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Rechte Hegemonie in Europa und Polen im Besonderen

Einleitung

Um den Rechten das Wasser abzugraben, muss die liberale Mitte so wie sie werden. Das scheint die einzige Strategie gegen den rechten Backlash zu sein, auf den sich viele Medien und der politische Diskurs einigen können. Das die gesellschaftliche Rechtsverschiebung der Mitte ein hoher Preis ist, der noch dazu nicht nachweisbar je geholfen hätte, scheint nur wenige zu stören. Im Gegenteil: Wenn sie es nicht schon getan haben, sind bei all ihren Unterschieden die Rechtsnationalen, Nazis und Konservativen in vielen Ländern Europas auf dem Sprung, die politischen Institutionen und die politische Hegemonie zu besetzen. Rechtsnationale, identitäre und antiliberale Vorstellungen, die jahrzehntelang im öffentlichen Diskurs nur von einer Minderheit offen vertreten werden, stellen nunmehr eine Blaupause für viele autokratische Eliten dar, die ihren egomanisch-zynischen Machtanspruch und die damit einhergehende Destabilisierung des demokratischen Systems verdecken wollen. Die Strategie von konservativen Anti-Establishment-Anhänger*innen, neoliberalen Rechten, nationalistischen Bewegungspolitiker*innen ist u.a. folgende: es wird ein Zerrbild auf ein imaginiertes „Volk“ geschaffen, das innere und äußere Feinde bedingt und Sündenböcke schafft. Eine „volksnah“-sozial oder aber bürokratisch-administrative argumentierende „postfaktische“ Politik mit ihrer Mischung aus falschen, verkürzten und aus dem Kontext gerissenen Nachrichten spaltet die Gesellschaft und lädt die sozialen Diskurse mit einem auf Identität basierenden, Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielenden und klassenunabhängigen Hassparadigma auf. Eine solche Partei oder Bewegung der gezielten Provokation und der scheinbar unzensierten Wahrheit macht sich ungreifbar, da sie diplomatisch verspricht, einlenkt, den Schein wahrt und doch zu provozieren weiß, indem sie sich aus dem Setzkasten der Ideologien bedient. Was Wirkung zeigt, bei den Wähler*innen ankommt und die eigene Position sichert, wird als eigene Politik verkauft. Bei Kritik wird zurückgeschlagen oder auf die anderen gezeigt, die solche Maßnahmen schon ergriffen haben. Am Ende zählt, so das Totschlagargument der Rechten, die Meinungsfreiheit, die Würde oder der Versuch, etwas Neues gewagt zu haben. Bei so vielen ideologischen Windungen und einer gewollten Verwirrung der Begriffe fällt es denn auch einem progressiv auftretenden Journalismus schwer, Übersicht und Aufklärung zu bieten. Nichtsdestotrotz bemühen sich Teile der Presse zum Teil reflektiert und differenziert über die vielfältigen Ursachen und die banalen Repräsentanten eines supranationalen Nationalismus (welcher sich den Anstrich eines Respekt und Toleranz hochhaltenden Patriotismus mit jeweils eigener Grenzziehung gibt) zu berichten und diese einzuordnen.

Eine kohärente Analyse der ganz unterschiedlichen Phänomene, die als „Rechte Hegemonie in Europa“ zusammengefasst werden können, kann in diesem Essay nur in Ausschnitten und Episoden angerissen werden. Vielmehr sollen Phänomene – politischer Kampf um Hegemonie, Wirkungsgrad und Gegenmaßnahmen – veranschaulicht und in einen übergreifenden Bedeutungszusammenhang gestellt werden. Dazu stelle ich, zuerst mit gröberem Blick auf Europa und Deutschland, dann genauer hinsichtlich Polen, (Gesellschaften, in denen ich gelebt habe und auf die ich einen politischen und wissenschaftlich gestützten Zugriff habe) Fragen nach Möglichkeiten progressiven Zusammendenkens und Weiterspinnens linker Ideen und Narrative; nach einer Neubelebung der ‚Sozialen Frage’, die so formuliert werden müsste, dass sie interessant und machbar bleibt neben der prekären und überfordernden Arbeitswelt und seinen Zumutungen, von denen sich anschließend durch materiellen und sozialen Konsum erholt werden muss. Was hält uns als Gesellschaft zusammen, wie können wir verständnisvoll und standfest, aufregend und undogmatisch-analytisch mitdenken und gleichzeitig die Pluralität der Meinungen im Hinterkopf behalten, ohne in autoritäre ‚Wahrheiten’ zu verfallen? Wie gelingt es uns, mit Vertrauen in die jungen Leute, die nicht immer alte Schlachten schlagen müssen und dennoch auf Partei- wie Bewegungsebene, aber auch im Freundeskreis zu überlegen, wie alte Fragen neu gestellt und die eigenen Sprecherpositionen reflektiert und gegebenenfalls revidiert werden können. Denn, und das ist meine These, eine linke, auf Solidarität ausgerichtete transnationale Bewegung ist nötig, damit politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheit und Entrechtung im neoliberalen Kapitalismus kollektiv und transformativ bekämpft werden kann. Angesichts einer zunehmend nationalstaatlich verengten und mit liberalen Scheuklappen versetzten Politik der Regierungen in Europa ist die Internationalität des Anliegens und der Netzwerke notwendig, um den ebenfalls transnational agierenden, aber nationalstaatlich und kulturalistisch denkenden autoritären bis faschistischen Bewegungen und Parteien den Kampf anzusagen.

Berliner Episoden

Beinahe monatlich wäre es momentan möglich, mit einem neuen Aufhänger über die mittlerweile schon im Medienalltag etablierte rechte Hegemonie und ihre dadurch immer seltener für Aufsehen sorgenden Skandale einen Artikel einzuleiten. Beispiel Polen: ähnlich wie 2016 war 2017 kein gutes Jahr für die polnische Demokratie. Verfassungsbruch, Verstoß gegen die Gewaltenteilung, Umwandlung öffentlicher in staatliche Medien, Rücknahme demokratischer Reformen im Bereich der Bürgerdienste, in der Bildung und der Gerechtigkeit, Erhöhung der politischen und polizeilichen Repression, nationalistische Aufmärsche, offener tolerierter Rassismus auf den Straßen und im Parlament – aber auch Widerstand, gerade gegen die Beschneidung der Justiz durch die Regierung. Zwei Berliner Episoden aus den letzten beiden Jahren zeugen davon.

Es ist Samstagmittag im Frühling und wir kommen von einer der mittlerweile zweimal wöchentlich stattfindenden Proteste größtenteils polnischer Oppositioneller vor dem Polnischen Institut in Berlin in Sichtweite des Berliner Doms langsam nach Hause. Demonstriert wird hier einmal gegen die Absetzung von Journalist*innen, an einem anderen Samstag anlässlich der Amtsenthebung der Direktorin des dem polnischen Außenministerium unterstellten Instituts; jetzt geht es der Demonstrations- und Versammlungsfreiheit und der Berichterstattung der Medien während der Parlamentssitzungen an den Kragen. Auch die Zivilgesellschaft wird staatlicher Kontrolle unterzogen: in einem Nationalen Zentrum zur Entwicklung der Zivilgesellschaft sollen die finanziellen Zuschüsse zentralisiert werden und nur an die Einrichtungen ausgeschüttet werden, die den nationalen Weg eines „guten Wandels“ (‚dobra zmiana’) in den Augen der damaligen Ministerpräsidentin Beata Szydło und PiS-Chef Jarosław Kaczyński voranbringen.

Wie in vielen Städten Polens fand 2017 auch auf dem Tempelhofer Feld eine Kundgebung gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz in Polen, das einem faktischen Abtreibungsverbot gleichkäme, statt. Dem „Schwarzen Protest“ („Czarny Protest“) schlossen sich bis zu zweihundert Menschen an, jung und alt, meist in Schwarz gekleidet. Sie hielten Schilder in die Höhe und sie trugen Oberteile oder Taschen mit der Aufschrift „Repeal“ (i.S.v. „Hebe das Gesetz auf“). Was auffiel, war der internationale Charakter des Zusammenkommens auf dem Flugfeld: vorne stand eine Person, die akzentfrei amerikanisches Englisch sprach, herumalberte und Hintergründe erklärte. Sonst war vor allem Polnisch und Deutsch zu hören, nebenan machte das Kaffee-Fahrrad ein gutes Geschäft. Ein polyglottes Publikum also, das dem polnischen Staat seine Meinung entgegenhielt, wie es auch in Warszawa, Poznań, Stockholm oder London der Fall war. Es ist an dieser Stelle nicht einmal das wichtigste, dass es eine Menge gut ausgebildeter Exil-Pol*innen in Berlin (die junge linke Partei Razem holte hier 13% der Stimmen bei einem Meinungsbild zur Sejm-Wahl, eine beachtliche Zahl bei den nunmehr über hunderttausend Berliner*innen mit polnischem Hintergrund) oder anderswo gibt; vielmehr ist hervorgehoben, dass es gemeinsame Beweggründe des Protests gibt, der sich in einer transnationalen Verflechtung einer zumeist jungen Generation angesichts eines befürchteten kulturellen Backlashes äußert. Ähnlich standen diese Menschen in Berlin zum Frauentag am 8. März 2017 Seite an Seite mit jungen Frauen aus dem zweiten katholisch-konservativen Staat mit ähnlich restriktiver Gesetzgebung. Explizit wurde immer wieder auf die Verbindung Polens zur staatlich verordneten Biopolitik in Irland verwiesen.

 

Europäische Identitätsschlachten

In den größten europäischen Staaten lässt sich bei allen Unterschieden und Vorgeschichten die Herausbildung eines konservativen Austeritäts- und Sicherheitsregimes beobachten. Mit verursacht wird dies durch die Positionsannäherung von ehemaligen politischen Konkurrenten, Sozialisten oder Sozialdemokraten – in Großbritannien die Labour Party, in Deutschland die SPD, in Frankreich die Parti Socialiste – mit bürgerlich rechten Parteien. Austragungsfeld von Grabenkämpfen bleibt so die Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik, die jedoch nicht unter dem Maßstab von Verteilung oder gar Umverteilung gesehen wird, sondern als Produkt von prestigeträchtigen, noch in der Legislatur abzuschließenden und verwässerten Wahlgeschenken; selbst auferlegtes Steuer- und Sozialdumping sowie ein Korsett an Schuldenbremsen auf europäischer und nationaler Ebene tragen dazu bei, den Mammon des eifrigen Sparens und der betriebswirtschaftlichen Verwaltung der geringen finanziellen Ressourcen als alternativlos darzustellen und eine weitere Konkurrenzsituation um die verbliebenen staatlichen Fonds zu rechtfertigen. Gut ist, was dem Arbeitsmarkt oder, leicht abgewandelt, der „Wettbewerbsfähigkeit“ zugute kommt! Wer dagegen spricht, ist am Erhalt von Arbeitsplätzen nicht interessiert – so ließe sich die sozialdemokratische Wirtschaftspolitik der letzten Jahre zusammenfassen.

Seit dem neoliberalen Backlash der Sozialdemokratie um die Jahrtausendwende, an der die Freunde Blair und Schröder mit ihrem von Thatchers Privatisierungsmaßnahmen und Anthony Giddens „Dritten Weg“[1] inspirierten neuen Versuch, eine postpolitische, postproletarische, liberale Mittepartei „jenseits von Links und Rechts“ zu werden („New Labour“ und „Agenda 2010“), nicht unwesentlichen Anteil hatten, ist die Sozialdemokratie sukzessive abgewählt worden. Stattdessen werden die konservativen Kräfte als die weniger wankelmütigen Parteien wahrgenommen, die mithilfe gezielt eingesetztem Populismus’ und Kulturpatriotismus und einem ausgeprägtem Hang zur Personalisierung eine Mischung aus Klassenstrukturen beibehaltender gesellschaftlicher Wohlstandssicherung und einer Verteidigung der globalen Ausbeutungsstrukturen anzubieten haben. Teil der rechten Strategie ist dabei, zu suggerieren, dass in grundlegenden Fragen des heutigen politischen Diskurses, wie dem Klimawandel, der zunehmenden Migrations- und Flüchtlingsbewegungen als Folge von Wirtschafts- und Territorialkriegen, Terrorismusbekämpfung und instabil gehaltenen Regimen oder ‚failed states’ (z.B. Afghanistan, Irak, Libyen…) einfache, häufig identitär geframte Antworten von Staatsregierungen reichen, welche sich allenfalls zusammenschließen, um einvernehmlich ihre eigenen Interessen besser auf dem internationalen Parkett zu vertreten.

Die Diskursschlachten gegen die Rechten werden durch eine Schnelllebigkeit der Diskurse einer demokratischen Gesellschaft verloren, die das Wort ‚Solidarität’ in den Parteiprogrammen nicht mehr findet, dort nicht vermutet, aber auch nicht sucht. Dies wäre das geringere Übel, gäbe es einen aus der Gesellschaft entwickelten, praktisch orientierten Solidaritätskonsens, der bisher nur in Ansätzen vorhanden ist, gerade gegenüber wirtschaftlich und politisch marginalisierten Menschen (wie Geflüchteten, Zugezogenen, als ‚fremd’ markierten, prekär Lebenden oder Alleinerziehenden). So ist die von Rechten vielfach beschworene linke Hegemonie in der Öffentlichkeit nichts anderes als die Ausläufer der sich mit Rückschlägen langsam durchsetzenden Liberalisierung, die nun – in der Vision von Rechtskonservativen, Rechtsradikalen und Faschisten – als Antwort auf den imaginierten Linksruck, rückgängig gemacht werden soll. Als Ziel propagiert die in Deutschland mittlerweile bei 14% stehende AfD so unumwunden die Rückkehr zu nationaler Einheit in der „Mitte“, hin zu einer als „(zweck-)rational“ verschleierten nationalistischen, neoliberalen und rassistischen Politik. Nur wenn sich diese Mitte rechts außen befindet, ist die These vom Linksruck aufrechtzuerhalten. So dürfte eher von einem Rechtsdrall der meisten Parteien bzw. Ausdifferenzierung der Parteiflügel auszugehen sein (wie bei SPD, Linken, Grünen, aber auch innerhalb der CDU in vielen Grundsatzfragen), der auf Ausgrenzung, Misogynie, homophoben und patriarchalen Strukturen aufgebaut ist und damit Menschen in ihrer Orientierungslosigkeit, ihrer Suche nach Anerkennung und Übersicht und ihrem vermeintlich oder tatsächlich verlorenen Einfluss „abholen“ will.

Beim europäischen Hegemon Deutschland mit seinem historisch-materialistischen Rechtspositivismus scheint also alles wie gehabt: Recht und Gesetz sind richtig und müssen befolgt – ohne eine Ahnung von gewachsenen und veränderbaren Normen, um sich dies noch als Ordnungsliebe unbewusst zugute halten. Schlimmer noch: Viele Politiker*innen, Journalist*innen oder Stammtischflüsterer nehmen Recht für Gerechtigkeit und Gesetz als universelle Wahrheit und leben behaglich in einem Volk vieler kleiner Weltrichter, deren Ambitionen glücklicherweise meist im Hobby oder im Lebensstil enden. Passend zu unseren ökonomischen Zeiten verlaufen die Debatten nach dem sozialdarwinistischen Prinzip der Selektion und des Tauschgesetzes: Du weißt, was Du bekommst, wenn Du ein Produkt kaufst. Und wer dafür nicht buckeln will, hat auch nichts besseres verdient. Willkommen in der auf Konkurrenz basierten „Abstiegsgesellschaft“ (Oliver Nachtwey)! Für den linken Publizisten Albrecht von Lucke ist damit das liberale Projekt, das ökonomisch wie kulturell von Anfang der 1990er bis heute vorangetrieben wurde, an sein Ende gekommen. Die Verantwortlichen einer desaströsen Wirtschaftspolitik bleiben derweil verschont. Sie haben sich diverse argumentative Panzer, Nebenschauplätze und Verschleierungstaktiken zurechtgelegt, können auf andere zeigen und nebenbei den Wert von Freiheit und Verantwortung in ihrem Sinne – Sicherung ihrer Profite durch Zwang – hochhalten. Wirtschaftsnationalismus, Rechenschaftspflicht und Konkurrenzdenken sind Ergebnisse dieser Entpolitisierung, die als Entmündigung und Atomisierung wahrgenommen wird. Gleichzeitig bilden sie die Ursache für eine stetige Diskurs- und Werteverschiebung gepaart mit einem von Doppelmoral, verzweifeltem Optimismus nach deutschen Tugenden und Selbstzufriedenheit getrübtem Blick auf die Welt, die irgendwas nicht richtig gemacht haben kann.

Auf diesem Boden sinkt die Hemmschwelle für Nazis zu verbalen und körperlichen Angriffen gegenüber als ‚anders’ Konstruierten. Das Dogma lautet: Es geht um „uns“, nicht um „Integration“, nicht um andere Länder oder das Hochhalten demokratischer Werte, sondern um unser Wohlergehen. Schaut nur, wie weit es mit uns gekommen ist und (in zynisch-lüsternder Art) wie überfordert wir sind! … Es ist eine Objektivierung der eigenen Gefühle. Je näher mann hinschaut, desto stärkeres Mitgefühl hat er für sich. Er knüpft in seinem Überdruss, dem Gefühl des Zu-Kurz-Gekommen-Seins und seinem Furor an viele brodelnde und zuweilen hervorbrechende Gefühle von hierarchisch und patriarchal strukturierten Menschen an, denen zu Unrecht die Bündnisfähigkeit und Rationalität abgesprochen wird. Was die radikal Rationalen und Utilitaristischen, auf ihren Vorteil Bedachten, die Rednecks, Christen, Männer, die weißen Besserverdienenden oder Abgehängten aus der Provinz eint, das ist die Angst vor der kulturellen Bedeutungslosigkeit. Ihre Identität setzten sie als gegeben voraus und definierten sich dafür seit einigen Jahrzehnten am Erfolgsgedanken eines neoliberalen Individualismus, der ihnen Aufstieg, Monopole und politische Relevanz versprach.

 

Visegrad & Beyond

Was demokratietheoretisch schon seit geraumer Zeit im Diskurs um die EU anklingt, scheint nun auf der Ebene der Nationalstaaten wie Polen, Ungarn, Frankreich oder Österreich einer noch unmittelbareren Bedrohung zu entspringen: der Kampf um die Republik und eine offene Gesellschaft. Die politische Auseinandersetzung in Europa wird mit Parteivorsitzenden, selbsternannten Philosophen und rechten Nationalkonservativen geführt, die nun die Chance sehen, die angeprangerte Verweichlichung, Femininisierung und Multikulturalisierung – gemeint sind die menschenrechtlichen und rechtsstaatlichen Errungenschaften der letzten 50 Jahre in Westeuropa und der Jahrzehnte nach der Transformation 1989 in Mittel- und Osteuropa – rückgängig zu machen. Dieser Kulturkampf, der mit markigen Worten á la „Polen der schlechtesten Sorte“ oder „links-grünversifftes Bürgertum“ von rechts geführt wird, unterlegt das Aufbäumen einer privilegierten Klasse, die ihre Pfründe angesichts einer für sie zunehmenden Verkomplizierung der Welt sichern wollen. Dazu greifen sie auf altbekannte, wenngleich nicht weniger erfolgreiche Muster einer Abgrenzung nach oben, zur „herrschenden Klasse“ in Brüssel, auf und hegen damit gleichzeitig auf der einen Seite den Frust über fehlende Partizipationsmöglichkeiten und Interessenvertretung und auf der anderen Seite die Abstiegsangst derer ein, die von Privatisierungen, Teilzeitverträgen (in Polen: „Müllverträge“), ständiger Konkurrenz und neoliberaler, exklusivistischer Sozialreformen in zunehmend prekäre und unstete Arbeitsverhältnisse geraten. Es sind diese fehlenden wirtschaftlichen und lebensweltlichen Perspektiven einer steigenden Ungleichheit und regionalen Ausdifferenzierung der Armut, die viele junge gut ausgebildete Leute besonders in den 1990ern und 2000ern ins Exil trieb und die sich jetzt mit ihren Karrieren ernsthaft überlegen, ob es sich lohnt, zurückzukehren.

Die Abgrenzung nach unten spiegelt sich im Bild des Kulturkampfs: Während der PiS-Chef Kaczyński oder die ehemalige AfD-Vorsitzende Petry sich in ihrer Martyrerrolle suhlen, versprechen sie „echten Polen“ oder „echten Deutsche“ Elterngeld oder andere Zuschüsse nach dem Motto „Du musst schließlich wissen, woher Du kommst!“ Romn*ja, Ukrainer*innen oder andere als ‚fremd’ und ‚ausländisch’ markierte Menschen sollen nach Maßgabe dieser „Retter des Abendlandes“ nicht in den rassistisch konstruierten homogenen katholisch-konservativ-weißen Block gehören. Wie am Beispiel der Essener Tafel mit seinem Entschluss, Verpflegung nur an Menschen mit deutschem Pass auszugeben, zu sehen ist, hat diese von rechts angestoßene Diskursverschiebung auch Wohlfahrtseinrichtungen erreicht, die es sich ursprünglich zum Ziel gemacht hatten, die sozialpolitischen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte auszugleichen. Die größtenteils elitistisch, sozialdarwinistisch und neoliberal sich gebende und für „das Volk“ ab und zu sozial blinkende AfD wären in einer Regierung die ersten, die solche rassistischen Ausgrenzungsmanöver rechtfertigen oder gar festschreiben lassen würden.

Kritische Töne kommen derweil aus den USA, die den „geschätzten Bündnispartner“ Polen nach der Verfassungsmäßigkeit der Beschneidung des Verfassungsgerichts kritisierten und wenig diplomatisch anmerkten, dass die neue Regierung das Land in die Selbstisolierung zu führe. Ähnliche Vorwürfe vonseiten der EU prallen seit Jahren an der ungarischen oder türkischen Regierung ab. Das Verhängen von Sanktionen wirken für die verschiedenen europäischen Regierungen bzw. der EU-Kommission angesichts der wirtschaftlichen oder vertraglichen („Flüchtlingsdeals“!) Verflechtungen als ein scheinbar zu großes Risiko. Die Gefahr des Nichthandelns ist aufgrund der gesunkenen Glaubwürdigkeit der EU indes um einiges höher, auch wenn oder vielleicht schon gerade weil das Diktum der europäischen „Wertegemeinschaft“ kaum noch jemanden aufhorchen lässt.

 

Recht und Gerechtigkeit

Der Erfolg der seit 2015 in Polen alleinregierenden Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS – Recht und Gerechtigkeit) ist auf unterschiedliche Motive und Faktoren zurückzuführen. Nehmen wir zum einen den gesellschaftlich lange vorgeprägten Anti-Establishment-Hass auf die politischen Eliten und das Sentiment, „verkauft worden zu sein“. Beinahe spielend gelang es der PiS, diese seit den Polnischen Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts (und dann wieder unter Hitler und Stalin im Zweiten Weltkrieg, als ‚Vierte Teilung’ sozusagen) im polnischen kollektiven Gedächtnis verankerten diffusen Gefühle, von europäischen Nachbarn im Stich gelassen, verkauft und abgelehnt zu werden, auf die konservativ-neoliberale Konkurrenzpartei der „Bürgerplattform“ PO und die EU zu projizieren, indem sie diese als bürger- und volksfern brandmarkten. Wenn prä-politische Affekte bedient werden, ist es mit der historischen „Wahrheit“ über die herbeibeschworene Sonderrolle des eigenen Volkes als Verteidiger des christlichen Abendlandes nicht weit. Um einer als zu kompliziert und lasterhaft empfundenen globalisierten Welt zu begegnen, ist dieser Weg derzeit der erfolgversprechendste, um „Ordnung zu schaffen“, wie sich die ehemalige polnische Ministerpräsidentin Szydło ausdrückte. Und weil das bei den politischen Feinden am einfachsten geht, wird, ähnlich wie beim russischen Erzfeind, die NGO-Szene als erstes ins Visier genommen.

Grzegorz Sroczyński, Journalist bei der Gazeta Wyborcza, sieht im Erfolg der PiS-Partei Zeichen einer gesellschaftlichen Ungleichheit, die sowohl rechtliche, soziale als auch finanzielle Formen annimmt und die eine der bestimmenden Ursachen für das fehlende Vertrauen der Menschen in Polen gegenüber dem Staat und seinen Politiker*innen „da oben“ ist. Gegen das soziale Monopol der Rechten in Europa könne nur etwas getan werden, indem effektiv gegen die Ungleichbehandlung von Konzernen und Banken gegenüber prekär lebenden, Steuern zahlenden Menschen vorgegangen würde. Ähnlich verhält es sich mit einem rechtlichen Ungleichgewicht in Zuge von Mieter*innen bei Zwangsräumungen, fehlenden Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche oder mit der schleichenden, aber schon lange diagnostizierten Erosion des Gesundheitssystems. Diese durchaus der vorigen neoliberalen Regierungen anzulastenden Missstände, so Sroczyński, seien es gewesen, die die Menschen in die Arme der PiS (zurück-)getrieben haben, nachdem sie 2005-07 schon einmal an der Regierung gewesen war.

