geschichten

Die Geldabluchser. Sequenzen (Fortsetzung)

Ein erneutes Aufwachen im Exil, im Flanieren, Abhandeln des sich schon bald ändernden Ichs (das weiß ich bestimmt, und wenn es hinter der nächste Ecke ist!), ein Verfolger der immer neuen Ansätze und Aufschläge. Der Weg zu den Geschichten. Auf dem Bett wie auf dem Feld liegen, alles ist doppelt vorhanden, jede kleine Spalte in der Wohnung, die ich vor meinem inneren Auge abgehe; die langen Tage mit dem Holz der Dielen und die Musik übertönen selbst die Telefonanrufe. Hier ärgerte ich sie nur, weil sie nicht wussten, was ich zuhause trieb und während sie meine Ängste enträtseln konnten, war ihnen meine Ratlosigkeit fremd. Für sie war ich Ergebnis ihrer Spekulation.

Ich hatte beim ersten Mal gelernt, dass die Geldabluchser einen nicht zu Wort kommen ließen und von der alten Route wegführten. Beim zweiten Mal bestand ich auf dem bestehenden Termin und zog kein Mal den Geldbeutel aus der Tasche. Doch war ich in der Täuschung gefangen: ich hatte zu viel über die Fassade der eigenen Rolle nachgedacht, um zu bemerken, dass er jetzt mich genau an der Stelle haben wollte, wo ich saß (auf einem klapprigen Plastikstuhl in einem Café am Rand der Innenstadt), um nach Geld zu fragen. Erst für den Kaffee und den Tee, dann für seine Zähne. Schon nach dem zweiten Tag setzte die Gewöhnung ein, und wenn es die der Entfremdung war, an einen veränderten Ort zurückzukommen. Sie müssen wissen, wo du herkommst, um dich in ein Gespräch zu verwickeln und ihr diskursives Trickarsenal darauf anzupassen. Bis du ihnen kaum böse sein kannst, weil du froh bist, dass die Begegnung vorüber ist. Der eine haut schnell ab, der andere bleibt stehen, während du dich höflich verdrückst.

Wie unsere Hände fallend den Blicken der anderen entschwanden und das in Heimlichkeit taten, was die Umsitzenden auf unerklärliche Weise bereits hinter sich hatten. So legte ich mich auf die Lauer, ahmte nach, ging Innenweg, lief Rennen, die nur mir etwas bedeuteten und erschlich mir Leistungen und Komplimente. Auszubrechen war das oberste Gebot. Sich anderen Wirklichkeiten und Logiken zu stellen und zu entscheiden, zu gehen oder zu bleiben. Die Arbeit war erst getan, wenn ich eine Liste bestimmter Prinzipien, Bedingungen und Konstellationen erfüllt hatte. Wenn ich es schaffte, mich rauszuholen aus meinen Zwängen und mich vom geschäftigen Alltag und seinen Widrigkeiten in einem anderen Land zu lösen, mich also abzulenken, war es ein guter Tag. So erklärte ich es immer wieder denen, die fragten, wie es mir ginge. Ich nutzte das schöne Verb „wyrywać się“, was soviel heißt wie „fortreißen, herausreißen, losmachen, lösen, ausbrechen“.

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Zielona Góra ohne Diphtong. Sequenzen (Fortsetzung)

„Diese Ordnung in Deutschland, wieso beschweren die sich! Überall Krankenhäuser und ein Arzt sei auch immer verfügbar. Falls dann mal eine Grippe auftritt, wird man gleich eine Woche krankgeschrieben, nicht, wie bei uns, zwei, drei Tage – und Schluss. In Deutschland wissen sie Studierende zu schätzen, Stipendien gibt es, Bafög is ok und selbst Leute, die 1.500 € verdienen, protestieren, obwohl dort auch noch alles billiger is!“

Müde warten die Passagiere auf den verspäteten Zug, aus der warmen Bahnhofshalle treten alle paar Minuten neue, mit Tüten, Rucksack oder kleinen Koffern, dazu viele Alte mit Filzmütze und Stock. Mit ihnen Gespräche über die Zeit, kurze Erkundigungen, Ungeduld. In alle vier Richtungen kann es gehen von hier. Wer hier wohnt, macht sich am nächsten Tag ins Lebuser Land, nach Brandenburg, oder aber, regelmäßig pendelnd, nach Berlin auf. Dem Straßenrand entkommen, behalten die gegen die Kälte Ankämpfenden in der einsetzenden Dämmerung den Fahrplan im Kopf. Der Schaffner hat im Schienenwagen kein eigenes Abteil, sondern macht es sich auf einem Vierersitz bequem und unterhält sich mit der Nebensitzerin in der anderen Koje. Eine Mappe mit Dokumenten auf den Knien, gelegentlich den dicken Fahrplan in den Händen, doziert er Zahlenreihen und beschwert sich über Alltäglichkeiten. Dazwischen presst er die Lippen aufeinander und schaut über seine randlose Brille mit aufgeschlagenen zarten Augen.

Auf den kahlen Feldern, die sich hinter dem Bahnhofsgelände türmen, raucht es bis in die Kleinstadt; und noch weiter, bis an den Sumpf, die Grenze für so viele, das letzte, nicht ausgetrocknete Stück. Dennoch wird gefischt, nebenan beginnen die Kolchosen. In der Zwischenzeit wird das größte freistehende Gebäude gesprengt. In Moskau, so heißt es, soll eine moderne Innenstadt auf dem Feld entstehen, auf dem im Moment nur noch jahrhundertealte Schlösser und Gutshöfe vor sich hin wachsen. Ich träume, ich wache in einem dieser Paläste auf dem Sofa auf. Zuvor war ich in einer mir wiederkehrenden Stadt und nahm bei einer unglücklichen Verfolgungsjagd über Rolltreppen teil. Statt darauf einzugehen, werde ich von den Gastgebern abgekanzelt, als über undenkbare, eingemauerte Fenster in diesem Teppich von Mauern Erde hereinfliegt. Die Halter fliegen zurück und Sekunden in der Schwebe entscheiden. Auf dem Feld, das nun quer hängt, blinken einstige Schiffe und ihre Segel. Am Zaun gespießt sehe ich mich in Zukunft, doch noch halten die Latten.

Hundert Meter höher ändert sich der Name des Nobelortes, der Diphtong entfällt, das k wird härter, sodass es kaum eine Person richtig aussprechen kann. Auch nicht meine Begleiterin, wie mir unser Fahrer von hier erklärt. Er hat uns von der besetzten Villa zu diesem Ort gefahren, da wir uns ein neues Domizil suchen sollen. Wir packen unsere Sachen und schauen den Einziehenden zu. Das sind ganz unterschiedliche, schön anzusehende Charaktere, die sich alles beibringen, nichts fragen. Einer spielt zum Abschied ein Ständchen auf der Ukulele, das er für seine Tochter geschrieben hat. Die Türen krachen. Wir spüren das Schlagen und erzittern durch den Knall und den Wind, der durch das zusehends leerer werdende massive Gebäude bis hoch in den dritten Stock, an die Decke und zurück über die Galerie zieht.

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Reisen auf der Hermannstraße

Gemeinhin, so heißt es, bildet sich der Mensch auf Reisen. Doch damit ist wohl vor allem das Lustwandeln, das akribische Forschen und Beobachten anderer Städte und Landschaften, ihrer Menschen mit ihren Eigenheiten und der Vergleich mit Bekanntem gemeint. Das Unterwegssein zu diesen Stätten, zwischen den Orten, wird hingegen selten erwähnt. Dabei ist es gerade dieses Moment zwischen dem Schon-nicht-mehr, dem Losgegangensein und dem Noch-nicht, dem Ankommen, der besonders reizvoll ist, lädt er doch die Phantasie, die Sinne und die Aufnahmefähigkeit ein. Altes, Gewonnenes, Bewährtes auseinandernehmen und neu zusammenzusetzen, auf dass du verändert, und sei es um einen winzigen Dreh beliebiger Richtung, um damit aufzuwachen und mit neuen Augen weiterzugehen. Dieses Reisen erlebe ich auf der Straße, unweit der ich wohnte, in der ich mich auf dem Weg nach unten immer über den Birkengeruch und den Kaltstrom vom Feld und den Friedhöfen freute.

Da ist z.B. dieser vor sich hinbrabbelnde ältere Mann mit Regencape und Bommelmünze, der aufgeregt kaum das Rot der Ampel abwarten kann. Jetzt, im Sommer (denn seit dem letzten Winter hat sich auf der Magistrale schon wieder viel getan, oder ist es ein Boulevard, der eine ehemalige Flaniermeile außerhalb der Stadtmauern bezeichnet?) trägt er eine orange Schutzweste, die ihn für alle sichtbar unschlüssig auf und ab gehen lässt. „Hallo, hallo – he, Sie!“, das vielleicht eine Zeitlang, um sich einen neuen Platz zu suchen (in Kreuzberg sah ich ihn auch schon). Doch spricht er für sich, schwierig zu sagen, ob er die Vorbeiziehenden sieht. Jedenfalls habe ich ihn noch nie jemanden ansprechen sehen.

Ein andernmal, schon vor ein paar Jahren, traf ich D. Er war seit einer Stunde von seinem Trip runter und wickelte sich in einen seiner beiden Schlafsäcke. Sein ganzes Hab & Gut hatte er neben sich ausgebreitet. Er pfiff, sobald ein Mädchen, eine Frau von fern zu sehen war. Es war drei Uhr nachts und er hatte in den letzten drei Tagen nur einmal aus Erschöpfung, ohne dass er etwas dazukonnte, sechs Stunden am Stück geschlafen. Heute früh wartete er auf eine Verabredung am Hermannplatz, um 8 sollte die sein. Gegen die Dealer um die Ecke, meinte er, nütze nur eine Säge. Er zeigte mir auch sein Messer, das die ganze Zeit unter Decken versteckt neben ihm lag.

Es ist um die Zeit, in der sich Nächte verstärken nicht räumen wollen. Die Restaurants klagen in der Küche, essen noch die Reste von gestern. Wütend stampfen sie im Rhythmus des Radios, derweil sich die Abnehmer kaum retten können.

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121321/4/1 ://

barszene, gemachte musik über schweifenden köpfen, zuschauer herein, hinaus rauchen, vorletzter abend hier {dachte ich da noch, ist immer wohl der vorletzte abend}, der einzige besitzer mit den wenigen grauen haaren, nickelbrille und holländischem akzent nimmt den eintritt zwischen den stücken, kinder der spielenden laufen umher, wo kommen sie her, im takt des jazz, der freien improvisation, die da merkt, sie will die musik, die takte trotzen beherrscht, fließen nicht ab, auch wenn ich wegen meiner geschichten, die story sollte bis morgen da sein, da ist der abend für neue ideen ohne ablenkung bitte gut, beeinflusst werde und ich merke es, doch lasse ich mich nur einen augenblick unbedacht fallen in die szenenspiele der trompete, die schmachtend alle paar sechzehntel versetzt mit dem saxophon und dem bass schnelzt, da das schlagzeug nicht hören will, fällt hintereinander das grundlose abzweigen, fallen die vorhaben in sich zusammen, doch das war geplant, nun einen vodka für den trompeter, die vorige band klatscht, eine große familie, die da zusammengekommen ist und hier jeden tag spielen könnte, in dem laden mit der goldenen decke, den verschachtelten hinterräumen und der blumentapete, wir müssen gehen, jetzt gibt es da doch eine story über ein paar, die fiel mir noch ein und die muss ich doch aufschreiben, die geht ungefähr so, als sei das die letzte szene, die bar nebenan, wir wollten alles von uns hören und bekamen alles, und als wir uns die füße vertraten, waren wir uns nicht sicher, ob wir noch mal rausgehen wollten, konzerte ließen uns zu laut denken, wir stiegen dennoch rein

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Britische Skizzen 2

I

I’ve been here before.

4:47: Abgeschiedene platte Heide, Nebelschwaden am Himmel und zwischen den säuberlichen Alleen von Laub- und Nadelbäumen. Als ob Schilfgräser von oben hingen, drängen sich die Möwen mit ihrem Seetang heran, die Schifssirenen hallen auf dem Bahnhofsvorplatz wider, gebrochen durch die Hochhäuser reihum. Es klart auf, nach 9 tauchen die ersten Reiserucksäcke überpünktlich.

„This is Lille, Gare de l’Europe, Station of Europe. Five people get out, twelve come in on our way to London.“

Wir hörten die folgenden Gespräche des Busfahrers mit den Ein- und Aussteigenden. Irgendwo und ganz in Europa, ein Apfel ist für die letzten fünf Stunden geblieben.

„Ten past one we are leaving, with or without you,“, that’s a song by U2.

Von hier geht es ab nach Paris, nach Brüssel und London (für die Züge in die britische Hauptstadt gibt es sogar eine eigene danach benannte Bahnhofshalle.

Die in die Luft sich schraubenden Autobahntrassen geben in ihren Räumen darunter und daneben den Blick frei für ausufernde Promenaden von Büschen, waghalsige Graffiti und, zwischen zwei fünfzig Meter voneinander liegenden Leitplanken der beiden Highways, ein Wagenplatz, aus Wohnwägen, Containern und Plastik. Kinder tollen herum, Männer in Unterhemden scheint der vorbeizwischende Verkehr nichts auszumachen.

Extra-Stellplatz für Busse und LKWs: Erste Personenkontrolle, anschließend Gepäckkontrolle. Wenn sie eine illegalisierte Person an Bordbefinden sollte, so berichtet der Busfahrer, würde er eine Strafe von 3.000 € p.P. bekommen. Ich frage mich, weshalb der redselige, gut Englsich sprechende niederländische Mann das sagt.

Wir mussten eine Person zurücklassen, ich habe es nicht gemerkt, kannte die Leute aus dem unteren Teil des Busses auch nicht. Jetzt muss er auf den nächsten Bus in ein paar Stundne warten. Der Busfahrer wisse nicht, woran es liege, manchmal an den Papieren, manchmal am fehlenden großen Lächeln.

Farblose Gefangenentransporter von 1994, drei Zäune dazwischen, Hochspannung, Kameras, CCTV – Betonstraßen führen durch diese unkenntliche Landschaft, Uasdruck des Staatsapparates und Grenzschutzes, der sich an manchen Ecken verflüchtigt, ins Innere oder manche Personengruppen gehaftet, zurückzieht, an manchen Grenzen umso gepanzerter hervortritt . Rauchen oder Fotografieren innerhalb des Waggons nicht gestattet, weil dies mit dem Feuermelder kollidiert. Und dann entstehen neue Zäune und Mauern gegen Migrationsbewegungen, die, als „illegal gebrandmarkt, im Niemandsland gelassen werden.

„We drive on the left, we pay in pounds and we arrive quarter past six English time – British.“

II Widersprüche der Klassengesellschaft

Wenn alles einen Namen hat, fügt sich leicht die Definition und Beschreibung hinzu, eine Geschichte ist schnell erzählt und schon ist eine Stellung im großen hierarchischen Netz der Gesellschaft hergestellt.

Sowohl solidarisch als auch in Konkurrenz.

  • Selbst bei denen, die es eigentlich wissen, kommt es nicht selten vor, dass sie Leistungsbereitschaft und Aufopferung, die so nichtig im neoliberalen Kapitalismus als Legitimationsresource (sie machen es ja freiwillig, jede Arbeit ist sinnstiftend!“) geworden ist, zur Schau stellen, es ist dies in unserer Gesellschaft weithin akzeptierter Versuch, von andere wahrgenommen, geschätzt und geliebt zu werden.
  • Du musst herausstechen, gut eund erfolgreiche Dinge tun, das gilt für jede Person, es ist fast ein spiritueller Glaube, abngesichts der absurden und hässlichen Realität (die allerdings, immer positiv denkend, angenommen werden muss), der da geteilt wird. Eine Person aus der Gemeinschaft muss es schaffen – und wenn ihr die anderen Leute helfen!

III

Go out and cheat the murals
By trembling finger movements
Shifting corners aside my role
Upliftung you in frank and fortune manner,
Seagull fashion costy pedestrian when everything
You fought for has to be regained
Croaching comments, chatty table
Games, saucy evening match, I like
The way the wind here casts its shadows
Completely ignorant and caressing
Dotting rumours like flashlights

IV

Hoffen auf Effekte, du machst nichts ohne Zweck, materialisiert in den Körperfalten, Projektionshülle, warmer Honig des Morgens, Wasserfallstauden, no man’s land, im Besitz. Jetzt sieh zu was du machst mit all den Zeilen. Ah ja, es muss leicht kalt sein, Juni, oder aber September, wolkenverhangen, doch licht, wie an der See.

V

Wieso können nicht alle überall sein? Wieso achtet in dieser geschlossenen, segregierten Stadt kein autorisierter Mensch darauf, dass ich diesen Platz einnehme? Nur in der Literatur ist sowas möglich, aber wo sind die ganzen Schriftsteller*innen?

Schlage mich in reichen Gegenden mit Kaffee und Brötchen durch. Neben mir: Maserati, Bugatti, Ferrari and the likes. „Willkommen in der Neuen Normalität“. Ich habe verstanden: „Die Welt ist montiert“.

 

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Warszawa im April

12/4/2010
Auf der Bank neben mir schreibt auch einer und spricht sich´s laut vor. Für andere, z.B. hinter uns, ist einfach Frühling. Erst seit einigen Jahren wird überhaupt gepflanzt. Trompeten, Soldatenpatrouille. Der Boden vor dem Palast und vor dem danebenliegenden Luxushotel, wir sind in der Prachtstraße, Königsweg, übersät mit Grabkerzen. Überall an Häusern, Autos: Fahnen. Und noch immer laufen sie gut bei den Straßenhändlern, zumindest die kleinen und natürlich die Kerzen; ein persönliches Gedenken. Die Leute schieben sich in zwei Strömen vorwärts, Pfadfindergruppen bitten um Abstand, sammeln umgekippte, erloschene Kerzen ein, fleißige Bienen mit Wappen und Handy und Selbstvertrauen. Das Vorgeredete neben mir Französisch. Zwei Tage nach dem Absturz; nur der Himmel ganz hinten zieht in Streifen auf. Die Trauertrompete kumuliert, setzt wieder und wieder an.

Schnell werden an die üblichen Fähnchen noch kleine schwarze Streifen geschnürt. Verkäufer diskutieren über die Aufteilung ihrer Waren am Stand. Die dicken Autos tragen Fahnen, wie zur gleichen Zeit in zwei Jahren. Ein junger Mann hat eine riesige Fahne hinten im Rucksack. Die Opfer heute stehen für die Opfer damals. Der ranghöchste, der wichtigste im Staat, Präsident, stellvertretend für alle unschuldigen Opfer, hat Großes getan für sein Land und wird deshalb neben anderen Großen, Wohltätern, Landesvätern und Poeten, gemeinsam mit seiner Frau unweit Marschall Piłsudskis, des Einigers und Alleinherrschers Polens nach dem 1. Weltkrieg, beigesetzt. Zur offiziellen Trauerfeier am Wochenende (Plac Piłsudski, mitten in der Stadt) werden bis zu 1 Million Menschen erwartet, gut 40 % Warschaus Einwohner. Den Tag darauf, in Krakau, zur offiziellen Beisetzung in der Kathedrale neben dem Königsschloß Wawel mindestens ebenso viele. Man solle nicht mit dem Auto kommen und am besten außerhalb des Stadtrings bleiben, wenn man dies schon, die Fahrt nach Krakau, als Ausdruck seiner stillen Anteilnahme sieht, rät der Bürgermeister. Bis zu 2 Millionen könne die Stadt aufnehmen, weiß man vom Begräbnis Karol Woityłas vor fünf Jahren.

Als hätte die Fahne immer drei Farben gehabt. Frühlingsdämmerung. Schäbige Parks plötzlich in grün. Flieder endlich & gelbe Blüten. Eine neue, im Vergleich zur Schneegrelle ganz eigene Helligkeit, die sich aus der Reibung der Luft ihre Wärme und ihren fahlen, betörenden Schimmer nimmt.

19/4
Der erste Frühlingsregen, leicht prasselt er und nässt nur die Kleider. Die Karawane auf dem Königsweg kommt, abgesperrt von der Polizei, heran. Der Regen hat die meisten der Blechbläserkompanie überrascht, aber doch nicht alle…einige haben ihre Noten in Plastik. Der Sarg ist auf einer grünen Geländewagenlimousine gebahrt. Priester davor und dahinter. Unabhängig vom Anlass: Das Wetter ist beschissen und wir unserer dünnen Tracht sind ganz schön arm dran, denkt sich einer ohne Kappe. Pferde begleiten den Zug, das Mittelalter an den Hufen. Es folgen Knappen und Bürgersleute in fünf verschiedenen Farben, mit Wedel am Hut, auch sie ungnädig des Wetters. Pfadfinder halten schon seit jeher Wimpel an Stangen; die Ärmel hochgekrempelt, begleiten sie die letzten Karossen und bilden die Nachhut. Nach ihnen ist die Straße leer. Wie lange sie wohl noch gesperrt ist – bis die Staatsgeschäfte wieder anziehen?

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Pappwelt

Einmal fand ich nicht, was ich suchte.

