Embryo, 7. September 2018, sowieso

Ein voller Nachtzug ins Irgendwo. An was hältst du dich heute? Buchstaben fehlen in den Wörtern; das Mündliche gewinnt zunehmend Oberhand. „Masano ist da, Masano!“ „Flöte dabei? Wir haben eine!“ Die Menge auf Stühlen stimmt ein und lacht. Es ist wieder der Laden vom Januar, das ‚Sowieso’ in der Nordneuköllner Weisestraße, in dem die Hälfte des Publikums selbst Musik macht oder so schön andächtig über der Musik sitzt, dass der Barkeeper, Chef und einzige Mitarbeiter kaum hinterherkommt mit dem Abrechnen. Die Leute strömen zu ihm, bestellen Wein oder Bier, dazwischen raucht er Selbstgedrehte und lässt sich die Bands, die er alle paar Tage im Laden hat, gefallen. Der schöne Hinterraum auf der rechten Seite, ein langgezogener, gefließter Schacht, scheint dagegen dem Verfall preisgegeben zu sein. Blaulichter ziehen an der Wand vorbei. Später wird Masaro die Querflöte auf dem Tablett serviert werden. Er tut überrascht, lässt seinen Hut auf und steigt über Beine nach vorne in den auf ihn wartenden Wirbel. Verursacht hat ihn zuerst eine Zitter, die mein Ohr schon nicht mehr hinterherkommen lässt. Wenn der eine vorrückt, spielt schon die andere. Stühle werden gerückt und das Panorama einer Werkstatt tut sich auf. Embryo, schaut auf diese Band (zum Beispiel im gerade erschienenen Film, „Embryo – Free4Ever you think“ über die Weltreisen und vor allem Kollaborationen dieses 50-jährigen Klangkollektivs): wir sind auf dem vorletzten Konzert ihrer einwöchigen Mini-Berlin-Tour. Es ist egal, woher sie kommen, überall schließen sich ihnen Musiker_innen an, neue Instrumente, Traditionen, Modi. Zusammengehalten von einigen Veteranen und Marja Burchard an Marimba, Klavier, Gesang und Posaune, der Tochter des kürzlich verstorbenen Mitgründers Christian, stellen sie jetzt ihr Stakkato auf die querliegenden Seiten. Eine mir unbekannte Trommel setzt an, Schlagzeug, Bass und Gitarre, dazu die Hammondorgel, souverän von einem weißhaarigen schlaksigen Hünen verwaltet. Die Trommel wird zur E-Violine, die Instrumente wechseln im Laufe des Konzertes noch ein paar Mal. Ich muss mich festhalten, die Berge türmen sichm, die Schrift wird unleserlich, wenn es rhythmisch von der Bühne klatscht. In den Reihen wird gefolgt. Was tut es, wenn ich mitzeichne, wie es war, dieses vermeintliche Impro aus Haut & Knochen? Die bewegen und zucken sich von selber, bis zur Gänsehaut wie im Schlaf. Ich nenne das die 1. Trance. Mit den Augen auf der Bühne, eigentlich aber … ein Faden des Besenschimmers, den der neue Drummer aus dem Publikum austariert, eine Hand ein Strick, eine andere schlägt. Kneife die Augen so fest zusammen, wie es geht und sage mal, was mir gefällt, ohne mich zu rechtfertigen. Ein Täuschungsmanöver gegen mich. Umbauarbeiten. Embryo nicht mehr polyrhythmisch, stattdessen spielen sie sich an der Grundvariation ab, der Stimmungsbau flechtet sich zu Schlieren, die schnell am Abteilfenster herabrinnen. Die Fahrt nach Rumänien, wie ich sie mir vorstelle, dauert nur einen kurzen Abschnitt mit Haken. Quereinstiege, Abstecher und weitere Angebote liefern die Einsätze, geleitet von sich kreuzenden Augenpaaren. Die Hashtags fliegen herum (Chemnitz on my mind). Was könnte in der Zwischenzeit alles draußen passieren?! Morgen ist hier, zwei Blocks weiter, Straßenfest. Wie ich wünschte, dass sie dort und nicht im tiefen Keller des legendären Supamolly am letzten Tag ihrer Tour spielten!

 

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Die Blumen in der roten Zone. Sequenzen

Eine Sequenz aus mehreren Zeilen, aus ein paar Sinnzusammenhängen, eine Aufeinanderfolge auf höherer, tieferer Tonstufe, eine kleine Filmeinheit, gesungene Streifen, Karten, die schnell hintereinander gespielt und als Daten abgespeichert werden. Mit ihr lässt sich eine kleine Geschichte beginnen oder Lücken schließen, falls gewünscht. Sie entbehrt nicht der Verantwortung, sie für den eigenen Gebrauch zu verändern.