Die Unzufriedenheit in der polnischen Gesellschaft hat größtenteils ökonomische und soziale Gründe, wird aber nun ausschließlich in kulturellen Mustern gelesen. Öl ins Feuer gießt ein weiterhin ausgeprägter Minderwertigkeitskomplex gegenüber den als stärker und erfolgreicher wahrgenommenen Wirtschaftspartnern und Freunden aus dem Westen der EU, die tatsächlich nicht selten ihre Kolleg*innen spüren lassen, nicht dazuzugehören (und damit ist noch nicht einmal die gemeinsame Währung gemeint). Wahrgenommen wird das Land der niedrigen Lohnstückkosten, der guten Arbeitsmoral der prekär Beschäftigten und der durchprivatisierten Wirtschaft dann vielleicht noch als wirtschaftlich aufstrebendes Schwellenland mit guten Zukunftsaussichten: als günstigerer Hinterhof des outgesourcten europäischen Dienstleistungssektors oder als Produzent späterer Arbeitskräfte im Exil – nach Norwegen, Schweden, Deutschland, Großbritannien oder Irland. Für die Ausgebeuteten, die gerade in Deutschland nolens volens dazu beitragen, andere Staaten mit dem immer größeren Niedriglohnsektor in die Exportabhängigkeit zu reißen, bleiben Sparsamkeit und Transferzahlungen ins Herkunftsland übrig.

Mit dem Eintritt in die EU 2004 hätte es für Polen eigentlich anders laufen sollen! Noch vor fünf Jahren wähnte der frühere Premierminister und jetzige EU-Ratspräsident Donald Tusk Polen neben Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien in der ersten Riege der europäischen Player, ein Rang, der laut Tusk dem Land angesichts der Bevölkerungszahl von 36 Millionen zustünde. Die wirtschaftlich positiven Konjunkturdaten und die hohen einstelligen Wachstumsquoten als Nettoempfänger von EU-Zahlungen verdeckten jedoch die gefühlte und faktische Abhängigkeit des Landes vom politischen Willen der alten EU-Staaten, das Land in den europäischen Binnenmarkt – als „Tor in den Osten“ – stärker zu integrieren. In Verbindung damit steht die in der polnischen Gesellschaft empfundene fehlende Solidarität und eine gewisse Unkenntnis und Misstrauen europäischer Partner angesichts Polens langgehegten Misstrauens gegenüber der martialischen Rhetorik aus Russland gegenüber den früheren sowjetischen Satellitenstaaten.

 

Solidarität und Gemeinschaft

Erklärt all das eine Verzweiflung der Menschen, die fast an die Zeiten der ersten Solidarność-Bewegung heranreicht, wie Władysław Frasyniuk auf einer Kundgebung des oppositionellen, von der Platforma Obywatelska (PO – Bürgerplattform) unterstützten Komitet Obrony Demokracji (KOD – Komitee zur Verteidigung der Demokratie) meinte? Und warum verfängt die rechte Propaganda derart, dass sich Frustration nicht mehr als sozialer, sondern nur noch rechter identitärer Protest in größerem Maße auftritt? Die Schwäche einer liberalen, radikaldemokratischen Zivilgesellschaft lässt sich in die 80er Jahre und die anschließende Transformationsperiode zurückverfolgen: die soziale Bewegung Solidarność entstand aus der Forderung nach Verbesserung der Arbeitsbedingungen und sozialer Errungenschaften wie allgemein zugänglicher Krankenversorgung, dem Recht auf eine Wohnung oder Krippen- und Vorschulplätze – linken Forderungen, wie sie heute höchstens noch von polnischen Anarchisten oder basisorganisierten Gewerkschaften ohne anhaltende gesellschaftliche Relevanz zu hören sind.

Dem Politikwissenschaftler Wilfried Thaa zufolge war die Anpassung der Opposition in das Muster europäisch-liberaler Zivilgesellschaft, die, ähnlich den Gewerkschaften, mit dem Staat kooperieren sollten, „Teil einer neoliberalen Strategie der politischen und wirtschaftlichen Eliten während des Transformationsprozesses“. Sie trug zudem den politischen Konsens, „den Gürtel enger zu schnallen“ mit, staatliche Sozialleistungen auszugliedern und weitere öffentlichen Güter zu privatisieren.[2] Die Forderung nach größerem zivilgesellschaftlichem Engagement und gesellschaftlicher Eigeninitiative legitimierte demgemäß einen liberalistischen ‚Minimalstaat’ mit seinem Abbau staatlicher Leistungen, gerade im Gesundheits- und Bildungswesen. Die Transformationszeit war nach dieser Argumentation Hintergrund für einen Diskurswandel des Begriffs der Zivilgesellschaft – von einer politischen Opposition, die sich als soziale Bewegung verstand, hin zu einer entpolitisierten Zivilgesellschaft in Verbindung mit dem in Polen so genannten ‚Dritten Sektor’ als Netz unabhängiger Nichtregierungsorganisationen.[3] In gleicher Weise bestätigt Tatur, dass die Streikmotive der Selbstverwaltung als Reformstrategie einer stärker ökonomisch ausgerichteten Sichtweise der ‚zweiten’ Solidarność wich, was sich im Kompromiss mit den Regierenden am ‚Runden Tisch’ und der Einführung der kapitalistischen Wirtschaftsweise äußerte.[4] Demgegenüber schafft es nun schon seit 2015 die vom ehemaligen Streikenden Kaczyński geführte PiS, durch einen konfrontativen Kurs, die historisch gewachsenen Bruchlinien der politischen Kultur und der Gesellschaft auszunutzen und setzt auf ein „politisches Drama“ (Gdula), an dem viele der Wähler*innen teilhaben wollten. Es verspricht eine Abrechnung mit den als abgehoben und volksfern empfundenen Eliten der politischen Klasse, eine auf „nationale“ Werte ausgerichtete exklusive Volks- und Solidargemeinschaft der „wahren Polen“ und eine damit verbundene Herabsetzung und Herrschaft über als moralisch Schwächere und als minderwertig empfundene – allen voran Geflüchtete und Minderheiten.[5]

Was tun? Der Philosoph Andrzej Leder meint, ein neues linkes Gemeinschaftsgefühl, das auf gemeinsamer Verantwortung für alle, für die Gesellschaft und die Schwächeren, und nicht nur die liberalen urbanen Mittelschichten miteinschließt, beruht, könnte helfen, der nationalkatholischen Hegemonie in Polenetwas entgegenzusetzen. Bezogen auf den um sich greifenden, in unterschiedlichen Ausprägungen existierenden Autoritarismus[6] in Europa ist diese Feststellung auf andere Länder übertragbar und, wie im Richtungsstreit der deutschen Linkspartei, auch schon im öffentlichen Diskurs angekommen. Klar ist auch, dass neben einer Rückbesinnung auf ökonomische Klassenfragen (ohne in einen Wirtschaftsnationalismus zu fallen) auch in Fragen der Kultur und Identität Stellung bezogen werden muss: hin zu einem Bekenntnis für eine offene, inklusive, postmigrantische Gesellschaft, die sich weder nach ökonomischen Nützlichkeitskriterien, noch identitätsfixierten Merkmalen strukturiert.

In Polen ist dies auch ein Kampf um die Ausbildung einer Zivilgesellschaft, die ihrer anderen, ‚dunklen’ Seite – den staatlich geförderten nationalkonservativen, rassistischen und faschistischen Bewegungen – Widerstand leistet. Hierbei ist nach Sroczyński jedoch ein längerer Prozess der Veränderung der politischen Kultur vonnöten, die es ermöglichen soll, Einstellungen innerhalb der Gesellschaft hinsichtlich einer Identifizierung mit dem Allgemeinwohl (und somit sowohl mit dem Staat als auch der Gesellschaft) sowie eines gemeinschaftlichen bürgerlichen Selbstverständnisses zu entwickeln.

Immerhin schätzt der Soziologe Paweł Marczewski im Interview[7] mit dem linken Think Tank Krytyka Polityczna das Potential der Wählergruppe, die sich modern-aufklärerischen Werten verschrieben hat, nach wie vor als hoch ein. Zwar seien viele dieser Wähler*innen bei der letzten Wahl aus Enttäuschung und einem aus Neugier gespeisten Vorschusskredit zu Kaczyńskis PiS übergelaufen, dies müsse jedoch nicht von Dauer sein. Nötig sei darum neben dem Einbezug der Zivilgesellschaft auch klar formulierte staatspolitische Maßnahmen: ein durchsetzungsfähiger unkorrumpierter Rechtsstaat, der sich gegen Reprivatisierungen einsetzt, ein bezahlbarer öffentlicher Nahverkehr, ein qualitativ hochwertiges Gesundheits- und Bildungssystem sowie garantierte Unterstützung bei der Wohnungssuche ohne den Zwang, einen Kredit aufzunehmen. Wer einmal durch polnische Großstädte gelaufen ist und die vielen Kreditangebote sowie die zunehmende Dichte an Banken im Innenstadtbereich gesehen hat, kann die Notwendigkeit einer staatlichen Intervention im privaten Schuldensektor nachvollziehen. Auch ist wichtig nachzuvollziehen, dass es nicht nur die Transformationsverlierer und Abgehängten in der Gesellschaft waren, die die PiS zur absoluten Mehrheit im Parlament verhalfen, sondern auch die, die sich durch die schnelle Modernisierung und Postindustrialisierung des Landes einen (zumindest finanziellen und sozialen) Aufstieg erhoffen und dementsprechende Forderungen und Ansprüche an die Regierung geltend machten. Dies macht die 2017 von Maciej Gdula in einer polnischen Kleinstadt durchgeführte Studie über das Wahlverhalten und die -motive der dortigen Bevölkerung noch einmal überaus deutlich.[8]

Dagegen könnte gerade eine Partei mit einem diverse Bereiche umfassenden Programm, das auf Solidarität, Anerkennung, langfristige Umverteilung und kurzfristige bessere Arbeitsbedingungen sowie Gemeingüter setzt, könnte demnach überzeugend wirken. Eine Partei, die die Rechte von Frauen schützt genauso wie die von Mieter*innen gegen Mieterhöhungen und Zwangsräumungen. Die Partei sollte darüber hinaus ökologische und bildungspolitische Zeichen setzen, wie einen Stopp der Abholzungen des Urwalds ‚Puszcza Bialowiejska’ an der polnisch-belarusischen Grenze und das gerade geänderte konservative Schulsystem mehr in Richtung eines an Finnland orientierten Systems bewegen – Forderungen, die Gdula zusammengefasst als eine Vision vom „guten Leben“ beschreibt. Diese müsse in der Opposition mit einem Kandidaten entwickelt werden, der es vermag, dem traditionellen Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der politischen Elite eine Gegenerzählung, ein alternatives „politisches Drama“ zu vermitteln, wobei auch hier einschränkend darauf verwiesen wird, dass diese trotz der Themensetzungen nicht zwangsläufig von „links“ zu erwarten sei. Ob dann noch eine linke Partei die Zeit für den Aufbau eines diese Aspekte umfassenden Parteiprogramms und einer darauf aufbauenden Kampagne, schon im Vorfeld der Parlamentswahlen 2019 haben wird, ist schwer vorstellbar. Die rechte Hegemonie in Ost- wie Westeuropa zu durchbrechen, bleibt somit die Aufgabe einer ganzen Generation.

[1] Anthony Giddens: Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999.

[2] Thaa, Winfried (2004): „Zivilgesellschaft – ein schwieriges Erbe aus Ostmitteleuropa“. In: Osteuropa, Jg. 54, Heft 5-6. S. 196-215, hier: 214.

[3] Załęski, Paweł Stefan (2012): Neoliberalizm i społeczeństwo obywatelskie. Toruń: Wydawnictwo Naukowe Uniwersytetu Mikołaja Kopernika. S.143.

[4] Tatur, Melanie (1991): „Zur Dialektik der »civil society« in Polen“. In: Deppe, Rainer et al. (Hrsg.): Demokratischer Umbruch in Osteuropa. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 234-255, hier: 244.

[5] Vgl. den ins Deutsche übersetzten Artikel von Michał Sutowski, „ „Guter Wandel“ zum „neuen Autoritarismus“ – und wie weiter?“ Online einsehbar unter: http://www.bpb.de/apuz/265499/guter-wandel-zum-neuen-autoritarismus-und-wie-weiter (letzter Zugang: 11.03.2018).

[6] Der Soziologie Maciej Gdula bezeichnet die Grundlage des Regimes der PiS als „neuen Autoritarismus“, der mit der Stimme der Mehrheit für ein imaginiertes, stark abgegrenztes „Volk“ regiert. Vgl. ebd.

[7] Vgl. die Online-Quelle http://krytykapolityczna.pl/kraj/marczewski-wyniki-pis-nie-przesadzaja-o-glebokiej-prawicowosci-polakow/ (letzter Zugang: 11.03.2018).

[8] Die Studie ist auf Polnisch online einsehbar unter: http://krytykapolityczna.pl/file/sites/4/2017/10/Dobra-zmiana-w-Miastku.pdf (letzter Zugang: 11.03.2018).

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Von Katowice nach Istanbul und zurück

Untitled (Wozu)

Wozu hatte ich mich aufgemacht, wenn die Balkanbar doch gleich um die Ecke war; mit ihrem Geruch von verbranntem Schnaps, Kerbholz und Nussöl wich sie kaum von den Klatschen in Beograd oder Skopje ab. Sie forderte geradezu auf, sich die Nachmittage an einen großen runden Holztisch zu begeben und den Geschichten zuzuhören, die von den Umsitzenden und Stehenden mehr gesungen als gebrüllt wurden. Da waren die Männer noch eifrig, auch wenn sie sich nach zwei Stunden körperlicher Arbeit im Büro vor dem Haus trafen; da waren die Frauen noch gemütlich und ließen die Kinder nach zwei Minuten Instruktion wieder reißausnehmen, während sie auf die andere Seite des Flusses gingen, denn meistens war die Stadt geteilt, – um zu tanzen, zu rauchen, was sie nie zu Hause bei den Eltern durften oder um Gegenstände des täglichen Gebrauchs zu tauschen.

Ein paar Jahre später sich nachträglich in die Zeit der Gezi-Proteste zurückzudenken, in denen es möglich schien, in 20 Stunden die Städte auf dem Weg und ihre politischen Grundachsen kennenzulernen, scheint gewagt, also lasse ich es sein und suche nach den nächsten Gelegenheiten zum Duschen, Kaffeetrinken, den Flyern und Magazinen, die mich als einen der ihren nicht links liegen ließen. In Belgrad lausche ich den Tags und Graffiti, während die Diskussionen und Gespräche in Sarajevo und Thessaloniki ein langsames Stundenbuch malten, mit der trockenen Sommergischt von 2013 im Hintergrund. Ich fotografiere vor allem: im Zug; aus den Bullaugen der Busse, während sie vor den Serpentinen flüchten und Menschen beim Schachspielen.
Der Zeitpunkt ist schlecht gewählt, vor allem, weil ich mich nicht konzentrieren kann und zuviel an die Monate seit Herbst dachte. Dann aber flattern die Bürgerkriegsszenarien auf die Bildschirme, als ich nach über drei Wochen wieder in Berlin gelangt bin. Es gab sowohl in Skopje als auch Sofia überall kleine Zeichen, die auf das bevorstehende Spektakel hindeuten konnten (wenn Du dazu bereit warst und nicht auf reformistischer Zirkusfahrt warst) – Zelte, Occupy, #ДАНСwithme: Studierende, die ihren Campus als Welttheater begriffen und angesichts der verbreiteten Korruption, Verfassungsbrüche und sozialen Ungerechtigkeiten einen Rechtsstaat forderten, zudem eine Absetzung der Regierung von Ministerpräsident Plamen Oresharski und baldige Neuwahlen. Die Besetzer des 272-Gebäudes wurden schnell durch die Studierenden der Informatik- und Mathematikfakultät unterstützt, so dass eine Generalversammlung einberufen werden konnte. Die Theater- und Filmleute besetzten dagegen ihr eigenes Campusgebäude.

Ich sehe auf deren anderen Seite den Kampf um eine schmale Grünfläche vor dem Skopjer Stadtmuseum, das aus nichts weiter als aus ein paar jungen und alten Menschen besteht. Es ist ein Klassentreffen, dem aber die lange Zeit in England gelebte Gastgeberin, die ihren Keller in ihrem Haus am Hang als Hostel vermietet und darauf dringt, den Aufenthalt möglichst gut in den sozialen Netzwerken zu bewerten, auf dem Weg in die Innenstadt, dankbar ist. Andererseits: kein Mensch auf der angrenzenden Promenade oder in Mutter Theresas Museum scheint die ruhig im Kreis sich unterhaltende Bewegung groß zu beachten. Ökologische Bewegungen, Postmaterialismus, so weit bin ich gekommen, das Wertesystem gleich, vermeintlich intakt. Ich denke mir schon, dass das an mir liegt, auch wenn ich gerne manches als eigene Weltgeläufigkeit auslege, vor allem so mittendrin. In Mazedonien dauert es bis 2015: Schüler und Studierende gehen auf die Straße – am 19. März alleine Tausende. Erstere protestierten gegen ein staatlich kontrolliertes, doch externes und intransparentes Bewertungssystem, das sie nach vier Jahren High School durchstehen müssen. Letztere konnten sich seit den ersten Protesten Mitte November 2014 gegen ein ähnlich ausgelagertes Prüfungssystem an den Universitäten durchsetzen. Sie boykottieren im April, organisierten selbst in kleineren Städten Plena, die wie ein Spinnennetz selbst die Lehrer_innen umfassten. Es ist das erste Mal in der Region, so der Tenor, dass die Unangreifbarkeit der Regierung Kratzer bekommt. Diese reagiert prompt und genehmigt der Polizei den Gebrauch von Gummigeschossen gegen gewalttätige Massenaufläufe.

I
Ein rotes Band trennt den Wald von der ersten Häuserziele der Siedlung. Schichten tragen sich ab, die Sonne bleicht die Hornissen und die Kirschen blühen. Schon reiben wir uns erneut die Augen, weil wir vor lauter Zeit an unsere Grenzen stoßen. Der Mensch vor uns ist ein alter Bekannter, er stochert mit seinen Beinchen mitten im haarigen Feld, erklimmt einen abgewrackten Hügel, bis die Umrisse der Landschaft wieder mit dunkelrotem Rand zu erkennen sind. In den Kirchen, die als Wegmarken dienten, deren monotoner Glockenklang uns in den Wahnsinn trieb, sitzen sie, zusammengedrückt: Engel neben noch mehr sich ausgebreiteten Engeln. Verflucht, wir müssen hier weg und doch ist es ein barmherziger Moment Verzweiflung und Seligkeit, ganz nah beieinander, während das schwer dechiffirierbare System aus Mitteilungen und Codes der Bewohner und Verwalter des Zuges, das sich automatisch nach fünf Stunden einstellt, weiter rochiert. Ein, aus. So gewöhnen wir uns an das Abkommen, das die polnische Polizei samt Schaffner in Zügen haben. Wir lächeln angesichts des knittrigen Papiers, auf dem sie langsam ihre Rechnungen, Belege und Fakturen schreiben, stempeln und knipsen. Mit welcher Ehrfurcht er die Rechnung schreibt, die Stempel aufdrückt und den Doppeldruck aushändigt! In ihren Taschen haben sie einen ganzen Provinzbahnhof einstecken, der nur darauf wartet, neue Kacheln zu bekommen, einen erneuten Anstrich in Gelb und Grün, pastellfarben und schrill, um sich von der überwuchernden Natur in den Gleisbetten abzuheben. Das macht sie also auf ihren Beruf stolz. Ja, der da gerade den Gang zum Berufsabteil wegschwankt, um einige Unterredungen mit seinem Kollegen zur veränderten Stimmung unter den Fahrgästen zu machen, ist voller Leidenschaft Schaffner.
Die junge Polizei jedoch versteht die Dissidenz noch weniger: sie ist überaus unvernünftig, denn sie ist gegen das, was sie den Rechtsstaat bezeichnet, gegen die vorige Generation, das, was ihre Eltern sagen. Die Uhren gehen rückwärts in dieser Welt. Ein Blick auf eine nächste Uhr genügt, um weitere Stunden geschenkt zu bekommen. Der Tag wird länger und du immer erschöpfter. Die Tagesebenen verrutschen, der Schlaf ist nicht die Ruhephase, sondern die Mitte des Erlebens, der Abend wird zum Morgen (ist noch so nah, als ob, wie früher, an einen einzigen Tag gebunden), auch wenn der frische Duft der vom Regen gekühlten Luft nahelegt, dass die Natur weiter in ihrem Takt geblieben ist.

Das Morgengrauen weicht so früh auf am letzten Tag des Nochnichtsommers, so alt die Ziegel hell, dunkel rot die Pflanzen hängen nur mehr an Leinen herab, mit der Post geschickt, durch die falsche geschaut, die vielen Minuten tun dem Frühling nicht gut. Wenn nur ihr mich darin findet, soll es nicht so sein. Der Sommer war eine trockene Sumpfleiche, zerfleddert und an seinen Rändern von Krümeln übersät. Meine Beziehung war kaputt, zwar hatte ich noch die paar Monate so weiter gemacht und getan, als ob nichts wäre, aber schließlich war diese Reise, von der ich nicht wusste, wohin sie genau führen sollte und wie lange sie dauern würde, der Abschluss meines einjährigen Studienaufenthalts in Poznań. Vor allem aber eine Neubestimmung, ein Versuch, an mich heranzukommen und mich verstehen zu lernen. Mehr Vergangenheit als Zukunft, sozusagen. Auf der anderen Seite geht es hier nur vorwärts, ziellos, voller Highlights. Dass ich da war, muss ich dann doch durch Touri-Motive beweisen. Dieses Streben nach Kontrolle ist ein Zwang, der einem Möglichkeiten und Freiheiten verschloss. Auch wenn du kein Außenseiter mehr bist, der für sich einstehen kann, der alle Verpflichtungen vor Antritt der Reise erledigt oder abgetreten hat an andere, so repräsentierst du nichts, du änderst die Situation hier nicht, das macht dich wahnsinnig. Andererseits: wäre die Situation eine besser, wenn du hier glatt rüberkämst, ein bisschen Einfühlungsvermögen an den Tag legst, dich wirklich reinhauen würdest und dann, nach drei Wochen, ausgelaugt, den Empfehlungen deiner Geldgeber mit ihren Projektformularen nachgibst? Aus deren Sicht bist du Reporter und beginnst mit dem Ziel („Zurückkommen“), du führst Krieg mit Zeit und Geld, während du ein Buch oder eine Geschichte schreibst, dazu Menschen interviewst oder einweihst. Du hältst Nüsse und falsche Katzen in der Hand, Karten und Münzen leiten dich auf falsche Abhänge, du lernst ein anderes Englisch sprechen, meinst dich beobachtet, weil eine Familie um die Ecke kommt und Kinderstimmen dich verfolgen. Sie essen mit dir Medanes und erzählen, dass es noch noch schlimmer geworden ist, hier in Istanbul. Die politische Repression ergreift das Café um die Ecke, das ein paar Soliposter und Demoankündigungen aufgehangen hat, sie fällt die politische Satirezeitschrift Penguin an, die ich meinem Freund mitbrachte und an der er sein Fachvokabular schulen sollte oder die fliegenden Redaktionen, die sich aufgrund der hohen Mieten und der Strafverfolgung einer leichtgläubigen Staatsanwaltschaft entschlossen haben, an wechselnden Orten oder von zu Hause zu arbeiten. Nach dem Militärputsch drei Jahre später ist davon kein Rede mehr. Es wird mich manchmal überfallen, aber ich spreche jetzt gerade, die Quelle, das bin ich und vielleicht noch meine Minolta. Wir bitten um Nachsicht. (Penguin ist vier Sommer später dann auch tot).

II
Ich steige in den Zug, eine natürliche, vorhersehbare Szene, die ihren Preis hat. Noch bin ich sauber, mit leichtem frischem Schweiß. Schaue in Gesichter, scheine jemanden zu suchen, lächele, bis alles auseinanderbricht. Dann hätte ich keine Ausreden mehr, keine Erklärungen. Was soll´s, ich kann mir nicht alles erlauben. Schon aber verzeihe ich mir. Der Zustand meiner Gedanken macht sich gemein mit der Strecke und den Schienen. Immer ruhiger bin ich, als ob ich auf dem Gerstenfeld neben mir wanderte. Ich kenne alle Umsteigezeiten, fast den ganzen Plan. Alles wird noch Änderungen unterliegen. Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich die Säulen des Bewusstseins einreißen und mit etwas Neuem aufbauen muss. Als ob ich ein eigenes Interview mit mir führen würde und hinter den Augen entwickelt sich ein Film aus diesem Material. Davon werde ich nicht meine Identität oder Erfahrungen verlieren. Nur soviel, dass es mich wegführt und ablenkt. Schon grabe ich den Apparat raus und fühle mich als rücksichtsloser Künstler, der sich auf etwas Größeres beruft. Das Wohl aller z.B. Aber ich fürchte mich vor ihnen, fürchte mich, dass sie nichts zu erzählen haben, was wieder auf mich zurückweist. Wie schaffe ich es, meinen Wörtern und Sätzen Struktur zu geben? Wie komme ich von dem Trip runter bzw. lerne zu unterscheiden zwischen dem Genuss und dem Vergessen, sodass ich mich später wieder finde? Wann lerne ich, nicht mehr nur von mir zu reden, auch unter der Gefahr, mir und anderen langweilig zu sein?