Das Regal ist voller Bücher, aber das eine ist nirgends. Nebendran gehen die Reihen weiter. So entdecke ich einen neuen Raum, indem ich auf die andere Seite gehe. Und siehe da! Weitere Bände, schön protokolliert, als stünden sie schon seit Jahren hier. Ich wende mich nach erfolgloser Suche nach rechts – ein neues Regal erscheint und ein Klappmechanismus führt in den hinteren Teil. Abgesegnet mit Karten und Plänen nehme ich zögerlich die Arbeit wieder auf, kaue alte Akten durch. Im Halbschlaf sortierend gebe ich eine Bücherwand ab und tausche sie gegen Lebensmittel in der Stadt. Kurz: Ich verarbeite meine bisherigen Ideen, Ausflüge, Niederträchtigkeiten und Extravaganzen, bleibe auf einem kümmerlichen Haufen sitzen, der mir zwar das Zurechtfinden im Gemäuer erleichtert, doch mich sitzen lässt auf meinem Selbstmitleid, das sich auch noch durch die verlorenen oder nicht wohl bekommenen Geschichten vergrößert und mich in einem gereizten Verhältnis zu meiner ganzen Erinnerung zurücklässt. Hätte ich nur nichts ausgegraben und die Dinge an ihrem Platz zum Verstauben gelassen! In den Betonschächten finden sich die Automaten, an denen du das in Plastik eingewickelte Paket voler Bonbons kaufen kannst, schön ausgerechnet; die Leute leisten sich diesen Weg, entlang der längst stillgelegten Schlote und weit nach hinten ragenden Schlachthöfe.

Unbewusstes befindet sich in der Stadt, die meine Sprache erst schafft. Hier gibt es keinen Spiegel, keine doppelten Böden, nur eine eingesetzte Wand. Der Biograph wird sich freuen, der Zusammenbruch ist erzählt. Die Menschen langweilen sich und hören doch nicht auf. Das Ende der Geschichte ist, wenn alle einmal etwas gesagt haben. Meine Ereignisse, meine Anstrengungen sind zu Punkten am Kopf angewachsen und fangen immer häufiger an zu drücken und zu pochen. Kaum zu glauben, dass alle in diesen Wörtern denken sollten. Die Spielerei fängt da an, wo aus dem Sinn etwas Neues gemacht wird, wo die Mundstücke unserer erfundenen, nicht einmal begriffenen Sprache von uns abfallen, oft ohne dass wir es meinen und ohne uns zu verabschieden.

*

Wieder draußen, ein letztes Mal arbeite ich im Geschäft hinter einer Tür. Auf dem Weg tauchen schon neue Zeichen auf, sie fallen auf in dieser anderen Welt, wenn sie auf Stickern an den vielen perlenden Hauswänden und ins Gebüsch gesteckt aufblitzen. Dann strahlen sie durch, auch wenn sie abgerissen werden, sie bedeuten nichts, nur eine Erinnerung, können aber auch verkauft werden und verstellen die Sicht. Von der Angst hinausgetrieben, nicht entscheiden zu können, ist die Welt größer und größer geworden. Ich muss nicht fliehen. Der Platz wird Stadt, die Stadt Land. Ein Feld an der Autobahn außerhalb der Großstadt taut auf, wenn du dort ausgesetzt wirst. Ich glaube daran, dass sich die Geschichten, die sich aufeinander bezogen, finden und zuordnen lassen, in der richtigen Reihenfolge. Es ist leicht, immer wieder anzufangen und alles zu zerstören. Diese Pappwelt klappt aus Unkonzentriertheit, durch Frustfouls, technische Unzulänglichkeiten, vor allem aber durch kostenlose Ablenkung (Hotelbetten, da war schon wieder einer ins Netz geraten!) nicht. Für mich wird sich, wird man sagen können, viel zu viel interessiert. Unsere Geräte sind harmlos gegenüber denen der Alten. Wir kämpfen auch nicht. Die Linie zwischen Niederlage und Sieg sei nicht mehr so leicht zu ziehen, heißt es.

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Ich packe meinen Koffer mit allen Sachen, die ich für draußen brauche: Äpfel, Bücher, der Laptop, Stifte, ein Schluck Wasser, Zigaretten. Anstatt aber aus der Tür zu gehen, überlege ich es mir anders, stelle meine Schultertasche wieder auf die Dielen und reise im Zimmer umher. Dazu stelle ich jeden mitgenommenen Gegenstand an einen anderen Platz und frage mich, was er dort macht. Ich folge einem eigens gesteckten Pfad und betrachte die neu erblickten Stifte wie zum ersten Mal. Schon versuche ich sie aufzunehmen und ein Blatt Papier in dieser unübersichtlichen Weite zu finden, damit ich etwas zeichnen kann, doch andere Bilder verstellen mir nur meinen Weg und ziehen mich weg. Dazu noch: es sind zwei Zimmer, zweieinhalb, genauer gesagt, die, durchginge man sie nacheinander, einen wieder an den Ausgangspunkt zurückführten, mit niedrigen Räume, die vom langen hölzernen Flur abgehen. An der Seite wurde jeweils ein kleiner Durchgang geschlagen, wo es eben nötig war. Ein Kammersystem, rechts vom Flur (vom Eingang aus gesehen) das Wohnzimmer und das Schlafzimmer, gerade durch die Küche mit Fenster zum Hof. Daneben der Durchgang zur Kammer, die durch das Hochbett als weiteres Schlaflager genutzt werden kann. Dann eine Tür zum Klo und ganz hinten, wieder am Eingang, das schmale Bad mit Wanne.

Mit hemmungslosem Glucksen und der freudigen Erwartung, dass etwas Unvorhergesehenes eintritt, machen wir uns auf. Alles ist wie zum ersten Mal, wie der Frühlingsgeruch, der sich über den Boden wie eine Staubwolke ausbreitet; wie ein Zwölfjähriger mit Musik am Fahrrad, der wieder und wieder durch die Straßen seines Reviers und um die Ecken kommt. Was ihn erwartet, ist das Größte, was passieren kann. Er hat um sich kleine Inseln gebaut, alle in Reichweite eines dreibeinigen abgeschliffenen Stuhls, mit dem er auf dem Wasser steuern kann. Er besitzt ein Rahmenwerk, das heute niemand mehr herstellen kann und das mit doppeltem Papier versehen ist. Mindestens eine Seite ist vollgeschrieben mit Traktaten über geplünderte Schulen, den Nutzen von Deckenlagern während einer Besetzung oder die Umschreibung von Orten, zu denen niemand hingelangen möchte, weil der Anschluss zum Alltag fehlt. Der Boden verschwindet zugunsten der höheren Bettebene aus Regalen, Kommoden und Tischen. Hier liegen, seit Monaten, Stapel von Aufzeichnungen.

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Die Jugend ist meine erste Moderne – ich falle in unterschiedliche Räume und weiß nicht mehr, wohin. Als Pathologie einer ortlosen, umhertreibenden Suche nach dem Gegenraum, der mitkämpft. Neben dem System aus Räumen gibt es sich überblendende Collagen, die mich nach einiger Zeit von der Existenz dieser anderen Welt überzeugen. Mag anderes da draußen vorgegangen sein: die, die mich hier beobachten, werden es wissen: Wie fühle ich mich enger an mich gebunden und so als Meister meiner Lage. In Gedanken an meine Taktik verschwimmen die Richtungen, aus denen jetzt gleich ein Auto hält. Als die Straßen noch betrunken waren, klammerte ich meine Träume in die Gebüsche und wenn diese überschwemmt waren, dann schwebte ich, gebunden an die Halter der vielen Punkte auf dem Schiffswrack, das aus vielen Schichten Holz aus der Sezession bestand. Im Maschinenraum schmolzen sie Plastik ein und formten kleine Flügel, Spielfiguren und anderes vermeintlich unnützes Zeug, das dann die Ecken bevölkerte und jede Spalte als neuen möglichen Durchgang zum nächsten Level betrachtete. Später baute ich mit zweien meiner Freunde, die ich einweihte, schließlich unsere Hütten. Wir machten die Entdeckung, dass wir einen Ort gefunden hatten, der uns völlig unterstand.

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Als wir auf den selben Raum zusteuern, war es zuviel Gemeinsamkeit. So suche ich einen eigenen neuen, wo die Gesetze der Kunst, der Industrie, des Hungers, der Jahreszeiten, der Stadt, der Natur und der Installationen von Großprojekten nur noch die verloren Huschenden zum Weinen bringen sollen. Worte werden hier eingespeist. Kein Mensch da, alle in Anzügen, außen geht es steril und sicher wie nie zu. Obwohl der Raum vor Explosionen nicht ausreichend gesichert ist, glaubt niemand verschont zu werden. Eine Umdrehung hinter der nächsten Kurve, noch ein Lachen, obwohl noch nie was Ernsthaftes geschehen ist. Nur so gehen sämtliche Gezählte miteinander um. Domestizierung durch Geld, Schrift und Zeit; dazu der Glaube, die Schuld. Die Hoffnung, das Getriebensein zu lieben, es zu wissen und nicht zu wissen, zwischen den Seiten, da wartet ein Überhang, im Winkel davor lässt sich’s gut schlafen oder so tun.

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Einmal gehe in einen Kinosaal. Seine Fläche ist durchpflügt von winzigen unbewohnbaren Flecken auf der glatten Meeresfläche, die sich vom Horizont abheben. Auf einer dieser Inseln gibt es kein Ende, nur ein paar Aufgaben zu erfüllen; selber lässt es sich gut ein paar Monate dort aushalten. Bleibt weg! Doch wenn Kämpfe zu Regeln werden, sind sie eine Gefahr und nicht mehr nur selbstverwaltetes Risiko. Ein paar Registerkarten sind jedoch in der Hand geblieben. Eine nach der anderen habe ich in den letzten Jahren getauscht, gekauft oder aus Taschen anderer geklaut. Sie streue ich nun nacheinander aus, in der Hoffnung, sie würden sich von selber in die Szenerie einfügen, sich verteilen und mir die Verantwortung abnehmen, weiter über mich reden zu müssen, bis die ungeschützten wunden Punkte nur noch durch ein Kellerverließsystem zu erreichen sind. Die Gegner bestimmst du.

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Nichts darf wiederholt werden, nicht mal in Träumen, violett und orange (während das Wachsein in Blau und Gelb läuft), in Kästen und Schachteln gebaut, in den zweieinhalb Zimmern: dem staubigen, dem überschwemmten mit Hochbett und dem sonnigen, geräumigen, aufgeräumten, mit Küchenschrank und Blick aufs Feld. In den verschlungenen Murmelwegen durch die hügelfarbenen Wiesen versuche ich zu beschreiben: Was dazwischen liegt, mich bewährt, was ich trotz Widerstand mitziehe. Ein Kunststück aus Pappe und Holz verzerrt die Vernunft und die Taschen werden Spionagehallen, vollgestellt und überwacht. Dem Schutz der Zugeständnisse ausgeliefert, hilft nur Musik und Alkohol, die ich zu mir nehme, ohne es zu bemerken. Wie ein Duo höre ich den Konkurrenten mich nachsingen. Allein bin ich nie, da sind Kontrabass, Cello, Bratsche, Violinen, ein Schiffsjunge am Xylofon, weiter hinten kommt die Querflöte und die Klarinetten, am nächsten Tag steigen das Fagott, das Horn, die Trompete, Posaune und die Tuba zu. Die Figuren auf den Plateaus beginnen zu singen, die wollen sich bewegen und zum nächsten Ausgangspunkt gehen.

An immer mehr Stellen platzen die Widerscheine und anstatt zu grillen und ein weiteres Mal den Bildschirm zu kontrollieren, wenden sie sich ab und ordnen sich neu. Eine Höhle aus Schachteln verwendet Decken, über die ich stolpere. Ob im Feld, auf dem Baum, bei der Baustelle – überall wimmelt es von ausgebreiteten Gegenständen. Sie leuchten falb und ich gehe noch einmal in den Ort. Das heißt: Die Dinge erscheinen plötzlich ungleicher verteilt, eins wichtiger als das andere. Die Worte klingen nicht wie die Bedeutungen, die verführen und es zu einfach machen. Fantasie: Löcher wie von einem zerlegten Raumschiff. Der Rhythmus der Tagesarbeitsstellen blinkt ohne Vergangenheit und ohne Zukunft in Türmen von zehn Metern Höhe (so dass ich sie nicht übersehen kann) im Abstand von anderthalb Metern (dass ich zwischen ihnen stehen und umherlaufen kann); und gleichzeitig flirren die Hologramme auf.
Vor mir liegen die Wünsche und die langen metallenen Bachlandschaften, in denen ich warten muss und für die sich Exegese nicht lohnt. Manchmal erscheint kurz eine Leiter zwischen den Türmen. Sie führt zu einem einzigen Punkt, mal ein Keller, ein Bürofenster, mal endet er im Grau der Wand und es ist nicht sicher, ob es dort überhaupt weitergeht. Dann ist der Tag vorbei. Vielleicht ist es auch nur so einfach.

Ein Ort, in dem Eintritt verlangt wird, der sich in weitere Türen und Räume spaltet; eine zweite Ebene, ein Wortgefecht zur Einstimmung, der Stempel fehlt, es duschen welche nackt, Drinks werden fabriziert, Nacht. Auf gut Glück kommen Reisende in zwei oder drei Löchern in hinteren Teilen der Räume, auf Pritschen, unter.

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Piemonter Skizzen

Ich lasse den getrunkenen Kaffee stehen, blinzle nicht, bin nicht zu höflich; die Zeitungen sind schlecht, Touristen verirren sich augenmerklich; die Torbögen sind geputzt und die Zeitungen schlecht; Menschen schlendern, bis eine Gruppe an der Ecke haltmacht. Ein Espresso kostet den Euro, den er kostet.

Fontänen mit dem grünen Bullen, um den Druck von den umliegenden Talquellen zu nehmen. Fürstenpaläste mit Kammern für den höheren Adel (wie in Lviv) und Autos oder Geschäfte, die einen Freskenhof als Abstellfläche nutzen; Geometrie, sodass sich das Zentrum der Piazzen schon nach wenigen hundert Metern zurückzieht und einem verschwenderischen Art-Deco-Barock weicht oder an Bauhausstil gemahnenden strengen 30-Jahre-Avantgardebau aus Bukarest. Die Plätze sind hier die großen Straßen und der Asphalt narbt sich, reicht aber bis zum ersten Stock der verzierten Häuser, die steinern oder eisern zart sich aufplustern. Klassenliebe, aus Verachtung gegenüber der Bourgeousie, die die Gegend zugrunde richtete.

Der Körper wird schnell müde in dieser Stadt voller Reiterstandbilder, von der sich Skopje noch eine Scheibe abschneiden wird, mit seinen Automaten für Kondome, 5-Centissimi-Wasser, kalt oder sprudelnd, voller Abwasserrinnen, die Gehwege sein sollen und die Passanten und die Taxis wunderbar umschlingen vorbei an durchsichtigen Pavillons vor den Ein-Frau-Cafés.

Computercheck, zuerst dachten wir, sie nehmen nur die Pässe, „asylo politco“, erst muss er seinen Status verlieren, dann kann er seine Familie in Italien besuchen. Sie werden herausgebeten, einer mit pakistanischem Pass, neben mir. Wir stehen bei laufendem Motor unter Betonwänden. Doch davor schon, ein Hauch von Grenzen, soziale Undurchlässigkeiten auf der Fahrt von Berlin nach München. Es tat gut, mit Alex Englisch zu sprechen, v.a. da er es verstand. Wir saßen im Auto bei einem französischsprachigen Schweizer, Fred. Alex war aus Stockholm, seine Mutter kam mit 13 Jahren aus Rumänien, sein Vater mit 2 aus Serbien, da sein Vater in Schweden eine Anstellung gefunden hatte.

Alex ist Parcourkünstler und verlor, zusammen mit seiner neunköpfigen Gruppe, sein ganzes Reisegepäck in einem abgelegenen Stadtteil von Barcelona. Sie waren auf Rundreise und um zu trainieren und nun waren ihre Autos ausgeraubt worden. Aus Frust fuhr der Rest zurück, Alex weiter durch den Westen des Halbkontinents, standete in Berlin und traf mich an der Raststätte Nikolassee, weil ihm ein Freund den Tipp dieser guten Trampgelegenheit gegeben hatte.

In einem neuen Rucksack hatte Alex eine Hängematte und einen Schlafsack und noch ein paar übriggebliebene Klamotten. Wenn er an der Raststätte Nürnberg-Feucht nicht weiterkäme, würde er in dem Waldstück nebenan aufschlagen, gerade bei den zwei Kiefern. Er sei hart im Nehmen, wurde ihm gesagt.

 

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Dritter Auszug aus der geplanten Reportage „Hin und Her. Von Katowice nach Istanbul und zurück“

Sarajevo ist ein Planet, eine ewige Improvisation, in der die Kinder zu schnell aufwachsen in ihren gestreiften Turnhosen, den großen Brillen und weißen Lederjacken. Sie alle tragen gefälschte Converse; junge Frauen sind wieder bei extrem hohen Absätzen oder den Dickies. Es ist nicht friedlich, die Welt findet kein Ende, nebenan werden Menschen geboren. Und trotzdem haben sie ihren Alltag und das Gefühl einer in der Gegenwart aufwachsenden Jugend. Sie schauen auf ihren Tablets Filme oder sehen sich die neuesten Fotos ihrer Bekannten auf Facebook auf dem Smartphone an. Nur keine neue „safe area“ wie in Srebrenica am 11. Juli vor erst 20 Jahren! Im zeitgeschichtlichen Museum des Krieges war die Rede von der Erfindungsgabe der notleidenden Bevölkerung, die in Hinterhöfen, auf Balkons und in Innenräumen ihr eigenes Gemüse, Kräuter und Kartoffeln anpflanzten. Zuletzt aßen sie nur noch Wurzeln, Zwiebeln oder geräuchertes, in Zeitungspapier eingewickeltes Tean. Wie viele begraben liegen auf den Hügeln ringsum wird nur geschätzt. Die Chetniks haben sich des letzten Totendienstes angenommen.

Im Untergrund versuchten Künstler und Aktivisten, Theaterstücke auf die Bühne zu bringen, Ensembles probten, bevor sie wieder an die Waffen geschickt wurden. Susan Sontag, die damals noch lebte, kam und inszenierte mit SARTR, dem „Sarajevo War Theater“, Becketts „Warten auf Godot“. Zubin Mehta dirigierte noch mitten in den Kämpfen das Mozart-Requiem. Das war am 19. Juni 1994, ich war 7, gerade dabei, die erste Klasse zu beenden und hatte den letzten langen Sommer. Ich schätze, viele dachten, diese Auseinandersetzung wäre das letzte Zucken eines alten Jahrhunderts voller Konflikte, die Feuerprobe für die UN und die NATO, der Weg zu einer neuen supranationalen Diplomatie, sprich, die Ausnahme, die die neue friedliche postkommunistische und postmoderne Weltordnung bestätigte und Kriege über Science-Fiction in die Zukunft vorausschickte und abgrenzte. Vom Krieg hörte ich im Fernsehen, er kam mir unglaublich weit weg vor, der Rand von Europa. Dass mein bester Freund, dessen Vater Arzt war, wenige Monate später für zwei Jahre in die USA ging, war auf der einen Seite noch weniger fassbar, doch durch die Ferngespräche ein- oder zweimal im Monat waren die USA näher als der Balkan. Das wäre so geblieben, wäre ich nicht nun einmal hiergewesen.
Es genügt ein Tag, um zu begreifen, wie viel Europa in dieser Stadt steckt, wie viele Einflüsse und Dissonanzen. Haris meint, dass es zu jugoslawischen Zeiten besser gewesen wäre – die Leute hatten wenigstens Arbeit gehabt. Er ist froh, nicht in der EU zu sein. Sie wollen eine New World Order, eine Weltregierung und die Leute unten halten. „Für uns interessiert sich sowieso niemand!“ Seit ´95 sagen sie, dass es besser werden würde. Schon jetzt seien sie am Boden, die Arbeitslosigkeit nach offiziellen, geschönigten Angaben bei 28%. Und dennoch: selbst in der Hauptstadt regt sich kaum Widerstand. Vor ein paar Monaten gab es mal gegen die Situation im Land eine Demonstation, zu der vielleicht 500 Menschen kamen. Der „Bosnische Frühling“ 2015, in deren Folge einige Beamten in den Verwaltungen, dauerte nurmehr einige Wochen, als so viele Menschen auf die Straßen gingen wie nie zuvor, allerdings nur im bosnischen, zwischen muslimischen Bosniaken und bosnischen Kroaten stark segregierten Teil. Arbeiter_innen zündeten die Verwaltungsgebäude von Tuzla, Mostar, Zenica und Sarajevo an. Studierende und politische Aktivist_innen, die dazustießen, kämpften mit der Polizei und zelteten auf öffentlichen Plätzen. Es gab hunderte Verletzte und Autos, die vermeintlich Politiker_innen gehörten, brannten an allen Ecken. Neben einer Reform des Pressegesetzes forderten die Demonstrierenden ein Ende der Korruption und Kürzungspolitik, transparente Wahlen und ein neues Wahlgesetz.