I actually liked being on stage, performing ‚Winterreise’ by Schubert and because no one else cared, I wrote the screenplay for it. Eventually, it was also only me sticking to it. But I was fascinated by the vigour of being admired by a fairly big crowd without any proper expectations but to present them some madness of an improvisation. My whole two last school years seemed to have been incapsulated in this 10 minutes play.

Auf einen Punkt starren und nicht sehen, ein Bild zieht von hinten herauf. Ist es das auf den Grashalmen am schwachen Hügel schillernde Licht der Sonne am pastellfarbenen Spätabendhimmel, weit über dem Feld? Da ist der Tunnel durch die Beine des Vaters, der Ball kullert hinter ihm weiter, Haselnuß und Hagebutte daneben; dann hoch auf die Garage, eine Holzleiter verunsichert, die gelben Fliederfarben des dünnen Pullovers sind denen von heute spürbar ähnlich.
Das Jahr verging mit Experimenten. Meine Haut, wenn ich sie durch die Hose und Hemden strich, blühte wieder auf. Aus meinem Bauch wurde ein Baby geschnitten. Meine Erinnerungen sind nicht vollständig, weil sie in den Köpfen von anderen feststecken – ungenutzt. Rückt sie raus!
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Kathrin Passig / Aleks Scholz: VERIRREN. Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene, Rowohlt Berlin, 2010

Es kann schnell passieren, das Gleichgewicht zu verlieren, die Orientierung und Übersicht. Daneben und manchmal auch dagegen steht die Lust, Neues zu entdecken, Experimente zu wagen, aus den gewohnten Bahnen und Straßenzügen auszubrechen, ohne sich durch Arbeit oder teuren Urlaub oder durch beides das Leben zu vermiesen. Einen Aufschlag in diese Richtung macht das von Kathrin Passig und Aleks Scholz bereits 2010 herausgegebene Band VERIRREN. Changierend zwischen Essaysammlung, Reisebericht, empirischer und theoretischer Forschung und polemischer Kolumne will das Buch methodische Stütze „für Anfäger und Fortgeschrittene“ sein, Definitionen und Handwerkszeug liefern für die bewusste, vorübergehende Orientierungslosigkeit, „für den Zustand, in dem man nur ein bisschen verirrt ist – und zwar freiwillig” (26).

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Testament Eins

Wenn ich das Viertel nicht wechselte, mich immer besser auskennen würde, ohne Erwartungen, die Abwechslung nicht schätzen lernte, das Buch so lange verwendete, bis auch die Zwischenseiten nichts mehr hergaben, sie nur zum Weiterschreiben nutzte, nicht mehr an eine Öffentlichkeit dachte, meinen Raum ausgelotet auf Inflation hoffte, ich fand meinen Platz in den alten Geräten, heimste Abwrackprämien ein, sich selber zitierend, in immer größeren Verwinkelungen nach Spuren suchend, herantrat ans Lesen, ohne Kultur, Pläne an Orte band, schließlich dort einbuddelte, um die Spitzel und Verfolger abzuschütteln, mich von nun an auf den taufrischen Straßen bewegte, als ginge ich ins Kino, als wäre der Film, dass es Herbst würde in Rumänien, das ich nicht kenne, die gekachelte Küche, der geflickte Anorak, als wäre der Film, dass ich mich aufmachte, die Karten abzureißen.

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Die Hermannstraße runter und nasswarmer

Die Hermannstraße runter und nasswarmer
Asphalt kriecht Richtung Friedhof rüber zum Park daneben
gleich der Totto-Lotto-Laden in den
schickte ich das Paket vereinigte Gernegroß
der Stadt

wie der junge Robert Stadlober in Sonnenallee ein Block
tiefer den Berg vor dreißig Jahren also sechzehn
Jahre im Film um alles in der Welt diese Platte
aus meinem Geburtsjahr mit einer Hand
zu beschützen

ein Wort zum Überleben
vorbei am weiß getünchten Fahrrad
der 16. Juni fünfundfünzigjährig Vater
zwei Fotos am Rahmen
das ist alles

wenn mich jetzt das SEK aus Hamburg trifft so wie Robert
die Stasi und die hatte auch keine Gummigeschosse wie in
Frankreich dann wär die Scheibe futsch und ein weiterer
Eintrag sicher aber woher sollten die wissen
wo ich bin

denn das zweite Handy ist tot und ich vertraue
ihnen nicht da können sie am Ende der Beweissicherung sagen
was sie wollen ich bin jetzt überall dabei während die
Straße vor Hunger abkühlt und die Taskforce aus der Oker
längst abgezogen ist

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Märchen im Gepäck erscheint Mitte September!