Wir haben gehalten, es ist heiß wie die Hölle, jeder Passagier ist ein Wrack, der Kontrolleur läuft hin und her durch den Gang. Nichts aber entgeht ihm. Vielleicht Journalismus. Diese Angst, dass irgendwas nicht stimmt, dass ich was vergessen habe, dass das, was ich die ganze Zeit getan habe, nicht mehr aufzuhalten ist. Die Akzeptanz beruht auf falschen Überzeugungen und Annahmen. Und überhaupt: völliger Unsinn. Wenn es sich bewahrheiten sollte, wenn ich nicht aus Polen weggefahren wäre, heißt, wäre es mir nicht gelungen. Auf Umwegen. Man darf sich nicht mit ziellosen Dingen aufhalten. Da wir noch stehen, sehe ich einen Wildhund an der Bahnstation, oder ist es doch ein Fuchs? Steige aus, mache ein Foto, und auch welche der Aussteigenden und Wartenden. Nur Gleise und der Wald. Hier ist Domanin. Davon abgesehen bin ich tatsächlich unerfahren, wenn es ums Schreiben und die Fotografie geht. Aber ich wiederhole mehr davon als damit zu kämpfen. Ich ängstige mich vor der Arbeit. Dass es mich wärmt, dass es keine Rückkehr gibt, dass ich untergehe, aber mit einem Lächeln, dass ich nicht von mir kenne. Endlich ziehen wir wieder an, überall Birken, ich sollte glücklich sein, dass wir irgendwohin geraten. Ohne Schwierigkeiten und nicht gelungener Aktionen wird es für uns nachher noch schwieriger. Mit dieser Vorhersage, was alles währenddessen passieren kann. Heute habe ich schon von den neuen Filmen auf dem Festival „Transatlantyk“ in Poznań erfahren, viele tolle Essays drüber gelesen, Kleinstminiaturen im Reportagenstil, über einen Film von Ari Forman (der einem Buch von Lem nachempfunden ist, den Sterntagebüchern, in denen ein Kongress der Futurologen abgehalten wird); dann über die Bühnenangst von Krystyna Janda und vor allem über die Schwierigkeiten unter Jungen (statistisch zumindest) und Millionären, Steuern zu zahlen.

Wenn ich die Mitte in Istanbul weglasse, kommen gleich mehrere Exkurse im Bus. Bis an die Grenze, an den Ohrid-See, fahre ich mit zu großen Erwartungen, die die Verspätungen noch schlimmer machen. Jetzt gerade schrauben sie neben mir am Motor herum, die beiden Busfahrer, die so aussehen wie das Idealbild eines Busfahrers: blaues Diensthemd, graue strähnige Haare, engagiert, hemdsärmlig und dickbäuchig. Der Motor poltert, während sich der eine mit Schraubenzieher reinkniet. Was mache das, wir seien sowieso erst in einer Stunde da, wie mir gesagt wird. Dunkel um mich. Das kommt davon, sich immer in einer Geschichte sehen zu wollen, die nachher auserzählt werden kann. Das kommt davon, immer nur auf die Sprache und nicht auf die Absicht, die Idee hinter der Kommunikation zu schielen – so vergesse ich die Menschen dahinter. Schon sehe ich mich, wie ich in ähnlichem Ton versuche, diese beklemmende Atmosphäre, am besten mit Fotos und mithilfe der eilig hingekritzelten Notizen aus dem Sitzkissen, aufzugreifen. Wie komme ich aus diesem Zukunftsleben wieder heraus? Was mir bekannt ist, muss nicht notwendig schon passiert sein. Wir können uns darauf einigen, dass es gleichzeitig vor mir hergeht.

III
Die Fahrt zieht an, der Zug fährt wie ein Metalldämon durch die Landschaft, alles habe ich erledigt, sogar die Dinge, die ich lange vor mich hergeschoben habe, ergebnislos. Aber jetzt geht alles einigermaßen schnell. Groß Gedanken habe ich mir nicht gemacht, ich habe einfach gehandelt und bin zur Handlung geschritten. Neulich hatte ich im Lauf von zwei Tagen zwei Mal diesen kindlichen Glücksgeschmack im Mund – schwer zu sagen, woher das kommt. Mittlerweile bin ich so verdächtigend geworden, unfassbar, auch wenn ich nun die Menschen schneller und besser einzuschätzen weiß. Meine Mitfahrerin schüttelt es, sie rümpft die gepuderte Nase, die Wettergespräche sind längst vorbei. Ab und an stellt sie sich in den Gang und redet vor sich hin, murmelt, bis sie auf ein Ohr stößt. Aber sie braucht auch niemanden. Sagt und kommentiert die wenigen Quadratmeter um sie herum, so dass es einem peinlich werden kann, so offensichtlich braucht es dafür keine Wörter. Sie schämt sich, das ist es, sie will die Wörter loswerden, um sich von der endlosen Beschäftigung mit sich zu erholen. Eine Mitfahrerin steigt ihr auf den Fuß, was willkommener Anlass endloser laut aufbrausender Beteuerungen ist.

Wieder das Kartenspiel. Ich kann mich entscheiden, ob ich zügig weiter fahre oder eine Nacht bleibe oder ob ich in jeder Stadt mehr oder weniger zehn Stunden bis zum nächsten Zustieg verbringe. In Katowice lerne ich in einem alten Antiquariat, ein Stand aus mehreren Holzregalen und Schuhregalen in der frisch gemauerten Innenstadt, den ersten polnischen Horrorroman kennen: den „Wampir“ von Władysław Rejmont. Die Gassen liegen wie unter einer Dampfhaube, die Menschen sehen zurückgezogen in die Vorgärten und Häuser, überall Straßenenden und auf den Balkonen, in den Spalten der riesigen verachteten und geliebten Altbauten potentielle Neuanfänge. Keine Blumen; stattdessen stadteigener Modernismus. Der wirkliche Vagabund ist der, der jeden Abend durch die Stadt zieht, um Flaschen, Plastik und anderes Wertvolle aus den Mülltonnen und den Mauervorsprüngen und unter den Laternenmasten zu sammeln. Ich könnte auch von hier morgen wieder fahren, eine Nacht voller paar Stunden, durchzecht in ein paar Bars bis Sonnenaufgang, dann nach Hause. Das ist auch eine Eckreise. Will ich mich noch ernst nehmen oder nur betrachten? Wie wahr kann Entrüstung sein?

Der Beginn des dritten Tages, die Polizei patrouilliert und wir sitzen zu sechst im Abteil. Um drei frühmorgens die erste Grenzkontrolle in Prerov an der tschechischen Grenze, ohne Schlaf wird die Tour keinesfalls zu machen sein. Vor Sonnenaufgang, Steppe, nur ab und an grüne, hügelige Waldstreifen und Alleen. Es fallen Sätze wie „Und das ist die Wahrheit“, „meine Meinung“, „der Mann ist gefährlich“, doch kann ich nicht ausmachen, ob neben mir Slowakisch oder Tschechisch gesprochen wird. Die Zeit verlangsamt das Tempo, ich überspringe in der Erzählung die Heiligsprechung der einen, das Fallenlassen der anderen wie die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit: niemand interessiert es nachher mehr, woher das kam, was zuerst war und wer zuerst die Übergänge nachgezeichnet hat. Nicht, dass letzteres von großer Bedeutung wäre, aber die liberalen unter den Tschechen und Slowaken interessiert es doch, wer wen okkupiert hat, welche Sprache zuerst da war und warum manche Wörter in der Sprache der einen Besatzer blieben, die anderen in der der späteren.

Wir haben es jetzt mit dem Ungarischen zu tun. Manches ist nicht weit vom Slawischen entfernt, wie die Bäckerei oder die Straße (pekerni, udec). Ausgezehrt wie ein liegengelassener Schwamm trete ich hinaus auf lange Straßenschluchten hinunter zur Buda. Der große Jugendstilbahnhof wird von allen Seiten von dem geplanten Metroneubau unterhöhlt, doch darüber hinaus gibt es die angekündigten hohen Jugendstilhäuser, in denen die Touristen schnell auf die Hinterhöfe verschwinden, um immer mehr Gebäck, Fleisch und Gemüseläden für sich zu entdecken. Zwischendurch Signale von außen, ich bekomme eine schwarze SMS, ganz ohne Inhalt, doch ich freue mich trotzdem, da die dazugehörige Nummer angezeigt wird.
Kös. Als ich vom Geist der Stadt, nach guten fünf Stunden genug habe und die Abfahrmodalitäten für den Abend zurechtgelegt sind (nach Belgrad für 15 € heute Nacht), gehe ich in eine Eckkneipe, in der alte Menschen vor Fernsehern sitzen, wiederhole Polnisch-Vokabeln und trinke das erste Bier, nicht müde, nur mit geschwollenen Füßen und verschwitzt, weshalb ich mir vornehme, vor der Abfahrt die Duschen im Untergrund des Bahnhofs zu nutzen. Die Alte neben mir hört nicht auf, unter dem Fernseher mit sich zu reden und wiegt dabei seit gefühlten zehn Minuten vor sich hin, klopft dabei nach jedem Mal auf den Tisch und kann es nicht fassen. Also rechtfertigt sie sich vor sich selbst. Ich beeile mich, Verstecke und Motive in der Innenstadt ausfindig zu machen. In die Hauseingänge, die verlassenen Bahngelände lässt sich leicht gelangen. Heute ist in den Straßen um das Ausgehviertel Sperrmülltag. Für die Touristen und Fotografen ein beliebtes Motiv. Ganze Wägen fahren vor, Sperrholz liegt zum besseren Transport dabei. Das alles vor dem Hintergrund der grellsten Häuser, grün, gelb oder rosa, in die Muster eingeritzt sind. Doch muss ich einige Male innehalten, da welche querlaufen und den ganzen Gehweg verdecken. Weiter hinein in die von Rankpflanzen verwachsenen Hinterhöfe, in denen sich Galerien und Bars noch aufgrund der internationalen Gäste behaupten können. Die weiße Kreideschrift auf schwarzer Tafel – oder aber die weiße Farbe auf dem Fenster, gleichzeitig als Dekoration und Speisekarte: ein Trend in Mitteleuropa! Ein eleganter Alter, mit Stock und abgelegtem Strohhut lacht hier bei uns über die Bilder, die die Frau ihm gegenüber am Tisch, wahrscheinlich seine Tochter, von ihm gemacht hat. Der Aststumpf oben schaut wie ein Kopf zu und runter.

IV Was war vor 20 Jahren, was wird in 20 sein? Ein dreiviertel Tag in Beograd

Neben mir im Zug sitzt ein Paar aus Warzsawa, er ist Informatiker und es ist der 10. August. Sie fahren weiter nach Montenegro und Bosnien, dann zurück. Sie kamen mit dem Flieger nach Budapest, wo er mal ein paar Monate verbracht hatte. Jetzt erst fällt mir auf, worauf er zurecht hinweist, dass Budapest keinen Altmarkt, kein touristisches Zentrum hat. Vielleicht bin ich deshalb so oft im Kreis und ohne Ziel gelaufen, doch ohne in dieser großen Stadt das Gefühl zu haben, verloren zu sein. Ich bin also zufrieden. Neben der Donau bin ich mit schmerzenden Zehen gelaufen, denen ich immer häufiger kurze Verschnaufpausen gönne. Auf der anderen Flussseite nahm ich erst jetzt eine Gestalt war, es reißen sich Saxophonklänge los und flogen rüber. Kein Sonnenuntergang, sie verschwand einfach vor den Massen und umarmte und zerrte sie vor dem Vorhang. Noch war die Stadt nicht still, sie wurde aber eingesungen. Hier hat sich jeder etwas verdient. Budapester Quai, der wie in Paris die Schnellstraße vom Wasser trennt, ich konnte dich nicht fassen, die Häuser waren zu hoch, die Gassen zu eng und die Straßen zu breit. Du lenktest mich ab. Dass hier Alltagsleben sein soll, war schwer vorstellbar. Weiter Himmel, beweglich schimmernde Statuen auf Hügeln und Kirchenzinnen.

Den Kaffee gibt es in Belgrad in meinem ersten Café während eines glänzenden Morgens mit Wasser auf kleinen Plätze mit farbigen Bänken. Die gewaschenen Häuser zeigen sich im Wechsel von Alt und Neu. Es ist der gleiche heiße Tag wie gestern, „Pekarnas“ halten sich an der Ecke, die Leute treten mit heißen Stückchen aus den großen Flügeltüren. Der Kaffee hat eine Anisnote. Der Kellner, der nach jeder Bestellung den Daumen entgegenstreckt, lässt Eros Ramazotti laufen und pfeift dazu. Ich kann ihn verstehen. Es ist leicht, an einem solchen Ort nett zu sein. Alleen wechseln sich mit Plätzen und Gedenkstatuen und die Sonne mit Schatten ab. Einige arbeiten auch, während andere so schnell und dennoch auf eine Art elegant beim Spazieren aussehen. Funk höre ich in einem winzigen Café, in dem auch im Inneren geraucht werden darf, ewig könnte ich hier sitzen und vor mich hin bestellen und die Olympiade schauen, die auf Flachbildschirmen übertragen wird. Sportfanatiker sitzen um mich, die erst abends beginnen, die Ereignisse des vergangenen Tages zu resümieren, in einer Sprache, die wie Russisch klingt mit seinem „sto“ und „da“. Es kommt Marathon. Ich fühle mich nicht fremd, alles um mich verstehe ich kaum, weshalb ich eine Schutzschicht um mich lege, in die nicht tief einzudringen ist. Auf Englisch ist viel vorhersehbar, du hast deine Schlüsselwörter, auf die sich die meisten eingestellt haben und der Rest lässt sich auch irgendwie verstehen. So eine Mittlerfunktion ausübend, lasse ich mich gehen und rechtfertige mich doch ständig. Statt Diplomat und Mitarbeiter in der GIZ, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die ein Büro in einer Seitenstraße hat, zu werden, beschließe ich, meine Vorbedingungen, Rahmen und Paradigmen zu überdenken, die mich als diesen neutralen Beobachter darstellen (hier wollte ich arbeiten, ernsthaft!?). So lässt sich vielleicht besser der voreingenommenden, urteilenden und Menschen einteilenden Person nähern, die ich bin, in Transit und das über 24 Stunden.

Die Spannung ist vorbei und wir fragen uns, was dazwischen passiert ist und uns noch fehlt. Belgrader Stadterkundigung von Café zu Café, die wichtigen Dinge also, meistens sitzend, am Brunnen, aber singend, um nicht passiv zu sein. Jetzt aber falle ich, noch ein bisschen, zum nächsten Essen. Zum richtigen Abend schleppe ich mich dahin und sehe wirre Mortal-Combat-Tags auf Mülleimern und immer wieder diese Treppengassen. Was da oben, was da unten geschieht, geht mich nichts an, gehört schon gar nicht zu mir. In diesem Keller machen das alle mit dem Daumen und sind so glücklich, mich verstanden zu haben. Geht mir genauso. Im Café „Moment“, das sich hinter einem breiten türkisfarbenen Zaun an einer Ecke einer Villengegend erstreckt, herrscht fast schon Kurortstimmung, es läuft Electroswing wie gestern schon irgendwo in Buda. Während ich weitere Gemeinsamkeiten zwischen den Orten suche, will ich beim Schreiben beobachtet werden, um meine Kulturskizzen zu durchkreuzen. 1000 Augen des Expressionismus schauen mich siebeneinhalbfach an, es sind noch 31 Grad, und das trotz einer metallenen Sonne hinter Wolken. Sehe hier eine europäische Jugend, die ihre wireless love auf den Geschichtsfeldern des Betons aufträgt, blasse Farben und mit Strichen, Pfeilen und Daten, die ältere Generationen auf dem neuesten Stand hält. Einer ruft am Budenmarkt, der etwas außerhalb, am Ende einer Barstraße liegt, einer Vorbeilaufenden in gebrochenem Deutsch zu: „Das ist richtig, das ist fein!“ Zumindest bilde ich mir das ein.

Überall Cornershops und Fastfoodläden, die sich auch so nennen und die ausnahmslos Fleisch haben. Ich muss nicht dumm imitieren und das wollen, was andere schon gemacht haben. Wenn ich mich für das, was ich mache, schon rechtfertigen muss (ich rede von banalen Erwägungen, Handlungen, die vergessen bleiben), dann sollte ich das produktiv auf eigene Art tun. Als artistische Aufgabe nie stehenbleiben, von Stadt zu Stadt, auch wenn ich wahrscheinlich mit dem Ansatz jede Stadt schnell langweilig finden werde. Doch gehe ich mit einem Lächeln darüber weg, da ich wiederkomme; es wäre auch ein Überfluss. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass die harten Fahrten noch bevorstehen. Ich zähle die Moneten zusammen, ausgegeben habe ich 4010.

Viele Frauen tragen elegante Kleider, andere solche, als würden sie für ein paar Stunden in den Klub in dieser Hügelstadt mit ihren geschwungenen Straßen, die auf und ab gehen, wie die Vorwürfe, die sich Bewohner und Touristen machen, dass es nicht billiger geht. Die Favelas mit ihren computergerenderten Scheuklappen und Betonpfeilern lassen am Abhang im Hinterhof Mülldeponien zurück, die nur der bemerkt, der nach Motiven Ausschau hält.

Politik ist allgegenwärtig, kaum zu glauben, dass dieser Staat in dieser Form erst seit wenigen Jahren existiert (seit ´06), aber was sagt das schon in Mittel-, Ost- oder Südeuropa, in denen mit Sprühfarbe und Malereien die Öffentlichkeit herausgefordert wird! 1456, 1389, 4.8.1995, 1999. Du musst gut in Geschichte sein, die Erzählebenen zusammenkriegen, nicht um aufzulisten, sondern um die wechselnden Hintergründe, Diskurse und Perspektiven miteinzubeziehen, wie diese Beispiele von Graffitis auf den Häuserwänden zeigen: „Students for rhythm!“, „Solidarität mit Griechenland“ (auf einmal ist Griechenland nicht mehr weit!). Dann verschwindet die Sprache und zurück bleiben nur fragende, aber auch erleichterte Gesichter.

Den Hügel wieder runter, den ich heute früh, vor mehr als vierzehn Stunden, hochgestiegen bin. Das Kopfsteinpflaster massiert meine durchgelaufenen Füße. Zufällig finde ich die schönste Bar (weil ich zu weit gelaufen war, also endlich), die ich nicht gesucht habe. Die Hinterhöfe werden leer und halb grell erleuchtet. Es herrscht weicher, kühler Wind um die Statue von Ivo Andrić. Viele Brunnen spenden Wasser, Regenschirme und Kreisel hängen in der Luft, bis sie jemand an einem unsichtbaren Faden herunterlässt. Die Straße endet im Zirkus, Lichterfenstern, Kunststücken. Räuber versuchen es da, sehen aber keinen Stich, die Freude ist zu groß, die Galerien teilen Essen aus. So viel London, so viel Wien! Untergründe, übergabelte Plateaus, Betontrassen, die an gegenüberliegende Unterkünfte münden, Menschen, die noch nicht wissen, wo sie sind, wenn sie aus dem Haus gehen und sich an den lautesten Orten verabreden. Hier wird noch von Jugoslawien geredet. Heute nur von der „pekara” gelebt, die Teilchen aus fettigem Teig, mit dickem Schafskäse gefüllt, oder das „sendwic” mit Schinken und mit Käse. Elektrische Grillen von irgendwoher leiten den Weg. Der selbe Markt, er leuchtet. Und jetzt mischen und umdrehen und die Zeilengröße im Auge behalten, aber vergessen. Die Bürgersteige hoch!

Auf einmal verstehen sich alle, die draußen sind, während das Parlament erstrahlt. Denervnik, Dushan, Drena Nikolinka sitzen neben mir. Sie wohnt in Bosnien, ist mit ihren serbisch-bulgarischen Kindern nach Sofia unterwegs. Kurz beachte ich sie, die neben jungen Interrail-Menschen sitzt und erkundige mich über ihre Reise, bis ich mich wieder mich in die Notizen vergrabe, um die letzten Eindrücke nicht zu vergessen. Sie fragt: „Was schreibst Du für Poezija?“
In Budapest war es anders: Kaum Polizei, hier darf getrunken werden, keiner aber übertreibt. Dennoch liegen wie selbstverständlich die Erschöpften und Belasteten in ihren Parks. Ich rieche diesen Geruch in anderen Dingen – in der Metro, auf den Straßen, es scheint Musik, die immer dann kommt, wenn du den Löffel zum Essen ansetzt und auf das Gestrüpp schaust, das aus den weiten Wassern der Donau weht. Dich kenn ich doch, grüß Gott! Aus jedem Backsteinhaus wird ein Loft und Büros für die obere, angsterfüllte Mittelschicht, die um die ein Meter hohen Blumentöpfe mit ihren Fahrrädern balancieren. Der Weg ist gewöhnlich rot.
An der serbischen Grenze werden 6-7 Leute festgehalten, einfach rasch aus dem Zug raus. Einer gibt seinen Freunden einen letzten Handschlag und muss weg. Er spricht Französisch. Vielleicht liegt es an seinem schwarzen Dreitagebart oder der dunkleren Haut. Die serbische Grenzpolizei ist nicht zimperlich, stupst jeden Schlafenden grob, mit Überzeugung an; als einer der wenigen werde ich deutsche Folienperson nach wenigen schweigenden Sekunden wieder mir selbst überlassen. Einzig Hologramm und Wasserzeichen werden überprüft.

V Sofia
Die Bilder aus Sofia waren nichts, das wusste ich bei fast allen schon vorher. Einen Zug weiter, die Zeit rennt den Tag über, ganz schnell ist es vorüber und das, obwohl ich mich dahinschob und nicht lange haltmachte. Komisch, immer dann wird mir langweilig. Keine Kraft mehr in den Füßen, ich laufe auf Blasen. Es ist mir wichtig, das alles zu schreiben, warum, weiß ich, ich muss mich vielleicht mit meiner Unzufriedenheit auseinandersetzen. Es mag am kaputten Fotofilm liegen, auf dem auch Bilder von Belgrad sind, wo mir vieles gelungen ist. Das ist der Film, den ich wegen ein paar Bildern entwickeln lassen wollte.

Die futuristische Eingangshalle, Streifen, Sterne, Glas hinaus ins Nichts, der Morgen ist vorbei, als ich ankomme, ständiges Wetterleuchten, neutrale Sonne, zwei Minuten Regen. Das ist Sofia, Alleen in den Seitenstraßen, zu breite, befahrene Straßen, rot-schwarze Straßenübergänge. Es fing damit an, dass ich mir die über Nacht von Nikoleta beigebrachte Vokabular beim besten Willen nicht einprägen konnte. Stichwörter, Rondells, die vergebliche Suche, die mir während des Laufens alternativlos und gleichzeitig lächerlich vorkommt nach Cafés und Internet. Stattdessen unentrinnbare Karten, die nach „art nouveau“ mit dem Doppelalphabet verziert waren. Sonntags ist hier kaum was los. Wie sich herausstellt und das hat sich auch an weiteren Städten bestätigt, bin ich nur an den falschen Plätzen oder schlicht zu spät.

Wieso bin ich so ängstlich? Ich bin doch nur auf mich gestellt, mit anderen, deren Konditionen ich erfülle oder nicht. Hier im Zug werde ich nicht herausgeschmissen, und selbst wenn…
Die grünschwarzen Hügel legen sich übereinander, das Licht breitet sich ein letztes Mal aus.
Mir wird ausgeholfen mit dem fehlenden Geld; die vielen Missverständnisse machen nichts, wir reden nur. Es ist ein Pechtag heute, der nur in Ordnung ist, solange der Rücken und die Füße nicht schmerzen. Ohne es richtig (nur gestern Nacht und beim Anblick der Berge am Morgen) zu merken, bin ich in Bulgarien. Ist es noch das, was ich machen will oder spiele ich? Was bedeutet in einem solchen Spiel aber ein dritter Tag im dritten neuen Land? Noch jetzt, ohne dort zurückgekommen zu sein, gilt dies als erster Einblick. Scheu senke ich die Augen, weil nur ein paar Bilder geblieben sind und meine wüste Zugjagd. Ich schaue beim Zeltcamp vor dem Parlament vorbei, die wenigen Menschen dort sind sehr nett und unterhalten sich kurz mit mir. Es sind die Monate, bevor die Studierenden die Unigebäude länger besetzt halten, jetzt, zu diesem Zeitpunkt, steht erstmal die korrupte Regierung im Zentrum der Kritik. Wo diese als anmaßend und überzogen abgekanzelt werden, ist es umso bewundernswerter, dass sich Menschen kollektiv das Recht nehmen, es neu interpretieren oder darüber spotten. Vielleicht geht es nicht anders als durch den offenen, diskursiven Raum vor dem Parlament, um ansprechbar und verständlich zu bleiben. Sonst komme ich an vielen Orten öfters vorbei, den kleinen Villen in Seitenstraßen, die oft Galerien oder Kunstshops beherbergen und mit Graffitimotiven besprüht sind.

Die Reise nach Istanbul betrifft das ganze innere Wesen des einen Waggons, in der ein schon immer existierender und kontrollierender Schaffner das Sagen hat. Der raucht und trinkt, verfeindet sich mit den Passagieren und freundet sich an und prahlt mit seinen Bekanntschaften. Später gibt er Bier aus und schreibt mir und einer anderen Person auf Blankozetteln nunmehr gültige Fahrkarten. Und das in einer Sprache aus Türkisch, Englisch, Schwizerdeutsch, mit der er sich an die Leute wendet in gemeinsamem Vertrauen, sie wüssten es doch, man müsse es nur herauskitzeln. Baumkuppeln, vereinzelt, ansonsten Graslandschaften. Noch sind wir nicht abgekoppelt. Es ist nicht zu fassen, wo ich gleich am Bahnsteig sein werde. Reisen im Zug ist so wirklich wie unwirklich. Die Plötzlichkeit ist ausgesetzt, es vergeht keine Zeit, alles um dich herum vergeht zu einer ewigen Vorbereitung, auf etwas, das undefiniert bleibt. Die Szenen kommen und nach zwei Stunden hast du nie etwas anderes gemacht. Meditatives Rattern, Horizont, Sternenhimmel, fast Dunkel, der König blitzt den Körpern. Das hallt, das musst du machen. Auch wenn ich besser meine Handlungen lesen kann, heißt das nicht, dass ich nicht Fehler begehe, über die ich mich tagelang ärgere.