Während wir diskutierend über die Geschichte Jugoslawiens und Bosniens durch die Straßen ziehen, sind die Einschusslöcher weithin sichtbar, wie Ornamente ranken sie über die Mauern, aus denen zum Großteil das österreichisch-ungarische radiert wurde. Was bedeutet eigentlich das Wort „Herzegowina“? Ab und an meine ich, J. schon irgendwo gesehen zu haben, kann mich aber nicht entsinnen und ärgere mich darüber. Ich mag seine direkte Art und dass sich gut mit ihm diskutieren lässt, aber auch, dass er schwer zu beschreibende Gefühle dennoch versucht, in Worte zu fassen. Mich erklären zu müssen, hatte ich auf der Reise fast vergessen, zu erzählen, wie es in Polen war und was das Jahr für mich bedeutete. Andererseits: Hatte ich nicht schon währenddessen fast zuviel darüber nachgedacht oder zumindest in vereinfachenden Worten darüber gesprochen?

Das Grün der Straßen wandert auf die Balkone. Obwohl Hochsommer, ist die Stimmung frühlingshaft: viele flanieren, ältere Männer spielen seit Stunden auf öffentlichen Steinschachplatten und trinken dazu Tee. In einer Bar neben dem Boulevard höre ich nach Skopje erneut die wunderbaren „Stone Roses“ mit „She bangs the drums“. Danach noch Bijelo Dugme, J. schreibt mir den Namen auf eine Papierserviette, er war es, der den Rock´n´Roll nach Jugoslawien brachte. Ich beschließe, auf meiner letzten Station, in Zagreb, acht Stunden von hier mit dem Bus, nicht lange zu bleiben. Sarajevo ist zwar kurz, aber vollgepackt und soll meine letzte große Etappenstadt sein. Nach drei Wochen unterwegs bin ich müde geworden. Nicht dass ich zurück will und Vertrautes um mich herum brauche; aber ich habe mich genug verändert.

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Zweiter Auszug aus der geplanten Reportage „Hin und Her. Von Katowice nach Istanbul und zurück“

Als letzte Fotoeinstellung aus der Stadt dient ein Polizist, der sich von seiner Gruppe, die die mit Graffiti bemalte Seitengasse absperrt, löst und sich auf die Bar zubewegt. Wir sitzen draußen an kleinen Tischhockern. Ein paar hundert Meter weiter entfernt auf der Hauptstraße Istaklal Caddesi haben sich Menschen zu einem Sitzstreik vor einem Konsulat zusammengeschlossen. Vereinzelt rufen sie, während ein großes Banner vor ihnen auf dem Boden liegt und sie sich austauschen oder Kraft und Konzentration sammeln. Der erste Uniformerte daneben hat die Hand an seiner Maschinenpistole, dahinter eine Reihe Schutzschilder aus durchsichtigem Hartplastik. Normalzustand, während die Hunde ihre Übungen machen und ihre Waffen schaukeln. Ein Schloß öffnet sich im Kopf, sagt die Wand, Werbung, abbiegen, Gandhi, love me. Daneben die Ermorderten, deren Gesichter so jung sind wie die der Umsitzenden. Ihre Namen oder Gesichter habe ich schon auf in die Luft gehaltenen Schildern auf Solidaritätsdemos rund um das Kreuzberger Kottbusser Tor gesehen: Ali Ismali Korhag, Medeni Vildirim, Abdulah Cönert, Achmer Ayuahtan und andere. Wir werden überwacht, doch ein grünes Blätterdach schützt und Türkisch, Englisch, Französisch, manche Küsse vielleicht. Ich stehe neben mir, an der Bar soll ich fordern, nicht fragen, erklärt man mir.

*

Die Gesichter sind jung. In sie lässt sich hineinzoomen, während sie um sich sehen, rauchen und sich langweilen. Kaum lässt sich vorstellen, dass diese vor zwei Monaten im Gezipark um sich geschlagen haben, Reizgas in die Gassen versprüht haben und mit Plasikkugeln um sich schossen. Wir tun, als sei nichts, als gebe es die Polizeiblockade nicht. In den Passagen und Bars in Beyoglu ist jedes Gespräch verdächtig. Kein Wunder: Jede Party hat ein Motto und die orientalischen Muster auf den Touristenkeramiken deuten in die falsche Richtung. Die Verschwörung fängt beim Straßennetz und den Entzifferungen statt. Eine Front von Freitagabendshoppern lässt keine kontrollierte Durchsuchung zu; die Verwirrung hält an, weil sich am nächsten Tag niemand von der Straße der eigenen Doppelrolle entsinnen kann und die Einkäufe dementsprechend vor Unglück an die Brüder und Schwestern (von denen sie ein Teil sind) in den Hinterhöfen und Anklagebänken spendet.

Die Leute weichen sich dabei noch aus, sie nehmen die Umstehenden wahr, die Geschäfte werden mit einem Schlagabtausch besiegelt und ein Gespräch verläuft wie einer Achterbahn, von Kreis zu Kreis springend. Schon am Morgen wird viel in die Luft telefoniert, kaum wird nach Atem gerungen, obgleich ich nicht wirklich ausmachen kann, wovon die Rede ist. Nur tauchen einige Lehnwörter aus dem Französischen auf. Sie werden auch so ausgesprochen: „réservation“. Es fängt mit der Sprache an: Die Wörter sind wichtiger als als ich, die Wörter sind unwichtiger als ich, Sprachen wechseln Münder. Die Zunge umrandet das, was wir tun.

Der nächtliche Rummel ist leicht zu entzünden. Trotz der Ohnmächtigkeit, der vielen Kaffees und der Geschäftigkeit, die ein Auskommen voraussetzt, sehen sich die Menschen im Mittelpunkt der Stadt, sind dabei noch ausgelassen. Es erinnert an Belgrad, die lila Kreisel der Verkäufer, die vielleicht fünf am Tag für elf Stunden unbewegliches Stehen und Auffangen verkaufen, ziehen in den Nachthimmel, die Händler schweigen vor ihrer Meute, während schon seit Stunden geduldig der Besitz geteilt wird. Verständnisprobleme werden gar nicht erst zugelassen, in Sekunden können sich hier Allianzen bilden, von denen bisher niemand wusste. Ich kann die Regierung verstehen: junge Leute in Gruppen sind immer auf etwas aus und gefährlich.

Wiede -22-10-13-f1-021

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Lviv im Oktober

Ich verfolgte die Autostrada mit 180, bis das Taxi den schon auf mich wartenden Bus einholte. Ungläubig blicken mich die ausgestiegenen Passagiere bei Filterkaffee und Dämmerung an, sie freuen sich über die unverhoffte Pause. Das Gepäckfach öffnet sich nach mehrmaligem Drücken der Armatur. Sie haben Zeit, aber machen sich Sorgen.

Der Oktoberschaum hält die tiefschwarze Nacht zusammen, die nur Betriebe und Tankstellen unterbrechen. Apathisch lasse ich mich ins weite Land ziehen, hoffe auf den guten Willen anderer. Über mir brennt das letzte Licht, es riecht nach Deo, der zweite Fahrer köpft zur Begrüßung Schampus. In der Serie, die seit Beginn der Fahrt läuft, schneit es seit zwei Folgen und die Clubbesuche und blutigen Fehden und staatlichen Interventionen häufen sich. Es wird unglaublich normal getrunken. In den holzgetäfelten Moskauer Büros steht Whisky herum, sonst wird Wodka gereicht. Obwohl wir Ansätze eines Kinofilms mit wiederkehrenden und langsam eingeführten Charakteren sehen, scheint es eine erfolgreiche High Society- Serie zu sein. Das Bild flackert und es mischt sich der Duft des gebrühten Holundertees in der kleinen Wohnung meiner Großmutter mit kurzen gepafften Zigaretten am Wegrand.

Ein Gutmütiger undefinierbaren Alters, der in jeder Gruppe gleichzeitig zu stehen scheint, hält die Hände in den Taschen, außer er nimmt die Zigarette von den Lippen oder verteilt welche.

Die Marienikone rechts über der Fahrersitz steht uns bei. Die zwei letzten Mitfahrer, noch 120 km. Geländer sind blau und gelb gestrichen und die Fußballplätze sind nun diese Zeit des Jahres verwaist. Fast so wenig verstehe ich in den gleichförmigen Sendern im Radio, die mit irren Gute-Laune-Kommentaren, der einlullenden Werbung, 80er-Pop und Eurodisco Mitteleuropa fest in ihrem Bann halten. Aus den Nachrichten höre ich Maidan, Armia, Agresja, die Schlaglöcher sind groß wie Tische, 78 km. Auf der Wand einer Bushaltestelle steht gesprüht: Ukraincy za Banderu“.

Jurij muss den Bus verlassen, der Busfahrer ruft ihn und nachdem er eine Weile mit dem Grenzpolizisten mit der gelben Warnweste und der Knarre verschwunden ist, kommt er noch einmal und packt genervt seine Sachen. Vorher stößt er zweimal an den ausgefahrenen Bildschirm neben dem Hinterausgang und zieht fluchend von dannen.

Lviv noch zehn Kilometer. Die Uhren müssten sich umstellen und Grashalme zu Fetischen werden. Zum Empfang am Morgen, alle sind blendend aufgelegt, gibt es Milchwaffeleis. Ich werde aus dem letzten Schlaf gestupst und bekomme es in die Hand. Schmecke die gegorene Milch des Pulvers. Rechts auf den Feldern viele Fertighäuser, mehrere orthodoxe Kirchen, darunter eine in verschiedenen Schattierungen silbernen Lacks und schnell hochgezogene Hotel-Ressorts.

Wir schieben uns in neue Abziehbilder, Reisen wird immer schwieriger, wie ein hintereinandergeschaltetes Tapedeck zu ergattern. Nach dem Teil kommt ein Drama und Gesang. Dumpfe Signale aus der Haut will niemand hören. Irgendwann kommst du aus dem Sound nicht mehr raus und du musst hoffen, dass das, was auf den Lippen liegt, dir nahe kommt.

Der erste Wintertag des Jahres. In einem Café mit altem Steinfußboden, Backsteinen und einer Bilderwand sieht die Zuckerdose einladend aus. Ich nehme nie Zucker zum Kaffee; hier schon. Der Schnee fällt auf die stark befahrene Ringstraße und die beiden Märkte links (eher Design- und Trödelware) und rechts (Kleidung und Alltägliches). Das Adlige, Reiche und das Arme und Betriebsame spannen zusammen einen Bogen, der kaum auszuhalten ist. Die Geschichte übernimmt die Kontrolle. Die Menschen dieser Stadt, soweit ich das sehe, wehren sich nach Kräften.

Menschentrauben fegen und streunern neben den Blumenverkäuferinnen am Eingang der Kirchen. Bombendrohungen, aber der Fluss ist nicht da, es fehlt etwas. In 500 km kommt eine Uniform, pickende Blüten auf Strickmustern fromm, du zahlst für die Seele und die Kommodität. 8 Uhr morgens, das Tal steht dir frei; im Ganzen ist Meditation, wenn der Kaffee nicht wirkt und die Feste gefeiert sind. Weißt du noch, wie wir als Kinder noch schreien konnten, Hals über Kopf in die Fenster, bis die Augen tollten? Oder zwei Wochen oder zehn Jahre auf die nächste Ausgabe, Platte oder Buch warteten, Hauptsache, die Spannung blieb erhalten? Aus beiden Autos kamen Richtungen. Der Körper fraß sich nach außen, bis er ein solches geschaffen hat.

Wovor ich Angst in der Ukraine habe, werde ich immer wieder von den Leuten gefragt – vielleicht vor Hooligans, dem Prawij Cektor („Jedyna Cila“ sehe ich auf einer Mauer). Die Massen rennen einem Kampf von Jean-Claude van Damme nach. Ein Flachbildschirm hängt in jedem Bistro mit überschäumender Vielfalt an der Wand. Die Winterzeit in Mittel- und Osteuropa dauert ab jetzt bis wenigstens Ostern, ob in Riga, Toruń, wo ich in verschneiten Märztagen vor Jahren war, oder hier in Lviv, wo sich am 12. Oktober das Bild durch die verwackelten Schnee ändert. Hier finden sich nirgends nur wohlhabende oder sich durchschlagende Leute; vielfach gibt es Geschäfte oder Buden, denen Du auch bei näherem Hinsehen ihren Zweck nicht ansiehst. Sie haben alles eingetütet in der Auslage und bestimmt könnten sie dir noch mehr verschaffen, wenn Du sie fragtest. Auf dem Freiheitsplatz auf einer Seite der Altstadt, die Oper am Ende, stehen die Wahlkampfzelte der Parteien für die anstehenden Regionalwahlen. Ein ausgebauter Jeep aus dem Donbas, ein grünes Militärzelt mit angehefteten Fotos von Gefallenen. In einer Kirche sind an einer Stellwand mit Buntstiften gefertigte Bilder von Kindern zu sehen, deren Väter im Krieg sind. Mal fehlt der Ukraine ein Herz (rechts unten: die abgebrochene Krim), mal stehen Blumen neben Karabinern, fließt Blut. Traurige junge Gesichter spielen Ball.

Szene aus einer Bar: Die Karaffe mit Wodka steht auf dem Tisch, ein erster Schneeregen setzt ein.. In diesen Rinnsalen in den Stadtkanälen, die zur gleichen Zeit von der Ostsee und am Schwarzen Meer fließen, hält die Nacht um 7 Einzug. Vor der minzgrünen Tapete gehören alle Anwesenden dazu. Auf einen Stock gestützt, wird ein Mann mit Dreitagebart, Kappe und undefinierbarem Alter hinausgeführt. Ich mache ein paar Fotos, bis die Stammkunden wieder hereintreten und trinke zwischendurch ein 30-Cent-Bier. Sie bitten mich an den Tisch und übersetzten manchmal auf Polnisch, fragen, ob ich Hilfe benötige, ein Taxi oder eine Fahrt in die Stadt, etwas zu essen. Dazu bringen sie haufenweise Bierflaschen der Marke Baltyk. Da ich zu wenig verstehe, bilde ich mir zu viel ein und fürchte mich vor Kurzschlussreaktionen und Missverständnissen. Sie freuen sich, einen Gast zu begrüßen, Sascha aus Georgien, der Humpelnde, seit 15 Jahren in Lviv, die beiden anderen und die Kellnerin, die mir erklärt, dass es den Laden seit 20 Jahren gebe. Als ich mitten im zweiten Bier wegen meiner vorgetäuschten Verabredung gehe, muss Sascha überredet werden, mir doch noch die Hand zu geben. Sie stecken ein weiteres Baltyka in meine Ledertasche. Mit schlechtem Gewissen stehle ich mich davon.

Europa heißt 9 Stunden Außengrenze, Verzweiflung in den Zügen des Busfahrers, der in den Wagen blickt und stumm bleibt wie die Deutschen, dann wieder lacht und schwatzt um 8 am Morgen, wenn der Strom schwächer wird, die Grenzwächter ihre Listen bestätigt sehen, und auch Leute mit blauem ukrainischen Pass in den polnischen Zentren von Kraków, Katowice, Wrocław und Poznań anfangen dürfen zu arbeiten. In den engen Reihen liegen wir uns in den Armen. Vorne, unter dem Fahrerspiegel, hängen polnische Fähnchen. Ein Sänger schmachtet auf Türkisch das Radio zu. Die Arbeiterklasse und der Brexit, abgehängt, illegal, ein Stück zufälliges Papier. Hinter mir schläft Maxim, der will eine polnische Frau, dann in die Schweiz. Der Weg ist vorgegeben, wie das so ist mit 20.

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Die Birken von Krzyż

Ich löste mich nicht. Als Einziger mit Zeit hatte ich für die Vorbeieilenden keinen Blick und stellte weiter Fragen. Viel konnte ich mir nicht merken. Und wenn, zog ich die gleichen Schlüsse wie sonst daraus: in diese Lage konnten die gelangen, die, womöglich aus Verdruss oder fehlender Fantasie, den Weg nach Hause sein ließen. Sie gaben sich den Anstrich wohlfeiler Unternehmer oder geradliniger Zuarbeiter; solange, bis an drei Tagen nichts mehr geschah. In diesen Zeiten die Arbeit zu verlieren! Still hörte ich zu, wir mir vorgelesen wurde.

Das Wetter war umgeschlagen. Neben den Schienen, auf dem Dach, hantierten zwei Gestalten an einem Mast. Kontrolle, Einlass, Nachsicht. Die Schaffnerin ließ es geschehen von der Mutter mit dem Kinderwagen in den Arm genommen zu werden und teilzuhaben an ihren Geheimnissen. Hier war nichts zu holen; ich stieg aus. In einem Café im neuen Bahnhof las ein junger Mann im Sessel gleich am Fenster den Autor, den ich suchte. Ich lenkte ein, um nicht weiter daran erinnert zu werden, dass solche Gedanken besteuert werden. Etwa dass die dünnen Sportschuhe über den Asphalt fliegen können, Trümmerberge erreichen und für einen Spaziergang von 50 Metern 8,5 Sekunden brauchen. Immerhin liegen die Haare hinter den Ohren, die Finger streichen den Groll zurecht.

Rauchschwaden ziehen über die Schieferdächer in Krzyż. Auf der Rückseite ziehen sie ab und schicken sich an, erneut auf den Plan zu treten, als heißer Dampf von Nudelwasser, das abgegossen wird und das wie bestimmte Jahre deiner Kindheit riecht. Am Straßenrand, stehen, ganz dicht, gestutzte Weiden, weiter entfernt auf der Grünflüche kahle, winterliche Birken. Am Gemüsestand: Ein Apfel, zwei Mandarinen für 95 Groszy. Hier wird geraucht, die Mutter Gottes in den kleinen Läden angefleht, wenn es keine in Salz eingelegten Heringe mehr gibt. Die Ortschaft in Wielkopolska entstand Mitte des 19. Jahrhunderts im wiesigen Sumpfgebiet, ausgehend von einem seltsam verirrten Ziegelbau, dem Bahnhof Kreuz. Seinerzeit vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV in Auftrag gegeben, um die Verbindung zwischen der Hauptstadt und Ostpreußen zu beschleunigen, war er Kontenpunkt des Schienennetzes für die dreizehneinhalbstündige von Berlin über Posen, Bromberg, Dirschau und Frauenburg nach Königsberg 1851. Eröffnet wurde er dann auch in Anwesenheit seiner Majestät. Jetzt halten hier „Personen“- und Fernzüge, zur Hälfte von der EU bezuschusst, in Blau und in Gelb, den Farben der Region Lubuskie. Sie kursieren glänzend mit Steckdosen an jedem Platz und ein paar großen Bildschirmen; doch das Schienennetz ist veraltet, weshalb auch der moderne Wagen aus einem Guss für jeden Kilometer fast eine Minute braucht. Bis Poznań werden wir unterwegs elfmal halten müssen.

Drinnen in der Wartehalle sitzen ältere Damen hinter Glasscheiben der Kioske, verkaufen geschmierte Brötchen und Zeitschriften und Zigaretten. Die ersten Minuten stadteinwärts dominierten Hinterhöfe die erodierte Landschaft. Im Sommer hängen hier auf roten Leinen volle frische Wäsche – ein Bild, das eine Bekannte aus Minsk vernlasste, auf Lampedusa zu tippen oder das, was sie dafür hielte. Auch im Ort, so scheint es, sind alle auf Abruf, junge und alte Männer rauchen vor sich hin, die Wintermonate reichen noch ein paar Monate. Steuern gen Ausgang, feuert die Kohle vor sich hin.

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Der Verfolger (Eine Performance)

I

Jedenfalls kommt er doch noch wieder, der verschwundene Tag. Zuerst sind die Augen dran und verlieren Licht. Sie saugen es eigennützig auf, bis mitten in die Landschaft eine durchsichtige, glänzende Leinwand fällt, auf der eine Stadt abgebildet ist. Ein Ratespiel. In den Straßenfächern sammelt sich die Luft und verwandelt sich in Schiffe mit faltigen bauschigen Bäuchen, in denen die Crew vor Gunst lacht, weil sie sich diebisch auf die nächsten Stunden freut. Ein Platz unter ihnen kostet nichts; einfach dabeisein und kirre werden. Doch schon im Supermarkt droht die Stimmung überzukippen. Dein guter Nachbar Lewiatan fragt z.B.: „Gibt es Brot zur Suppe?“ Meine Anstrengungen sind zu Punkten geschrumpft, das Zimmer sinkt kleiner zusammen, bis eine Stelle am Kopf immer häufiger pocht. Kaum zu glauben, dass alle in diesen Wörtern denken sollen. Die Spielerei fängt da an, wo die Mundstücke unserer erfundenen, nicht einmal begriffenen Sprache von uns abfallen, oft ohne sich zu verabschieden. Wir sollen uns verorten, wird uns gerade gesagt. Nun, wir stehen unterhalb eines Hügels. Ein Stein verdeckt noch die Köpfe und macht nicht auf uns aufmerksam. Jetzt schieben wir uns durchs Gebüsch und legen im Anschluß Feuer. Jeder von uns springt in vereinzelte Szenen, um das Flussbett zu unterhöhlen. Ein schönes Bild, das keines versucht zu sein. Bald sind wir zu viele, treten in zu großer Zahl auf, immer in der Entfernung, wo uns schon nicht mehr beizukommen ist; wenn ich die anderen erreiche, sind sie schon weiter voraus und ich sehe mich schon den zwei schwersten Brocken gegenüber. Also nehme ich Reißaus. Im Fieber zurückpreschend stolpere ich über meine Lippen, meine Augenbrauen. Wie soll ich nur den Heuchlern begegnen, die mir ihre Seiten vorleiern und mir dabei noch KIES IN DIE RÄDER schütten? Rechts von mir fährt ein Wagen heran, sie kommen wieder und rollen meine Vorstellungen wie ein Laken von der Leine, das mühsam, ungelenk gespannt wird, um die Form der Erde zu schneiden, das Firmament als Grenze zum Himmel zu höhlen. Ich höre Tiraden von Funken zischen. Vielleicht handle ich falsch und ich sollte diesen jungen Landstreichern dankbar sein. Ich bin in dem Alter und so vergesse ich schnell, wie ich zähle und auf Bühnen klettern soll. Das alles ist nur das Hintergrundrauschen für die Tram-Straßen mit den schmierigen Gehwegen – ein kurzes Glück, das schnell umschwenkt in den Abendspaziergang und in routinierte Handbewegungen. It´s not about love, stupid.