Edit: Das Märchenbuch ist da und sieht toll aus (siehe unten)!

An diesem Buch habe ich die letzten zwei Jahre beim AphorismA Verlag gearbeitet. Jetzt, endlich, kann ich Märchen im Gepäck. Ghaddar der Ghoul und andere Geschichten ankündigen! Es erscheint am 18. September und ist vorbestellbar unter maerchen@aphorisma.eu.

Das auf Arabisch und Deutsch erscheinende 132-Seiten-Hardcover enthält sechs (von vier IllustratorInnen) gestaltete palästinensisch-arabische Märchen – in Workshops erarbeitet von vier IllustratorInnen aus Damaskus, Alexandria und Berlin. Dazu gibt es eine Version mit englischsprachigem 24-seitigem Beiheft mit pädagogischem Material für weitere Workshops im schulischen und außerschulischen Rahmen. Weitere Infos hier: facebook.com/maerchenimgepaeck und hier: aphorisma.eu/maerchen

Von mir gibt es u.a. das Nachwort, die Korrektur(fehler) und bald weitere Veranstaltungen mit den Märchen.

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Reisen auf der Hermannstraße

Gemeinhin, so heißt es, bildet sich der Mensch auf Reisen. Doch damit ist wohl vor allem das Lustwandeln, das akribische Forschen und Beobachten anderer Städte und Landschaften, ihrer Menschen mit ihren Eigenheiten und der Vergleich mit Bekanntem gemeint. Das Unterwegssein zu diesen Stätten, zwischen den Orten, wird hingegen selten erwähnt. Dabei ist es gerade dieses Moment zwischen dem Schon-nicht-mehr, dem Losgegangensein und dem Noch-nicht, dem Ankommen, der besonders reizvoll ist, lädt er doch die Phantasie, die Sinne und die Aufnahmefähigkeit ein. Altes, Gewonnenes, Bewährtes auseinandernehmen und neu zusammenzusetzen, auf dass du verändert, und sei es um einen winzigen Dreh beliebiger Richtung, um damit aufzuwachen und mit neuen Augen weiterzugehen. Dieses Reisen erlebe ich auf der Straße, unweit der ich wohnte, in der ich mich auf dem Weg nach unten immer über den Birkengeruch und den Kaltstrom vom Feld und den Friedhöfen freute.

Da ist z.B. dieser vor sich hinbrabbelnde ältere Mann mit Regencape und Bommelmünze, der aufgeregt kaum das Rot der Ampel abwarten kann. Jetzt, im Sommer (denn seit dem letzten Winter hat sich auf der Magistrale schon wieder viel getan, oder ist es ein Boulevard, der eine ehemalige Flaniermeile außerhalb der Stadtmauern bezeichnet?) trägt er eine orange Schutzweste, die ihn für alle sichtbar unschlüssig auf und ab gehen lässt. „Hallo, hallo – he, Sie!“, das vielleicht eine Zeitlang, um sich einen neuen Platz zu suchen (in Kreuzberg sah ich ihn auch schon). Doch spricht er für sich, schwierig zu sagen, ob er die Vorbeiziehenden sieht. Jedenfalls habe ich ihn noch nie jemanden ansprechen sehen.

Ein andernmal, schon vor ein paar Jahren, traf ich D. Er war seit einer Stunde von seinem Trip runter und wickelte sich in einen seiner beiden Schlafsäcke. Sein ganzes Hab & Gut hatte er neben sich ausgebreitet. Er pfiff, sobald ein Mädchen, eine Frau von fern zu sehen war. Es war drei Uhr nachts und er hatte in den letzten drei Tagen nur einmal aus Erschöpfung, ohne dass er etwas dazukonnte, sechs Stunden am Stück geschlafen. Heute früh wartete er auf eine Verabredung am Hermannplatz, um 8 sollte die sein. Gegen die Dealer um die Ecke, meinte er, nütze nur eine Säge. Er zeigte mir auch sein Messer, das die ganze Zeit unter Decken versteckt neben ihm lag.

Es ist um die Zeit, in der sich Nächte verstärken nicht räumen wollen. Die Restaurants klagen in der Küche, essen noch die Reste von gestern. Wütend stampfen sie im Rhythmus des Radios, derweil sich die Abnehmer kaum retten können.

 

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