VI ISTANBUL
Am 12. August komme ich in Istanbul an. Die letzten eineinhalb Stunden legen wir außerplanmäßig mit dem Reisebus zurück. Den Zug haben sie einfach in der Landschaft der beginnenden Vorortsbauten, des staubigen Asphalts und der weißen Häuser gelassen. Schwer vorstellbar, dass Menschen die Strecke nach Sofia zurück den Schaffner mit seinem einzigen Waggon begleiten.

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Die ersten Worte hier sind keine, nur Taksim, ein halber Schatten unter einem Baum und unfassbarer Trubel. Doch allmählich und täglich mehr eigne ich mir brauchbare Vokabeln an. Jetzt kann ich es begreifen. Unfasslich, die eigene Stadt als Welt, eine große Gemeinschaft, trotz allem.

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Sein Vater kämpfte mit ihm auf den Barrikaden von Taksim. Er war ein alter, wütender Mann, er wollte, dass sein einziger Sohn hinten blieb. Jetzt leben beide für die Revolution und haben damit eine Gesprächsgrundlage gelegt, die davor fehlte. Er ist Filmemacher, der sein weniges Geld für Zigaretten und Alkohol ausgibt, während er durchgehend Filme schaut, manchmal fünf am Tag. Er gab seine Beziehung auf, um den Protesten zu dienen. Er sagt, er habe sich verliebt in die Revolution, die für Solidarität, Hingabe, Brüderlichkeit, Mitgefühl und eine gemeinsame Zugehörigkeit steht. Sein Traum ist es, in sechs Jahren an der türkisch-griechischen Grenze in einem Weingebiet ein Hostel mit Freilichtkino zu bauen.
„Er sagte, ich kann alles tun. Wir sagten: Nein! So einfach ist das.“ So beschreibt er den Antagonismus hinter den Protesten. Einmal saß er in einem Café beim Bier und wurde von der Polizei überrascht, die mit Paintballs direkt auf ihn zielte. Er stand auf und schrie sie an, kommt doch, ich habe keine Angst, ganz so, wie sie es auf den Barrikaden taten. „Tränengas, olé“ ist ihr Ruf, der auch jetzt an einem anderen Tisch im Restaurant zu hören ist. Sie haben nichts als ihre Kleidung, vielleicht Schutzmasken, er benutzt nur ein feuchtes Tuch über dem Mund, das mit Essig getunkt ist.

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Ich erinnere mich an meine Kindheit, lasse sie für einen Moment ernsthaft wieder auferstehen und versuche, aus nichts etwas machen. Ein Baumloch ist immer da, du musst nur play drücken. Doch schnell bewege ich mich wieder im Terrain der Erinnerungsproduktion, sprich des Drangs nach Ergebnisorientiertheit. Nicht: was habe ich gemacht (Murmelspiele, Plattformen, Figuren…), sondern: wie habe ich mich dabei gefühlt, was gedacht, in welchen Beziehungen gelebt. Was sagt das über mich noch heute, kann ich diese Gedankengänge noch verstehen? Wie ist es, sich den Ausgang einer Geschichte lieber vorzustellen als selber zu handeln und sich nichts zuzutrauen bzw. schon zu passiv zu sein, nur Lust an etwas zu finden, was ich nicht kenne. Was passiert, wenn ich meine Erinnerungen fiktionalisiere, was bleibt davon (in mir, nicht in einer Geschichte). Es ist wichtig, sich an den anderen Menschen, der du warst, zu erinnern. Auch darum schreiben wir alle. Und mitlesen, um das in uns wachzurütteln, was nur mit Hilfe des begleitenden Autors (in und seinen_ihren Eindrücken in veränderter Form) bekannt erscheint.

Morgen in Şişli Kurtuluş. In dem Viertel der Pfirsichstadt, die von Schatzinseln umgeben ist, kündigt der Tomatenverkäufer täglich viel zu früh sein Kommen per Lautsprecher an. Der Geschmack des Essens, die Gewürze, sind alle leicht verschoben, aber wunderbar. So lerne ich die Andersheit als Teil des Eigenen zu sehen, d.h. das, was ich kenne und auch kennen kann. Die Stadt hat Zeit und liegt im Warten. Jeder Tag gehört schon zur Vergangenheit. Die Zukunft wird ganzheitlich, die Begriffe haben ausgedient. Der feine glänzende Hintergrund lässt sich austauschen, doch schwenkt stets Stolz mit, wenn Einzelne oder Gruppen von Touristen sich porträtieren lassen.

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Ich gehe in ein privat finanziertes Museum voller Namen, die ich mir auch nach drei Stunden nicht alle merken kann, die dir aber vor Augen führen, dass noch woanders gelebt wird. Hier eine Auswahl: Ebru Uygun, Taner Ceylan, Tülay Tura Börteçene, Asli Torca, Hakan Gürsoytrak, Burhan Doğançay, Özdemir Altan, Mehmet Güleryüz, Devsim Erbil, Ferruh Başağa, Nasler Akunci, Eren Eyüboğlu, Ihsan Cenual, Sarip Kerem Yamuz, Banazar Bayrahağlu, Erol Akyaras. Diese türkische Kunst des 20. Jahrhunderts, flach oder nach draußen springend, verbindet konkret Punkte, sucht im Raum, das Andere mitdenkend, ist selbst-reflexiv, kunstbewusst, figurativ, identitär, vor allem Oberfläche zur Politik, in Opposition zur autoritären Stimme, die Bedeutung diktiert. Ergebnis: Die blaue Farbe der See ist ein Produkt und kommt wohl kaum gegen die weiße Kloake aus der Ace-Werbung an. Eine weitere Einsicht: Palästinenser lieben Spiderman, der über und an Mauern springen kann. Den Zeigefinger in die Höhe, um die Satelliten zu empfangen, steht er stellvertretend für vergessene, entstellten Figuren, auf dem Hügel, mit uns im einstimmigen Gesang.

Das schönste Mädchen der Stadt schleicht im Museumsshop um Kunstbände herum. Ich sehe nur die Andeutung ihres Gesichts, einen Schatten, der aufflimmert, wenn das Licht auf sie fällt. Doch ich wage es nicht, sie anzublicken, es ist zu reizvoll, die sich bewegenden Körper gegenseitig in ihren Andeutungen anzublicken und nur auf die Schritte zu achten.

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Ein Museum ist der beste Ort, um sich kennenzulernen und zu fragen, wie mit einem weitergeht, wie deine Position gegenüber der Moderne aussieht, die dich umgibt. Wie Baudelaire schon meinte (ein Zitat aus den Begleittexten, die im Museum ausschweifend neben den Bildern hängen): Modernität ist die Beziehung zwischen dem Beobachten und dem Beobachtetwerden, den Zuschauern und den Zuschauenden. Ich schaue anderen oft beim Fotografieren zu, nehme den Konkurrenzkampf an, mich beim Arbeiten zu beobachten und selbst Zielscheibe der Touristenkulisse, von der ich Teil war, zu sein, unabhängig davon, wie sehr ich versuchte, ein gewöhnlicher Ausländer in der Stadt zu sein. Der Junge im Spiegel bin ich Teil der von anderen erzählten Geschichten. Die Schrift verliert sich und wiederholt sich leicht abweichend – auch dies eine Abhängigkeit. Ein falscher postmoderner Hase ist auch ein Angebot. In allen Häusern ein Geruch wie in alten Kirchengemäuern.

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Das erste Mal den Bosporus sehen ist wie das Meer zu sehen. Es verschlägt dir den Atem, weil er so ruhig und ewig daliegt. Vierjährige spielen Harmonika oder verkaufen Taschentücher. Väter und Söhne tun das gemeinsam am Abend, wenn sie die letzten Stunden kleine 0,5 l-Wasserflaschen anbieten, die ihnen ohne zu zögern und alltäglich von den vorbeigehenden Gruppen abgenommen werden. Fast kreisförmig wie die griechische Geschichte läuft das Geld durch die Hände der Händler. Die Steine am Ufer des Bosporus markieren die Promenade und dienen Wohnungslosen als Unterschlupf. Einige haben Steine übereinandergestapelt und mit Planen und einem Sonnenschirm eine Bleibe errichtet, die tagsüber nicht aufgelöst wird. Einer raucht seine Zigarette, während der Meerwind ihm ins Gesicht bläst. So liegt er auf seinem Lager und schaut den Fischerbooten und Kreuzfahrtschiffen zu. Um ihn herum alles, was er braucht, hinter ihm nicht genug Platz, sich zum Schlafen zu verstecken.

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Bevor weitere Tage angedeutet werden, gibt es ein Mindset, ein Traumgebilde, das mich beschäftigt, dort auf Reisen: ich war zu weit weg, habe Entschuldigungen gesucht, den Mund verirrt, taubstumm, genau wie meine Haut, die zittert und kleinlaut und ängstlich alle Alter durchläuft.

Die Performance verschiebt und überlagert den Modus. Es finden Mikrokosmose mit verdichteter Zeit statt, Gesprächsstrukturen und Verhaltensweisen drängen sich auf, Überzeugungsarbeit, die Satz dulden keine Abweichungen, festgesetzt und zu einem Aphorismus mit der Stimme stilisiert, eine Aufführung in einer internationalen Galerie steht stellvertretend für die ganze Stadt. Die deutsch-türkische Kuratorin blickt mich im Anschluss freundlich an und lädt mich mit den anderen auf ein Bier in eine assoziierte Bar ein.
So wird es sein: Nächsten Sommer lache ich wieder am Tisch mit Fremden über meinen Angstschweiß, hole mir Apologien ab und mache mich auf nach Yunanistan.

* (ana)

Am vorigen Tag, der eigentlich ein Morgen war, schoben sich die Gesichter zurück und gaben den Weg frei für die Familie, in die ich hineingeboren bin, die Sprache ist schon weniger selbstverständlich, die Klasse zeigt sich nicht am Geldbeutel, sondern an der Tatsache, wieviel du dir von dem Geld kaufen kannst, anhand deiner Kreditwürdigkeit. Sie erlaubt dir Kunst und Redseligkeit; so kann ich lustig, ernst, redselig und locker sein, dies auf die Stadt zurückführen und nebenbei feststellen, dass meine Mutter mit zweitem Namen auf Türkisch tatsächlich so heißt: Ana.
In diesem Sommer hörte ich draußen den dröhnenden Qualm von Freejazz, das alle Sprachen mitaufnimmt. Einer tanzte mit einem Trikot mit der Nummer 11, vorne stand auf Deutsch „elfenbeinküste“ (sic!) – offenbar ein Fan der Chelsea-Legende Didier Drogba.

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Den vorletzten Tag in diesem Land schlägt es mich auf die andere Flussseite. Es ist nicht weniger touristisch, nur haben sich die Katzen ein eigenes Reich in den Hinterhöfen errichtet, während im Vorgarten die Hunde faul den Schatten genießen. Die besten Straßenmusikanten finden sich hier. Junge Männer, ganz lyrisch, mit Gesang und Leier, ziehen das größte Publikum an.

Er blitzt hinter der Ecke hervor und lockt mich durch Finten und Täuschungen und der Aussicht auf Auskunft in sein Versteck. Seine Miene verzieht sich nach jedem Satz und er feilt an seiner Eleganz. Was haben wir wieder verbrochen, mein Freund. Wie ist es nur um uns bestellt, und solche weiteren, kaum noch verwendeten Phrasen. Ich dränge mich zum Schreiben, wegen des Platzes, dieser Bucht hier (Szenenwechsel). Es muss einen Weg gegen, mich aus diesem Loch herauszuziehen. Angefangen damit, mein Lächeln aufzufangen und zu erkunden, was mir Freude macht. Um zu wissen, was ich will, muss ich mich wieder selber kennenlernen und andere fragen, wie sie gelernt haben anzufangen. Nur dann kann ich mir vergeben; es hat etwas unglaublich Anstößiges, sich so sehen zu müssen, wie man ist.

VII
Als letzte Fotoeinstellung aus der Stadt dient ein Polizist, der sich von seiner Gruppe, die die mit Graffiti bemalte Seitengasse absperrt, löst und sich auf die Bar zubewegt. Wir sitzen draußen an kleinen Tischhockern. Ein paar hundert Meter weiter entfernt auf der Hauptstraße İstiklal Caddesi haben sich Menschen zu einem Sitzstreik vor einem Konsulat zusammengeschlossen. Vereinzelt rufen sie, während ein großes Banner vor ihnen auf dem Boden liegt und sie sich austauschen oder Kraft und Konzentration sammeln. Der erste Uniformerte daneben hat die Hand an seiner Maschinenpistole, dahinter eine Reihe Schutzschilder aus durchsichtigem Hartplastik. Normalzustand, während die Hunde ihre Übungen machen und ihre Waffen schaukeln. Ein Schloß öffnet sich im Kopf, sagt die Wand, Werbung, abbiegen, Gandhi, love me. Daneben die Ermorderten, deren Gesichter so jung sind wie die der Umsitzenden. Ihre Namen oder Gesichter habe ich schon auf in die Luft gehaltenen Schildern auf Solidaritätsdemos rund um das Kreuzberger Kottbusser Tor gesehen: Ali Ismali Korhag, Medeni Vildirim, Abdulah Cönert, Achmer Ayuahtan und andere. Wir werden überwacht, doch ein grünes Blätterdach schützt und Türkisch, Englisch, Französisch, manche Küsse vielleicht. Ich stehe neben mir, an der Bar soll ich fordern, nicht fragen, erklärt man mir.

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Die Gesichter sind jung. In sie lässt sich hineinzoomen, während sie um sich sehen, rauchen und sich langweilen. Kaum lässt sich vorstellen, dass diese vor zwei Monaten im Gezipark um sich geschlagen, Reizgas in die Gassen versprüht haben und mit Plasikkugeln um sich schossen. Wir tun, als sei nichts, als gebe es die Polizeiblockade nicht. In den Passagen und Bars in Beyoğlu ist jedes Gespräch verdächtig. Kein Wunder: Jede Party hat ein Motto und die orientalischen Muster auf den Touristenkeramiken deuten in die falsche Richtung. Die Verschwörung fängt beim Straßennetz und den Entzifferungen statt. Eine Front von Freitagabendshoppern lässt keine kontrollierte Durchsuchung zu; die Verwirrung hält an, weil sich am nächsten Tag niemand von der Straße der eigenen Doppelrolle entsinnen kann und die Einkäufe dementsprechend vor Unglück an die Brüder und Schwestern (von denen sie ein Teil sind) in den Hinterhöfen und Anklagebänken spendet.
Die Leute weichen sich dabei noch aus, sie nehmen die Umstehenden wahr, die Geschäfte werden mit einem Schlagabtausch besiegelt und ein Gespräch verläuft wie auf einer Achterbahn, von Kreis zu Kreis springend. Schon am Morgen wird viel in die Luft telefoniert, kaum wird nach Atem gerungen, obgleich ich nicht wirklich ausmachen kann, wovon die Rede ist. Nur tauchen einige Lehnwörter aus dem Französischen auf. Sie werden auch so ausgesprochen: „réservation“. Es fängt mit der Sprache an: Die Wörter sind wichtiger als ich, die Wörter sind unwichtiger als ich, Sprachen wechseln Münder. Die Zunge umrandet das, was wir tun.

Der nächtliche Rummel ist leicht zu entzünden. Trotz der Ohnmacht, der vielen Kaffees und der Geschäftigkeit, die ein Auskommen voraussetzt, sehen sich die Menschen im Mittelpunkt der Stadt, sind dabei noch ausgelassen. Es erinnert an Belgrad, die lila Kreisel der Verkäufer, die vielleicht fünf am Tag für elf Stunden unbewegliches Stehen und Auffangen verkaufen, ziehen in den Nachthimmel, die Händler schweigen vor ihrer Meute, während schon seit Stunden geduldig der Besitz geteilt wird. Verständnisprobleme werden gar nicht erst zugelassen, in Sekunden können sich hier Allianzen bilden, von denen bisher niemand wusste. Ich kann die Regierung verstehen: junge Leute in Gruppen sind immer auf etwas aus.

XIII
Mein Plan hat sich geändert, nun wird meine Reise eine osmanische Tour mit dem nächsten Fixpunkt Thessaloniki (oder auf Türkisch: „Selanik“). Die Balkantour zurück nach Belgrad, der einfache Weg entfällt. Ich liebe es, mit Karten zu suchen. Man findet meistens interessantere Sachen, als man sucht. Im Nichtverstehen oder langsamen Verstehen kann die Fantasie zurückkehren. Auch im Falschverstehen, würde ich hinzufügen. Auf dem Weg durch die Straßen mache ich rückwirkende Übereckbekanntschaften, die ich mal irgendwo getroffen habe, von denen ich aber längst nichts mehr weiß. Sylvia Plath aus einem Song von Ryan Adams zum Beispiel. Der entsprechende Wikipedia-Artikel hilft dann weiter und ein kleiner Text oder Film, genau weiß ich das nicht mehr, in dem sehr anschaulich ihr Selbstmord beschrieben wird.

IX
Mit ein paar Stullen reise ich quer durch den Kontinent im Bus nach Selanik. Raus aus dem Strudel kommen keine Gefühle auf, die Trabantenstädte, die als Vorstädte erst in den 1980ern enstanden und die dazu beitrugen, dass die Stadt in dreißig Jahren um mehrere Millionen Menschen gewachsen ist, rauschen vorbei. Der 21., es ist kurz nach halb fünf morgens und neben mir sitzt P. aus Ungarn die ganze Nacht auf dieser alten Migrantenroute. Seinen kulturhistorischen Erläuterungen auf Deutsch höre ich gebannt zu, ab und zu greife ich zum Notizzettel, um einzelne Namen nicht zu vergessen. Die Leute singen und tanzen mit ihrer Sprache, Hände und Füße werden verwendet, um sich begreifbar zu machen; die Verzierungen folgen agglutinierend am Ende eines Wortes. Er ist Mitorganisator eines kleinen Budapester Filmfestivals und schreibt seine Doktorarbeit in Wien.
Der heraufziehende Tag erwischt uns mit seiner Hitze frontal. Wir ziehen zusammen über das Hafengelände, suchen Zeltplätze und lernen die alten marmornen Männer in halbgeschlossenen verwaschenen Läden verstehen, die sich der Dunkelheit gemäß kleiden. Schnell setzt es erstmals Ikonenküsse, an einer Stelle, im Garten einer kleinen Kapelle. Hier schenkt uns die Tempelwächterin Orangen und Trauben, frisch vom Baum und erzählt uns dabei, nur mit ihren Augen, ohne ein für uns verständliches Wort zu sprechen, dass ihr Sohn auch in Deutschland wohne und sie ihn so gerne sehen würde.
Nachdem ich alleine mehrere Stunden durch die Innenstadt ziehe, bin ich orientierungslos und habe schmerzende Füße. Ich versuche mich wieder heranzukämpfen, auch wenn ich weiß, dass mir eine gelungene Aktion mehr helfen würde. Morgen werde ich trampen, um einmal nicht von etwas abhängig zu sein. Am nächsten Tag stelle ich fest, dass ich meine Freiheit, ohne zu reden, abzuwägen, mich verständlich zu machen, nicht richtig begreifen kann. In der Einöde, weit draußen nur Felder und einzelne Industrieanlagen, Tankstellen und eine einzelne Dorfstraße, endet der Fluchtversuch in einem Fehlschlag. Niemand nimmt mich mit, es ist nicht einmal sicher, ob ich rechtzeitig zurückkomme, um den Bus, der mich zum nächsten Etappenziel bringen soll, zu erreichen. Plastik schlängelt sich mit dem lauen Wind über den Asphalt. Ich bin zurückgegangen, weil ich es mir zu schwer mache. Hingefahren bin ich, weil ich es konnte und erst dann zufrieden bin, wenn ich allen helfenden Menschen, die mich dort auf den Weg brachten, damit gedankt habe. Eine Anhäufung ewiger Schulden. Es nimmt so viel Zeit in Anspruch, sich für den guten Zweck eines Lächelns auszuliefern.

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Hilfe kommt in Form von Blätterteig, gefüllt mit Spinat, Feta, Kartoffeln und Pilzen. Ich habe nicht die Krise im Kopf, auch wenn ich mittlerweile – Stand 2016/2017/2018 – durch Reportagen, Fotos, Filmen und persönlichen Geschichten ein Bild des Landes zwischen Absturz und Solidarität habe. Jede Meldung über Syriza, die „Institutionen“ und das Netzwerk aus Umsonstkliniken bettet sich von selbst in die Straßen der zweitgrößten Stadt des Landes, mit seiner Armut und Verlorenheit, neben den Einkaufsmalls, vor den Kirchen, wo die Eintretenden eine Kerze anzünden und ihre Lippen ganz dicht an die Maria mit ihrem Jesuskind schmiegen. Wie ein Schatten kommt die Gastgeberin aus der Menge, lächelt mich wissend an. Kurz zuvor hatte mich kurz über ihren nationalen Stolz und ihre für sie selbstverständlichen Gebietsansprüche gegenüber Mazedonien, das sich aus griechischer Sicht nicht so nennen darf, polemisch geäußert. Sie geht an mir vorüber, nicht ohne mir ein Stück ihres Simits zuzustecken.
Nachts erwacht die Stadt zum Leben und Orte, die leicht übersehen werden können, leuchten voller schöner Menschen in Flipflops. Im Gegensatz zu Istanbul tragen sie weniger Bart und haben neben tiefschwarzen auch leicht helleres braunes Haar. Bevor ich mich auf den Weg vom Hostel ins Zentrum mache, überblicke ich vom Hügelrand die verschiedenfarbigen Hügelketten, die von Abgrenzungen und Zäunen an der hohen Bordsteinkante bis zum Übergang durchsetzt sind. Gelaufen wird nicht, sondern gehüpft, immer über die Kanäle und Rillen im Boden und dessen größten Schatz, den Mosaiksteinen, die klein, grau, fest sind und dazwischen rote Abflüsse zulassen. Griechischer Kaffee schmeckt wie sein türkisches Pendant, hat aber einen anderen Namen. Auch die Musik, die Tanzbewegungen – wenn die Leute wüssten, wie viele Ähnlichkeiten es gibt, wie sehr sie sich aufeinander beziehen! Belgrad mit seinen Cafés, Alleen, kleinen quadratisch angeordneten Gassen ist ein im Spiegel verzerrtes Abbild von Thessaloniki, einzig der Hafen und die Mole fehlen.

X
Auf der mazedonischen Weinstraße erstreckt sich das gewaltige Hügelland Makedonien, das, wie es scheint, für sich und sonst niemanden lebt. Die Menschen hier leben in ihren Häusern und Hütten als ein Teil neben der verdorrten Zeit, die staubtrocken und schwül von Bergkämmen umringt ist. Ein Junge mit Kappe steht an einem Ausgang der Stadt an der Ausfahrtsstraße und schmeißt Metallkäfer unter die vorbeifahrenden Autos. Im Traum kehrt die Allwissenheit zurück, die nur den gerade Sprechenden gutsteht. Heutzutage ist man einfach nicht mehr so streitlustig. Eine Frage des Scheinwerferlichts, was gut oder schlecht ist, eine Postkartenwelt für die Politik tut sich auf, die ich mal praktizieren werde. Mit saftiggrünen Sträuchen bewachsenes Sandgebirge. Ich bin wieder im ehemaligen Süd-Jugoslawien, ohne Furcht, ab jetzt.

Skopje 22./23. Pristina 23./24. oder Albania/Tirana, 24./25. Sarajevo, Zagreb 26., Katowice 27., Poznań, Berlin 28
(Es hat dann übrigens nicht gleich geklappt, einen Tag später als geplant war ich in Poznań, wo ich eine letzte Nacht in meinem alten einjährigen Zuhause verbrachte).

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Auf der Fahrt war es wie immer: etwas, was ich nie richtig will, aber in der eigenen Selbstinszenierung durchsetze, kann nur schiefgehen. Und das tut es auch. Mit großen Schritten eile ich zum ursprünglichen Plan (den ich auf halbem Weg abgebrochen habe), nur um dann mit mulmigen Gefühl zwischen warmen Wänden zu sitzen. Hin- und hergerissen zwischen den vorausgesehenen Optionen, mehrmals den Weg angefangen. Zwischendurch, Arme hinter Armen, Schulterschluss, von der Isar durchzogen wälzt sich die die hyperkorrekte, phrasenhafte Sprache junger Deutscher (plus minus Jahrgang 91), Begriffe in den Raum, die sofort erklärt werden müssen, so als arbeiteten sie in einer Firma und müssen sich selbst auf dem informellsten Meeting mit ihrem Infowissen eins auswischen: „ja“/„nein“/„stimmt“/„hast Recht!“/„krass“ und, nur um das Gespräch weiterzubringen, „doch, doch“; „das ist richtig lustig“. Freundlichkeit und Unkompliziertheit wird als guter Service empfunden, wobei – „in Deutschland würde es das nicht gehen“. Außerdem sehr genügsame und selbstgerechte Gesetzesdiskurse, die mir wieder in Erinnerung rufen, dass Realität vor allem eine Frage der Macht ist, wer sie anwenden kann, und wer nicht.