Wach auf oder krieg dich wieder ein. Noch einmal: An vielen Plätzen brennt es zur Zeit. An der Hügellandschaft mache ich mich zu schaffen, während neben mir des öfteren Zeremonien vorbeiziehen, von denen ich allenfalls etwas ahnen konnte, als ich hierher für die schmierigen Jobs zog. Der Verdacht fällt – wen wundert´s – bald auf mich. – Das ist das eine. Das andere ist das Auto, das seit einigen Tagen bei einer befreundeten Familie steht, nur noch ein paar hundert Meter weiter durch das Moor der Eltern, da wartet es, bereit endlich loszufahren. Es steht uns frei, es zu nehmen und ein anderes wieder an seine Stelle zu setzen. Sinnlos hinzuzufügen, dass mein Begleiter (eine Person) nur eine Abwandlung ist und mir nur so vertraut scheint, weil ich zuviel geschlafen habe; schon meine ich, mich erholen zu müssen für den Aufbruch und trete deshalb putzmunter die ersten Kilometer ohne Zwischenfälle an. Eine Wanderung mit szenischen Bildern in von Elektronikmärkten zerfressenen Vorstädten. Die Infrastruktur ersetzt die stundenlangen Selbstverhöre vor der letzten Nacht. So reise und schlafe ich, esse, ohne dass mir das Geld auszugehen scheint und jemand sich ungerecht behandelt fühlt. Ich zahle bei Kontrollen eine ganz irreguläre Summe, die nichts mit dem Gegenstand, der Ausführung, Bewertung oder Leistung zu tun hat und lebe vom Verkauf von Wasser und Ansichtskarten.

I,5

Ein paar Menschen treffe ich, erhaschte sie kurz. Da ist zum Beispiel der alte Gustaf (eine Figur) mit seinem Moped. Er ist im Besitz einer alten Sucht, die ihn bedingungslos durch die Hochhausgegend von Praga schieben und treten und schnaufen lässt. Ich erwarte nichts von ihm außer diesen jungen, herausfordernden Blick, dem ich noch nicht standhalten kann, obwohl er so freundlich gemeint ist. Es ist das fließende Geld, das die Säufer aus ihrem Winterschlaf weckt. Die Redakteure greifen das Wort auf: 20 % Abschlag für die Hochkultur und Absprachen zu niedrigen Zinsen. Ihr Handbuch wird auch eine Geschichte des Schwindels sein. Sie werden die Wörter in unterschiedliche Pakete zerstückeln und mit komplizierten Namen versehen, die meinen, dass sie eingeweiht sind. Weiter hinten noch wohnen die Asylbewerber (unterschiedliche Menschen) in Waldkerkern, im Zentrum bleiben ihnen noch zwei Gespräche bis mittags. Ein Tisch steht grau und zentral vor Ort. Der Andrang bleibt groß für die verbliebenen Container, trotzdem musst du fünf Sprachen sprechen. Eine letzte Sprache aber bleibt und die wird nicht hinterfragen. Von ihnen zu berichten, heißt, zu hoffen, die wunden Stellen zu treffen. Ein Märchen, eine Fiktion aus Großtstadtmythos, Reiseunfällen und Disneyland, die keiner mehr wegen seiner abschreckenden Wirkung hören will. Es zerstört das Vertrauen der Bevölkerung und weckt den Ruf nach mehr Staat. Das Ende der Geschichte ist, wenn alle einmal etwas gesagt haben. Dann freut sich der Biograph und der Zusammenbruch ist schnell erzählt: Die Menschen langweilen sich, hören doch nicht auf, auch wenn die Wörter ausgehen, wenn alles gesehen und in einen Gutachten beschrieben ist. Zwischentöne intervenieren nicht mehr. Es wird zu viel, hörst Du die Schreie, das sind alles isolierte Träume, kippende Gedanken, die grammatikalisch nicht zum Geschehen passen, ganz alleine ertrinken und sich abtrocknen, hintereinander in Endlosschleife. Im Staub der Erinnerung fällt sonst nur auf, dass irgendwie überlebt und durchlebt wurde. Die Politik wie seine Wissenschaft scheitern derweil an ihren Daten. Sie wären vom Alltag überwältigt, wenn es nicht ihre Personen wären, die diesen garantiert.

Beim Laufen freue ich mich über den Birkengeruch die Hermannstraße runter. Bevor wir loslegen, gehen wir die Probeaufnahmen noch einmal durch. Bis in die Nacht verfolge ich die Sounds der Sätze an den Schaufenstern. „Deutschland, Labyrinth“, Best of.

II

Ich arbeite jetzt in einem Geschäft, deshalb muss ich immer der Mode nach gekleidet sein. Jeden Morgen nach dem Morgentisch, wenn die Zeit noch lose an den Tagesablauf gebunden ist, überquere ich die Brücke, die über zwei Häuserblöcke gespannt ist, und wende mich zum Markt. Hier oben vom dunklen Saal haben wir einen schönen Blick auf das Rathaus. Erstaunlich oft gehe ich zu Vorträgen, Vernissagen, trinke Kräuter oder male Firmenschilder. Der Verrat besteht darin, dass ich mich nicht traue, mir wehzutun und nur meine Doppelgänger sterben lasse. Ich will nicht von vorne beginnen. So schmeiße mich in Ecken, die sonst keiner sieht, Orte, wo eigentlich nie jemand stolpert. Die halben Tage schleppe ich mich als einziger Mensch von Müllposten zu Müllposten. Bei ein bißchen Geld miete ich Fahrräder, schnalle geklaute und gefundene Bastkörbe um und verteile Präsenttüten. Auch lasse ich die Leute mit den Rädern fahren. Durch den Park, mit und ohne Korb: einige finden Spaß daran und werden meine Kuriere. Auf diese Weise erschließe ich mir die Mafia aus den übrigen Vierteln. Auch die stehen mit Mühe auf und besprechen sich am Handy. Meist ist alles ok. In gewissem Sinne bleiben sie an der Festtagsstimmung hängen, mit Fragen nach Zahlen und wohltuenden Antworten.

Zur Vorbereitung für die Kulissen, die ich für einige Städte baue, nehme ich mir Theaterbühnen zum Vorbild, die ich in Kleinform imitiere. Viele sollten in einer Streichholzschachtel Platz finden, damit ich sie vor den Häschern verstecken und nach getaner Arbeit verbuddeln kann. Meine Kunden haben die prachtvollsten Kleiderfalten und sind gerade aus ihren Sommerresidenzen zurückgekehrt. Die, die nicht in Ruhe gelassen werden, besitzen ein Grundstück, wo ihnen Prügel und Langeweile droht. Ein Fake von mir (ein Schauspieler) rennt von Stand zu Stand, kauft bunte Mosaike und Wandkarten aus den Kirchen, um historische Fluchten zu rekonstruieren. Die erste Ladengründung geschieht dann aber aus der Notwendigkeit heraus, in die Hinterhöfe zu gehen, Teil der Schattenwelt zu sein und sich nur mit dem perfekten Verbrechen zufrieden zu geben. Um die Scheinselbstständigkeit zu wahren, veranlasse ich mein unsicheres Umfeld, Familien rein aus Marketingzwecken zu gründen.Schon kann ich das langsame Entgleiten nachfühlen. Um zur Not weiterzureisen oder einige Wochen weg sein zu können, leihe ich mir Geld von den Hochzeitsgesellschaften. Doch ach, sie lassen mich nicht los: Versprechen sind ihnen zur Bürde geworden. Die innere Sicherheit besteht folglich darin, sich nicht zu rühren. Wer es doch tut, wird abgeschoben.

REGIEANWEISUNG

Die Schauspieltruppen sind klein und so spielen die Schauspieler mehrere Rollen pro Aufführung und reißen sich Fäden von den interessierten Nasen. Niemand kennt den gesamten Text; das Papier, auf dem geschrieben wird, ist teuer, weshalb nur die Fetzen mit den fixierten Szenen bleiben. Allerdings wird dadurch verhindert, dass ein Stück geklaut und von der Konkurrenz übernommen wird. Die Folge dieser Zettelwirtschaft ist, dass manche das Stück, in dem sie spielen, selbst nicht durchschauen, sondern wie Halbfremde darin herumirren. Es gibt kein Bühnenbild, alle Kämpfe sind reserviert und nur die Müdigkeit gespielt. Am Ende wird noch die dritte Meditation folgen, die durch ein auf die Bühne getragenes Schild mit der Aufschrift „Nur Brautpaare dürfen passieren“ eingeläutet wird. Kurzum: Das hier ist ohne die wohlwollende Vorstellung des Publikums undenkbar.

III

Ich beginne mit Bandenkriegen, in denen die Guten und Besten zuerst sterben. Eine Geschichte, in der Sparsamkeit, Betrug, Aufgabe und andere Dinge eine Rolle spielen. Die drei von uns, die in den Löchern unweit des Flusses, hinter dünnen Betonwänden wohnen, ist es willkommene Gelegenheit, dort nicht mehr zurückzukehren. Wir kündigen am schönen 27. September, treiben uns den Tag auf der Straße herum und bis zum Anfang des Sommers kommen wir jeder für sich bei Freunden unter. Die Schweißarbeiten sind beendet, der Flieder stöhnt in den Ritzen, die Farbentrichter fallen herab und die Hunde kriechen zwischen Röhren auf Dachfirste. Geschachtelte Schuhe und Kartons beleben den ewigen Leerstand und führen hinten heraus an die verschwommene grüne Grenze.

Es ist ein silberner Morgen und schon ernährt mich die Bronx mit ihrem Gewucher. Ich war früh aufgestanden, wie ich es mir bei anderen Leuten vorstelle: rechtzeitig, Brötchen schmierend, entspannt und mit Polster, Frühstück am Bahnhof, Ei und Gurke, Kaffee. Ich stehe auf dem Kreuzrücken der Bahnhofshalle, verpasse Zug um Zug, schreibe Leute an und schaue auf Frittenbuden. Die Stadt trägt eine weitere Umrandung, alles vor weißem Grunt wie die Dokumente in Windows 7. In der Eiszeit hüllen sich die Gesichter mit feiner Umrandung. Zwischen den Kabeln und Löchern, an einen Straßenarm gedrückt, laufe ich weiter, bis ich mich in ein anderes Land verirre. Trotz der Umstürze steht der Kaugummiautomat bereit, die Ausrüstung habe ich bereits, auch ein paar Vierteltakte und geklaute Flaggen fürs neue Jahrhundert. Sing Halleluja! 1. Nacht: Baumhaus, Bahntrasse.

III,5

Neulich hörte ich von einer slowenischen Familie im Radio. Ein Mädchen (ein typische Figur) spricht unsere Gruppe auf Deutsch an: Das Leben draußen sei gut, ihr fehle nichts, nur müssten sie in ein paar Tagen von hier fort. Sie wartet derweil und richtet ihr Stück Erde auf dem Hof ein; es gibt, trotz dass wir nur die Planken eines alten Schiffes sehen, Sessel / einen Tisch / ein Regal / verschiedenfarbige Eimer und Mauerwerk, das mit Blättern und Lehm ausgefüllt ist. Eine darüber geworfene Plane ziert der TagMarokko“. Der Ort gilt als schwer eroberbar.

Wir beginnen uns zu unterhalten: „Weißt Du, was mich dermaßen ankotzt, dass wir die Umgehungsstraße immer versetzt und im Schlamm … wenn ich zu alt bin, ja vielleicht finde ich nichts mehr hier, aber meine Erfahrung kommt danach nicht mehr mittendrin. Niemand wird uns hier mitnehmen, verstehst Du?“ – Nein, sie versteht es nicht. „Wir müssen aufpassen, am Ende lassen sich alle Leute als Diebe entlarven. Irgendwann müssen sich die Gesichter ja wiederholen.“ Was sie jetzt brauchen, das sind Fallen, was sie brauchen, sind Schnüre, Stricke, gerichtetes Holz, Metallstücke, zugeschnitten. Ich versuche mitzukommen, habe aber keinen Stift und merke mir schließlich die Reihenfolge wie in den Psalmen, in denen auf zwei Seiten ein Krieg zur Schau gestellt wird. (Seitenwechsel der Figuren). „Erinnert Ihr euch, wie ich euch mal die Geschichte von G. vorlas, der behauptete, einmal draußen gewesen zu sein, indem er immer den Wasserläufen gefolgt sei?“ Sie wird nachdenklich. Dann sagt sie: „Zu viele Kämpfe in meinem Kopf, zu viel Diplomatie. Lass´ doch mal eine neue Version der Gegend programmieren. Denn immer wenn ich denke, es wäre normal und ich dürfte mich nicht mehr fragen und quälen, kommt etwas dazwischen.“ Nachdem dies gesagt ist, stürmen wir in Ruhe zusammen aufs Parlament. Wir haben nicht genug, nein.

IV

Staubig und klamm besteige ich ein Gerüst und klettere den Brettervorschlag hinein, der mich kaum vor der Kälte schützen wird. Ich bin seit einer Stunde von einem Trip runter und wickle mich in einen meiner beiden Schlafsäcke. Ich bitte um eine Stunde Schlaf, ohne dass die Augen der Gestalt im Fenster meiner verranzten und gerümpelten Kammer auf mir ruhen. Mein ganzes Hab & Gut hat er neben sich ausgebreitet. Es ist drei Uhr nachts und er hat in den letzten drei Tagen nur einmal aus Erschöpfung, ohne dass er etwas dazukonnte, sechs Stunden am Stück geschlafen. Heute früh wartet er auf eine Verabredung am Hermannplatz. Gegen die Dealer um die Ecke, meint er, nütze nur eine Säge. Er zeigt mir auch sein Messer, dass die ganze Zeit unter Decken versteckt neben ihm liegt. Das fängt an zu singen:

Gestürzt auf dem Gong zu Fuß
schnellt es, du tanzt den Trotoir
da lang, wenn Du gewinnst
bin ich dich los, schallt es Übel nachts
um die Ecke schießen Finger als
Kanäle durch Eure windigen Geländer

Ein Schlagabtausch, der abrupt endet. Wie wir gesehen haben, liegen eine gute Reihe von Bewegungen und Ausschlüssen vor. Vier Dinge geben den Takt vor: Verschwindlöcher, Salti, Metrummesser und die Schweißtropfen des gefesselten Prometheus, der am Mast in der Decke hängt. Wir vergeben den Laien. Erschöpft und scheu stottern die Menschen, wenn ich versuche, sie zu erpressen. Ich male noch, bevor ich einschlafe, über mir ein Haufen aus Lappen und Zeitungen.

REGIEANWEISUNG

Die Grenze wird in die nächste Szene getragen, auf der Bühne durchziehen uns die Fingerstriche. Es wird enger um uns. Wir bringen Euch in das Land, das ihr noch nicht kennt.

V

Das Wort vorgeben kenn´ ich gar nicht; wenn ich meinen Ruf ramponieren will, halte ich es mit Gogol und sprenge mir das eigene Zimmer weg, von der Musik in Scherben ausstaffiert, der Blick zum hereinstürmenden Eingang. Jetzt bin ich größer und verschwinde wie befohlen, also geprügelt. In genialischer Pose werden die letzten Kilometerläufe zum Bahnhof angegangen, bevor ich mich im Forst verirre, weil ich einer Stimme nachgejagt bin. Weiter hinten sind die anderen Neuen (Komparsen), die hierhergebracht worden sind, schon am Zaun angelangt. Plastisch aussehende Tiere warten auf uns, eine Verabredung wird an die Rundbögen von Muranów bestellt. Es riecht nach flüssigem Metall.

Vielleicht bin ich aber auch nur in meiner Stadt aus Pappe & Papier geflüchtet.Glaubt ihr´s denn, was ich erzähle? Die Welt trifft dich an deinem Punkt, flieh da erst mal! Die Täuschung ist die Wiederholung, eine Druckfahne dient da nur als Implantat. Die Lampe mischt sich mit den Seiten und verbrennt meine Haut. Einzelne Sätze nutzen sich ab, doch dazu sind sie gemacht. Ich kann alles, was mich betrifft, die Angelegenheiten, abgezählt und auf Zettel verteilt, zu jeder Gelegenheit und im Voraus erledigen. Ich brauche euer Mitleid nicht, sondern sammle eure Motive. Eines davon heißt: Wir müssen uns ständig davon überzeugen, jeden Tag, dass wir absolut nichts dafür können, dass wir für uns kämpfen. Ich kann falsch liegen, aber das ist nicht der Grund, warum wir uns zurücklehnen.

In diesem Moment herrscht das durchschnittliche Wetter aus 30 Jahren und wir hören einen dissonanten Song, der mit drei unabhängigen Wörtern, die mir dazu einfallen, sich selbst fortschreibt. Ein Buch, das gar nicht zuende gelesen werden muss, damit Du anfängst zu schreiben. (Mach mal!) Ich werde darin täglich 9000 Wörter lesen und küsse Dich nach einer halben Stunde Wodka. Meine Stimme fügt mich in eine Ordnung, die wie die meisten Zerfallsprodukte nichts außer Statusmeldungen von sich gibt. Wenn die nicht mehr auf die Bilder passt, beginnt der schwierige Schritt in ein öffentliches Leben.

REGIE

(Im Hintergrund wird „die Idylle“ eingeblendet, die Erzählung wird unpassend, die Stimme sitzt wieder. Die Vorstellung ist nun zu Ende, die Umstehenden und Sitzenden lesen den Text, den ich erlebe und warten auf die nächste Inszenierung)

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Der schnelle Jan

Der schnelle Jan kommt aus einer kleinen Stadt, die von Felsen umgeben ist und mit Leuten bevölkert, die ihren Abgasen jeden Tag ausgesetzt sind, dennoch die eingerissenen Schneisen im Gelände gekonnt umfahren, wenn sie nicht ab und zu an Bahnschranken halten müssen. Der Handel hat sich ausgezahlt, die Kleinstadt ist reich geworden. Leider vergessen die Bürger ihre städtische Aufsichtspflicht und der Falschhandel zwischen zwei Vordörfern gedeiht auf ihre Kosten und den Ruf der Stadt. Wer schnell zu Fuß ist, in unserer Gesellschaft also die, die Kurierdienste ausführen (wobei ein kleiner Espresso zwischendurch im Rahmen ist), der kann sich auf den in den Clubs und Cafés aushängenden Stadt-Rankings um einiges nach oben schieben. Das besondere an diesen Rennen ist das Verbot des Rennens im herkömmlichen Sinne, also der schnellen Fortbewegung. Hier ist nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt. Kein Wunder, dass jeder vernünftige Mensch dieses Gesetz, das von den Beamten in ihren Papphütten am Wegrand scharf beanstandet wird , zu umgehen versucht. Die besten Geher des Landes kommen aus der kleinen Stadt mit den Felsen drum herum.

Eine bestimmte Strecke in der Stadt wird auch die „Botenstrecke“ genannt. Hier laufen alle Konkurrenten ein paar Mal am Tag ihre Strecke ab. Hoch und runter, denn das ist der sicherste Weg, Nachrichten und Waren zwischen den Villenvierteln auszutauschen, die am meisten abwerfen. Auch gilt hier der Kodex, nicht zu überfallen. Ist die Ware abgeliefert, wird sie auf anderem Weg, ohne dass die Boten etwas davon erfahren, weiter getragen, geschmissen, auf Fuhrwerke, zum Fluss gebracht.

