetzt streife ich mit einem Bild durch das Buch mit seinen hermetischen Sätzen, in denen Laub auf dem Kopfsteinpflaster kurz aufflackert wie kurze Gedankenfetzen.

Peter Weiss, „Das Richtige, verschwommen“ (ein Prosatext auf Gedichtgrundlage) schweift über „Versuche, aus dem dichten Gewebe einiges hervorzuholen…“ und dem „Verlangen, mitzuarbeiten an den Grundlagen, an den Grundlagen des Gemeinwesens der Gerechtigkeit.“ Alfred Andersch davor: „Rex Himmler“ oder Thomas Braschs „Van der Luppe, Terrorist“ – die Aufarbeitung des Krieges von vor vierzig Jahren ist noch längst nicht abgeschlossen. Positionen in der Gesellschaft formen sich, Erklärungen werden gesucht.

Tankred Dorsts „König Artus will einen Tisch bestellen“ ist ein unterhaltsames Knecht-Herr-Stück, in dem die Arroganz des Königs konterkariert und sinnentleert wird, da er auf den eigentlich nur Mühlräder bauenden Schreiner angewiesen ist, um eine Epoche zu markieren.

Gut: „Die zwei Männer“ von Stephan Hermlin: eine Beobachtung zweier Berliner jüdischer Bauarbeiter, die auf einer gelbgestrichenen Bank ihre „Verachtung einer erbärmlichen Zeit“ kundtun. Und Ernst Jandls Epilog über das Schrift-Stellern, wie auch im nächsten Band ein kurzes Wehklagen über den mitunter strapaziösen Alltag dieser Setz-Künstler, in immer neuen 3-Zeilen-Stößen, Handlungsanweisungen in Klammer an der Seite. „Er schreibt“ ist im doppelten Sinne ein Werk über das Schreiben.

Und auch Thomas Bernhard beweist seine unnachahmliche Fähigkeit des Protokollierens. Kommen zwei Alte mit ihren Gebetsbüchern aus der Kirche und werden vom Autor in ihren meditativen, wiederholenden Mutmaßungen über „a doda“ am Straßenrand belauscht: „Na so was, lauta Hakenkreuzplakade, und mia ham gmoant, a doda is.“ Naja, der Mann ist also „so a Depp“; am Abend wollen sie losziehen, die zusammengeknüllten Plakate einmal richtig aufzuhängen. Analog: Leipzig, Lindenau, 2009, pünktlich zum Wahlkampf. Auf der Straße lauter „dode“.

______________________________________________________________

Samuel Beckett – Endspiel und andere Akte

Pause. Und die Stille dazwischen, Davor und Danach wird zum ersten Mal fassbar. Namen mühen sich, schauen angestrengt ins Dunkel; zurück, ins Gesicht des Gegenübers. Im Raum ist nur der Hauch zu hören. Kurz reibe ich die Augen, gehe einkaufen. Eine Rolle, monoton, leise: ein Akt ohne Worte, der immer wiederkehrt. Weiter.

Anweisungen zu einem dramatischen Rätsel, in Gedanken des Lesers stumpf und ängstlich, wenn es dunkel wird, in einem Zug durch Württemberg. Anweisungen für eine Bühne? Für eine Plattform, auf der Menschen und Dinge hin – und her geschoben werden; Aktionen sind einprägsamer als Worte. Vor und Zurück – im Kopf bildet sich ein Spiel, das keine Bühne braucht.

Endspiel: einer Vorrede zu „Warten auf Godot“ gleich, ziehen vier Personen durch den Raum, handeln sporadisch, fragen (sich, in den Raum, das Publikum) in die Verzweiflung und die Ewigkeit hinein. Eng gedruckt, Anweisungen wechseln mit Worten, anstrengend als Leser wie als Zuschauer. „…oder bin ich es, ich verstehe es nicht, auch das nicht. Ich frage es die Wörter, die übrigbleiben – Schlafen, Wachen, Abend, Morgen. Sie können nichts sagen.“ Die beiden letzten, Clov und Hamm entlassen einander, trennen sich, der eine geht, der andre bewegt sich bald nicht mehr.

Akt ohne Worte 1: ein Mensch, Pfiffe nacheinander von allen Seiten, niemand ist sichtbar, Gegenstände tauchen aus dem Nichts auf, da will der Mensch die Karaffe mit dem Tau fassen, um nicht nur so dazustehen, irgendetwas tun…

Eine blendende Wüste auf der Bühne, im Akt 2 ist es eine weite Grasebene. Dürre. Eine einzige kursive Handlung (von wem geht sie aus?). Ständig überlegt der Mensch und schaut auf seine Hände. Die Kulisse sinkt auf und ab, mal wird ein Bäumchen heruntergelassen, dann eine Schere, dann eine Karaffe; bevor er weiß, was tun, sieht er nur noch den Schatten der Gegenstände, die bereits wieder nach oben gezogen worden sind (von wem?). Eine Höhle ist das Theater, die Schatten auf der Bühne sind die Abbilder der Wirklichkeit, die draußen auf uns warten.

Akt 2 ist das merkwürdigste Stück, vor allem, weil es so raffiniert ist, was selten ist. Zwei Personen und ein Stachel (!), der sich von der rechten Seite durchs Bild bewegt; er kommt auf sie zu. Beide sitzen in Säcken. A und B. Mit mathematischer Präzision gibt Beckett (der omnipräsente Herrscher, so scheints) grausame Anweisungen, die Figuren, die Handlung, alles unterliegt seinem Befehl, der stumm befolgt wird.

Die Texte leuchten von selber, nicht die Worte, die ich lese, sind es, sondern die Pausen, das Luftholen zwischendurch und vor allem am Ende. Befreiung und Bedrückung zugleich.

Glückliche Tage: eine Zumutung, eine Kraftanstrengung: zu lesen kaum möglich ohne nach vier Zeilen wieder abzusetzen denn dieses Stück ist noch enger bedruckt als die anderen Texte. Ständige Anweisungen, mein Auge schmerzt die Pausen überspringe ich bald, es ist einfach nicht möglich. Was bleibt zurück? Nicht die Figuren, vielmehr die Monologe, das ständige Wechselspiel, Rede und Antwort, die Fragen, die dichte Gestaltung, das Spiel des Theaters mit der Bühne und dem Menschen, der ein Buchstabe, ein Name und seine Rede ist. Nie ist dieser scheinbar selbstverständliche Grundsatz so nackt und allein gezeigt worden wie im absurden Theater hier. Absurd ist ein komisches Wort. Die Stücke sind es jedenfalls nicht. Noch wage ich nicht, diese im Theater anzusehen. Bis auf „Godot“ werden sie auch kaum noch gespielt. Ich glaube, man hat Angst vor ihnen. Vor ihrer Wirkung. Ich stelle mir vor, ich käme aus dem Theater und betrachtete alles, außer dem gerade gesehenen Stück, als absurdes Theater. Hier wie da, innen und außen: Welttheater. Das letzte kurze Stück des Bandes, Spiel, soll eine Komödie sein. Das schwenkende Scheinwerferlicht, von F1 auf F2, auf beide, auf M – ein kurzes Flackern. Verloren scheinen alle Beckettschen Menschen. Und am Ende, in der Finsternis, sind es immer noch einige Sekunden. Das Stück misst seine eigene Zeit.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.