Während ich die plastische Stadt unter den Bergen mit den Schatten der Dämmerung aus dem Busfenster sehe, die dich die Oberflächen genauer betrachten lässt, denke ich an die Geflüchteten und politisch Verfolgten aus Syrien und Belarus, die ich dieses Jahr kennenlernte, in Poznań oder jetzt, während dieser Reise.
Auch wenn der Ort gerade nicht aufzufinden ist: hier sind alte Frittenbuden, blankgeputzte Scheiben, Werbejingels neben dem unvermeidlichen Gespräch. In der mazedonischen Hauptstadt angekommen, der Stadt, die wie in Age of Empires im Stadtzentrum mit Statuen und Ehrenbekundungen für die Helden zugepflastert ist, wie mir ein Kanadier im Hostel in Thessaloniki verriet. Die Vardar in Skopje, der zweite Bosphorus. Und der Große Basar, der nach einem Volkslied keine Entsprechung in Thessaloniki oder Istanbul findet. Meine Verbindung zu Skopje ist nur lose, da die Stadt sich in den ersten Stunden nie aus ihrer repräsentativen Haltung löst. Die Leute leben im Grunde alle außerhalb des Stadtzentrums, das von weiten Straßen und wichtigen Gebäuden markiert sind und Gassen dem Baustil unterordnet. Wenigstens ist das Hostel fünfzehn Minuten weg. Das Land der Mitte, das die Kulturen vereint, erscheint als ein slawisches Griechenland. Der alte Becher – Skopje, Uskup auf Türkisch. Parklife wird gespielt, dann I wanna be adored. Gänsehaut. Mein synästhetisches Herz jauchzt beim Gedanken an die Speisekarte, die mir in einer Bar, in der der Song läuft, verrät, welches Obst und Gemüse mit welchem Monat in Verbindung gebracht wird: Januar – Monat der Kastanien, dann, im luty, der Kürbis, march – cucumber, April – Radieschen, May – pomidory, czerwiec – wiśnia, lipiec – Melone, sierpień – maize, september – Trauben, Oktober – papryka, November – eggplant, Dezember – apple. Alles gut ausgegangen. Die Stadt verführt zum falschen Eindruck. Vielleicht gerade, weil sich in diesem Talkessel mit den Kreuzen auf Waldrücken alle Leute ansprechen, ein Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen auf Heimatbesuch zum Beispiel. „Do not be impudent to anybody!“ als das Motto der Stadt, in der Mutter Theresa wohnte und Hyazinth, revolutionäre Organisation zur Befreiung Mazedoniens, aber auch Justitian, der Erneuerer des Römischen Reichs im 4. Jahrhundert, wie das vor mir liegende Infoblatt weiter verrät. Pythagoras Stadt und die von Kryill und Method, obwohl sie einen bulgarischen Dialekt sprachen. Jeder beansprucht dieses Land und diese Region für sich, auch die Bulgaren. Die Grillen spielen verrückt im Rhythmus. In der Stadt Alexander des Großen stümpere ich herum.

„Parkobrani“, mit Zelten vor dem alten Bahnhofsgebäude, dem Stadtmuseum, am Rande der Innenstadt. Neben ihnen ausgegrabene Bäume. Ein Appell an die Mitbürger auf der Statue.
Anstatt mit den Occupyern zu sprechen, kann ich mich für keine Schuhe entscheiden, sehe mich von außen und bin nicht hier. Dann kann ich es auch gleich bleibenlassen. Woher ich bin, so fängt das Gespräch bei jedem Handel auf dem Basar an. In Sekundenschnelle schaffen es die über geheime Kanäle und Absprachen verbundenen Verkäufer (alles Männer und Jungen) sich ihre Kenntnis über das Herkunftsland des Kunden zusammenzureimen. Deutschland, Polen – ich war mal da, ein paar Worte parat, mein Bruder wohnt dort und dort. Mir eine Kundgebung gegen den ägyptischen Präsidenten der Muslimbrüderschaft, Mursi, entgegen, ein Mann auf dem Weg zum Bahnhof trägt ein Solidaritäts-T-shirt zur Erinnerung an die Opfer des syrischen Bürgerkriegs. Beurteile die Leute nicht nach dem Äußeren. Der Bahnhof: Der Focus (kyrillisch im Heft) titelt: Diktatura, Demokratura – Demokratija darunter in hellerer Schrift.
Auf der Fahrt: Es ist nicht nur das Alleinsein, es ist die ständige Unsicherheit, nicht vorwärtszukommen, hängenzubleiben und gleichzeitig etwas zu verpassen und die Zeit hier nicht richtig auszunutzen. Aber was bedeutet das denn?

Mazedonien, Balkan. Land der Berge und Seen. Eine mutig vorgetragene Coverversion von Halleluja weckt mich. Leonard Cohen folgt. Er singt „Take these walls“ und beruhigt die Welt, indem er von ihren Menschen in einem kurzen Satz („there is“) berichtet. Er deutet die Geschichten nur an und versucht nicht gegenüberzustellen.

Ich fertige eine Liste aus europäischen Ländern an, in denen ich seit meiner Kindheit gewesen bin, d.h. in denen ich zumindest ein paar Stunden bewusst verbracht habe oder durch die ich durchgefahren bin. Es fehlen Norwegen, Schottland (2015 war es dann so weit), Spanien (2017), Portugal, Belarus, Rumänien und Moldova, das Kosovo, Montenegro, Estland, Ukraine (ebenfalls 2015), Irland und Nordirland und Finnland (plus die Kaukasusstaaten Armenien, Aserbaidschan und Georgien). Sarajevo, mein Traum und Schreckgespenst, in dem der erste medial erzählte Krieg aus meiner Kindheit war, meine Spannung behalte ich mir für Dich auf.

In einem Exkurs will ich zu jeder Zeit einen Gegendiskurs durch Sprache aufmachen. Eine andere Formierung könnte genügen, durch Einwendungen der Charaktere sehen wir die Welt durch die Augen derer, die wir sein wollen. Das Zentrum wird nur verschoben. Jetzt gerade kann ich in der Mitte sein, wenn ich dies will. Was sagt die Faszination unglaubwürdiger Charaktere über uns selbst? Schafft es ein Charakter trotz der offensichtlichen Unmöglichkeit, etwas zu tun, gegen das Vergessen zu arbeiten, etwas Größeres als sich selber zu schaffen, etwas, das Menschen zusammenbringt in gemeinsamer Überzeugung, das aber oft erst später als solches anerkennt wird? In welche Welt kommen meine vorgefertigten Helden, wie wirkt also diese Ursache auf ihre Eigenschaften, ihr Verhalten (sie, die wie wir leben, aber jeden Tag neu, bei jeder Lektüre)? Fassungslos angesichts des Kontrasts zwischen mir und meiner Umwelt.

XI
24. August. Alles neu. In dem Ferienort, in dem alle Präsidenten der Welt, die Mazedonien besuchen, für offizielle Anlässe absteigen müssen, in dem ich schließlich nach fünf Stunden statt drei offiziellen ankomme, gibt es keine freie Wiese, seinen Schlafsack abzulegen. Halbherzig schlendere ich für mein Geldbeutel-Gewissen noch ein bisschen zwischen den Laternen umher, die Badesachen gerade einpackenden Familien kommen mir auf dem Rückweg zu ihren Domizilen entgegen. So finde ich das letzte Hostel am Hang, wo mir zwar kein Platz mehr im Inneren des Hauses, in dem auf allen Stockwerken eine kleine Party für sich abzulaufen scheint, angeboten werden kann, aber doch ein Platz in der Sofaecke unter einem Dach auf dem Hof. Dazu Kaffee, Internet, eine Dusche. Es ist gut, unter Menschen zu sein, hier in diesem Ferienort, mit seinen Kreuzen auf den Hügeln, dem glasklaren Wasser, dem Techno bis in die Nacht und den romanischen Kapellen und Kirchen aus dem 11. Jahrhundert.

Die vierzehn Kilometer aus dem Ort heraus bis nach Struga hat mich Ritchie mitgenommen, ein Albaner, der in Ohrid wohnt und mich mit seinem klapprigen Auto an den nächsten guten Tramp-Platz setzt. Wenn ich einen Job hätte, könnte ich ja auch Leute mitnehmen. Warum ich nicht mit Freundin oder Freund reiste, das wäre doch schöner. Ziemlich gutes Englisch für einen Über-60-Jährigen! Und dann noch mitgenommen zu werden. Der weite Himmel, der durch den Eindruck, den dir die Hügelketten zu allen Seiten in der Ferne vermitteln, noch größer wirkt, nimmt mir die Angst. Die Daumen rauszustrecken ist wieder etwas Normales. Dagegen war ich gestern allein, verunsichert und ängstlich und demzufolge auch unfair gegenüber Absichten anderer. Ich muss ausgesehen haben wie ein Strolch! Der Fahrer, der dann am Ende auch anhält, will mich fünf Kilometer zur nächsten Busstation fahren, ein anderer bis nach Albanien hinein. Dieser reibt aber die Finger zusammen und sagt „Bezahlen“ und wiederholt dies auch, als ich sage, ich sei aus Polen. Voller Unverständnis fährt er ab. Wie kann ich Deutsch nicht verstehen? Im tiefsten Nichts der Tiefebene, auf dem Busbahnhof in der strauchigen Betonwüste vor Ohrid lerne ich Leute aus Frankreich und Polen kennen, mit denen es ab nach Tirana, über die mazedonisch-albanische Grenze geht. Hier müssen nach einer halben Stunde Wartezeit fünf aussteigen und werden verhört. Der Busfahrer spricht fürsorglich der Frau eines der Männer zu. Wir trinken destillierten Weinbrand, der auch von den Polen mit lachendrollendem „r“ ausgesprochen wurde. Brücken und Kanäle aus grobem Beton der 60er Jahre skizzieren das heutige Albanien und auch die fertiggestellten gläsernen Hallen sind oft leer. Große Werbetafeln ausländischer Firmen sind hauptsächlich Amstel, Vodafone. Die hinter mir sitzenden Polen sehen das Land als eines voller Möglichkeiten an, demographisch wie arbeitstechnisch. Ihr werdet sehen, was in zwei Jahren sich verändert hat. Die Häuser werden bewohnt sein! Es genüge, dass der Staat die Wirtschaft antreibt. Ich hörte, dass viele polnische Kommunisten nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems, der sich hier am längsten gehalten hatte, nach Albanien geflohen waren. Und das soll das alles sein, diese Plastikwelt? Müssen alle ihre Fehler einmal machen?

Ich habe mir den Balkan immer staubig vorgestellt, aber er ist einfach nur wild und grün und nimmt die hellroten Dächer und die Menschen unter seine Fittiche. Viel Müll, leere Fabrikhallen, viele Kaffeehäuser, Hausskelette, Betonpfeiler, erst im Anfang. Ist es wirklich so anders, felsiger vielleicht, die Straßen tiefer in den Berg, enger am Felsen? Alte Brücken, Tunnel, ein Viadukt, dazwischen sprießt es. Reißende Bäche, solche Höhenunterschiede, es drängt immer noch weiter nach unten, stechende Hitze, sengend erwartet uns unten das Tal mit einigen Weinbergen, plötzlich die Grenze am Straßenrand. Die wummernde Radiomusik aus dem Radio verkleistert die Landschaft da draußen, der Soundtrack zu etwas Festgesetztem. Sogar die Sprecher machen realistische Verlautbarungen und sichern damit den Status Quo.

Mit jedem Satz hoffe ich etwas hinzuzugewinnen, etwas klarer werden zu lassen. Was ich schreibe, ist nicht aus einer Haltung, oder weil ich etwas damit bezwecke, ich will es nur nicht vergessen. Es stimmt nicht, dass es hier nichts gibt. Hier gibt es Investitionen, Kredite, Reichtum, Straßenverkäufer mit Obst, zu denen nur Autos fahren können. Jede kleinste Bewegung ist verteilt in der Landschaft, alles scheint weit voneinander und vom nächsten Punkt entfernt. Sicher, die Familie gibt Halt, aber ansonsten ist das hier eine Provinz wie jede andere, u.a. mit vier Eseln, die auf einem Bolzplatz grasen. Als ob ein Staat nicht existiert, nur die gehissten Flaggen auf den Dächern, die eine eigene Seelenprovinz gebären.

Keven sagt uns, den drei Studenten aus Ankara und mir: Kommt nie wieder hierher. Wir fahren mit vier Stunden Verspätung ab. Er ist erst 19, hilft seiner Familie in der kleinen Reiseagentur im zweiten Stock in der Hauptstraße gleich neben dem Bahnhof. Hier gibt es nur Reisebüros und alle sprechen Albanisch. Keven hat das Business im Griff, er ist Fremdenführer in den Bergen des Balkan, in Mazedonien, Albanien und Bosnien und er hat uns schon jetzt sehr geholfen. Er erzählt in rasendem Serienenglisch die Geschichte seiner Familie, während er mit den Busfahrern über unsere Ankunftszeit feilscht. Ich mag ihn und bin gleichzeitig misstrauisch, da er uns kaum Hoffnung auf eine Weiterfahrt in der gleichen Nacht macht. Stattdessen sollen wir die Nacht für fünf Stunden in einem Hostel übernachten, ehe ein weiterer Bus käme und uns ins kroatische Dubrovnik, nicht nach Montenegro brächte. Ich muss weiter, kenne nichts von diesem Ort, blicke beim Burek- und Wasser- und Apfelkauf in die Ecken und traue mich kaum zu fotografieren. Alles strahlt eine eigenartige Strenge aus. Kein bisschen Studentenflair, wie sie in den Feuilletonberichten aus Westeuropa herüberdringen und in denen Fortschritt an Piercings festgemacht wird. ´97 noch hatte jeder eine Waffe in Tirana, „es war das komplette Chaos“. Für Keven war die AK-47 das liebste Spielzeug. Es wurde auf alles geschossen, was sich bewegte. Dann kam Michael Douglas und jeder gab seine Waffe zurück, wobei sie für den persönlichen Gebrauch ihre Zweitwaffe behielten. Dies führte dazu, dass nun noch auf jeden Kopf eine anstatt zwei Waffen kamen. Drei Millionen leben in diesem Land, es ist das gleiche wie in Litauen oder Hessen.
Kevens Vater war in der Armee. Während der Diktatur saß er mit seinen Kumpanen im Zimmer; er schaute aus dem Fenster auf die Seite von Struga, und fragte, ob das Jugoslawien sei. Am nächsten Tag wurde er festgenommen und nur durch gute Kontakte wieder freigelassen. Zu der Zeit konnte jeder, der den Staat verunglimpfte, für 25 Jahre hinter Gittern landen.
Einer der Jungs aus Ankara wurde bei den Gezi-Protesten verletzt, die Temperatur der Patrone (80 Grad oder mehr) verbrannte seine Haut. Erdogan missbrauche seine Macht seit fünf Jahren (2018: zehn), schenke dem Volk ab und zu etwas, weil es ihm gefalle und nicht aus Verantwortung. Wiederum zeigt sich in Mazedonien (wo wie in der Türkei oder Albanien Maiskolben gegrillt auf der Straße verkauft werden), dass in den Balkanländern Solidarität mit den Protesten in der Türkei ausgeübt wird. Nahe der „Festung“ in Ohrid ist „Taksim“ und „Gezi“ in einen Baumstamm mit älteren Inschriften eingraviert. Auch von den Mazedoniern und Montenegrienern spricht Keven gut, als eine Hand, die Albanien füttere. Dann kommt die Rede auf Deutschland, das Land, dem Albanien viel verdanke. So war es auch in Ohrid. Eine Mischung aus Respekt und Ehrfurcht, vielleicht Neid. Eine Frau, die mich nach dem Krieg fragt, gibt mir später nachdenklich auf dem Weg, nachdem ich ihr meine Herkunft nannte, dass es schön sein müsse, dort, in Deutschland. Und Aleksander, der am Hang neben dem Hostel im Ort wohnt, erzählt mir, dass er ein XY sei und Angela Merkel liebe. Er schaut verdutzt, als er von meiner Abneigung gegenüber ihr hört.

XII What remains the same: Burek and palms
Durch die Gassen laufen wie ein Getriebener, unverständlich für alle, vor allem für sich selbst.
Ewige Seen, Naum, italienische Volksmusik im Restaurant, Fabelsprache, einmal durch ein imaginäres Europa im Kleinen, bitte. Nur mit einem Laib Weißbrot. In Dubrovnik geht es zu wie bei einer „Massenabfertigung“ (sagt eine Touristin): mehrere Rundfahrbusse hinter- und nebeneinander, ein Ein- und Ausgang zur Altstadt, was aber auch dadurch bedingt ist, dass sich die komplette Altstadt innerhalb der Festungsmauern auf einer Halbinsel befindet. Schnell wieder raus aus diesem teuren Paradies, in das alle für ihren Jahresurlaub gekommen sind. Es läuft flüssiger, glatter, in milderen Farben, weniger rau und kräftig. Die Zollkontrolle kommt in den Bus, nicht umgedreht. Die Leute sind zum Vergnügen hier und nicht, wie in Albanien, weil sie müssen (alleine bleibt das unglückliche Gesicht der Tresenkraft im Fast-Food-Restaurant, überhaupt dieses stolze Schild „Fast Food“). Bin ich glücklich beim Reisen, ist das Erholung? Eher ist es ein ewiges Schlummern, Aufwachen, Sehen, Über-Sich-Hinauswachsen, Schreiben, Realitäten aufnehmen, sich selber in Gegenwelten sehen, ein Kampf gegen das Verrücktwerden (siehe Odysseus). Ziegen gähnen in der Weite, Polizisten an der Grenze beim Kaffeeplausch, schöne verfallene Häuser zeigen sich neben hässlichen neuen Anhängern mit der Aufschrift „Anhänger Oswald“. Die Spannung beim Berühren, unabsichtlich, erster Blick, Abschied. Um jeden Cent wird gefeilscht, Überlegungen, wie auch jede Mark verbraucht werden kann, damit nichts zurückbleibt. Nur das Durchkommen zählt.

Dubrovnik – Sarajevo. Gut, dass ich das mache. Mittlerweile werde ich auch beim Gedanken ruhiger, nicht den allerschnellsten Weg genommen zu haben. Wieso ich mich aber nicht dazu überwinden kann, Kompromisse zu machen und konsequent zu laufen oder zu rennen, wenn die Zeit knapp wird und mein Gefühl sagt, dass es jetzt nötig ist (und es kann sich auch irren), weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich es im Dauerlauf zum Linienbus und zum Bahnhof geschafft – im funktionalen Modus alle Schritte unternommen, um rechtzeitig im Fahrzeug zu sitzen, um mir erst darin sitzend über meine Handlungen Gedanken zu machen. Wir fahren enge Kurven, weg aus dem italienischen Kroatien voller Touristen an der Küste, wo die Mopeds sich zwischen die Hotels quetschen – meine Ausdauer scheint nicht schlecht zu sein, ein paar Mal wundere ich mich während des Laufs bergab über mich selber, so verschwitzt, dass ich es niemandem übelnähme, wenn er oder sie sich wegsäße. Die Insellandschaft neben uns, unter den Klippen.

Was war gestern noch? Beim Gespräch erörterte ich in Holperenglisch die Wichtigkeit internationaler Solidarität und das Bewusstsein, es in vielen Staaten mit ähnlichen Problemfeldern zu tun zu haben: Vertrauenskrise zwischen Mitbürger_innen gegenüber Politiker_innen und dem demokratisch-repräsentativen System, Frust über Klientelpolitik, Korruption und in Autoritarismus umschlagende Machtgier und Skrupellosigkeit (Türkei, Ägypten) sowie das Gefühl der eigenen Einflussmöglichkeit aber auch das der etablierten „Politik“ gegenüber „objektiven“ Marktgesetzen, zyklischen Finanzblasen und wirtschaftlichem Übermut.

Und dann bin ich in Mostar, die meisten Touristen aus verschiedenen Ländern der Welt steigen aus, nur ein paar kommen wieder herein, darunter ein gutaussehender, ein bisschen schon verwilderter blonder junger Mann und setzt sich schräg links von mir mit seinem großen Rucksack. Währenddessen blitzen die Flächenseen um uns auf und verschwinden wieder. Die noch immer vom Krieg zerschossenen Brückenköpfe und Viadukte erklären, warum wir nur mit dem Bus durch die Berglandschaft fahren können. Er sieht wie ein Gringo aus, was kein Zufall ist. Der Begriff kommt aus Mexiko und sollte die Nordamerikaner mit einem abwehrenden „Go home“ zum Teufel schicken. J. ist Schauspieler, kommt aus Berlin, arbeitet aber in Nürnberg und ist viele Jahre mit einem Wandertheater in Argentinien unterwegs gewesen. Gerade sei er in eine Liebesgeschichte hineingeraten, ein paar Tage habe er auf einer Insel bei Mostar in einer Kommune gewohnt, mitten unter serbischen Kroaten oder kroatischen Serben. Sie machen im Grunde den ganzen Tag Musik oder hören Željko Bebek, den bosnischen Liedermacher oder Giorgio Blasenic, „den Bob Marley des Balkans“. Die Namen notiere ich mir gleich, überhaupt denke ich gar nicht dran, mit dem Schreiben aufzuhören, auch über die gerade erst vergangenen Sekunden, auch wenn das unhöflich ist. Dazu holt J. zu viel aus mit Namen und Erzählungen über das Theater als Ort kulturellen Widerstands und die revolutionären Lieder im kollektiven Gedächtnis der Menschen, denen er in Lateinamerika begegnet war und die ihn nach wie vor begleiteten. Das hier könnte auch Mittelamerika sein, wo die Landschaft und die sie durchschnittene und damit oft erst erschlossene Zuggeschichte Rückschlüsse auf die Sozialgeschichte eines Landes bietet. Durch die Privatisierung des Eisenbahnnetzes werden mittlerweile in Argentinien wegen fehlender Rentabilität nicht mehr angefahren und ganze Provinzstädte degradiert – mithin zu toten Städten erklärt. Noch so ein Krieg, den sie auf solchen verlassenen Bahnhöfen als Bühne wieder aufrollen und als Panorama für ihre Geschichten und Lieder benutzten. Es war die Zeit seines Lebens, meint er.

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Als wir in die Betonwüste einfahren, noch eine Stunde durch die Vorstädte, die Hügelketten bis zum Horizont gespannt, ahne ich das schlimmste. Ein großes Plakat macht auf das gerade zu Ende gegangene Filmfestival der Stadt aufmerksam, das größte im Balkan. J. hat mir schon auf der Fahrt davon berichtet und jetzt ärgern wir uns beide über die verpasste Gelegenheit und schwören uns, noch bevor wir das erste Mal die Stadt sahen, nächstes Jahr zur richtigen Zeit Mitte August wieder da zu sein. Wir fragten den erstbesten jungen Menschen nach einem geeigneten Hostel. Es ist schon früher Abend, langsam kriecht die Sonne nach unten. Zu Scherzen aufgelegt, fragt J. den Jungen, der, vielleicht 18 oder 19, zwei Mädchen im Schlepptau hat, nach etwas „mit Herz“. „Sarajevo“ aber, so bekommen wir sogleich zur Antwort, habe kein Herz. Haris ist der Name des Jungen und er begleitet uns bis zu einer Straße, wo wir uns eine Unterkunft mit schrägem Namen aussuchen können, uns für eine vorzügliche entscheiden, wo es Wasserspender, viele Leute und Bonbons am Tresen gibt. Raus zu Pizza und Bier, es ist Fußballstimmung und ich erzähle weiter von der Reise. Beide teilten wir den Wunsch, mehr über das alles hier herauszufinden. Wenn wir nicht in Museen sind oder erstaunt, dass die Kulturförderung gestrichen worden ist, versuchen wir in Häuser rund um das Hotel Europa einzusteigen. Es ist das erste Hotel der Stadt, das während des Bosnienkonflikts in den 90ern Treffpunkt der Diplomaten und Staatschefs war und dessen zerbombte Ruine ein trauriges Symbol des Krieges wurde. Während der Belagerung von den ringsum liegenden Hügeln durch die serbischen Truppen waren es die Quellen um der Stadt, die durch ein ausgeklügeltes Tunnelsystem die Bevölkerung mit Wasser versorgten.