Im Rennen an Szenarien vorbei ist Jan, um den es geht, schon Zwanzigster. Die Leute um ihn haben ihre Rolle übernommen, ihren Posten eingenommen: sie täuschen ihre Schritte an, halten nicht mehr ihre Regeln ein und werden so zu Kampfesteilnehmern oder, für eine Strecke Windschatten, zu Komplizen mit Startnummer. Sein Nachhauseweg, auf – und abfallend, gibt ihm fünf Wettkampftage die Woche. Die Rangliste klebt ihm im Kopf: die ersten Drei waren göttlicher Natur, diese muss er auf einem anderen Level als dem jetzigen besiegen. Er setzt zur Beschleunigung an, Turbo, die Abkürzung nimmt er zwar gehend, dabei flattert er aber mit den Händen, so dass der Wind nach hinten gestoßen wird. Er besitzt das Element „Wind“ seit dem fünften Lebensjahr und war deshalb in der Windgruppe, die jüngste erforschte der fünf Gruppen, gestartet. Über die Zugehörigkeit zu den Elementklassen macht ein farbiges Haarband aufmerksam, das er in den flachen Händen zu einem Stirnband gerollt, bei jeder Gelegenheit trägt.

Bisher hatte das leichte Überholen an der Schattenkuhle vor der Durchfahrtsstraße immer am besten geklappt und als er jetzt die nächste Nummer in Reichweite sieht, schon längst hinter der Straße, kaum noch im Wettbewerbsrahmen, der unser Vorortsweg ist (jede Stadt hat ihre eigenen Strecken, die größeren von ihnen sogar mehrere), da verlangsamt er und widmet sich den Abgasen rechts und den Veilchen und Maiglöckchen und Krokussen in den Gärten hinter den Zäunen links. Er muss nur noch diesen unsäglichen Durst loswerden. Niemand zu sehen, das Komitee zur Einhaltung der Rekorde ist verschwunden. Die Regel hatte er sich wohl erfunden und wohl den Termin unserer ersten Begegnung, die ihn für mich interessant machte.

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Toronto

Sie hat ihre Mutter noch nie gesehen und keinen Schimmer, wie sie aussieht. Auf der Bank aus rotem Hartplastik an der Tür sitzt sie jetzt mit Wurst und Brot in der Hand. Auf der anderen Seite macht es sich ihr Mitfahrer M. mit Irokesenschnitt bequem, er kennt die Marotten der hiesigen kumpelhaften Schaffner genau und lenkt schön die Aufmerksamkeit auf sich. Er versorgt sie noch, bevor er eine Stunde später am Ende der Zugreise nicht mehr wachzukriegen ist, bis er nach heftigem Schütteln der Frau und der Schaffners langsam und grinsend sich davon macht, nur um sich gleich im nächsten Zug neben eine Studentin zu setzen, um mit ihr zu reden. Dieses Land ist zwar arm, hat aber alles. Das schönste Land der Welt, schau nur. Rund um uns sehen wir seine Kolchosen vom alten Schlag. Sie dagegen wohnt in Toronto und war seit der Revolution vor 25 Jahren nicht mehr hier. Akzentfrei, außer es handelt sich um Wörter mit einem R am Abgrund wie Euro oder New York, rechnet sie vor, dass sie seit vier Tagen nichts gegessen hat, in Oslo nicht, auch nicht in Berlin, nie hatte sie das richtige Geld zum Umtauschen parat. Iss nur, sagt Marcin, während sie in die Tüte greift und sich an der Hühnerkeule zu schaffen macht. Den Fahrgästen stellt sie sich vor, fragt nach den Blumen im Garten (“Haben Sie einen Garten?”), die doch jetzt in diesem Vorfrühling nach und nach sich herauswagen sollten. Getrunken habe sie auch nichts die ganzen Tage. Sie redet und redet, ihre Miene sucht bewegt, rötliche Tupfer ziehen sich über ihr Gesicht, das ein bestimmtes Alter ausschließt. Auf der Arbeit habe sie sich die Verbindungen nach Europa herausgesucht, den Fahrschein ausgedruckt und sei noch am gleichen Abend losgefahren. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, so lange an ein und derselben Stelle zu wohnen. Jetzt sei sie eben hier, ein Teil der Verwandtschaft würde sich bestimmt freuen. Die Arbeit, der Wohnort – Veränderung tut gut! Auch Marcin hat zu erzählen. Gerade ist er auf dem Weg zu seiner Familie; er arbeitet seit vier Jahren in den Niederlanden. Nun hat er drei Konten, so viel Geld, dass er es gar nicht alles ausgeben kann. Und doch reicht es nicht, um seine Frau und die zwei Kinder zu sich zu holen. Das wiederum kann er sich nicht leisten.

Bild

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Istanbuls Lottogeschäft

Im Sanatorium im Berliner Exil müssen sie mir helfen einzuschlafen. Dort, wo ich hinwill, ist es zu laut. Sie spielen mir meine Träume vor, erzählen mir von den immer gleichen Facetten und lassen uns alle nicht in Ruhe. Im Radio spricht das Staatsoberhaupt: Es gibt keine Freiheit ohne Freude. Ich höre meinen Zwilling noch, der mit mir die Szenen auf den Barrikaden bespricht. Wir müssen uns selber Angst einjagen. Also rauchen wir. Ankündigungen bis zum Experiment, keine Widerworte zu erwarten, egal was Du auch sagst. Aber Schweigen geht dann doch nicht, das hebt man sich für das nächste Essen auf. Am Rand des Textes setzt meine Zunge an, ich mache noch einen Witz und bin schon auf einen Ausflug in die Pfirsichstadt. Hier fehlt ausnahmsweise nichts, jeder Mensch sitzt mit seinen Geschwistern am Zugfenster. Alle lernen beim Reisen jemand Neues kennen, indem sie sich reihum von den Helden und Mördern erzählen, die sich wie Motten um die Laternen kreisen. Es ist der 29. November. Ich fliege mit dem Raumschiff nach Sarajevo. Dort bleibt das Nationalmuseum geschlossen, also sage ich Walter hallo, dann weiter ohne Geleitschutz. An der serbischen Grenze werden sechs bis sieben Männer festgehalten, rasch aus dem Zug raus, das Geschäft wird mit einem Schlagabtausch besiegelt.

Der Bürgermeister dieser Stadt ist gleichzeitig ihr größter Dieb. Die Architektur findet sich nicht auf den Plätzen oder Gebäuden, sondern in den Käfigen der Hauseingänge, der Freiheit der Altbauten. Im zweiten Stock ziehen die Baumkronen vorbei, die Sprache entscheidet sich. Wir auf den klammen Höhen, festgesetzt, hetzen wir zurück, die grauen Vorstädter schütteln ihre verlorenen Sätze und die Rümpfe der Lagerarbeiter ziehen die Böschung herauf. Verschwitztes Grün, ein neues Level. Einer trainiert schon mal, draußen zu übernachten, gleich neben seinem eigentlichen Haus. Ein gestählter Schlafsack, Kocher, verschiedene Notizen, um die Ecke gebaute Eingänge, Abflussrohre, eine Plane gegen Feuchtigkeit und Schnee – schon jetzt konnte er in seiner geräumigen Behausung den Beginn des Winters ruhig abwarten. Wir schlafen derweil drinnen. In den nächsten Jahren will ich es unterirdisch probieren, das verspricht noch mehr Schutz und Abgeschiedenheit. Sei´s drum. Papier und Glas, die ewig im Verschwinden begriffenen, tausche ich gegen eine Rede, offen zugänglich – hier habt ihr mein Konzept. Die vielen Wörter, die Mauern herabfallen und sich an den Fingern festsaugen, um gefasst zu werden – wollen wir sie bitten. Ich schäme mich für die Augenblicke an unseren Fenstern, die uns verhindern, die aus dem Strudel entgegen den Abkommen und Gesetzen eine Kurzgeschichte und einen Nachmittag basteln. Die großen Namen wandern wie die Dörfer, in ihren leeren Lagen, vornüber tragen sie noch Kindheitszeichen, vermoostes Glück. Sagt man doch so. Kein Zustand.

Irgendetwas stimmt nicht, als ich zurückkehre. Die Zunge tut mir beim Eingang zum Park weh. Das zweite Manifest taucht mit diesem fürchterlichen realistischen Zynismus in der Sprache der Beamten und Schüler aus ihren Mündern auf. Ich erinnere mich, dass noch vor zwei Jahren die Luft um den Mund knapper wurde und der Torpedofisch sich auf seinem Weg zu den Inseln mit diesen Aufgaben plagte. Wie den Rhythmus verändern, die Seitigkeit des Körpers. Da gibt es vieles, das so nur in der Literatur vorkommt oder in der Presse, ich höre es schon: die fiktiven Helden von Lampedusa, students for rhythm, der weltoffene Staatsmann, die Selbsthilfegruppe, die hellen Tage an der Basis, ein Text für einen Text. Der Oberschenkel verschwindet und ich ziehe die Organe aus mir. Es taucht eine bestimmte Figur auf und der Zwilling dreht sich einmal. Liebe die Freiheit und die Objekte! Mein Gesicht verdeckt sich vor dem Hintergrund eines anderen Kopfes. Ich bin gelistet. Durch die Stadt gehend kommt den Bienen eine geheime Historie zu. Sie tun im Kopf weh. Der Film über dich spielt sich automatisch ab. Ein so nicht geschehenes Erzählen, das uns Autor_innen vorwegnimmt, Sounds, die an Bildern haften, Erklärungen verzieren, genius loci verzieren die Haltung der Zeitung, der Opfer, der Realpolitiker und gehen in die rationale Anstalt ein. Wörter nisten sich in den Filibusterhalmen ein, kurze Entspannung, ein Autor ist tot, ein Diskurs lenkt ab, der Ordnung sucht, die Unterschiede verschweigt, die Vergangenheit platttrampelt – und alles wieder in einen Text kopiert. Action Turn. Eine Autofahrt bemüht sich, nicht voranzukommen. An Stelle von Nachsicht die Frage, ob das genug war. Die Behörden röcheln. Angenommen, das Auto kommt an: es würde mich in den Abgrund lotsen. Rauch geht auf über dem Jahrtausendfeld in diesem bösen Jahr.

Jede Party hat ein Motto und die orientalischen Muster auf den Touristenkeramiken läuten in die falsche Richtung. Die Verschwörung fängt beim Straßennetz und den Entzifferungen statt. Eine Front von Freitagabendshoppern lässt keine kontrollierte Durchsuchung zu; die Verwirrung hält an, weil sich am nächsten Tag niemand von der Straße der eigenen Doppelrolle entsinnen kann und die Einkäufe demensprechend vor Unglück an die Brüder und Schwestern (von denen sie ein Teil sind) in den Hinterhöfen und Anklagebänken spendet. Jeder bekommt ´ne Feder ins Maul, wenn es aufhört. Nur keine freiwilligen stummen Geschenke mehr. Stell dir vor, du willst noch Bier kaufen und die Kioske bieten nur Milch an.

Ich kann für keine diese Tage garantieren. Wenn ich meine Sprache wie den Laut der Schritte, das Ohr im Asphalt, ach was nur, kontrollieren könnte, das Nuscheln der schnellen Silben, ob Hauchen oder Finden! Ich schleife die Worte, um sie im Angesicht der Stadt nicht tönen zu lassen und lege auf die Schienen Mieder; aus der Brust klappere ich mit den Schuhen. Gehen wir in den Park, um nicht gehört zu werden! Ich lebe fröhlich und ruhig, das ist keine Kritik, das bleibt in den Schubladen oder leeren Ordnern: tagsüber Mokka, abends Raki, die Panik wurde schließlich in Bulgarien erfunden und noch ins rumänische Wasser hängen sie Strahlenkränze in einem einzigen großen endgültigen Singen und Pfeifen. Uns sind die Märchen, die offen bleiben, die liebsten.

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spähergeschichten

I Der Ruf des Eichelhähers

Der Ruf des Eichelhähers, während grüne Straßen nach außen treiben: ich würde mit dem Laufen beginnen. Unter den Himmelmeeren rangiert der Tauschhandel; Ost und West werden überflogen. Zurück bleibt eine Schattengans, die am Fluss die Bäume fällt.

Ich habe nie Besuch erwartet und wollte ihn auch nicht geben. Ich beginne, die Weite auszuhalten, während die Schilder zum Heulen bleiben. Über ehemalige Bewohner gelange ich zum Schuster. Die Sache ging kurz vonstatten: Stehlen, Blinzeln und wenn Du es dir vornimmst… bist Du schon der Stadt entwichen, am alten Schulgebäude vorbei. Man GLAUBT aus Versehen und treibt die Schlange in die Wüste.

Kindliche Bewunderung liegt vor dem nächsten Morgen, die Freude begründet: ein nächstes jedes neues Wort, eine helle Fläche, die die Stadt entzerrt. Spülungen im Staudamm der Richtung weisenden Gefühle. Die Gewöhnung daran will gelernt sein, meist schon morgens an ein oder zwei Stellen.

Nächste Stadt. Ich bemerke die frischen Pflaumen an den Städten, die Leute kauen Brot.

Der Tag beginnt hier für jeden frisch und spät. Die Lust blieb in den schönen Armen, den Songs, in den greaus der sich erstmals aufgelösten Türen.

 

II

Unbeirrt und in dem Glauben, dass mir die Vergangenheit viel, fast zu viel ist, die Zukunft aber nur eins. Gebündelte Fülle speist sich aus mir, wird den Armen nie zu schwer. Daneben sind es die mythischen Energielinien, die ganze Felder von Ländern überziehen. Der Gegensatz verbindet zwischen Frankreich und Rumänien meine Ziele und Familien.

Das Bild der Landwirtschaft verjüngen! Ich stelle mir das SO vor und denke gleichzeitig an den Besuch in diesem Dorf, das ich jetzt anpeile, mit ein paar Freunden, einige zum ersten Mal außerhalb der Stadt: Saufen, Land und alte Häuser – Paranoiatreiben. Im Ansatz, ich beginne von vorne, da standen vielleicht nur noch die reinen Tröstungen, der ständige Versuch, sich erscheinen zu lassen, als Sein und Gewesen in unsrer Mitte. Egal, wo ich ansetze, es duftet nach Luft. Niemand braucht mir zu sagen, was lohnt. Die ganzen Gesetze, denen du an einem Tag gefolgt bist (Gesetze, die du befolgt hast), reichen für ein ganzes Jahrbuch. Einmal durch eine enge, voll gestopfte Straße getürmt (vor wem?), und ich merke die Spitzel von alleine. Keine Verstellung durch Passwörter! Oder vor dem Aufwachen mehr gesprochen zu haben als am ganzen folgenden Tag! Das kam so: wir saßen und erzählten von Träumen, an die wir uns, warum auch immer, glücklicherweise noch erinnern konnten. Jeder freute sich des Spiels unter den Sternen, Mädchengesichter saßen unter uns, kannten nur die zarten Sterne auf der Haut, die sie jeden Morgen im Spiel beschauen. Was wir  brauchten, waren farbende Leuchthaare, Farben und an Türen klopfende Augen; sonst fiel mir niemand ins Gesicht, in der sich meine Weltregierung zur allsekündlichen Tagung zusammenfindet. Vielleicht stießen mir Balken und Schlamm auf die Haut, bloß Gabelstapler schauten noch rechtens drein, aus den Tüten (oben unten) der senkrecht geschlachteten Baumstämme. Ich stieg ein, lehnte mich in den Kunstharz, fiel mit dem gespannten Gürtel die Leine über die weiße Landschaft ab, schloß mir die Vulkane als oberste Gipfel in meine pulsierenden Venen und akzeptierte flux erneute Anzeichen von Wasser.

Beschleunigung Ich bin gelandet und die Wörter, die Namen faulen in meinem Mund. Ich bin auf der Insel und denke, da ich alles schon als Kind nachgespielt, würde ich die Stellen, die noch qualmenden Feuerstellen, die grünspanigen Hölzer, den doppelseitigen Eingang der Wolfshöhle noch kennen. Scheint so, als hätte ich die Hausaufgaben nicht gemacht. Gleichwohl habe ich genug Bücher für die nächsten fünf Jahre, die mir die fehlende Liebe erzeugen. Und genug Wein würd ich haben, Fässer gelagerter Raufereien – Gott zum Gruße, dem schlauen Fuchs. Die Menschen beeilen sich. Die, die ich noch kenne, senden Papierflieger aus den Himmeln herab. Das wird sich legen. Sie haben in tausend Tagen nichts dazugelernt. Scheinbar war ich nie der schnellste. Der Teufel freut sich.

 

III

Nach weiteren Wochen mache ich Bekanntschaft mit dem Ende. Wochen, die so hießen, wie sie waren. Im Zuge des Alterns und Vervollständigens gewinne ich das Leben, indem ich opfere. Mein Großvater hält mich im Gedächtnis dazu an. Ich bin kein Vegetarier geworden, lege dennoch jeden Tag auf einem glatt geschliffenen Stein unter Weiden mein Zeugnis dar. Ich protokolliere dies und schreibe auch weitere Ereignisse auf. Handlungen zwischen Gegenständen, die mir wie Menschen vorkommen. In diesen kurzen Augenblicken erscheinen sie mir wahrhaftiger und zutraulicher, als mir diese zuhause je waren. Irgendwann lasse ich es wieder sein. Das Schreiben hält mich vom Verstehen ab. Keine zwei Schritte könnte ich je geschrieben gehen. Ich will herrschen und von der Natur, ohne überredet zu werden, in voller Überzeugung beherrscht werden.

 

IV Tag

Es wird Tag. Ich spürte Gott mehr als sonst, denn ein anderer Mensch kommt herbei. Mein Bruder. Nun sind grundsätzlich die Versuche, Regel aufzustellen, groß. Doch das Verhältnis ist hier zu stark, als dass es sich nur um einen einfachen logischen Trugschluss handeln kann. Die Flachsstängel in den Ohren begegne ich meinem Ebenbild. Mit dem zweiten Sohn war die Sage vorangeschritten, die Pelze unserer Körper kennen sich aus in den neuen Gefilden, in die uns unsere Begegnung geführt hatte. Mit neun neuen Gassenhauer in den Straßen schielen wir hinab. Ich brauche keinen Zeitvertreib, ich arbeite das gleiche, nun schon seit Jahren, ob auf Reisen, auf der Insel, die nur eine von vielen darstellte. Und am nächsten Tag auch, ich kenne die Meinungen und das Nichts, das meistens daraus erwächst. Für Kurzweil war gesorgt, doch wer will das, wenn er sich sonst eine sonnengebadete Dachkammer und die Freude auf später wünscht.

Wir sind jetzt bei der Stelle, die mich reizt, gerade sind wir um das Gebilde aus Stein und Ton, das von Büschen und dahinter von Kopfsteinpflaster besetzten Straßen umsäumt ist. Darum ein Bauzaun – durchzulaufen wäre wahrscheinlich ein Hinweis auf die Zuständigkeit meiner neuen Fähigkeiten im gekennzeichneten Raum gewesen. Es ist hier die eine Stelle, zu der ich immer zurückkehrte, selbst wenn ich gar nicht in der Nähe wohnte und die von Scheu und Enttäuschung gebrandmarkt ist. Sie hat die Farben für sich gefunden, heftig glucksende am Schementor, das an der Ostseite die Durchreisenden – wir scheinen die Insel nicht verlassen zu haben – sortiert. Während ich darauf zuehe, ist der Bruder in den Büschen verschwunden. Seit einigen Minuten, das merkt ich erst jetzt, ist er nicht mehr an meiner Seite gewesen. Insgeheim wusste ich es, aber ich war dabei gewesen, mich den Sammlungen meines Gedächtnisses zu entledigen, wenigstens zu sortieren, zu vereinfachen. Jahre töten meine treuen Haustiere. Nun gut, ich hatte ja nicht eingeladen. Das Glück im Innern hängt von äußeren Dingen ab, wäre es anders, hätte ich es nicht ausgehalten.

 

V

Laub wird an den Boden geschweißt. Auf den Schienen kleben die Tränen, die sich nie von mir lösen können. Ich genese, sobald ich aus der Stadt bin, die mir nie mehr so schön werden kann wie in den paar Minuten, als mir Sonnenlicht die Sicht verbindet. Der Unfall ist bahnbrechend. Die Häuser glaube ich vergessen zu können. Nun denn, auf Leben und Nichts aufgesessen. Die strenge Weite der kühlen Ebene, die sich vorauswindet, vor die dahinstreunenden, von Fuchsgeheul erklingenden rundversorgten Wassergebiete, die sich fest an die Felsen drücken – welche Last, wenn sich die Haken lösen, fällt dann ins Gras. Es kommt zu Morgen, in denen die Wörter wie Eiszapfen an den samtenen Haaren hängen blieben. Ohne Vergleiche träume ich, ich schlief wieder ein wie ein Gehörnter, mein Kuss war sanfter auf Deinem Rücken als je. Das Grün schwoll die Straßenzüge. Dennoch pflanzte sich mein Traum vom Sternenhimmel über die Feste zu allen Grabstätten und Hügelgräbern, die schon von Wurzeln und Tiergedärm überzogen waren und ersetzte mir die Werbung für die Zukunft.

Von der stichhaltigen Aussicht auf dem Baum holt mich die Gnade des Militärs herunter. Ein Wink, ein Brötchen. Dabei sehe ich Füchse die Wüsten in der Ferne herunterkraxeln, die freundlich aussehenden Abhänge als Umweg in ihre Höhlen nutzend. Höhlen, die sie sich unter Palmen gesucht hatten, gegen den Untergang. Der Hauptmann ist freundlich, erzählt er mir doch von sich und der Gegend. Er hat schon wieder viele Gänse heute Morgen. Morgen also Regen, deutet er dabei achselzuckend an. Ich sehne auch manchmal die Schirme herbei, da ich mich schon seit Jahren vergeblich an Bäume kralle. Und dabei die Rinde esse, um regentropfenimmun zu werden.