Schon seit dem 15. Jahrhundert ist Sarajevo für die Quellen berühmt, deren Brunnen der Prophet Muhamed Nerhosi als Frühling der Unsterblichkeit besang. Sie bescherten den Bewohnern ein langes Leben und die Wasserklänge machten den besonderen Reiz der Umgebung mit ihren Gärten aus. Vorbeireisende und Händler, die auf der Haupthandelsroute von Istanbul über Dubrovnik bis nach Venedig unterwegs hielten, hatten nach islamischer Tradition in der Stadt (deren Name vom Türkischen „saray ovasi“, „Feld um den Hof“, abgeleitet ist) das Recht auf bis zu drei Tage Unterkunft und Verpflegung – jedoch nicht länger.
Als Teil des riesigen Osmanischen Reiches vereint die Stadt sprachlich wie kulturell viele Einflüsse: des Persischen, des Griechischen, des Osmanischen (ein häufiger Jungenname ist der auch in der Türkei verbreitete „Husein“). Vier Jahrhunderte war die Kultur Ausdruck osmanischer Herrschaft, anschließend noch einmal vier Jahrzehnte der österreichisch-ungarischen Habsburger. Letzteres wird noch in den wenigen erhalten gebliebenen Sezessionsbauten des mitteleuropäischen „art nouveau“ deutlich, die zum Großteil Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als eigene Stadtviertel konzipiert wurden. Die Fusion der Stile spiegelt sich auch in der Küche. Es gibt sus kebap, cevapcici, aber auch Strudel, Burek, cay und schon wieder surówka, den polnischen Rohkostsalat. Der Name des Flusses, „Bosnia“, gab dem Land seinen Namen, zu einer Zeit, als griechisch sprechende Intellektuelle an den Hof des Osmanischen Reiches kamen. Hier gaben die Menschen den römischen Göttern, die den ihren ähnelten, eigene Namen und beteten zu ihnen. Seit Jahrhunderten verehren sie Sikramus, eine Abwandlung des römischen Gottes des Waldes, der Felder und Weiden und Herden. Die Kunst der Ornamentalik verdankten die Weber und Maler dem Islam, der konkrete Zeichnungen und Skulpturen verbot und dazu anhielt, durch Muster und Schnitte seine Ehrerbietung zu zeigen.

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Sarajevo ist ein Planet, eine ewige Improvisation, in der die Kinder zu schnell aufwachsen in ihren gestreiften Turnhosen, den großen Brillen und weißen Lederjacken. Sie alle tragen gefälschte Converse; junge Frauen sind wieder bei extrem hohen Absätzen oder den Dickies. Es ist nicht friedlich, die Welt findet kein Ende, nebenan werden Menschen geboren. Und trotzdem haben sie ihren Alltag und das Gefühl einer in der Gegenwart aufwachsenden Jugend. Sie schauen auf ihren Tablets Filme oder sehen sich die neuesten Fotos ihrer Bekannten auf Facebook auf dem Smartphone an. Nur keine neue „safe area“ wie in Srebrenica am 11. Juli vor erst 20 Jahren! Im zeitgeschichtlichen Museum des Krieges war die Rede von der Erfindungsgabe der notleidenden Bevölkerung, die in Hinterhöfen, auf Balkons und in Innenräumen ihr eigenes Gemüse, Kräuter und Kartoffeln anpflanzten. Zuletzt aßen sie nur noch Wurzeln, Zwiebeln oder geräuchertes, in Zeitungspapier eingewickeltes Tean. Wie viele begraben liegen auf den Hügeln ringsum wird nur geschätzt. Die Chetniks haben sich des letzten Totendienstes angenommen.

Im Untergrund versuchten Künstler und Aktivisten, Theaterstücke auf die Bühne zu bringen, Ensembles probten, bevor sie wieder an die Waffen geschickt wurden. Susan Sontag, die damals noch lebte, kam und inszenierte mit SARTR, dem „Sarajevo War Theater“, Becketts „Warten auf Godot“. Zubin Mehta dirigierte noch mitten in den Kämpfen das Mozart-Requiem. Das war am 19. Juni 1994, ich war 7, gerade dabei, die erste Klasse zu beenden und hatte den letzten langen Sommer. Ich schätze, viele dachten, diese Auseinandersetzung wäre das letzte Zucken eines alten Jahrhunderts voller Konflikte, die Feuerprobe für die UN und die NATO, der Weg zu einer neuen supranationalen Diplomatie, sprich, die Ausnahme, die die neue friedliche postkommunistische und postmoderne Weltordnung bestätigte und Kriege über Science-Fiction in die Zukunft vorausschickte und abgrenzte. Vom Krieg hörte ich im Fernsehen, er kam mir unglaublich weit weg vor, der Rand von Europa. Dass mein bester Freund, dessen Vater Arzt war, wenige Monate später für zwei Jahre in die USA ging, war auf der einen Seite noch weniger fassbar, doch durch die Ferngespräche ein- oder zweimal im Monat waren die USA näher als der Balkan. Das wäre so geblieben, wäre ich nicht nun einmal hiergewesen.

Es genügt ein Tag, um zu begreifen, wie viel Europa in dieser Stadt steckt, wie viele Einflüsse und Dissonanzen. Haris meint, dass es zu jugoslawischen Zeiten besser gewesen wäre – die Leute hatten wenigstens Arbeit gehabt. Er ist froh, nicht in der EU zu sein. Sie wollen eine „New World Order“, eine Weltregierung und die Leute unten halten, sagt er. „Für uns interessiert sich sowieso niemand!“ Seit ´95 sagen sie, dass es besser werden würde. Schon jetzt seien sie am Boden, die Arbeitslosigkeit nach offiziellen, geschönigten Angaben bei 28%. Und dennoch: selbst in der Hauptstadt regt sich kaum Widerstand. Vor ein paar Monaten hätte es mal gegen die Situation im Land eine Demonstration gegeben, zu der vielleicht 500 Menschen gekommen wäre. Der „Bosnische Frühling“ 2015, in deren Folge einige Beamten in den Verwaltungen, dauerte nurmehr einige Wochen, als so viele Menschen auf die Straßen gingen wie nie zuvor, allerdings nur im bosnischen, zwischen muslimischen Bosniaken und bosnischen Kroaten stark segregierten Teil. Arbeiter_innen zündeten die Verwaltungsgebäude von Tuzla, Mostar, Zenica und Sarajevo an. Studierende und politische Aktivist_innen, die dazustießen, kämpften mit der Polizei und zelteten auf öffentlichen Plätzen. Es gab hunderte Verletzte und Autos, die vermeintlich Politiker_innen gehörten, brannten an allen Ecken. Neben einer Reform des Pressegesetzes forderten die Demonstrierenden ein Ende der Korruption und Kürzungspolitik, transparente Wahlen und ein neues Wahlgesetz.

Während wir diskutierend über die Geschichte Jugoslawiens und Bosniens durch die Straßen ziehen, sind die Einschusslöcher weithin sichtbar, wie Ornamente ranken sie über die Mauern, aus denen zum Großteil das österreichisch-ungarische radiert wurde. Was bedeutet eigentlich das Wort „Herzegowina“? Ab und an meine ich, J. schon irgendwo gesehen zu haben, kann mich aber nicht entsinnen. Ich mag seine direkte Art und dass sich gut mit ihm diskutieren lässt, aber auch, dass er schwer zu beschreibende Gefühle dennoch versucht, in Worte zu fassen. Mich erklären zu müssen, habe ich auf der Reise fast vergessen, zu erzählen, wie es in Polen war und was das Jahr für mich bedeutet. Andererseits: Habe ich nicht schon währenddessen fast zuviel darüber nachgedacht oder zumindest in vereinfachenden Worten darüber gesprochen?

Das Grün der Straßen wandert auf die Balkone. Obwohl Hochsommer, ist die Stimmung frühlingshaft: viele flanieren, ältere Männer spielen seit Stunden auf öffentlichen Steinschachplatten und trinken dazu Tee. In einer Bar neben dem Boulevard höre ich nach Skopje erneut die wunderbaren Stone Roses mit She bangs the drums. Danach noch Bijelo Dugme, J. schreibt mir den Namen auf eine Papierserviette, sie waren es, die den Rock´n´Roll nach Jugoslawien brachten. Ich beschließe, auf meiner letzten Station, in Zagreb, acht Stunden von hier mit dem Bus, nicht lange zu bleiben. Sarajevo ist zwar kurz, aber vollgepackt und soll meine letzte große Etappenstadt sein. Nach drei Wochen unterwegs bin ich müde geworden. Nicht dass ich zurück will und Vertrautes um mich herum brauche; aber ich habe mich genug verändert. Ich merke, es ist genug, wie 2007, als ich nach Abschluss meiner Zeit in Berlin mit dem Zelt an der polnischen Ostseeküste entlangwanderte. Irgendwann machte ich kehrt und fuhr die gesamte Strecke mit Bus und Bahn zurück, statt weiter nach Osten zu laufen.

XIII Herbst in Mitteleuropa
Ein Schild im Dunkel, ab hier ist kein Trampen erlaubt. Die letzte Grenzkontrolle der Fahrt, die „kroatischen Emotionen“ scheinen auf, es wird wieder flacher. In Gedanken bin ich bei den Leuten, die in Berlin auf mich warten. Ich vertraue darauf; während des letzten Jahres habe ich gelernt, den Leuten zu vertrauen, erfahren, dass sie sich auf mich verlassen und mich in Sicherheit wähnen. Wodurch? Ich bin nicht sicher. Vielleicht liegt es daran, dass meine Freund_innen merken, dass sie mich verorten können. Ich tue ihnen gerne den Gefallen, auch wenn sie vielleicht nicht darauf hinauswollen. Dabei wird mir schlagartig bewusst, dass die Schönheit von Städten an ihren Märkten erkennbar ist. Es ist der 27. August mit seinen vielen neuen Gesichtern. Als ich am Ende der Nacht aufwache, ist es gerade Herbst geworden. Gut, dass ich da in Mitteleuropa bin, das ist wie gemacht dafür. Irgendwo ein weiteres Mural: „Ante Gotovina je heroj“ (Ante Gotovina ist ein Held). Gotovina ist ehemaliger Befehlshaber des aufgelösten Kroatischen Verteidigungsrates und wurde wegen Kriegsverbrechen gegen Serbien im Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag für das ehemalige Jugoslawien zu 24 Jahren Haft verurteilt. Er ging in Berufung, wurde wegen fehlender Beweise 2012 von allen Anklagepunkten freigesprochen und nach sieben Jahren Haft entlassen. Ein Jahr später war er im Ruhestand und betreibt seitdem eine Thunfisch-Aquakultur. Die Menschen erinnern sich an ihn, es gibt zu ihm eine Menge Youtube-Videos und alles, was sonst über ihn zu erfahren ist, steht auf Wikipedia. Da war sie wieder, die Balkanverwicklung. Wäre auch verwunderlich gewesen, wenn neben Belgrad nicht auch Zagreb seine öffentliche Propaganda durch geschickte Graffiti-Künstler_innen weiterspinnt.
Auf der anderen Seite des Bahnhofsgebäudes sah ich den Schriftzug „Sekularna Hrvatska“ (Säkulares Kroatien). Westeuropa scheint hier nun deutlich durch, die Jugendstilarchitektur weist darauf, die roten Fahrradwege, die „Bio&Bio“-Läden und die „Müller“-Drogerien, die aus meiner rund siebenhundert Kilometer entfernten Herkunftsstadt wohl überallhin exportiert werden. Und tatsächlich: Die Gegend um den Hang, die Sohle, der Stadtwald, durch den ich gerade gehe, oben drüber die bürgerlichen Architekturwohnungen: der Vater, schon leicht angegraut, übt sich im Heimwerken, die Tochter oder der Sohn übt im Wohnzimmer Klavier, Fingerübungen. Es gibt Einkaufspassagen mit zig Schuhläden, Luxusgeschäfte, alles saniert. Immerhin gibt es auch Burek und Kubkuraz am Straßenrand und in den Stuben, wohl eine jeweils nationale Erfindung der einzelnen Balkanstaaten. Andererseits ist das hier nicht mehr der Balkan, die Leute haben andere Probleme, sind ausgelassener, wenngleich sie weniger traumgleich wandeln. Zagreb ist an mancher Stelle eine Wiederkehr von Occupy (Pokret Occupy Croatia, siehe fb/occupycroatia oder an vielen Hauswänden), einige Momente aus Sofia und überraschenderweise auch viel aus Thessaloniki; da gibt es außerdem die seitlich kippbaren Rolläden wie in Budapest, das städtische ebenso, das Flanieren, das wir schon in Beograd hatten, einige alte, neu errichtete Mercedese und BMWs. Die Stadt hält mich doch noch fest, spontan entscheide ich, einen späteren Bus nach Wien zu nehmen, auch wenn ich keine Ruhe finde. Mit zwei österreichischen Bagpackern habe ich mich in die Stadt gemacht, ein erstes Frühstück und Informationen bei den Leuten in der Tourist-Information, die perfekt Deutsch sprechen, geholt. Ähnlich wie in Polen wird die Sprache hier als Qualitäts- und Markenmerkmal in der Werbung eingesetzt. Es wird erwartet, dass die Kunden die Sprache ansatzweise verstehen und ihre Mitteilungen schätzen. Das Kroatisch oder Serbo-Kroatische klingt ein bisschen wie ein österreichischer Dialekt, sagen zumindest die Österreicher.

Ich bin oben auf der Festung angekommen, wo es wieder wärmer wird. Das Laternenlicht greift wie in Prag. Hier ziehen sich die Liebespaare und Lesenden in die Schatten. Musik dringt von der unteren Altstadt bis an die Brüstung und die davor stehenden Kastanien. Jugendliche schreien Heraufkommende an, um den Kirchplatz stehen Soldaten und die Kassen rundherum eignen sich für die Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts. Eine Bar zeigt einen Stummfilm, eine Verkäuferin steht mit ihrem Wagen voller Popcorn teilnahmsvoll dabei. Ein Hochzeitspaar lässt sich ablichten. In einer Sackgasse findet vor der Kirche eine Prozession statt. Aus einzelnem Murmeln wird ein fester Chor. Als ich mich abwende, setzt eine Gitarre ein und aus der Beichte wird Gesang. Sie haben ihren Platz gefunden. Es ist Freitagabend, auf dem Marktplatz lässt eine ihr Saxophon aufheulen, auf einem Steinrondell sitzt ein Geschäftsmann neben einem Trinker, beide schwirren umher, obwohl sie sitzen und verschwimmen, sobald ich sie mit meinem Fotoapparat zu erfassen versuche. Ein Plakat in DIN-A4-Größe nicht weit davon ist auf ein Schaufensterglas eines geschlossenen Ladens geklebt. Ich lese und denkt mir, was das eine jetzt mit dem anderen zu tun hat: „Sarajevo, birthplace of Serbian chetnik, duke Vojislav Seseli“. Der Krieg ist mir immer einen Schritt voraus, die Geschichte ist eine Erzählung, die nichts auslässt, ein Puzzle, das selbst die Subkultur erfasst hat. Die wahre Freiheit findet sich dann nur noch abends im Park, wenn du das alles versuchst auszuhalten und dir überlegst, ob das jetzt zu einer der wichtigsten Nächte bisher wird. Du bist gezwungen, das zu überwinden, eine radikale Handlung, die nur mit der Geste der Negation (Rauchen, z.B.) überprüfbar wird, weil es vergessen lässt und dir erst erlaubt, die Erinnerung zu verändern: diese Ehrlichkeit ist das Grundgerüst eines Journalismus, der Verborgenes schon währenddessen zur Sprache bringt. Der von mehr redet, als ich wissen will, der in der Wiederholung glaubhaft von seinen Widersprüchen zehrt und seine Angst vor dem alltäglichen Zwang überwindet. Nach der österreichischen Grenze werden wir gebeten, uns wieder anzuschnallen.

Noch am Abend haben zwei der wichtigsten Städte des Habsburgischen Reiches, die Hauptstädte zweier heutiger EU-Staaten – Zagreb und Wien – gegeneinander in der „Europa League“ gespielt. Die Bars sind gerammelt voll, niemand geniert sich, die kroatische Mannschaft hält gut mit, ehe Wien die Oberhand gewinnt. So ziehe ich in die Stadt der Gewinner, wo es in den Pfützen glänzt und blitzt und frühmorgens donnert. Es ist halb fünf morgens und alles was ich von der Stadt weiß, stammt von Arthur Schnitzler, Thomas Bernhard und Ja, Panik, die zu jeder blauen Stunde die Stadt wieder aus ihrer frenetischen Umklammerung entlassen. Die Siegerposen sind geübt, die Statuen im Burgpark heben die Fallhöhe, von großen Taten wunderbar umsorgt, ein dunkles, verhangenes Museum, dieses Wien.

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Es brennen mir die Sicherungen durch. Ich kann nicht reagieren, bin zu müde, nicht imstande, nach Alternativen zu suchen, will weiter. Also rege ich mich nicht auf und zahle für die fünf Stunden nach Katowice die 63 €, die ich mit einem Sparticket nie gezahlt hätte. Die Reisekasse also wieder auf 0, wieder überschuldet und von neu. Im Zug bin ich fast alleine, die Abteilwagen stehen leer. Neue Gesetze, Vorschriften, die mit der rechtmäßigsten Stimme daherkommen. Mit der wird auch an der U-Bahn gesagt: „Jetzt nicht mehr einsteigen!“, oder: „Ihre Rechnung“. Neben Bahnhof Meidling, etwas erhöht und getrennt durch einen Gitterzaun, beginnt der Friedhof. Die Wartenden schauen auf regennasse Gräber. Kennt die Stadt etwas anderes als Fassade, Prunk oder Grusel? Die Füße zucken vor Anstrengungen, nach den Schlappen werde ich wieder die großen Wanderschuhe tragen müssen. Im Traum ist mir, als will mir jemand Geschichten auf einem Basar verkaufen. Schwach und gerädert, wenngleich nicht so stark wie im Bus, wispere ich Nonsens, gehe mit Zauberei auf Monsterjagd und besuche mit Goethe eine Theatervorstellung. So sieht wohl das Ende aus, hier wachen wir ständig auf, während die Traumebenen sich verschieben und überlagern, nach vorne und hinten kommen neue Gäste hinzu, die Kritik wächst wieder harmonischer, die Müdigkeit geriert sich wieder als ein Teil von dir. Jeder Teil der Körpers schläft kurz und braucht seine Erholungszeit. Die Fronten haben sich zurechtgelegt, ich brauche nichts mehr, lasse mich fahren. Sie sind aus dem Zug verschwunden, einer nach dem anderen verschwinden sie in allen Teilen der Welt durch die im Rahmen der Möglichkeiten finanzierten Bahnhofshallen. Kaffee und Zeitung verwandeln sich in Performer und tapsen voraus. Wenn etwas passiert, dann in dieser Welt.

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Ich bin nur Beobachter und Erzähler und Sammler und habe meine Kraft und mein Geld jetzt aufgebraucht. Hier, im „Neuen Europa“ verschuldest du dich für eine Story maßlos. Und selbst die muss ja auch erst mal verkauft werden. Fortwährend chronologisch wird verlangt, den Reisecharakter und die modernen Sittenporträts beizubehalten. Mögliche Kapitel stellen sich da von selbst auf: „Occupy“, „Passagen und Basare“, „die Alten“ oder „Musikanten und Verkäufer“. Doch die osmanische Tour, die schon unbewusst mit der Fahrt nach Istanbul und mit „Selanik“ seine Kreisbewegung begann, vermasselte mir durch seine Bezüge und Rückgriffe, isoliert über Slavonien, den Balkan, die Weltstadt Istanbul und die Grenzkontrollen dazwischen, zu schreiben. Ohne Budapest und Istanbul hätten Sarajevo und Thessaloniki beispielsweise einen bedeutend anderen Eindruck gemacht, wären mir isolierter und „nationaler“ erschienen. Jede Stunde auf diesen Nachtreisen durch die Städte besaß in ihrer Stimmung und Geschichte zwar eine eigene Motivik, sie durchdrangen sich jedoch gegenseitig und erinnerten mich an das, was ich zurückgelassen hatte. Die Ordnung ist da und ich muss nur sammeln – das dürfte sich doch auch in der Sprache niederschlagen! Die Abschnitte sollen so auch im Gebrauch bestimmter Lexik, Diskurse und Launen die verschränkten Elemente der Reise kennzeichnen.

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Willkommen zurück, Polska! Halb schlafend, gestern Nacht, gab es dann doch noch Grenzkontrollen zwischen Kroatien und Österreich (eine Verwunderung, nach der sich Jahre später angesichts der neuen Schlagbaum-Normalität viele zurücksehnen). Komische, unruhige Leute hier im Bus. Grenzpolizistin mit steinernem Antlitz. Morgen zwischen Polen und Deutschland schon keine mehr. Nur auf polnischem Gebiet gibt es Kaffee, Tee oder Wasser gratis, das habe ich vergessen. Der Wagen mit den Kleinigkeiten rollt aber auch schon vorher heran. Ich verzichte, da ich nach dem schaurigen Ticketpreis in Wien knausrig geworden bin. Der Verkäufer blickt mich an: „Wollen sie wirklich nichts, ist umsonst!“ Als ich sage, ich fühle mich schon wie zu Hause, antwortete der Verkäufer, dass ich es vielleicht irgendwann mal täte.

Alles liegt ruhig und wunderschön da. Gebäude wurden während meiner Abwesenheit fertiggestellt. Heute beginnt die Militärintervention der USA gegen das Assad-Regime nach dem Giftgaseinsatz gegen die eigene Bevölkerung in Syrien. Die Nachrichten in den letzten Wochen habe ich erfolgreich verdrängt, obwohl doch einige Schlagzeilen mich immer wieder unterbrochen haben. Die Gespräche fanden woanders statt, vor einer Woche noch in Thessaloniki zum Beispiel. Polnisch hört sich vertraut an, aber auch unverständlicher. Oder sind es die Nationaldiskurse im Sport, die von „Für Polen“ und „uns“ reden. Heute habe ich alles von mir abgeworfen, bin im Laufe der Reise immer freigiebiger geworden. Doch woher habe ich die letzten Tage die Kraft hergenommen, zu fahren, schlafen zu üben und nicht zu handeln? Wie automatisch habe ich jede Situation am Ende ausgenutzt, mir das Leben zu erleichtern, aber dazwischen? Vieles musste sein, das Fotografieren, Unterhalten, Essen, Schreiben, Nachdenken, Trinken, das musste ich, um etwas dem Ganzen zu entreißen, um auf ein Danach vorbereitet zu sein. Und dennoch habe ich einen Alltag gehabt und nun einen ganzen Tag Abschied. Noch einmal erlebe ich Hunger, Durst, Verspannung und Müdigkeit.

Gleich geht die Sonne unter am letzten Teilstück dieser, ich habe es nachgezählt und grob überschlagen, insgesamt 110 Stunden Fahrt (das sind vier Tage und achtzehn Stunden innerhalb der 20 Tage). Wir sind nun an einem Abschnitt angekommen mit schönen, nah an den Wald gebauten Schienen. Etwas davon ist eingesunken, das muss so sein, zumindest wenn ich während des Lesens meiner Notizen lese, was ich während der ersten Stunden der Reise aufgeschrieben habe. Praktisch nie während der zwanzig Tage habe ich mich isoliert gefühlt oder dass ich etwas verpassen könnte. Wahrscheinlich ist das meinem weniger gewordenen Misstrauen anderen gegenüber geschuldet. Doch bin ich unter Druck oder erschöpft, nimmt dieses noch zu und der Zwang, alles zu erledigen und das so perfekt wie möglich, schnürt mir die Lunge zu. Dann wollte ich nur noch den Absatz oder den Gedanken zu Ende bringen, um nur ja nichts von dieser außergewöhnlichen Situation am Wegrand zu verpassen. Ich rede mir ein, dass Dinge, die ich bisher nicht wahrnahm, nach meiner Rückkehr eine erste oder neue Bedeutung bekamen. In Poznań künden auf Laternenmasten geklebte Zettel gleich am Bahnhof den Generalstreik an. Das linke Gewerkschaftsbündnis fordert eine maximale tägliche Arbeitszeit von acht Stunden und eine bessere soziale Absicherung. Ein paar Wochen später kommen mehrere Tausend zur Großdemo in die Hauptstadt.

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Entschlossen wie noch nie fängt der letzte Tag an, der aus einem weit gelegenen Rausch daherkommt, auf dem zweiten Stock dieses wunderbaren blau-gelben Zuges liegt, den Atem gespannt auf dem kaum überspannten Metallboden liegt und die Erde vorbeiziehen hört. Der Blick geht auf den Sand vor den Birken wie ein Ernüchtern nach nächtlicher Eskapade. Die Bahngesellschaft PKP ist unsere, was für ein passender Ausdruck! Das ist kein Abschied von einer Stadt, in der ich länger noch als in Warschau gewohnt habe. Bin ich aus dem Grund erfahrener, so dass ich keine Schwierigkeiten habe, die Stadt zu verlassen? Es scheint, dass ich mit ihr schon vor einem Monat abgeschlossen habe. Mehrere Male auf der letzten Fahrt kehren überwunden geglaubte Kämpfe mit dem Fotoapparat und anschließende Bezichtigungen wieder. Einmal drückte ich zu spät auf den Kopf, der zu spät ausgelöst wird und ein anderes als das gewünschte Bild da draußen erwischt. Ich lege den Apparat in die Tasche und verpasse bei der Gelegenheit aus kurzer Distanz die Hände der Rentnerin auf der Scheibe. Sie hätte es nicht bemerkt und ihr Partner auch nicht. Aber nicht doch: ich reise, was bedeutet, die besten Bilder zu verpassen, während ich sie mit den Augen sehe. Ich habe mich schon gesehen während der Erzählungen in meinen polnischen Geschichten. Sie ziehen Leute aus den Gründerzeithäusern an und flüstern ihren arbeitslosen Freunden von einem weichgebrauten Staat, der in dieser Ecke der Stadt regiert. Heute habe ich zudem ein ums andere Mal wieder Namenstag. Wohin sind jetzt schon wieder die Tücher und kleinen Schals? Die Moden und Trends verbinden sich mit der Erinnerung daran, „wie dein Charakter dir hilft, abzunehmen“, wie ich in einer Zeitschrift in der neben mir liegenden Sitzreihe lese. Eine ältere Frau sitzt hinten links. Sie schließt die Augen und bewegt sich und schüttelt sich vor schweren Träumen. So ist die Konkurrenz abhanden gekommen. Vielmehr bin ich zu dem Schluss gekommen, dass durch Zusammenarbeit und Verständigung um einiges mehr gelingen kann.

Da ist schon Berlin, ich bin down & out. Also gut, ich hab’s schon…muss schlafen und die Welt von mir ablenken, mich finden, aus geradezu historischer Notwendigkeit. Jede Erzählung schafft und schält sich aus dem Chaos und nicht aus dem, was passiert ist. Die Postkarten für die Freunde in Polen sind unterwegs, wie ich erst ein paar Monate später rekonstruieren kann, verlorengegangen, aber sie glauben mir, was ich ihnen schrieb.

Jacobs brennt seine Bohnen in seiner Fabrik gleich neben dem zwei Kilometer entfernten Hafengelände und überzieht ganz Nord-Neukölln bis zum Feld mit einem Geruch nach Rauch und verbranntem Kaffee, der den Nachmittag wieder ankündigt.
Es ist einsam hier oben auf dem Balkon.

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Das Erschreiben eines Mythos. Czernowitz als Literaturhauptstadt Mitteleuropas

I Vor- und zurück

Ich nehme mich aus der Realität hinaus, beachte die Menschen um mich nicht der Außenwelt, dem Diskurs, dem Ausland, den Argumenten in der Zeitung zu stellen. In dieser Stadt konnte ich nicht schreiben, nur vor- oder zurück. Hier wird präsentiert. Größtenteils war es die Literatur, die die Reisenden angetrieben hat, dem Mythos nachzuspüren – ein literarisches perpetuum mobile! Joseph Roth (dessen Reiseberichte nach Russland  und in die Ukraine gerade in einer schönen Ausgabe bei C.H.Beck erschienen sind) und Alfred Döblin waren nach dem Ende des Habsburgischen Reiches, die die vielgestaltige, zwischen Polen und der Ukraine (seit 1922 der Sowjetunion) aufgeteilte Region Galizien bereisten und lebendig halten wollten – im Fall von Roth ein Rückkehr in die Heimat.

Auch ich bin durchs Reisen zur Literatur gekommen, unterwegs zu Personen, die den Ort mit Dir verbinden. Dazwischen Schweigen, sich ordnen – Schreiben als ein Versuch, richtig zu warten. Wie es Iris Radisch in ihrem schönen Essay[i] über die Reise zum Dichter aus Iwano-Frankiwsk, Jurij Andruchowytsch, schreibt, lernen wir (das westeuropäisch schaurig zitternde Publikum) „was uns die Südosteuropäer seit vielen Jahren geduldig erklären: dass Literatur etwas mit Geografie zu tun hat, mit dem Staub, dem Licht, dem Dreck eines bestimmten Territoriums. Mit Orten wie Dukla, Gegenden wie Galizien, Mutterländern wie Slowenien, Gebirgen wie dem Karst und den Karpaten, mit Flüssen und alten Eisenbahnlinien, Kopfsteinpflaster und Wasserscheiden.“ Reisen ‚nach Galizien‘, ‚nach Czernowitz‘, nach Halb-Asien, wie es k.u.k.-Chefdichter Karl Emil Franzos ausdrückte, sind ein in Mittel- und Osteuropa beliebter Topos zur ‚Welt‘-Erschließung, aber auch zur lokal schon vorgeprägten politisch-sozialen Ab- und Eingrenzung bestimmter Gebiete. Gerüchten zufolge soll sich bereits die rechte Weichselseite für die linksflußigen Warschauer*innen in Asien befinden (Adenauer läßt grüßen!).

Die polnischen Schilder verpassend hält der Oktoberschaum die tiefschwarze Nacht zusammen, die nur unterbrochen wird von Betrieben und Tankstellen. Über mir brennt das letzte Licht, es riecht nach Deo, der zweite Fahrer köpfte zur Begrüßung Schampus. In der Serie, die seit Beginn der Fahrt läuft, schneit es seit zwei Folgen. Clubbesuche, blutige Fehden und staatliche Eingriffe beginnen sich zu häufen. Es wird unglaublich normal getrunken. In den holzgetäfelten Moskauer Büros steht Whisky herum, sonst wird Wodka gereicht. Das Bild flackert und es mischt sich der Duft gebrühten Holundertees mit kurzen gepafften Zigaretten am Wegrand. Es ist grau und kühl. Die Marienikone rechts über dem Fahrersitz steht uns bei.

Lviv nur noch zehn Kilometer. Die Uhren müssten sich umstellen. Zum Empfang am Morgen, alle sind blendend aufgelegt, gibt es Milchwaffeleis. Rechts auf den Feldern stehen Fertighäuser und mehrere orthodoxe Kirchen in Schattierungen silbernen Lacks und schnell hochgezogene Hotel-Ressorts. Die wackligen Straßen auf dem Weg ins verdrängte Tal harmonieren mit routinierten Überholmanövern. Poesie und Orientalismus versuchen sich gegenseitig zu übertrumpfen. Wäre ich nur mit dem Osteuropa verbindenden Zug 76 gekommen, aber er fährt seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, nur noch als zentraleuropäisches Journal auf Ukrainisch.[ii] Es schläft sich übrigens wunderbar in diesen Nachtzügen, die nicht allzu großen Distanzen in der Westukraine, durch die Bukowina nach Galizien überbrücken müssen. Manche früheren Grenzen werden jedoch nur umfahren. Nach Odessa gelangst Du nur über Umwege und nicht direkt durch die Republik Moldau und Transnistrien.

Wir sind mittlerweile in einen Kleinbus umgestiegen, zwei Mitfahrende und ich haben noch 120 km bis Tscherniwzi vor uns, während die Geländer blau und gelb gestrichen an uns vorbeiziehen. Die Fußballplätze sind zu dieser Zeit des Jahres verwaist. Fast verstehe ich in den Radiosender, der mit irren Gute-Laune-Kommentaren, der einlullenden Werbung und der im Schwung aus 80er-Pop und Eurodisco Mitteleuropa fest in seinem Bann hält. Die Fahrer sprechen Russisch, sagen Tschernowzy statt Tscherniwzi und tragen wie ihre Passagiere die informellen Codes zweisprachiger Transitreisender vor sich her. Aus den Nachrichten höre ich Maidan, Armia, Agresja, die Schlaglöcher sind groß wie Tische. Auf der Wand einer Bushaltestelle steht gesprüht: ‚Unkraincy za Banderu‘.

II Papierwelt Czernowitz

Wie ist es hierherzukommen, als Schriftsteller, als Autor, klebt Dir deine untergegangene Nation am Schuh? Bereust Du den Schritt, nur wieder eingeordnet zu werden, keinem Vergleich aus dem Weg gehen zu können, der Wissenschaftlerin, die sich mit anderen Unieinrichtungen vernetzt, als auch dem 80-Jährigen auf seiner Bildungsreise, die ihn ins deutsche Danzig, ins deutsche Lemberg, nach Thorn gebracht hat und der sich über das das fehlende Celan-Museum, die überstrichene Baufälligkeit und die versickernden Subventionen echauffiert, begegnen zu müssen? Was sagt das über mich und meine Gesellschaft und die Staatskultur, die das eigens entworfene Bild des deutsch oder österreichisch gewordenen Juden in seiner Exotik inkorporiert, um das Fremde wiederum abgrenzen zu können? Wem sagen hingegen noch Namen wie Alfred Margul-Sperber, Alfred Gong, Selma Meerbaum-Eisinger, Immanuel Weißglas, Moses Rosenkranz oder Klara Blum etwas? Geht es denn tatsächlich um die Juden oder die jungen Ukrainer, die hier demonstriert haben, um die Ukraine, die erst wieder mit den politischen Umstürzen der Orangen Revolution und den Maidan-Protesten in den Fokus der (west-)europäischen Öffentlichkeit getreten ist? Ein Text über Czernowitz und seine Literatur, der nicht Tscherniwzi sagt, muss sich Gedanken machen, welche Texte und Autor*innen verhandelt werden, welches Publikum angesprochen wird und über wen gesprochen bzw. geschrieben wird.

Im europäischen Kontext mag Tscherniwzi marginalisiert und unbekannt sein, subversiv ist die Stadt durch den Eintrag in den bürgerlichen Kanon noch lange nicht. An die Stimmen der ansässigen Jugend komme ich nicht so leicht ran, das dauert, die Zeit ist knapp. Wie soll denn auch so eine alltägliche Begegnung auf der Straße ab, sehen wir junge Ukrainer*innen, Jüdinnen und Juden? Die Sprachlosigkeit ist zum Synonym für Europa geworden, was aber in keinem Gegensatz zu ‚früher‘ steht. Hier gab es ganz andere – soziale – Schranken, die es zu überbrücken galt, was meist nicht gelang, durch die Literatur oder die Kunst nur in Ausnahmefällen. Die Literatur, die Rezeption und seine sich in einem kleinen Kreis der Eingeweihten ausbreitenden Diskurse sagen mehr über die Vergangenheit als über das Gegenwärtige, genauer, über das ‚So-Werden‘ dessen, was hegemonial, als geläufig und kulturell erzählenswert betrachtet wird. Das Heute überlassen wir den Reiseberichten, den Fotoblogs, dem Feuilleton, das den Rahmen vorgibt, in dem die Erinnerungen künstlerisch und wissenschaftlich verarbeitet werden können.

Einmal im Jahr jedoch, für mehrere Tage, kommt die Literatur doch nach Czernowitz. Das Literaturfestival Meridian Czernowitz zieht eine Menge ukrainischer Autor*innen wie Iryna Tsilyk, Kateryna Babkina, Serhij Zhadan oder Oleksandr Bojtschenko an, eingeladen sind ebenso Hochkaräter der Literaturszene wie Bohdan Zadura, Hagit Grossmann oder Jan Wagner, aber auch Musiker*innen und Literaturwissenschaftler*innen. Anschließend fahren die Jungen und Alten weiter auf Lesereise Richtung Osten und Westen, nach Odessa, Charkiw, Krakau, Prag, Berlin und Genf, über den zugegeben kleinen Halbkontinent Europa mit einem der täglich abfahrenden dampfenden Nachtzüge, die bei kaum merklicher Geschwindigkeit durch die undurchdringliche Landschaft der Bukowina und Galizien zuckeln. Vom Ende der bekannten Welt, die noch mit dem Zug erreichbar scheint, rollen sie den Kontinent von hinten auf und bringen alte vergessene Traditionen und Geschichten mit, die mehr von Europa erzählen, als es dem so genannten Abendland lieb ist. Hier werden Karten gespielt, wird erzählt, bestimmt auch diskutiert und am Ende werden die Essens- und Trinkvorräte auf den Tisch gepackt, bis irgendwann den meisten die Luft ausgeht und vielleicht noch drei auf der Bühne bei den Abschlussveranstaltungen stehen, in Frankfurt, Paris oder Zürich.[iii]

III Mnemotop

Mittlerweile haben wir es literarisch mit einer weitere Ebene zu tun bekommen: Literatur über die Literatur zum Mythos! Dieses erfolgreich sich etablierte Genre der Reiseliteratur, dem nachgesagt wird, einen identifikationsstiftenden Authentizitätsanspruch zu besitzen[iv], trifft auf unsichere, von antagonistischen Gefühlen geprägte mediale Ichs, welche daran gewöhnt sind, jederzeit auf ihre Wirklichkeit zugeschnittene Textbilder zugreifen zu können. Neben der Literarisierung des Phänomens ‚Czernowitz‘[v] zeigt sich eine Historisierung, die sich in Geschichten und Erinnerung ehemaliger Bewohner*innen im Exil äußert und die Stadt erst wieder zugänglich macht – als ‚Mnemotop‘, Gedächtnisort einer einmal dagewesenen Kulturmetropole . Jede Czernowitz-Geschichte ist heute ein Reisebericht.

Die versunkene Welt der „Schweiz Osteuropas“ an Orten, Gebieten und einer Landschaft, die ohne die Shoah nicht gedacht werden können, stellt sich vor allem in der nurmehr eingeschränkten Sprachen- und Kulturvielfalt dar: vor allem im Fehlen des gesprochenen Jiddischen und des ‚Bukowienerischen‘, diesem ganz eigenen österreichischen Dialekt. In der sich selbstbewusst abgrenzenden Peripherie des Wiener Zentrums entwickelte sich ein Zentrum deutschsprachiger Literatur, das zugleich Heimat war für den rumänischen Nationaldichter Mihai Eminescu, ukrainischen Klassiker wie Jurij Fedkowitsch und Olga Kabyljanska oder des ‚Dichterfürsten‘ Elieser Steinbarg, der zu Lebzeiten über die jiddischsprachige Szene hinaus ein Klassiker war und den zehntausende bei seiner Beerdigung 1932 auf dem langen Weg den Hügel hinaus zum jüdischen Friedhof (mit diesem schönen Grabmahl des Künstlers Artur Kolnik) die letzte Ehre erwiesen. Oder aber Josef Burg mit seinem Dialekt des ‚Mameloschen‘. Nicht mehr selbstverständliche Bilderwelten, die in Archiven gesucht werden müssen, wie die Kunst von Oskar Laske, Löwendal, Righetti, Krinitzi, Schiroki, Fischer, Schärf, die die Vorstellung der Bukowina neben der Literatur prägten.[vi]

Ein Mikrokosmos verschiedener geteilter Leben und Sprachen: während das Deutsche bevorzugte Kultur- und Muttersprache des größten Teils der Bevölkerung war und noch bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg – neben dem Rumänischen – offizielle Amtssprache war, galten die anderen als Minderheitensprachen, das Jiddische zumal, die jedoch jeweils durch ein gut ausgebautes Druck- und Pressewesen gefördert wurden.[vii] Jene wurden so, passiv zumal, im Alltag aufgenommen und je nach sozialem und kulturellen Hintergrund von den polyglotten Sprecher*innen gesprochen. Gerade jedoch das als vorbildlich angesehene Habsburger Schulsystem, das die klassische und neue deutschsprachige Literatur im Lehrplan hervorhob, aber auch die jüdischen Gebetsschulen waren Ausgangspunkte für die sich anschließend weiterspinnenden Kulturzirkel und –kreise. „In dieser Atmosphäre war ein geistig interessierter Mensch geradezu »gezwungen«, sich mit philosophischen, politischen, literarischen oder Kunstproblemen auseinanderzusetzen oder sich auf einem dieser Gebiete selbst zu betätigen“ (Rose Ausländer[viii]), kurz, es war eine Stadt von „Schwärmern und Anhängern“, dazu mit einer Jugend  „von unersättlicher Wissbegier“[ix]

Trotz der Nähe unterschieden sich die Lebensrealitäten der Czernowitzer Künstler*innen teils deutlich, vor allem hinsichtlich ihres sozialen Status und der literarischen Felder, in denen sie agierten. Gemeinsam hatten sie vielfach, unabhängig auch von der Religion, das Polyglotte: mit dem Deutschen ein als ‚Kultursprache‘ des aufgeklärten Bürgertums, dem Hebräischen als Sprache des Sakralen und Theologischen, oft noch das Rumänische, Polnische oder Russische als lokale Sprachen, die mit ins gedankliche Gepäck genommen wurden. Dazu kam das Jiddische, die papierene ‚Niemandssprache‘ (Itzig Manger) in Mittel- und Osteuropa, die in der Zwischenkriegszeit von immerhin 11 Millionen Menschen gesprochen wurde und die durch tradiertes ‚Volksgut‘ und chassidische Legenden die sie umgebenden und beeinflussenden Sprachen, ihre Färbung und ihren mythisch-mystischen Hintergrund mitprägte.[x] Rose Ausländer z.B., die noch Jiddisch lernte, und neben ihrer Muttersprache Deutsch auch Englisch sprach oder Paul Celan, (der zuerst in einer rumänischen Zeitschrift in Bukarest publizierte) entschieden sich bewusst für die hegemoniale Sprache. Itzig Manger, der ‚Prinz der jiddischen Ballade‘, hingegen, im jüdischen Viertel zwischen Schlachthausgasse und den Bahngleisen weiter unten aufgewachsen (nur 150 Meter entfernt von Rose Ausländers Geburtshaus), wählte das Jiddische und schlug damit den Weg einer Minderheitenliteratur ein.

Die exponierte Stellung der multinationalen Gruppe jüdischen Glaubens in Mittel- und Osteuropa, die in Czernowitz Anfang des 20.Jahrhunderts gar ein Drittel aller Bewohner*innen stellte, macht es gleichzeitig notwendig, deren von Nell am Beispiel Galiziens dargestellte gesellschaftliche und kulturelle ‚Zwischenstellung‘ hervorzuheben, was sich auch im Literarischen niederschlug: im Sprachenwechsel bei Manès Sperber, in der auch literarischen Mehrsprachigkeit wie bei den Brüdern Singer oder im Fall der selbstbestimmten oder angepassten Sprachenwahl, die nicht nur im Exil oder in der neuen durch Grenz- und Regimeverschiebungen verursachten Exilsituation im eigenen Land einschneidende Folgen hatte. [xi] Ohne sich von der Stelle zu bewegen, wechselten die Mehrheiten, die Identitäten und der Pass, was angesichts der Geschichte und Entwicklungen in diesem Teil Europas schon wieder deutlich vertrauter klingt.

IV Haunt me, haunt me again: Die Welt von heute

Wir stehen in der Peripherie, in der das ‚Exotische‘ poetisiert wird, wobei sowohl die heraufbeschworene Lebenswelt als auch schon die Erinnerung daran bearbeitet ist. Der seit dem 19. Jahrhundert beginnende Prozess der Literarisierung der Stadt und ihre gleichzeitige Einbindung in nationale Diskurse hält an, auch wenn die Akteur*innen und Träger*innen dieses kulturellen und historischen Gedächtnisses vertrieben und ermordet wurden. Mit ihnen Landkarten und Grenzen, verschobene Perspektiven, die zum Teil als ‚Erinnerungskolonien‘ osteuropäischer Jüdinnen und Juden in den kanadischen ‚Global Cities‘ von Montreal oder Toronto weiterleben. Die Allgegenwart des Erinnerungsverlusts angesichts der aussterbenden Generation der Überlebenden der Shoah steht einem schwindenden Pluralität der Narrative gegenüber – es wird der heutigen Generation immer schwieriger, sich den damaligen Zustand vorzustellen, auch wenn nach dem Erinnerungsverlust, dem Vergessen dieses Verlustes eine gesamteuropäische Neubetrachtung dieses sich fortschreibenden Palimpsest seit den 1990ern (in Wissenschaft, Feuilleton wie Literatur) einsetzt.[xii]

Eingebettet in die imaginären Klostermauern der Hügel um die Stadt mache ich den Trip erst einmal in die andere Richtung. Die Universitätsstraße hinauf gelange ich zum imposanten Universitätsgelände, zugleich einer der Hauptveranstaltungsorte des Meridian-Literaturfestivals. Im zweiten Stock eines dunklen Kreuzgangs sitzt das Büro der ukrainisch-deutschen Initiative Gedankendach, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das literarische Erbe der Stadt – und das deutschsprachige im Besonderen – für die heutige Generation zugänglich zu machen. In der Kobylanska-Straße, dem Hauptboulevard, die ehemalige Herrengasse nutzen sie dazu zusammen mit anderen Organisationen das Paul-Celan-Literaturzentrum. Hier finden kulturelle Diskussionsabende, Tandemrunden und Lesungen statt; gleichzeitig ist es als Sammel- und Forschungsstelle dazu gedacht, Dichter*innen der Bukowina, die, oft national und staatlich überdacht, im ‚Westen‘ weitaus bekannter sind als an ihren Herkunftsorten – eine „historische Ungerechtigkeit“[xiii], der mit dem modernen Literaturhaus entgegenwirkt werden soll.

In der Tat: Den Mythos im Gepäck fällt vielen vorrangig die gesellschaftliche Ukrainisierung der Gesellschaft auf, während das jüdische Erbe zur Geschichte und dessen Idealisierung funktionalisiert wird, das allenfalls als Angebot für Nostalgiker und den langen Weg in Kauf nehmende Studiengruppen relevant bleibt. Sicher, es gibt das jüdische Museum, doch schon um andere kulturelle Einrichtungen, geschweige denn die Pflege des berühmten städtischen jüdischen Friedhofs mit seinen 50.000 Gräbern ist es nicht zum Besten bestellt. Auch habe der Antisemitismus, ähnlich wie in den prorussischen Jahrzehnten zuvor, seit der Orangen Revolution mit den Renationalisierungskampagnen wieder zugenommen.[xiv] Andererseits bestanden hier auch schon Nationalliteraturen und -kulturen im 19. Jahrhundert, was im Aufbau der identitätsstiftenden polnischen, deutschen, rumänischen oder ukrainischen Häuser kulminierte.

Dennoch ist es gerade in dieser spätpostmodernen Situation sich wieder schließender nationalstaatlicher Diskursräume wichtig, sich nicht daran anknüpfende Erinnerungs- und Gedächtnisräume in den eigenen Vorstellungs- und damit Handlungsbereich einzubeziehen. Gerade die Literatur und Kunst, aber auch unzählige wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Initiativen tun sich hier in ihrem emphatischen wie reflexiven Bekenntnis zum einem Mitteleuropa jenseits der autoritären Višegrad-Gruppe hervor, wie beispielsweise die Erkundung des polnisch-ukrainischen Galizien durch Jurij Andruchowytsch und Andrzej Stasiuk zeigt. Entscheidend ist weder eine Rückbesinnung auf den Mythos noch eine Aufhebung dessen in der Realität (oder Kunst), sondern politisch-kulturelle Konflikte und Themen junger Generationen – in der Peripherie, in hegemonialen Strukturen oder in Transit – in einer die Vergangenheit mitdenkenden, diskursiven wie erzählerische Komplexität zu verhandeln. Erst in dieser „dauerhaften Unruhe“[xv], die von der paradox anmutenden Spannung zwischen Vergangenheit des Übernationalen und Gegenwart des Nationalstaatlichen lebt,  lassen sich neue Visionen im europäischen Diskurs gewinnen.

V Schnee

Die jungen Menschen, die wir treffen, wollen sich mitteilen, sie möchten zeigen, noch bevor sie erzählen, wie schwer es die Ukraine hat. Sie möchten die fremden Vorurteile bestätigt sehen, die europäische Wahrnehmung annehmen, als Wissen, den Alltag umso glänzender und feinfühliger herauszustellen. Wenn die anderen um einen herum die Wahrheit sprechen, bricht sich eine eigene Realität Bahn. Ich fahre fort aus der europäisch verunsicherten Stadt die sich ihrer Reisenden bemächtigt hat und ich warte auf die Jetzt-Zeit des nächsten Meridian.

Zuletzt sitzen wir in einem Café, wie es auch in Brüssel oder Madrid stehen könnte, in den Holzregalen zweisprachige Bücher der Ausländer, während weiter unten die Universitätsstraße folgt. Nur eine Ecke weiter isst man Pelmeni hinter weißen Stickdecken  und in den Labyrinthen der Hinterhöfe beginnt der ukrainisch-kakanische Underground.

[i] http://www.zeit.de/2003/31/L-Juri.

[ii] http://www.potyah76.org.ua.

[iii] Vgl. http://www.meridiancz.com/en/festival-participants-2010-2012/.

[iv] Vgl. de Berg: ‚Nach Galizien‘. Entwicklung der Reiseliteratur am Beispiel der deutschsprachigen Reiseliteratur vom 18. Bis zum 21. Jahrhundert. Frankfurt (Peter Lang) 2010 (Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, Band 30), S. 10/11.

[v]  Vgl. Marbacher Magazin 90: Paul Antschel/Paul Celan in Czernowitz. Bearbeitet von Axel Gellhaus. Marbach (Deutsche Schillergesellschaft) 2000, S. 35.

[vi] Luzian Geier: ‚Verwundert hebt der Pruth im Schilf sein Haupt…‘ Zeitbilder aus Czernowitz von gestern und heute / Eine Dokumentation. In: Ich fliege auf der Luftschaukel. Europa-Amerika-Europa. Rose Ausländer in Czernowitz und New York. Üxheim/Eifel (Rose-Ausländer-Gesellschaft e.V.) 1994, S. 21.

[vii] Vgl. ebd., S. 23.

[viii] Ausländer, Rose: Erinnerungen an eine Stadt. In: Ich fliege auf der Luftschaukel, a.a.O., S. 41.

[ix] Ebd., S. 39/40.

[x] Ebd., S. 38.

[xi] Nell, Werner: Bücher, Menschen, Massenmord. Die Wiederentdeckung Galiziens in der deutschen, polnischen und nordamerikanischen Literatur. Eine Skizze. In: Das ‚Prinzip Erinnerung‘ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach 1989, herausgegeben von Carsten Gansel und Paweł Zimniak. Göttingen (V&R unipress) 2010 (Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien 3), S. 445-460, hier: S. 454.

[xii] Nell, a.a.O., S. 448.

[xiii] http://www.meridiancz.com/de/paul-celan-literaturzentrum.

[xiv] http://ukraine-nachrichten.de/czernowitz-europ%C3%A4isches-symptom_1931.

[xv] Vgl. Nell, a.a.O., S. 456.

Der Artikel wurde in der Aufsatzsammlung Neu-alte Peripherie. Die Vielfalt Europas in der Ukraine (AphorismA Verlag Berlin 2016) veröffentlicht.