Gestern spielte ich Perseus, der, von Äpfeln überschüttet, die Galanterie hofiert. Besonders auf diese Szene hatte ich mich gefreut, wenn er aus der Kutsche vor den Hängen seiner Hauptstadt steigt, das letzte Mal Halt macht, hervortritt und vor Metallstangen aufgenommen wird. Andromeda war ich dann zum ersten Mal, als die Vorsehung meiner überdrüssig wurde, meiner Zufälle und wiederholenden Bitten und Wiederholungen, die ich mit Geschrei und Gesang begleitete. Ich stieg ins Bett und redete wie ein Hase in seinem Bau. Gekränkt über ein Schild mit folgender Meldung rief ich mir andere Worte herbei, die Geister in den Sternen schliefen Gott sei Dank, nach drei Stunden kamen Bauern aufs Feld, aber das ist eine andere Geschichte, jedenfalls hatte das eine mit dem andern nichts zu tun. Auf dem Schild groß, alles doppelt groß und wirklich so umständlich geschrieben, wie ich es vortrage: „!Warnung an alle! In einer unendlich großen Ebene (wusste ich doch alles schon) mit todbringender, quallenverseuchter Erde ist die Reise kein Leichtes“ (aha, die Insel freut sich über jeden Kommentar von Seiten der süßen Stimmen). Meine Begleiter trauerten, anders kenne ich sie nicht, obwohl ich mich freute, sie herauskommen zu sehen. Als Bauern verkleidet, Harken in beiden Händen, hatten sie sich des Militärs entledigt und mir ein paar ruhige Stunden beschert. Zu Fuß, denn ihre Pferde…zwei Tage zuvor waren Wölfe gekommen. Sie wohnten hinter Felsen, Büschen und Feuer fürchteten sie ebenso wenig wie die übrige Natur (Wasser, Holz, Mond & Sonne). Ich hatte langsam die Lust an guten Ratschlägen und Warnungen verloren. Ich lieh mir ein wenig Geld und grüßte verhalten, im Ohr, was ich so schön gesagt hatte, als ich noch öfter mit Menschen zusammen saß.

Ich fahre und fahre und fahre mittlerweile nur noch zu den Baustellen, die mich weiterbringen, d.h. die Routine istgeschwunden, zu Gunsten einer reifen Jacke, steif und rasch, aber nie festgefahren, weil ich die Unterbrechungen nutze, den Keil zwischen Alt & Neu abzuhauen. Der Fluss treibt an die Hinterseite einer Kirche, die Geschichte in den Fenstern kann ich mir schon von Ferne denken und ihre Schlichtheit kaum glauben. Ich bin mir nicht sicher, wer da von wem errettet wird. Aber die Farben geben schon dem recht, der weiter unten steht und wie um zu Sprechen die Hand hebt.

Die Felder verschwimmen wie die Aussagen. Ich brauche dies alles, sonst würde ich ja die Spaziergänge bevorzugen. Wer sagt mir aber, dass dies hier keiner war, keine große Variante eines glühenden, mich zerfressenden Chamäleons. Pappe habe ich an einem Mittag noch vor zwei Jahrzehnten gemacht, die Inspiration kam aus einem Heft, das den Euro einläutete oder vielleicht auch nur der Himmel, der bitte bitte wieder blau werden sollte. Die Collage, die ich dann, zwar nicht so beabsichtigt, aber gut mache, ist aus Papier, Pappe, Plastik und in die Welt hinausschießenden Wacholderbüschen, die vor Freude lila spreakeln, es immer noch tun würden, hätte mein Bruder sie nicht mit Butter oder Knallpulver nach draußen verlagert, wohl aus Verlegenheit, ich könnte ihn nicht ernst nehmen. Was übrigens vollkommen in Ordnung von mir gewesen wäre. Blätter von den Ochsen hinter der Kirche also, hier herrschten natürliche Bedingungen, nicht wie im Camp, das meine Freunde und ich vor der Abfahrt zur Insel von uns einfordern. Bevor sie der Sturm wegpfeift: gesenkte Blicke der Ochsen, ich muss sie nicht mehr nach ihren Leiden einzuteilen, das war für einen Tag mehr als genug. Vergleichen will ich einmal mehr, die Übelkeit kommt mir zuvor. Nun: ein Teebeutelinhalt oder gesundem Nachmittagsschlaf auf Holzdielen nicht unähnlich, streng behütet, wache ich zuerst von der Sonne, dann von in der Luft hängenden Fäden auf. Wirrnis. Auf dem Felsen heult die Wolfsbrunst, der Anführer wird vermutlich gerade ausgetauscht. Gestorben und ausgetauscht. Ständiger Druck im Hintergrund. Das Privatreservoir ist gefährdet, mein Augenlicht täuscht mir so glanzvolle Erziehungen durch andere vor. Der Guru in mir schiebt mich wie Nebel voran, Nebel, der vor der Sonne flieht, vorausweicht. Andererseits konnte ich noch nie Wolf sein. Freilich, ich esse mein Moos, bin ehrlich zur Sonne, doch an der Szene mit dem Kirchenfenster glaube ich meine ständige Befangenheit deuten zu können. Nichts anderes hatten diejenigen, die es dort in Schräglage stehen ließen, vor: geläutert lasse ich Taschenmesser und Irrglauben in der Gruft zurück.

 

VI In anderer Umgebung

In anderer Umgebung: ich lasse mir das Essen bereiten, von dem Marktplatz fühle ich mich abgestoßen, man hat wohl bessere Stille in den Kammern, die den Hinterhof umgeben. Es ist die Stadt, die vor Einbruch der Nacht immer noch kurz vor dem Ende, vor Eintritt in die Ungezwungenheit kommt. Beinahe wäre ich da hingelangt, ohne der Meute in meinem Kopf lebwohl zu sagen. Dies getan, gehe ich etwas anderes tun, spreche zum Pförtner, meine aber nur mich selber, fühle die Zeit, es sind soweit zwei Tage gewesen, allesamt Wurzelwerk, das nicht mehr aus mir herauskommt, so sehr ich es auch versuche. War ich den Gegenständen, die ich alleine von Hand herstellen konnte, erlegen, so gerät jetzt die Faszination über mich, das feingeraspelte Feuer in allen Fenstern. Ich miete mir eine Herberge. Ich will nicht archaisch wirken, das nötige Geld klaue ich mir. Bevor ich zu sprechen anfange, hole ich mir durch Schlaf die Wörter zurück. Völlig überhöhte geistige Läufe durch die Kleinstadt gestatten mir nach immerhin einer Woche, den Plan der Straßenzüge aus dem Gedächtnis an die Wand zu heften. In der Mitte der Springbrunnen: hochgeschossen, ganz meinem eigenen Naturell. Flink lerne ich auch den Westteil der Stadt kennen, diesmal, ich merke den Zusammenhang, fange ich von der anderen Seite an. Ich weiß ja, wohin der Osten führen konnte. Die Bildergalerie fällt auf. Gleich neben der Reihe neu restaurierter, gelb rot und blau nachgefärbter Bürgerhäuser gelegen, die bis zum eingefassten Kanal führten, helfen mir die darin ausgestellten Zeugnisse meiner Vorgänger, den Weg herauszufinden, aus dem geschundenen Betrachtungen dieser schwarzen Linie. Durch mich selbst zieht sie sich, ich erwartete es noch weitere dreißig Jahre, jetzt nicht mehr.

 

VII Nacht

Ich erwarte nun wie gesagt nichts mehr, kann mich von allem lösen. Am ehesten betasten Steine schwingend meine Scheu, die ich möglicherweise als ein Resultat einer Pfade suchenden Rückumkehr in das Innere der Ebenen und Wälder, die ich vor mir erwachsen sehe, hervorgebracht habe. Nie wieder, sagt die Nacht zu mir, vor meiner Herberge, brauchst Du die Umgebung zu betrachten, es soll die Zeit der Streifzüge kommen, die Zeit des Eichelhähers. Die Entwicklung (sagen wir Erziehung) zum Späher ist den Sinnen regelrecht an die Seite gestellt worden, ohne gesondert an die immerwährende langjährige unbegründete Verzweifeltheit zu denken. Als ob ein Luchs in den Armen gestorben ist.

Menschen sind mir anzüglich geworden. Ich vergleiche sie mit Plattenbauten, den besseren strukturellen Überbau von Vogelgeschwistern. Als Prototyp lege ich die Verkäufer fest, die Nachtigall fordert umso schöner ihren Preis. Sie am Ohr schaffe ich ihr den Morgen ein ums andere Mal, auf dass ich morgen erwache. Sie hat mich das Singen gelehrt, mir das Sprechen abgewöhnt (ab und zu lese ich noch, aber bereits auf andere Weise), mich ermutigt, es darauf anzulegen und wo anzuheuern. Es wird das kontrastive Baden in der Menge ersetzen. Doch zuvor sollte diese Nacht zur gegenseitigen Überraschung werden. Also griff ich um mich. Ich dachte, alles gesehen zu haben. Schon in Hafenkleidung kamen die Kolonnen schwarzer und lila Schafdrehungen aus den Blumen und Beeren hervor gekrochen und bildeten den Kokon, der was weiß ich anrichten konnte. Gleichzeitig spielte ich mit dem Geschenk der Nachtigall, meinem alten Taschenmesser, das die Kirche mir in meiner Verbundenheit und Stocktaubheit raubte. Doch schnitt ich der Weisheit, die ich möglicherweise durch das Ritual der allerletzten Nacht erlangt hätte, ein Schnippchen – ich war zu sehr Späher geblieben. Einmal den Duft deiner Kleidung einatmend und die Nase scharf gesetzt als Schaft und Schlitz meiner Waffen, die in mir schlummerten gab es keine Bewährungsproben mehr. Ich war den Abenteuern, die ich dennoch bereitwillig einging, schon wieder um einige Stufen, herauf herunter, gefolgt und war am Überholen!

Es riecht noch immer nach Feldern, die seit langem von Hand nicht mehr geschöpft zittern, als ich die Flucht als solche brandmarke. Seit zwei Stunden bin ich gerannt, es folgt schon die Stunde vor der Dämmerung. Meine Haut glänzt fröhlich. Ich treffe, der Zufall gerät in Wallung, ein Kind, das mich an meinen Bruder in jungen Jahren erinnert, das mir außerdem ein wenig die Arbeit abnimmt und von meinen Geschichten schon einige gehört hat (da sind sie wieder, meine Freunde! Auch sie habe ich verlassen). Voll Trauen in den Urwald nehmen wir uns, einander abwechselnd, Huckepack, satteln feuerkörpergleich schlüpfend die Fransen um die Linse. Schön wirbeln wir in die Gruben, während die Stunden im Sumpf zerfließen. Dann ein Vogel! Kann es der Morgen sein? Die Nachtigallen in bunter Eintracht, sie warten uns vor Explosionen, malen an Wände, die sich wie aus dem Nichts vor uns auftreten, bis sie brechen, schaffen preisreduzierte Rillen zum Klettern. Was ist der Preis? Schelmisch flüstere ich dem Kind närrisch zu: „Übrigens, wozu brauch ich drei Euro?“ Lachend pflügen wir die Ebenen durcheinander, der Eingang soll bald gefunden werden, ein Stern scheint zur Belohnung und am Ende wartet immer jemand, bevor die Musik ertönt. Die Musik ist der Hintergrund des Wartens auf Besserung. Dieser Mensch, so glaube ich, soll wirklich glücklich sein. Am Ende und doch nie darüber hinaus…

Da, die Ferne, wo sich die Horizonte verschmelzen, nun näher: vielleicht ein Bekannter, das Gesicht zuletzt, das die Zeit über im Schatten des Gefangenen lag, der zu seinen Füßen liegt und das Gesicht eines jungen Ichs trug, aber auch Fizzel eines anderen Schemens. Ich weiß nicht, was die Entwicklung bringt, sicherlich ist der Kampf nicht immer die Entscheidung. Wir haben Tage dafür, uns zu entscheiden, wir haben Berge und Hügel zum Schutz, wir sind zu zweit. Das Ende ist nahe und breitet sich wie ein Drachen über Himmel und Erde, die Nacht, das Thema meiner Jugend, verschwindet in den Momenten, die für uns so schmerzlich kurz und im Rückblick verlockend, aber traumumwandelt und ruhelos sind. Ich finde, wir sollten weiter. Der Regen ist schon viele Tage voraus.

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Straßenjunge, 12

An einem kleinen Hügel, gesäumt von einem kleinen Wäldchen von Kiefern ist eine Gruppe Kinder untergetaucht, ein Orchester frühreifer Geiger mit Stöcken, vor denen sich der strähnige Pianist mit seinen Vogelfingern in Acht nehmen sollte und sich auch fürchtet, allerdings aus anderem Grund. Sie tragen Masken und durchschauen das Spiel am Klang der Schritte und dem Quietschen des Fahrrads. Mit ihrem Tiergesang und den Bögen lassen sie die Luft erzittern, was bei der anderen Gruppe der Älteren als Warnung verstanden wird. Nervös werden sie aufgenommen. Von den Eltern, die mehr Geld von ihnen fordern, verlassen, fühlen sie, dass es nicht mehr ihr Gebiet ist, tot geaast, von unzufriedenen Rentnerinnen im Vertrauen gekauft und verwahrlost. Das Lachen ist nach all den Jahren immer das gleiche geblieben auf den ausgelatschten Wegen und den kleinen Einbuchtungen, die Beton nun mal zulässt. Und auf dem Sandplatz spielen die Kinder, von grau aufgeweicht und ausgelaugt durch die Farne scheinende Sonne, die sich hinter dem Wald verkriecht.

Wie hoch der große Flori springen konnte! Später wird man ihm keinen Penny geben, er fühlt den Sand unter sich und schreibt sich die Zeichen, die er im Sand hinterlässt wie ein Totem, der in den Lüften hängt, auf die Ritzen seiner Haut. Ich nehme also ein Bad im Fluss, zeige mich den Eis essenden Schaulustigen zwischen den Buden, die um das Zelt aufgespannt sind, bin ganz Musiker, mache es Lilo und Flori und all den anderen nach und trockne bei Zwitschern und Luftzügen meine flattrigen Haare. So sehr bin ich ein Anderer, dass ich vergesse, was ich erlebt habe. Schon bin ich auf dem Schiff meines Alten (wessen Vater?); wir passen auf, dass die Ladung am selben Tag gelöscht wird. Der Strand ist zurück, am Hafen laufen die Schiffe ein, so groß, dass ein einzelner Schwimmer sie kaum ertragen könnte, führe ein Schiff, auch nur langsam, aber groß und unmenschlich wie ein Planet an ihm vorbei. Allein im Kosmos ist das rettende Ufer fern und hinaus treibt es den Verlorenen. Im Kampf der Lichter und der metallisch abstoßenden Härte, in dieser elenden salzigen See sind der gefallenen Schiffe am kräftigen schwarzen Firmament die Mühe nicht wert.

Ein weiterer Zwölfjähriger vor mir bedroht. Mit Musik am Fahrrad kommt er wieder und wieder durch die Straßen meines Reviers und um die Ecken. Was ihn erwartet, ist das Größte, was je passieren kann. Auf dem Bauplatz ist sein Kreis, seine Bewegung, seine Aktion gewiss, doch wohin mit dem Stolz? Phrasen aus den Teilen der rauschen auf mich ein, als ich mich wie ein pfeifender Stern auf einen Punkt zu bewege. Ich könnte mich hineinwagen. Oder aber das sammeln, was nötig ist, Listen des eigenen Verständnisses, der tröstenden guten Worte. Ich kenne viele, die sich reichen, die planen, aber zuhause bleiben, hinausgehen, um einen anderen Ort zu erreichen und den Weg nicht kennen. Auch bekommen sie ewig neues Essen zugeteilt. Das ist leicht gesagt und leicht getan, ihr Tagwerk aber, die nächsten 200 Tage liegen nicht in ihrer Hand. Und doch überleben sie. Ich mache es mir nicht so leicht. Ruß unter den Augen will ich kämpfen. Einmal sitze ich im Theater und komme nur davon los, weil ich den Lockduft der Nacht aufsauge. Doch ohne alle habe ich mir das nicht vorgestellt.

In einer Woche Licht aus allen drei Zeiten. Von Steinen, Kohlegruben und Kinder in allen Höhlen zeugen zig Kilometer Gänge, die alle auf der Piazza enden. In hellem Nebel ist ihr Traum die Firmengründung. In Petroleumlicht wird der Schwur getan.

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Reportage in groben Zügen

Es ist immer noch früh, als ich das Haus verlasse und ohne Gespräch zum Zug laufe. Ich entsage meinen Gewohnheiten und springe auf den Zug, suche mir ein Abteil, als ob es bis Russland geht und versuche mich mit den Mitreisenden anzufreunden. So will ich den Winter, wie lange er auch gehen möchte, überstehen. Die Fahrt ist wirr und kreisrund wie die griechische Geschichte, eine Geschichte der wandernden Grenzen, der Wörter im Exil, der äußeren Sprache. Die Art, wie das von oben erzählt wird, fördert Theaterschnipsel ans Licht. Die Zuschauer sind dabei, wenn diese Behauptungen entstehen und lassen sich für den Fortschritt auf Opfer und Verluste ein.

I

An Berlin vorbei, der dampfenden Stadt. Teer zieht nach oben, ins kalte matte Rot. Um die Häuser, Brücken und Bäume ist der Moloch gebaut, flüssige Blutbahnen, rasendes Aufgeben vor den Tänzen erstarrter Eminenzen. Die scharf beobachteten Züge der Winternacht liegen vor den Lüftungen im Abteil, an den Bogentischchen sammeln sich die Reisenden. Und wenn die Wagen mit einem langen Knarren und Knarzen auf einem unbelebten Feld, ringsum Holz, anhalten, erkennen sie die Umrisse draußen. Ihr Ziel wird klarer und sie wühlen sich in die ständig unbequemer werdenden Sessel ein; andere gehen ins Restaurant am Ende des Zuges und schauen das erste Mal auf die Steppe und die zweiseitigen Inseln, über die der Himmel blitzt. Im Gerippe des Stahlpferds ziehen sie sich ungefragt die letzten Plastik -, Eisen- und Stoffreste um den Leib und decken, mit einem halben Auge schon draußen, die vor Kälte und Blut strotzenden Öffnungen und Risse notdürftig zu. Die in den Abteilen der ersten Klasse haben mehr Glück, hier sind die meisten Scheiben noch nicht in Fragmente zerbrochen und trotzen dem seit 20 Jahren unaufhörlichen Hagel. Das Packen und Pochen an den Wänden macht den anderen Passagieren Mut und sie drehen und winden sich weiter in ihren Zellen, um der Kälte und dem Frost den Zugang zu ihnen möglichst schwierig zu gestalten, voller Hindernisse, Abzweigungen, Gänge und Entscheidungen. Nur langsam, ungehört langsam kommen sie in ihren Betten vorwärts – jede kleinste Bewegung könnte bemerkt und gemeldet werden. In wenigen Sekunden tasten sich die Finger weiter, kleine Ausbuchtungen in der Decke suchend, um die zitternde Hand zu entspannen und zu strecken. In diesem Meer von kalten und warmen Regionen, den Wäldern und Schluchten ist jeder Tropfen Luft, der an einem Ausgang der Oberfläche wartet, Freiheit und Nötigung zugleich.

Von allen Seiten tanzen die Leute im Zug herein, in Aussicht nichts weiter als klebrige Abende. Wenn wir noch kurz davon wegkommen möchten und uns an den Metallschrott klammern, traditionell auf dem Kopf, dann geben wir vor, unser einziges Ziel sei die Verständigung, das kumpelhafte Klopfen auf Schulter und Arme. Die Anderen sind aus dem Schatten getreten, verschwunden sind Bydgoszcz, Lublin, Rzeszów, Poznań und Łódź – wir bleiben als Skulpturen auf den Bänken sitzen und hauchen uns für ein paar Sekunden zu. Dann springen und reißen wir uns aus dem fahrenden Zug in die gefrorene Haide. So lockt der Trip mit seinem Echo der Bilder. Die Verteilung der Gesichter ist noch wie in der Jugend nicht ausgemacht, hinter einer Ecke treffen sich zwei Konkurrenten im Untergrund. Der wächst auf den taufarbenen Dorfstraßen, auf denen Nachtläufer Schutz im Pastell suchen, zwei Stricke nasskühl um den Körper gebunden, bevor sie den kosmischen Atem umzingeln.

II

Der letzte beschlagene Zug fährt im Stockdunkeln ein. Auf der Fahrt lese ich Geschichten, höre die Sprachen der Menschen, die sich vor dem ersten neuen Arbeitstag ausruhen. Erzählungen aus der Ferne lesen sich auf der Strecke anders. Uns einigt der Glaube an eine fremde, neue Welt neben uns, die wir aber in wenigen, maskenhaften Augenblicken schon erlebt haben. Die Zukunft glitzert materiell wie Sprache vor uns. Um den zweiten Zug nicht zu verpassen, lege ich mich in einen der vorderen Wagen, kaue Tabak, lasse mir die Route besser berechnen – und steige am falschen Bahnhof aus.Drei brüllende Fans warten auf mich und legensich mit mir an. Es war ein Samstag und nur durch die Hilfe einer Frau, die ihr Kind in den Händen des Vereins vermutet, entwische ich.

Die so Isolierten, denen sowas ständig passiert, geben sich in Tagen voller Videokonferenzen, Philosophieren und Twittern aufgeklärt. Ein Journalist kommt durch die Reihen der Gangsteher zu ihnen durch. Die Alten blühen noch mal wie die erschreckten Kirschblüten, die sich wie immer zu früh ergeben: Es fehlen schlicht der Kleinstadt auf dem Hügel schlicht die Mittel, abgesehen davon, dass es von wohlhabenden Unternehmern, Plauderern und „Olé“-Sagern seit gefühlten 100 Jahren nur so wimmelt. Es wird ihr die schwierige Lage am Hang und Spekulationssucht vorgeworfen. Hier, wo sie aufgewachsen sind, werden ihr schon vorher die Gelder gestrichen. Da, sag ich euch, geht ein einziges Geschrei los, das die Talsenke aber nicht mehr erreicht.

III

Wenn wir von den Städten absehen, bleibt die sich kaum verändernde Zuflucht dazwischen, Dinge in der Landschaft, von denen wir nur wissen, mehr nicht. Ab und an nehmen wir sie auch beiläufig wahr, doch ohne ihre Teilnahmslosigkeit zu erkennen, ihre stille Euphorie. Das sind keine Geister oder kleine Unbekümmertheiten. Hier leben, weit verstreut, Menschen, die sich ihre Dreieckshöfe, Holzverschläge nahe des von der Sonne glitzernden Waldes gebaut haben und wieder Großbauern geworden sind.

Unter den schattigen Brücken brummen schon die Bauarbeiten, von irgendwoher fließt dann doch Geld und die Muttersprachler des Morgens schwärmen aus und verteilen ihre Drinks. Die meisten Jobs sprießen, ohne das jemand etwas dazukann, wie das Grün aus dem Boden. Ein anderer Eindruck hätte im allgemeinen Aufstieg, in dem sich alle bewähren, getäuscht. Alle suchen sich in ihre Nischen ohne von den anderen etwas wissen zu wollen. Ladengründungen geschehen aus der Notwendigkeit heraus, in die Hinterhöfe zu gehen, Teil der Schattenwelt zu sein und sich nur mit dem Besten zufrieden zu geben. Außerdem werden Familien aus Unsicherheit und Marketingzwecken gegründet. Es finden sich aber auch Leute, die sich mit Titeln schmücken und ihre Türen aus Ehrfurcht und Wohlstand offen lassen. Sie betreten sie sowieso selten, stattdesen werden sie wohltätigen Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Alte schlürfen ihren Kaffee, Handyverträge werden abgeschlossen, die Stimmung wird durch Rabatte gerettet. Wir Jungen könnten uns dagegen als nichtsnützig erweisen, wie wir uns da mutig in einer Ecke des Bahnhofs verkriechen, anstatt in den Läden herumzutingeln.

Der Stein und die Marmorplatten, die das Gebäude, den Komplex einrahmen, ziehen die Menschen heraus, auf einer glatten Fläche gleiten sie in die nächsten Gänge. Schon der Morgen – Pastell in rosa und hellblau klebe am Himmel – verspricht hier Zukunft. In seinen Tümpeln spiegelt sich haarfein der wunderschöne Verfall, das Fenster zeigte die Ebenen deutlich. Nebenan ziehen Laster durch die Landstraßen, Schutthügel, irgendwo auf einem Feld ohne Zufahrtsstraßen. Die Investitionen haben sich gelohnt, wir holen auf, nachdem unsere Geschichte schon vorbei war und wir abgehängt und kreischend wie stumme Blitze auf den losen Steinplatten der Kommune tanzten. Jetzt ist es einsamer, wir verändern uns während dieser Überschwemmung, werden geteilt und individueller. Millionen leben hier noch immer in extremer Armut und die Lebensbedingungen sind vorhersehbar ohne dem Staat auf der Tasche zu liegen. Da gibt es ein Sprichwort hier (das gibt es überall). Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu glauben, dass es in diesem Niemandsland allen gleich widerfährt. Jeder Traum wird sofort aufgegriffen, bevor er den Anschein eines Traums bekommt.Die Landschaft verlässt uns, das ist gut, das muss so sein. Bei den vielen Zufällen werden sich die nicht Zugelassenen schon selbst zerstören.

IV

Die Nächte sind wieder blau verschmiert. Mohn wird durch das Gackern alter Junggesellen zertreten. Es sind Einzelgänger, die bis zu Ende spielen, bis sie ihre Prüfung abgelegt haben. Ständig durstig starren sie erfahren in die Luft, betrachten von allen Seiten die Form des Neuen, verwundert, wie lange sie das aushalten können. Bis das Geld ausgeht, gibt es an jeder Ecke Mikrokredite. Während Hoodies mit Bier und Rucksack die Stadt kontrollierten, bleibt immer einer am den gleisenden Park an den Schienen zurück. Sonne schlägt auf die gelben und grünen Blätter rote Flecken, die alle zehn Sekunden zertreten werden.

Hand in Hand kommen zwei langsam näher. Jeden Blick wägen sie ab, als ob sich die Szene jeden Moment ändern oder verschieben könnte. Sie bleiben schweigsam und auf eine ehrliche Art vorbereitet. Beim Blick auf die Anzeigetafel wenden sie sich ab, wie zur Entschuldigung, dass sie den Weg auf sich genommen haben, obwohl sie doch wissen, dass er vergeblich ist. Er sagt ein kurzes unverständliches Wort und geht zurück, bis sie ihm gleich nachläuft.

V

Im Zug kracht es, die Metalltüren schlagen bei jeder Kurve wie Fallbeile auseinander und wieder zusammen. Kälte kriecht durch die verrosteten Fenster, doch der letzte Tau schmilzt schon. Ein kleines Kind schreit sich die Seele aus dem Leib, während die Mutter ihm das Wort Freiheit buchstabiert. Wer jetzt nicht aussteigt, schaut irritiert, als ob es nicht mehr auszuhalten ist. Ich sitze mit Maske und Zeitschrift auf dem Gang neben dem Klo, in dem sich das Schlupfloch aufs Dach befindet. Auch das Warten vergrößert die Details nicht. Ich fahre übers Feld und wippe vorne rechts zum Ausgang. Auf der Treppe sitzend bin ich mit ihr in die Luft geflogen – das Kinn in den Händen kam ich in der Oberetage eines kleinen Hotels an, mit einem Schrei, der auch öfters auf den blankgescheuerten Steinen liegt. Umstieg auf drei Bahnhöfen, alle haben ihre Rucksäcke voller Essen, schnappen Wörter auf, tippen in die Geräte und fühlen sich auf großer Fahrt, obwohl sie diese Strecke mehrmals im Monat fahren. Sie werden alle großzügig gefördert und müssen dafür dankbar sein. Die Orgel spielt auch jeden Sonntag, aber sie sind es leid, die Lieder zu wechseln. Die Räume haben sich neben uns in diesen Betonbunker zurückgezogen, Baujahr ´67. Eine Gerade, eine Schräge, ein Lächeln, bevor uns der Hunger überkommt, der in Gesellschaftsspielen endet.

Ich verlasse den Zug für einige Stunden, und bewege mich auf ein Haus in der Ferne zu, das unbewohnt scheint. Nebenan sucht am kalten Fluss eine Kappe nach Essen. Die Hälfte des Hauses ist zerrupft, eine Seite sichtbar, der Flieder zerrt in der schwülen Luft, schal und getragen von Gummischlangen, Resten von Tabak in Plastikeimern und abgestandenen Zeitungen. In meinem Stapel habe ich Pläne, ein eigenes Koordinatensystem, Flyer, Karten, die rechts und links des Wegs zu leuchten anfangen sollen, wenn ich sie nur berühre. So flüchte ich zu meinen Freunden, den zeltenden Stadtreihern. Um den Kontrolleuren ein Schnippchen zu schlagen, haben sie ihre Zelte zwischen den Pappeln aufgestellt. Dort ist es warm und windstill. Ohne es zu bemerken, lande ich auf fremdem Terrain und bin somit Grenzverletzer. Aber die Leute in den zu kurzen Cordhosen nehmen mich in Flussnähe gut auf, nachdem ich schlafend Stunden damit zugebracht hatte, mir die Folgen eines Angriffs auszumalen und dann einschlafe, um mich zu retten. Ein Tritt ermutigt mich, den Rest der Nacht mitzugehen und sich an den Schwächsten zu halten. Für Freundschaftsdienste lasse ich mich gerne einladen. Im Gegenzug wiederum erzähle ich, aus welchen Städten ich komme, in welchen Wäldern ich lebe, von meiner Rundreise und der mehrere Monate erfolglose Suche nach den Röhren in den Feldern von Suwałki. Einen Tip zum Schwarzfahren bekam ich mit auf den Weg: Pflücke aus den Mündern der umgebenden Menschen die Wörter, die Du verstehst. Frage nicht nach, übersetze direkt. Wenn Dich jemand in einer Sprache ansprichst, antworte in einer anderen. Ein Leben für das andere, Leben auf Leben der Anderen. Gut, dass die Polizei in Europa jetzt eine einheitliche Farbe trägt.

VI

Nach dem Winter ist das Land von Schmelzwasser verwüstet, liegt in Braun und Grün und Gelb mit skizzierten Bäumen; ein Baumast über dem Fluss mit seiner sich weit erstreckenden Marsch hält einen schwankenden Gummischlauch. An der Wasseroberfläche zappelt es fast, aber bestimmt ist das nur Einbildung. Die da unten kämpfen um wenige Meter tief unter der Oberfläche, bis sie zu Abend heraufgeholt werden. Kein Fischer in Sicht. Im Zug hat der Kontrolleur ein ums andere Mal Probleme, seine farbigen Scheine, die er zusammengerollt in seiner rechten Hand hält, zu wechseln. Er geht von Reihe zu Reihe, zu den vertrauenswürdigsten Adressen, wird selber einer von ihnen und setzt sich schließlich entnervt. Die kleinen Sonden an der Decke beobachten ihn unruhig und lassen ihn nach zwanzig Munuten Schlaf wieder aufschrecken. Mit seinem Kollegen geht er laut durch die Reihen, ohne sich zu erinnern, wen er schon kontrolliert hat. Der Statusbericht fehlt; nur die Gespräche führen weiter zu Forderungen, keinen Versprechen, sondern Ankündigungen und Beschwerden. Als Antwort darauf stolpern wir nackt in zwei Abteilen umher als wären wir in unserer Stadt. Wenn es noch Netze in der Gepäckablage über den Köpfen gäbe, wir hätten uns nach fünf ausgebrannten, dampfenden Stunden dort hineingelegt. Einmal hält der Zug mitten auf der Strecke. Um uns herum dunkler Wald, der sich jedoch nach einigen weglosen Metern durch das Dickicht in alle Richtungen öffnet, schon verwildert und ohne Chance, sich selbst zu erhalten, aber mit gelegentlichen Orten, sich ungestört zu lieben. Wir übergießen uns mit Wein und fragen verzweifelt nach dem Weg zurück. Aus der Lok tönt es, die pfeifenden Spatzen von Kontrolleuren geben für einen Vorschuß einen extra aus.

VII

Auf meinen Fahrten bin ich schon mehrmals in abfahrende, alte Züge gesprungen, deren Türen erst später geschlossen werden. Einmal lande ich so bei einem Verrückten im Abteil, der mich in eine Geschichte hineinzieht, die in der Mitte feststeckt, gerade als ich mich am Feldrand hinter einem Böschungsgraben vor den anfahrenden, suchenden Einsatzwagen verstecke. Nach Hin- und Her auf der Karte erfahre ich, dass am Rande der nächsten großen Stadt ein Platz für Transporter sei, an dem ich weiterkommen kann, genau dort, wo der Regenbogen zur Hälfte abgefackelt worden ist. Er erzählt von Filmen, Büchern, Musik, die nicht Halt machen vor den eigenen Visionen, die ihre eigene Geschichte überwunden haben, sich selber aber als etwas Selbstverständliches verstehen (weil sie nicht wissen, wie alt sie sind). Sie trauen sich einfach, scheren sich nicht um Genres, verzweifelen aber doch regelmäßig an ihren Ambitionen. Doch gehen sie in unsere Träume ein, um der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Schon löst sich die Zunge, andere Ränder spielt die Musik, Sprecher und Klang der Hauptfiguren wechseln, Lampen durchscheinen einen großen Raum, der die Gesellschaft vergessen macht. Tänzelnd auf einem Bein, in die Höhe die Fußdaumen, nur im Spiegel erscheint der Andere, getreten aus dem Rondell. Auch Gesichter müssen sich irgendwann wiederholen. Wissen verdichtet Ansammlungen von Menschen, nicht umgekehrt. Vorläufig bin ich zufrieden mit diesem Ereignis außerhalb, das mir wie ein unumstößlicher Beweis gleich wieder entgleitet. Vielleicht muss ich auf der Straße landen, um das zu bemerken. Noch bin ich nicht zuweit gegangen, doch weiß ich auch nicht, wie weit es geht. Ich hätte zwar auch zuhause bleiben können, doch dann hätte ich etwas erfinden müssen, sei es für den Ruhm.

Ringsum Felder, ungepflügte Sterne. Das Licht der Haltestelle fliegt durch grelle Schilder. Noch früh am Morgen komme ich in die Stadt des Hutmachers, der mich weiterbilden soll. Der Ortseingang ist klar klar zu erkennen auf groben Betonplatten, die an Truppenübungsplätze an der Ostsee erinnern. Wie Jesus auf Rosen neben Steinen liege ich da und bin dem Anfang des Chaos nahe. Das Frühstück am Bahnhof, Ei und Gurke, Kaffee. Auf dem Kreuzrücken der Bahnhofshalle verpasse ich Zug um Zug und schreibevergeblich Leute an. Das kommt davon, ohne Zuhause zu leben.Die Körper verlaufen dabei und werden von den Schienen übermüdet an das Grün geschweißt. Nach Osten ziehen die Reiher weiter und ich halte sie aus dem Fenster mit Pappröhren und Faltblättern fest, auf denen auch gemalt und geschrieben werden könnte. So entstehen aus zwei Erinnerungen eine, die sich als Schutz und Schmuck zugleich weitere passende Motive dranhängt. Die Finger schlafen derweil auf den zusammengeklebten Tastaturen und der Wind erholt sich in Lungen und Erdlöchern.

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stürze

Brauchst Du etwas? Hast Du Zigaretten? Kann ich Dir helfen?

Erst jetzt komme ich wieder zu mir. Die Verkäuferin redet mich in anders als sonst an. Es ist, also ob ich gelegen habe. Beim Fallen habe ich noch geschrien, um den Umstehenden verstehen zu geben, dass ich auch während eines Sturzes die Kontrolle behalte. Je weniger ich bei mir bin, desto mehr schütte ich Laute aus, ohne mich wehren zu können, Texte und Töne, die vor einer Sekunde noch nicht zu ahnen waren. Die sich über mich lustig machten und in Erstaunen versetzen. Währenddessen zählen die ihre Scheine, verteilen Aufträge und stellen sich in den Dienst des Sammelns. Ihre Hände gehen die Gruppe ab, statt Karten geben sie den Papieren einen eigenen Tauschwert, der die Ware vergisst. Alle wissen hier wer ich bin. Wovor habe ich also Angst? Dass nicht alles geregelt ist? Aber niemand klärt das Missverständnis auf, dass ich nie hier war. Die beherrschte Verkäuferin will ihren Laden fortan nicht mehr für mich öffnen und drückt absichtlich in die falsche Richtung. Mitleidig schaut sie mich an und betet, ich möge verschwinden, dass sie Feierabend machen kann und mit ihren Kindern an die Ballustrade stürmen kann.

In meiner neuen Stadt habe ich den Jardin du Luxembourg vor der Tür. In diesem steht eine Bühne, ein Caféschild führt in die Irre zu einem Tropenhaus, einem Seitengang von überwachsenen Säulen, die im Laub versinken. Ein Straßenverkäufer zerrt an mir, Werbeträger drücken dir die Hefte und Zettel doppelt in die Hand, in den Knochen rauscht es noch vom Sturz, die gleichzeitig ausschwärmenden Arbeiter lösen sich weiter auf – hier musst Du vorbereitet sein, sonst wirst du an einem Fetzen deiner Kleidung, einem unscheinbaren Deteil körperlicher Schwäche erfasst und mitgezerrt.

In den heiligen leeren Caféräumen führt ein Freund von mir die Szene auf. Der Teekessel kocht, draußen brennen die Gesichter und Kläffer dringen in alle Häuser. Ein falsches, undenkbares Wort von ihm und ich gerate in Rage, verfluche, verwünsche ihn und treibe ihn hinaus. Ich mag seine Wildheit, wie er um sich schlägt und mich dabei verständnisvoll anblickt; doch es kann ein Zeichen genügen und er flieht zu sich selber. Wir schalten die Geräte aus und prüfen über die Kamera, ob der andere noch lebt. Die Sonne raucht noch in jeder Pore der Luft, später zieht faltiger weiser Nebel auf, der das Licht wackeln lässt und an manchen Stellen etwas dazuerfindet. Einige hinzugefügte Zeichen zeugen noch von den eigenen Geschichten, eingebildete Entscheidungen von den Folgen. Sie machen wenig Sinn, sind sogar falsch, aber zeigen nur, dass ich eigentlich eine andere Sprache habe.

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Henry Miller auf der Flucht vor Indianerinnen

Auf unbestimmte Weise hat jeder gemerkt, dass es sich nicht zu baden lohnt. Nur Henry Miller tut es, auf der Flucht vor Indianerinnen, die ihm an die Gurgel wollen. Ich komme gerade aus den Läden, in denen sich nur eine Person aufhält, die, die mit dem Sortieren von Akten beschäftigt ist. Das Fax spuckt weitere Meldungen aus, es fehlen noch Informationen, und weil ich Luft schnappen muss, sehe ich diesen schlechten Schwimmer die Passkontrolle ansteuern. Ich renne ihm nach, er bemerkt mich, denn er wendet sich nach links, doch hey, ich bin keiner der Verfolger. Seinen Besitz hat er verloren, das letzte trägt er noch bei sich. Ein Mädchen nähert sich ihm gefährlich; er drückt sie nur von sich. Kurz unter Wasser taucht sie wieder auf, hält triumphierend sein Hemd, seinen Geldbeutel. An Land, taumelnd. Schon hat er einen anderen Namen und gibt falsche Auskünfte.

Die Passkontrolle ist ein großes Tor, hinter dem eine Brücke die Böschung überstreckt. Rechts und links Tümpel, die der See übrig gelassen hat, kleine Geschenke ans Feenland, sagt man den Touristen, die in die Stadt gleich hinter die Grenze strömen. Henry wohnte auch da. Jeden Tag nahm er diesen Weg zur Badestelle, um sich abzukühlen. Wovon? Nun, den vielen Verpflichtungen, denen er im Exil nachgehen muss: Lauschen, Feste, Diskussionen und der Kampf mit der Schreibmaschine. Zwischen den Haken, Schlaghammern und Lichtlöchern bleibt die Straße ein Höllenband, das einen um sich schnürt. Von der man nicht mehr loskommt. Die Abkürzungen und Kosenamen liegen in den Straßen, doch werden sie überlagert von den neuen Orten, die jeder mit fortschreitendem Alter irgendwann kennengelernt hat. Die hier Geborenen verstehen ihre Flußgefühle nicht mehr und singen abstrakt. Wie selbstverständlich sprechen wir einmal in lockerem Ton von dieser Stadt, in denen wir einige Zeit wohnten, noch bevor wir sie kannten. Nur einer brüllt achtsam.

Die Passkontrolle führt ein eigenes grausam-sadistisches Spiel mit dem Hutmann, schaut ihm stets auf die Finger. Davor graust Henry Miller. Triefend stellt er sich in die Reihe vor dem von Eisenbeschlägen markierten Tor; ebenso die Wächter, allesamt von Vätern hochgepäppelte Flegel, kräftige Nacken, die in jedem Nächsten ein Abbild Gottes sehen, am liebsten mit Fremden zu Abend essen und sich trotz Schweigens am Ende für die gemeinsame Zeit bedanken. Endlich kommt er an die Reihe, glänzend von Schlamm und Wasser, die Hose zerrissen, ohne Hut und Hemd; seine Habseligkeiten treiben in den Fluten oder in den Händen der Frauen und Mädchen vom Stamm der G., mit denen er, nahe ihrer Raststätte, beinahe täglich, nackt und ungehemmt, seine Nachmittagsstunden verbrachte; am Rande: die eine brachte er um den Verstand, er beschenkte sie, ließ sich beschenken und beleidigte sie daraufhin; freilich, ohne dies im Sinn zu haben, war er doch viel zu gläubig, um sich einzugestehen, dass sie anders sein sollten als die Mädchen seiner Nächte. Von Amerika ganz zu schweigen!

Kurzum, er zahlt jetzt eine ganz irreguläre Summe, die nichts mit dem Gegenstand, der Ausführung, Bewertung oder Leistung zu tun hat. So reist er und schläft er schon immer, ohne dass ihm das Geld auszugehen scheint, jemand sich ungerecht behandelt oder gestört fühlt. Doch heute wird er abgewiesen und das trotz Verfolger, die den Wasserrand erreichen und auf die wartende Schlange zustreben. Aus der Reihe beobachte ich seine verzweifelte Choreographie – Zielen mit den Händen auf die drei Wächter, schummelnd halten sie ihm ihre Dreitagebärte entgegen. Wie ein Pfau reibt er sich auf, stellt sich auf die Hinterbeine, fleht und bettelt. Morgen bringe er den Pass. Man kenne ihn, noch heute Morgen… Ich falle ihm zur Unterstützung in die Rede. Er klammert sich an mich; schon trägt er mich als ein Schild vor den Blicken der Anderen vor sich. Tatsächlich gleiten wir unbemerkt aus der Reihe, in die sich die Indianerinnen mittlerweile angestellt haben. Er drückt sich an meinen Rücken, ausgezehrt von der Jagd. Wacklig laufen wir die Wand an der Mauer, die sich rechts und links der Grenzstation entlang zieht, auf einem Damm. Den Blick gesenkt, auf den See und Richtung Strand, der sich an manchen Stellen noch einen Meter vom Wasser erkämpft hat und oft den Platz dem Schilf räumen muss. An den tiefen Stellen, kurz davor, sehe ich 20 weitere Köpfe, die warten, dass er wieder auftaucht. Ich verrate es nicht, sondern drücke ihn hinter mich. Eine Entführungjagd! Seinen Hut, seine Hose kann er später suchen.

An der Hinterseite des Flusses erstreckt sich der Touristenstrand voller Pubs und Schlösschen, englischer Musik und bekannter Figuren. Ein Rathaus, von Arkaden umzingelt und Giebeln verschmückt, umgibt mit modernen Innenwegen den quadratigen Marktplatz, auf dem Tag & Nacht sich verabredet und gewartet wird. An einer Stelle krakele ich herüber, eine Leiter wird uns heruntergelassen und wir sind unbeweglich im Herzen der Stadt. Ich erwarte nicht, dass er mit jemandem spricht, noch sich bedankt. Was gibt es hier noch für ihn zu tun, da er sich nun nicht mehr jenseits der Mauern aufhalten kann? Andererseits, wer hindert ihn daran, mit Vertretern des Stammes in der Stadt in Verbindung zu treten und zu vermitteln? Wie ist es denn zu flüchten, wissen wir das? Mit Schmugglern und Schleppern, was noch nicht lange verboten ist? Er konsultiert meinen Rat und den meiner Freunde; nach einigen weiteren Tagen, mit denen wir leider nie rechnen, ist er eingespannt; teilweise arbeitet er schon in den zu Marktständen angewachsenen Kellern. Erfasst von diesem Glauben, in drei Wochen fertig zu sein, massakriert von Träumen und durch allgegenwärtigen Verfolgungswahn aufgeputscht, schreibt er einen Bericht über die Stammesriten, die Drogenexzesse, die er mit den Mädchen hinter sich hat und die Fahrlässigkeit der Grenzbehörden. Denn auf dem Land fühlen sich viele von der riesigen Mauer am Flussufer gestört und verlangen von den Stadtbewohnern, sich erkennen zu geben. Im anderen Fall drohen sie mit Zusammenrottungen und Abschottung. Noch rechtzeitig beendet Miller den zu einem Buch angewachsenen Bericht. Kurz danach bekommen die Indianer Wind davon. Unter den Augen der vorbeiziehenden indianischen Reporter, die von nun an Einmarsch gebieten, kann er sich nicht mehr wegdenken. Und auch ich bin weg.

Einmal, als Henry sich müde auf der Brücke vor seinem Haus am Rand des äußeren Rings ermattet geschleppt hat – seinen Schlaf, der ihn doch so oft noch vor dem Eingang zu seiner Wohnung überkommt, stört nie jemand – passieren am Tor Einwanderer. Es sind seine Kinder. Sie kennen den Narren nicht und lassen ihn. Geschwind trinken sie ihren Kaffee, ihre Hände gleiten dabei über die zu besuchenden Steine.

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Kein Anfang in Buenos Aires

I Von Bord

Wieviel die Realität der Fiktion und seiner Prosa zu verdanken hat, die Wimpeln gleich im Himmel der Möglichkeiten hängen und von manchen aufgegriffen werden, fällt mir auf, wie ich durch den Park meinem Höhlenpack folge. Eine nichtexistente Welt klappt auf.

In Argentinien fallen mir mehr Dinge ein als sonst wo. Da ist die Straße, die einzig von einem Mann bewohnt wird, freundlich schaut er mit seinen Latzhosen und dem Matekrug aus der Tür und bewacht seine Straße, während in der Ferne die vielen Ichs gewinnen – eine Welt, die balanciert, sich ständig in Schichten und Formen und Schleiern, die um die Häuser gebunden sind, fortbewegt! Vom Schiff, mit Hund, eine Art Hilfsarm, den ich nun loslasse, obwohl niemand zur Begrüßung dasteht. Sie schreiten nach den Bergen und dem Meer mit seinen ägäischen Inseln im sonnigen Sturmwind hin, ich folge den anderen zum erschöpften alten Haus. Wer kennt das nicht? Der Fernseher läuft, auf den Tresen Flaschen, kleine Gläser, die die ganze Nacht rumstehen, ein Billardtisch, den drei Prachtkerle mit Stirnbändern umringen, hochkonzentrierte Stummel. Kein Blick; ich bestelle Bier und ein Sandwich. Zum nächsten Hotel, das ich mir leisten kann und das nicht weit von den Bars der südlichen Innenstadt ist, bringt mich ein Taxi. Der lockige Fahrer mit gefärbtem T-Shirt kennt meinen Typ, vertraut mir blind. Ich fahre einmal um die Stadt, zum Stadion, sehe die Zimmer in den Bäumen und keinen Himmel vor lauter Leinen. In den engen Gassen graben sich die Hochhäuser in die Erde.

Messi war zurück, er spielte seine letzte Saison bei seinem Heimatverein, in Rosario, und heute war er hier, im Duell mit dem Vorjahresmeister. Man kann nicht sagen, ich sei ihm gefolgt; ich bin eingeladen worden. Die nächste Lesung in Europa ist noch zwei Wochen hin, die angebeteten Statuen meiner Stadt sind mir satt und zuwider; ich bin noch nie in Südamerika gewesen. Schlingpflanzen, dachte ich immer, Industriebaracken: Ich bin eindeutig am falschen Platz, wo die Leute sich aus Gullydeckeln erheben und bis in den Himmel laufen, weil da die Häuser aufhören, die schattenfressenden Talsenken. Ich bin in Europa, sonst nirgendwo. Trinke. Es mag am Nebel um den Kanal St. Martin liegen, wo die rote Zeltstadt den Raum kaleidoskopiert. Die Eliten, die kartenspielenden Alten, ehemalige Aufständische, die jetzt eben tagsüber Bücher lesen (um sich zitieren zu können), gehen mir auf die Nerven. Die Diskussionen führte ich schon auf Schiffen, im Flugzeug, im Museum und das Pendel schwingt – die Erde ist rund. Also greife ich mir meine Mappen und schaue mir beim Gehen zu: Vor dem Spielplatz steht das Rondell, der muschelförmige Turm mit seinen Gängen, die angebeteten Statuen, ihre ausgestreckten Hände. Sie lassen mich kalt. Ich bin nicht in Paris, und bin nicht verrückt; und kein Kind, dessen Gesumme nach einer Durchführung unter die Erde sinkt und bei Sonnenaufgang den Platz vibrieren lässt. Die blaue Landmasse bettet den Hafen in ihren Molenschoß, auf Holzbrücken machen sich die Vögel zurecht und fressen Eis – ein Schauspiel, das den Zirkus zwei Ecken weiter vergessen lässt. An Brandecken im Hotel falle ich auf, denn ich habe zu singen angefangen für den ersten Mensch, der das Buch geschrieben hat, für das ich jetzt geradestehend durch die Welt reise. Auf der Haut wechseln Falten, Bart und der Wunsch nach Luft, die nichts vergisst. Eine Band stiert mich an, taumelnd und überheblich, dennoch dankbar. Sie sind besser als ich, meine alten oder neuen Freunde. Sie haben kein Verständnis für meine Einlagen und können nicht ohne mich anfangen.

Das Staatsfleisch von Publikum auf den Emporen klatscht und fordert Blut, Vergessen. Die amüsierten abstrakten Einwohner sehen mich in der Ecke schrammeln, in dicker Luft stehen sie auf, schieben die Stühle von sich und öffnen das Hemd noch weiter. Mit Schminke und zerrissener Stumpfhose ist Eine Anstoß gewesen und brüllt, kaum aus dem Stimmbruch, die Menge an weiterzugehen. Das Stirnband fällt ihr vom Kopf, es kümmert sie nicht. Die Band spürt die Katastrophe, die verlorenen Chance und schiebt sich mit anderen selbst von der Bühne, um nicht durch die Boxen erschlagen zu werden und ihre Familien nicht zu gefährden. Niemand hätte mich verstanden und ich hätte mich selbst erledigt. Ich wäre schnell auf die Haine gesprungen und in der trüben warmen Nacht eingeschlafen. Das Land, das sich so lange fügte und meinen Wünschen entsprach, krachte auseinander, wie ich mich weigerte, anzunehmen, irgendjemand käme zu meinen Lesungen (oder Konzerten) oder rennt in mich hinein. Die Allianz von Vergessen und Herrschaft hatte gesiegt! Währenddessen krächzen die Fontänen wie Sperber und es wachsen Primeln, wie das in manchen Erzählungen die Umgebung färbt.

Wie in einem Abenteuerroman taucht noch mal eine Figur auf, nur am Rand, in Gestus und Haltung ähnlich einem Charakter von Flaubert oder Gogol – mit allen Wassern gewaschen. Der eine Satz bedeutet etwas eigenes. Ihn sich wieder heranzuholen und das Verhältnis dieses einen zu den anderen um ihn herum zu überprüfen, ist die neue Aufgabe, die ich mir und somit Euch stellen werde. Wo sind wir und wo kommt er her? Es war eine Hochzeit, so einfach ist das: Er geht auf mich zu, das Mädchen von vorher an der Hand, sie trägt ihr Band und federt leicht und er wippt dabei, ein Paar stolzer und verwirrter Pferde, die den Kopf hoch halten, dem nächstgelegenen Hügel oder Berg zu (dort, vermuten sie, sind zwei ihrer Freunde verschwunden. Die, Bruder und Schwester, kannten sie damals kaum, noch während der Militärjunta sind sie in die weitverzweigten Höhlensysteme und Wälder um die Stadt geflohen. Nach der letzten Hausdurchsuchung, der sie nur knapp entronnen waren, entschlossen sie sich, zu gehen. Ihre Familie lebte an anderem Ort, doch verließ sie sich auf ihr Geld, das sie in der Großstadt als Hafenarbeiter, Tänzer und bei Wetten verdienten. Jetzt klauen sie aus den umliegenden Dörfern, meist Hühner, Obst und Mandeln. Sie lieben sich, so gut es geht, sie halten sich warm, streiten kurz und sind so in ihrer Zeit. Nach zwei Jahren werden sie aufgespürt, doch sie fliehen abermals, bevor sie ihren Freunden, die sie nicht zu benachrichtigen gewagt haben, ein Zeichen geben. Wären sie ihnen doch gefolgt!).

Sie leben am Rand der Stadt und sind die Nächte in ihren Banden in „El Cite“, einer Bar, die sich im Haus des Grafen von Russland befindet, ein Pappverlies voller Basare und sich hebender Mauern und Ort vieler Ränkespiele und Gerüchte, die sich wie im Western bis zum Hafen hinab ausbreiten. Die großen vierspurigen Straßen kreuzen sich um die Ränder von Buenos Aires, in die Stadt führen Kolonien von Ampeln und Schildern und Fahnen und Menschen, die ihre Sprache vor Aufregung kaum unter Kontrolle halten. Dieser Richtung hier verdunkelt sich der Weg und das Kopfsteinpflaster biegt sich, so als wehre es sich gegen die Flut. Und auch „LC“ und die anderen Höllenclubs, allesamt verschrien für ihre Winkel, die keinen Moment Ruhe gewähren und die aufgeheizte, verschwörerische Musik – es gibt einen Augenblick am Abend, da schweben die Gesichter und Gespräche über den Häusern, die sie zurückerobern werden. Die Eltern stehen nur davor oder klatschen von den Höhen.

II Die Reihen lichten sich

Ich wartete auf die Revolution im System, ich wartete auf Algerien, Tunesien, Ägypten, Syrien, Bahrain, Jemen, Aserbaidschan, Kirgistan, China, Libyen…in Japan gibt es Feuerwellen und die Strahlung legt sich über uns alle, Japan aber liegt brach, und keiner will kapitulieren oder sich ruinieren. Ich geh, wie ein Student zerlumpt und voll Begier, mit schwarzem Fuchsblick auf dem Sprung. Schwermütig lerne ich niemanden kennen, weil die zu oft gesehenen Gesichter nur gute Rücklagen sind, die mir nach einem Überfall wieder aufhelfen, oder so – meine Privatdetektive an jeder Ecke. In Argentinien klappt das Verhalten, das ganze Großstädte zusammenhält, nicht. Über den Lampions wird ausschließlich gesungen, Tee ausgetauscht und balanciert. Schmale Lippen, Überlandleitungen, Krach. Gefühle aus dem Nirgendwo.

Der Graf von Russland stockt. Hinter ihm türmen sich Pflegefälle, die sich übernommen haben, ihre wenigen Sonnenstunden an den Bahnhöfen mit dem Ausloten der Passagiere füllen, so lange, bis sie, angerempelt und argwöhnisch von der städtischen Polizei auf der angrenzenden Stadtmauer jede halbe Stunde angeschnauzt, nur noch in die Ecke getrieben werden und hinter den Kaffeeautomaten flüchten. Fixen. Ziehen. Feuer. Noch ein letztes: Der Äther verklumpt. (Russland: Kauf sie los!) Ihre strapazierten Nerven nutzt er dann auch zu wirren Theaterfanfaren, zweimal 30 Minuten, manchmal nur Geräusche, die im „LC“ oder in den „Hainen“ des 2. Bezirks zwischen Plastiksäulen bis in den nächsten Block rufen. Zum Bürgermeister reicht es noch nicht. Dafür kleben Plakate überall in der Stadt, von seinen Suchtrupps über Jahre gestaltet und verteidigt. Die Arbeit im Kern überschaut er nur strategisch von seinen Balkonen. Er zieht sich immer öfter in seine kranke Kapsel in die aufgehenden Berge zurück, mal erscheint er auf der Terrasse, unterstützt dabei Literaten und damit sein liberales Gemüt. Für nächstes Jahr, zur nächsten vergeblichen Wahl, steht schon die Kutsche bereit. Die Allee wartet schon auf sein Heranbrausen. – Der langjährige Bürgermeister dagegen unterstützt Boca und ist bei älteren Menschen, Studenten und Fans der Massenaufläufe (siehe erster Auftritt: 45 Peso insgesamt, die uns eine Straßenbande voller Häuptlinge wieder abnimmt) und richtig aufbrausenden Kostümfeste am Nachmittag sehr beliebt. Er wettet auf Steuergelder und gibt sich weltfremd; er bewirbt die Stadt als Ort für Wissenschafts – und Technologiekonferenzen. Und in der Tat: Hätte man mich gefragt, ich hätte keine bessere Stadt zum Verstecken gefunden! Die Hügel dienen der Fassade und sind blass wie die Säulen, die aus Russland oder China zum Theaterspielen eingeflogen werden. Schon in der kommenden Woche, versprach mir Russland und stand dabei auf dem Hügel wie ein Endboss in der Ferne, hinter dessen Geheimnis man erst mal kommen musste.

III Auflösung

Die Hochzeit ist vorbei, verschiedene Nächte bin ich nicht im Hotel gewesen, ich vergesse die Namen der Orte, aus denen ich lese und meiner ändert sich wie die farbigen Seiten eines Kreisels. Als ich dann doch alle Termine abblase, die Rückfahrt verweigere und mir das Casting der Schauspieler und Musiker für die nächste kommende, glühende Saison beschaue, vertraue ich mir wieder mehr. Viele hier zitieren meisterhaft, doch fehlt ihnen die Künstlichkeit, die ihr Gehabe in die fehlenden Stellen, in die Lücken des Betriebs reißen kann. Ich empfehle mich und werde als Choreograph und, des Lateinischen mächtig, als Licht – und Regieassistent angestellt. Meine Rolle ist beschränkt, doch bin ich dem Grafen für seine Unterstützung dankbar. Gegen die Baracken gelehnt spricht er mich bei der ersten Lesung an und zwischen den Kreuzungen auf der Bank, nach einem langen Gespräch über Architektur, nehme ich an. Vieles will ich nicht wissen, doch eines ist wichtig: Er holt die Freunde aus ihrem Versteck. Er lockt sie mit einem gesichertem Status nach 20 Jahren, einem Zimmer und Sprühfarben, die sich gegen die spitzfindige Wut der Behörden und der Polizei (und der abwägenden Interessierten) auf öffentlichen Plätzen richten; schon ist der Skandal und die Besetzung fertig, die Kartoffelpistolen und der Akku geladen. Ella und Jorge treffe ich unten, wir gehen zum letzten Kaffee, bevor sie dauerhaft in ihr Wochenenddomizil nach Patagonien umsiedeln. Die Hetzjagd der Presse gegen Schauspieler und Organisationen, die von Fördermitteln lebt, ist unerträglich; als Autofahrer gibst du dich der gutinformierten Garde aller Kandidaten geschlagen. Die Jungen, die noch zu ihnen halten, Andres, Maxi, die Stars von youtube um Ariana, Felipe und Tanja, die sich mit mehr Bewegungszitaten, mehr Disco und Soul (statt Punk) und ihrer traurigen klassischen Drogen – und Orchestervergangenheit durchzusetzen wissen, sind zu gut informiert, um sich aus dem Haus zu trauen. Das Kanalsystem verschlingt Spitzel, Kollaborateure und Ratlose wie stinkende Automaten und Reisebusse nach Chile das Geld. Die apathische Zahl der Tänzer steigt.

IV Kriegszustand

Was ich noch weiß aus dieser Zeit habe ich veröffentlicht und nach Europa geschickt. Zwar reisen dort alle wie wild und bauen sich Nester für die Zeit danach, doch die Zeitungen, sei es nur im Internet, veröffentlichen und lassen sich dafür verhöhnen.

Die Haine in „La Cite“ werfen genug ab, um mich über Wasser zu halten. Einmal bin ich im Stadtrat, in dem ich karikiere, mich aber nur zu Wort melde, wenn das Thema der Weiternutzung der Villa unseres Grafen auf die Agenda kommt. Dieser ist überraschend bei der Einstudierung einer Nebenrolle in seinem ersten autorisierten Stück (seine Musik!) verstorben. Sein Geld ist schon auf die Schiffe verteilt, bereit zur Abfahrt ins Ausland. Ein Streit bricht vom Zaun und Ella und ich müssen rot und grün werden, um den um sich greifenden Ausnahmezustand (als Muster für das ganze Land) noch zu verhindern. Es bleibt keine Zeit zu reden. Wir lesen Gedanken, wir stelln uns erneut vor, heißt, wir posieren und stellen die Früchte der Arbeit vor. Wir fragen nicht weiter nach aus Angst, die Anderen könnten dahinterkommen. Wir bleiben in der Mitte stehn. In der Mitte ist schon alles durcheinander. Ab da lasse ich sie in Ruhe, schließlich bin ich alt genug (die Ruhe der Bäder und Spielhallen von Boca!). Als Regisseur der Haine und Herr über eine Armee aus Plastik würde ich schließlich bald die Parteien vergessen und meinen Ruhm gegen die Länder und Felder im Landesinneren führen müssen.

Die bekannteren Fremden werden grober, Piratenfreunde werden zu langsam sich türmenden flüchtigen Bekannten, die sich zu oft bei teuren Festivals und Geheimbünden gesehen haben. Meine Naivität gegenüber Reichen und ernsten Menschen fasst alle Wunder, die ich kenne. Groß ist immer Neu. Erste Spielreihe/Zum Ende: Ich nehme Messi aus dem Spiel, lasse ihn übers Feld rudern. Die geflutete Holzbühne ist verbraucht. Ich höre Metal und Wagner, da ich zweifel und vergesse, transatlantisch spreche. Nach weiteren Wochen ohne Job die Flucht. Patagonien, die Freunde: Monate ohne Geruch, ohne Tastsinn. Keine Vorstellung mehr. Ich würde weg sein, verschleppt. Es gibt keinen Anfang. Endlich kehre ich in die Hauptstadt, zum Rio de la Plate zurück.

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