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Netzwerkkinder als neue polnische Zivilgesellschaft? Zum Vortrag von Michał Sutowski an der Freien Universität Berlin vom 27.11.2013

Die postsowjetischen Länder Mittel- und Osteuropas können auf keine lange Geschichte der (demokratischen) Zivilgesellschaft zurückblicken. Gerade deshalb ist die Analyse der Geschichte und Kultur ist ein entscheidender Faktor, um die gesellschaftlichen und politischen Prozesse zu verstehen. Im Rahmen der diesjährigen Ringvorlesung am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin erkundete Michał Sutowski den Fall Polen anhand der These einer Repolitisierung der polnischen Zivilgesellschaft. Die Rolle der „Netzkinder“, der jungen Protestierenden gegen das EU-Datenschutzabkommen „ACTA“ 2011 sowie die Frage, wie es in Polen zu solch einer breiten gesellschaftlichen Bewegung kommen konnte, standen im Vordergrund des Vortrags.

Gleich zu Beginn stellte der junge Sozialwissenschaftler Sutowski, Leiter des von Krytyka Polityczna in Warschau gegründeten Institute of Advanced Studies, den Bezug zum vermeintlich größten zivilgesellschaftlichen Projekt des Ostblocks – Solidarność. Es wurde deutlich, dass eine historische Aufarbeitung der Zivilgesellschaft eine antipolitische, eine moralisch getriebene Vereinigung war, die in der Transformationszeit auseinanderfiel und in kleine Splittergruppen zerfiel. Das politische Projekt des „Empowerment“ war vorbei. Was folgte, war eine Entpolitisierungswelle wie in großen Teilen der „westlichen“ Welt, die sich am „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) als moralische, weil demokratische Sieger fühlten. Die kurzzeitige Allianz zwischen Exmarxisten und links-liberalen Katholiken, der „Inteligencja“ und den Arbeitern, die Idee breiter Mitbestimmung in den Betrieben wurde nach Sutowski schon mit der Verhängung des Kriegszustandes durch General Jaruzelski im Dezember 1981 beendet. Während der Verhandlungen am „Runden Tisch“ dominierte schon ein liberales, auf die Wirtschaft ausgerichtetes Denken, das nicht mehr in einem politischen Rechts-Links-Schema, sondern in einer Demokratie vs. Autoritarismus/Totalitarismus-Dichotomie kategorisiert wurde. Auch war es in der „Tauwetter“- Periode das Staatsorgan „Trybun Ludu“, das zum ersten Mal 1988 den aus Frankreich stammenden Begriff der Zivilgesellschaft im Sinne eines dritten Sektors neben Staat und Markt verwendete, zu einer Zeit, in der Sutowski zufolge die solidarische Dimension der „Solidarność” – Bewegung schon in den Hintergrund getreten war und die gesellschaftliche Mehrheit sich über einen Antikommunismus, den Bezug zur sprachlich, kulturell und religiös sich definierenden (National-)Gemeinschaft und die Ablehnung gegen den als bürokratisch und korrupt angesehenen Staat definierte. In der Transformations- und Folgezeit wurden in Polen zwar etliche NGOs gegründet, doch waren diese als politische Korrektive meist auf die lokale Ebene beschränkt und keine Instrumente politischer Repräsentation und Interessenvertretung. Die heutige dominierende Journalistengeneration, die einem extremen Antikommunismus und Neoliberalismus anhängt, besteht dann auch gerade aus den jetzt 40- bis 50-jährigen, die in diesen achtziger Jahren sozialisiert wurden.

Heute sieht die Situation wiederum anders aus. Sutowskis Organisation Krytyka Polityczna [Politische Kritik] gilt als das erfolgreichste zivilgesellschaftliche Projekt der letzten zehn Jahre in Mittel- und Osteuropa. Mit ihrem Ansatz, durch verschiedene Kanäle (Zeitschrift, Internet-Tageszeitung, Verlag, Forschungsinstitut, „kritische Universität“) und Organisationsformen (Gesellschaft, Institut, Club) das Soziale mit dem Politischen zu verbinden und dieses in politischer Bildung umzusetzen, ist es ihnen gelungen, eine lange leergebliebene Lücke zu füllen und eine Gegenstimme zum politischen und publizistischen Mainstream zu etablieren. Mittlerweile werden sie als wirkmächtiger politischer Akteur und Diskursträger verstanden, der es schafft, Plattform für akademische Linke zu sein. Seine These einer repolitisierten jungen Zivilgesellschaft belegte Sutowski jedoch anhand dreier anderer symptomatischer Initiativen: den urbane Bewegungen, den schon erwähnten „Netzkindern“ und den „Kulturbürgern“ [Obywatele Kultury]. Erstere bildeten sich in größerer Zahl um das Jahr 2006/07 im Widerstand gegen Privatisierungsmaßnahmen öffentlicher Grundstücke wie Parks und Wohnraum. Beispiele wie Stowarzyszenia Kultura miejska oder My Poznaniacy [Wir Posener] hätten es nach Sutowski geschafft, den Übergang von partikularen zu kollektiven Interessen zu vollziehen und verstünden es, Bürger für öffentlichen Angelegenheiten zu mobilisieren, um beispielsweise Einfluss auf den Entscheidungsprozess räumlicher Stadtplanung zu gewinnen. Gleichwohl sei hier kein Generationenkonflikt festzustellen – mittlerweile seien Studierende wie Rentner, Anwohner wie Aktivisten gleichermaßen involviert.

Dennoch betonte Sutowski die Rolle der sogenannten Netzwerkkinder, der jungen Generation der Posttransformationszeit, denen das Internet „zur zweiten Natur“ geworden ist und die sich im Zuge der Proteste gegen die Handelsabkommen ACTA 2011 formierte, um gegen . Bemerkenswert war aus Sicht Sutowskis nicht so sehr die Wirkmächtigkeit der polnischen Bewegung, die den größten Europas gehörte, sondern vor allem die Tatsache, dass sich die Demonstrierenden alter Kulturcodes bedienten. Der während der Proteste zu hörende Ruf „Precz z komuną” („Fort mit dem Kommunismus“) stellt für Sutowski die Quintessenz der paradoxen polnischen Situation und des hiesigen Problems innerhalb der Zivilgesellschaft dar: trotz neuer Organisationsformen und Mobilisierungsmedien im Internet entwickele sich nur langsam eine neue gemeinsame Sprache der Unzufriedenheit; viele Kulturcodes blieben die gleichen, auch wenn sie auf die heutige Realität nicht mehr anwendbar wären. Und dennoch gingen nirgendwo in Europa so viele Menschen auf die Straßen wie in Warschau, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen und durch Druck auf die Politiker_innen den Abschluss des Gesetzes zu verhindern. Wie wir heute wissen, ist es ihnen gelungen, gerade den Jungen, denen das Internet geworden sei. Sie fühlen sich von der alten Generation und der bestehenden politischen Landschaft entfremdet, die mit wenigen Ausnahmen die Belange der Jüngeren nicht nachvollziehen kann. Sutowski machte aber deutlich, dass durch die fehlenden institutionellen Formen und Sicherheiten grundlegende Voraussetzungen für eine engagierte Zivilgesellschaft fehlten. Die in Ansätzen begriffene (Re-)Politisierung bedürfe nicht nur neuer technologischer Vernetzungsstrategien, sondern verlange auch einen Staat, der bürgerschaftliches Engagement bewusst fördert. Ob dies in dieser „faszinierenden Zeit der Umgestaltung“, wie es der Soziologe und Publizist Edwyn Bendyk genannt hat, in einem Land gelingen kann, das weiterhin von tiefen Rissen, politischen Lagern und sozialen Spannungen geprägt ist, entscheide nach Meinung Sutowskis der Druck „von unten“, eben jener sich langsam diversifizierenden Zivilgesellschaft.

Die Ringvorlesung „Ziviler Ungehorsam? Gesellschaft und Staat in Osteuropa“ widmet sich dem Spannungsverhältnis zwischen Staat und Gesellschaft in Mittel- und Osteuropa. Schwerpunkt legt sich vor allem auf die Fragen nach Entwicklung von Partizipations- und Organisationsformen, der Rolle neuer Medienpraktiken und der internationalen Vernetzung.

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Die Nächte begannen sich nicht mehr zu unterscheiden. Also musste ich etwas Neues wagen und dorthin gehen, wo es wehtut, nicht auf die Musik und die Crowd achten, mechanisch tanzen, nur mit den Bildern über der auf der Spreeflut noch bis 1 vorbeifahrenden U1. Die ersten zwei Stunden im Watergate hatte ich vergessen, ich sprach nur mit meinem Kumpel, der mich hierher gebracht hatte. Projekte, Pläne und Moodymann, wegen dem wir hier waren. Den Rest ließen wir hinter uns. Als DJ Koze dann Blumfeld sampelte und die Hälfte der Zuseher verstand, wachte ich wieder auf. 1000 Tränen tief auf Anschlag und einige Umdrehungen langsamer. Der Text schwebte noch trauriger über unseren Köpfen, aber das lag wohl daran, dass ich ihn das letzte Mal vor ein paar Jahren gehört hatte. Als wir unsere Füße schon aufgegeben hatten, tönte auf einmal 70s-Funk durch den Raum; drei tanzten schon für Monate zusammen und hatten immer noch nicht genug. Auf Wasser und Drogen feierten die, die zum Konzert und fürs Vinyl gekommen waren. Ab und an Einsprenksel von Detroiter Slang, eine Ahnung von dem, was Moodymann meinte, wie aus einem Traum vom vorigen Tag – bißchen Klischee, bißchen fragende Neugier.

Das Skelett hallt noch vom letzten Tag nach. Der Augenblick wiederholt sich und fällt auf uns zurück. Die Spinner mit ihrer Musik verfolgen mich wie Kinder, die meine Handzeichen nicht verstehen. Jazz ist, wenn die Hände sich bewegen und die Energie den Körper durchzuckt. Eigentlich einfach, doch so schwierig zu sprechen. Nun, an der Jannowitzbrücke, wird es taktlos, es bricht herein und macht dich platt. Die Musik habe ich zum ersten Mal gehört, als ich die Rolltreppe vom Bahnsteig herabfahre. Die Treppe rechts führt zu einer kleinen metallenen Plattform auf dem Wasser. Dort wartet ein junger Brite, der den Laden überwacht und einer dieser Typen ist, die wohl überall zurechtkommen würden, so unkompliziert und praktisch veranlagt sind sie. 5€ ist der Eintritt für Nicht-Musiker; zumindest die Hälfte der Anwesenden werden aber auch heute Nacht spielen. Nachdem Du die Eingangstür passierst, siehst Du zum Beispiel Lionel mit seinen Präludien in der rechten Hand, der wie der Ozeanpianist im Bug seines Schiffes sitzt und den früheren Club (sowie diverse andere in der Stadt verteilte Schuppen) am rotschwarzen Hard Piano zusammenhält. Hier, im Area 61, rauchen alle. Vor mir werden zwei junge Frauen von Mike, dem künstlerischen Leiter, Entertainer, Moderator und Sopransax-Spieler begrüßt: „What´s up, ladies, welcome home!“ Die meisten kennen sich und lächeln sich beim Eintritt kurz zu. Die Halbprofessionellen, die sich heute keine Mühe geben aufzustehen, rutschen nervös auf den Sofas im Zuschauerraum auf und ab; die ersten gehen ein zweites Mal zur Bar, um nicht zu aufmerksam zu wirken. Zumindest aber die Musiker werden mutiger und lassen sich nicht mehr bitten. Sie trotten gemächlich aus dem hinteren Teil, der leicht als Theaterraum umfunktioniert werden könnte, so liegt er im Schatten, nach vorne. Vor der Bühne beginnt jetzt ein Alter in Unterhemd mit gelber Strickmütze zu tanzen, ganz hinten fängt eine andere Frau an. Fotografen grasen das Terrain ab. Aus den Hallen kreischt plötzlich der Saxspieler mit seinem Instrument und schaut enttäuscht. Intrigen werden in der Musik verhandelt, das Neue und Alte wird nebeneinander stehen gelassen. Aber sie schaffen den Dreh und holen das nach, was zu überspringen war. Der Reihe nach geht Mike, der beim letzten Mal noch im Kimono erschien, die Spielenden auf der Bühne durch und führt sie in dem stillen Raum ein. Die Jungen sind selbstbewusst, sie bestimmen den Sound, scheinbar ohne Mühe bringen sie die sie umgebende Musik in die Szene und verändern das, was wir unter Jazz verstehen.

Da ist Rüdiger from Charlottenburg mit dem T-Shirt-Aufdruck „New York City“, er singt zu seinen Gitarrensolos; der Alte vorne richtet sich in seinen Bewegungen nach ihnen. Ein Mittfünfziger neben uns raucht Selbstgedrehte mit dicken Filtern. Er kennt das Spiel: wenn sich der eine selbst übertrifft, zieht der andere nach, ein ewiges C´mon auf dem verzerrten Gesicht. Die Einstellung kommt von alleine und schon sind wir beim Soul, beim Gospel: „Lord, have mercy“, entwischt es Mike nach der Performance der polnischen Sängerin, die mit ihrer Stimme sämtliche Nischen des Raums ausgelotet hat. Da sind Alesandro aus Portugal und Colin aus Belgien an Trompete und Klarinette, die schmerzvoll bzw. feinfühlig rasseln; sie kneifen ihre Backen mit und beziehen sich schon auf später, speichern ihre Ideen und geben Einwürfe. Jetzt Stevie am Bass. Eine kaum 18-jährige Londonerin, blickt sie sich verstohlen und leise nach allen Seiten um. Ihre Hände fliegen über das Brett und der Alte mit Mütze hört gebannt zu. Die Band spielt mittlerweile wie eine, die auch auf einem Gemälde spielen könnte. „We don´t have time“, unterbricht Mike, “can you do that, mornin?“ Er meint Bernardo aus Barcelona, den selbsternannten “sonic adventurer”, der keine Standards mag; stattdessen beatboxt und verzerrt er, anschließend kichert er leise vor sich hin. Nie ist klar, ob das Teil seiner Performance ist oder ob er nur nicht weiß, wie er hier reingeraten ist und sich darüber wiederum mokiert. Die anderen tun, was sie können, um ihm zu folgen, während er die Stücke durch den Reißwolf zieht; ab und an setzt er zu einem Falsett an, das erstaunlich klar ist, bis es wieder unter einem dröhnenden Bass verschwindet, der die kommenden verjazzten Drum´n´Bass-Abende ankündigt.

Die Bühne scheint in lila Licht aus roten und blauen Strahlen. Als ich um zwei gehe, ist noch immer nicht Schluss. Wir stolpern in die kalte frische Luft zum Nachtbus. In meinen Ohren hält sich noch der Text von Bill, der die ganzen Konzerte über alleine in der ersten Reihe saß, ein guter Freund von Mike, mit dem er ab und an die nächsten Schritte bespricht. Er trägt einen maronenfarbenen Tweet und eine schwarze Baskenmütze und ist Spokenword-Künstler. Sein Spiel mit dem Rhythmus wird durch den Bass, das Schlagzeug und zuweilen die Gitarre ergänzt. Rede und Antwort bieten sich als Herausforderer an und lassen, trotz ihrer ruhigen Vortragsweise, eine schäumende, nervenspannende Wut erkennen. Er sagt: „I don´t even got a vote!“. Mike erklärt dazu, wie wir ohne Geld auskommen und dass wir in einem Konstrukt leben.

Die Nächte beginnen sich sich nicht mehr so häufig zu unterscheiden. Der Rhythmus brennt und aus dem Filmprojekt in der letzten Woche ist dann doch nichts geworden. Niedergeschlagen komme ich zum Blues zurück, in den Unterschlüpfen, wo unsere Stimmen vom Bass gezähmt werden und wir alle eng zusammenstehen, auch wenn wir uns nicht kennen. Über den Einstieg am Wasser kehren wir jeden Montag zu den liebgewonnenen Wiederholungen zurück, wenn wir die anderen Sprachen nicht mehr schätzen, das Fiasko mit Whisky herunterspülen und der eingesenkten Schrift überdrüssig sind. Gegenlicht – „this is where the blues is“. Und schon wieder ‚Vinyl‘, der das Pack in den Fingern hält, in seiner Linken den Takt; mit der anderen Hand gibt er Signale, wobei die Scharen Dazuströmender niemandem antworten und nur für sich spielen; ein Viertel davon ist vielleicht Improvisation. Lass es sein, denke ich, von der Kirchturmspitze schälen die Verbrecher ihre Schrauben, schieben sich Kanüle in den Boden, alles, was Du sonst über Jazz schreiben kannst, passiert in New York (Mike kokettiert, sein halbes Leben hat er dort verbracht, auch wenn er jetzt Berliner ist). Kaum lesbar fährt die Matrix sich runter, leise Fußschritte der kurz angebundenen Trapper sind zu hören, die sich auf die Lauer nach einem Geheimnis legen. Daneben stehen die Dinge verdutzt auf der Bühne – in den Proben vorher ist mehr die Rede von Gold als vom Imitieren gewesen. Schon laufen wir wieder auf programmierten Rädern, die für den einen Nebeneffekt seines Spiels, für die andere Berufung sind. In seinem 70er-Rahmen spielt ein junger britischer Tornado mit seinen Stöcken Skalen in die Luft, schrittweise hält er das Tempo von getrieben zu aussöhnend, das Kinn weit vorgestreckt, die Haare strähnig. Nur seine Gang in der ersten Reihe klatscht nicht, gleich ziehen sie weiter in den Morgen herauf. Als ich so alt war wie er, litt ich wahlweise an Wollpullovern im Haar, an zu Ende gelähmtem Hämmern, dem falschen Einsatz oder zu Ende getrimmten Stoppeln.

Es ist ja zuerst einmal so, dass diese Initiativen aus einer Verwirrung entstehen. Morgens, nach zwei Tagen Experiment und Cool-Age-Naps ruft die ruhige Fahrt nach mehr Lässigkeit, mehr Pausen, den Spannungsaufbau rauf und runter, nach mehr Text, damit der Gang auf die Bühne erst recht nicht geprobt werden muss, weil Wichtigeres gilt. Stattdessen aber versenkst du die Bilder und die Vorderseiten der Zuschauer in deinem Glenmorangie. Hier könnte Dein Wort stehen, wenn es nicht nur unkonzentriert dahergesagt würde; er aber will nur spielen, wie eine gebenedeite Sechs swingt er auf Parcour durch die Musikstädte. Das alles ist sehr neutral, fromm schon, gebeugt zerlegt er wie jeder Jazzer die Moderne und folgt gehorsam, in geplanten Wiederholungen dem Takt. Mike ist wieder dran, er geht vor die Bühne, hin und zurück, noch überlegt er seine nächste Pointe. „Lean on me“ wird angestimmt. Auf einmal ändert sich seine Statur und wird übermächtig. Schon stimmt er einen prayer an, sein Wort hallt im Raum und macht uns zu geheimen Agenten der gemeinsamen Sache. Das ist der Beginn einer Revolution, einer des Wortes, der Musik und der Anteilnahme. Interplay: die weiteren spielen wie in Trauer nach vorne, Alesandro Abigada aus Lissabon verausgabt sich ein ums andere Mal leichten Herzens an der Tropete. Wir fangen noch mal von vorne an. Für die zwei Karren, die zeitgleich neben Carrefour halten oder auch für Coleman Hawkins fehlen zu dieser Stunde einfach die Worte. Wir sind entwaffnet und brechen auf dem Triumph ein. Schon jetzt können wir uns kaum noch zusammenreißen. Jazed vez, absolutement, französelt Mike, während wir bei frischgebrühtem Kaffee die musikalische Szene von Céline, dem Doktor hören, die in einer Romanze endet. Mit zwei Schlägen, die Hand an der Gurgel. Es ist einer dieser Morgen, an dem alle Daten offen sind: ein Wisch, ein Tusch, im Mural verschwindet das Hackebeil der Sonne, jemand lärmt etwas von Katastrophenschutz. Wie meine jüngere Schwester sagt: „You get in trouble when you´re sweet 16“. Trotzdem ist das ihr Lieblingsalter, etwas vom Anfang von Allem.

Zürne nicht, Refrain, es ist nur James Dean, der sich, bevor er geht, den Rest des Sets anschaut. Er kratzt sich nur am Kinn und hat immer noch das Quentchen Geduld bis zum nächsten Einsatz. Beim Masken-Song, der mit der Legende von Abadibadaba endet, sitzen zwei Alte an der Melodie, während die zwei Jungen Grundschlag und Einsätze vorgeben und die Lust am Krach sich schimmernd in die doppelt aufgetragene Haut schneidet. Wir tragen Miene auf und gehen Richtung Ausgang. Auf den nassen Straßen draußen streitet sich die Flotte um die Passagiere.

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Unterschiede zwischen „Russisch“- und „Preußisch“-Polen

Anhand „God´s Playground“, dem 1979 erschienenen Werk des Historikers Norman Davies, lässt sich die Geschichte zweier politischer Konstrukte und widersprüchlicher Begriffe aus der Zeit der polnischen Teilung – „Russisch-Polen“ und „Preußisch-Polen“ – beobachten, die für die kollektive Identität vieler Polen noch heute eine Rolle spielen, obwohl sie im Sprachgebrauch nie existierten.

Das Preußen des 19. Jahrhunderts, das Westpolen eingliederte, war ein autoritärer wie strikt nach militärischen Werten geführter und hierarchisch durchorganisierter Rechtsstaat, der geprägt war von die Idee eines überindividuellen Ganzen, welches sich im Bild des perfekt ausgebildeten preußischen Soldaten manifestierte, der von einer traditionellen Aristokratie und einer als effizient bewunderten Bürokratie gestützt wurde. Letztere, so Davies, stellte in Preußen einen ersten wirkungsvollen Dämpfer für die polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen dar Seine wirtschaftliche Stabilität und innere Homogenität verdankte der preußische Staat und seine spätere deutschen Nationalüberdachung einer früh einsetzenden Industrialisierung, der Emanzipation der leibeigenen Bauern und einer damit einhergehenden Urbanisierung gepaart mit einem bürgerlich-mondänen Kulturleben, welches auch Vorteile für die polnische Minderheit bot. Voraussetzung für den Eintritt in die Gesellschaft war jedoch die vollständige Assimilation. Die seit 1871 verschärfte Germanisierung (v.a. durch Gründung deutscher Institutionen, verpflichtendem deutschsprachigen Unterricht und informellen gesetzlichen Hindernissen) stärkte dagegen die polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen und eigenen politischen und kulturellen Strukturen, die zwischenzeitlich zurückgedrängt waren,. Gerade in Posen, wo eine komplette Germanisierung nie ganz gelang, etablierte sich in Abgrenzung zur restriktiven „Kulturkampf“-Politik unter Bismarck und späterer Vereinigungen „zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken“, die mit der Ansiedlung von Deutschen einen Vorboten der „ethnischen Säuberungen“ des folgenden Jahrhunderts lieferten, eine Widerstandsbewegung, die auch vormals politisch Unbeteiligte anzog. So legt der Schulstreik von 1906/07 Zeugnis vom durchaus vorhandenen kämpferischen Widerstand ab; er zeigt, dass sich viele Polen nicht mit der deutsch-preußischen Expansion zufrieden gaben und für ihre Minderheitenrechte oder gar ihre Emanzipation in einem eigenen Staat eintraten. Das Verhältnis zu Preußen blieb dennoch ein ambivalentes, da die polnische Minderheit lange eher als polnische Preußen denn umgekehrt betrachtet wurden, was sich auch in ihrem Selbstbild zeigte.

Russland versuchte dagegen in seinen wirtschaftlichen und politischen Krisen einem Aufstand seiner Provinzen und Minderheiten, besonders der Polen, mit einer flächendeckenden Industrie der Zensur und einem engmaschigen Agenten- und Polizeinetz zu begegnen. Mit Erfolg: Die 15 Millionen Polen im 1815 geschaffenen russischen „Kongresspolen“ sahen sich früh einem Nationalismus ausgesetzt, der Gehorsam dem Zar und der sozialen Ordnung gegenüber mit der Staatsideologie der Orthodoxie verband; ein System der Selbstkontrolle erzeugte zudem eine Situation des Misstrauens auch innerhalb der polnischen Minderheit. Einfluss gewann der russische Staat an seiner Westgrenze durch die Etablierung großer Garnisonen und militärischer Infrastruktur. Eine militärische Karriere galt als vielversprechend, vorausgesetzt, man akzeptierte die Russifizierung des Alltags- und Berufslebens, kehrte sich von Freunden und Familie, vom Katholizismus bzw. Judentum ab. So genügte es in Russland nicht wie im preußischen Teil vor 1870, ein guter Staatsbürger mit seiner eigenen nationalen Identität zu sein, da die polnische Sprache und Kultur als verdächtig angesehen wurde, als Gefahr für das Zarenreich. So entstand vor allem in „Varshava“ eine polnische Parallelgesellschaft, die zunehmend zu sozialen Konflikten führte – bis zur Loslösung von Russland während des 1. Weltkriegs 1915/16.

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Hinter das Meer: Schwedt – Siemieny (Informelle Bewegung I)

Habe ich erwähnt, was vorher war? Wo ich wohnte und arbeitete und Zeit verbrachte?

Jedenfalls bin ich danach unterwegs gewesen, am 1. eines Monats im Sommer; am Ende weiß ich dann genau, wie lange ich gelaufen bin (zählt man doch jeden einzelnen Tag beim Laufen, was ich vorher nicht wusste). Ich wandere  bis nach Gdańsk, die polnische Ostseeküste entlang, auf Wander- und Radwegen, durch Nationalparks oder direkt am Strand. Ständiges Meerrauschen. Ein Zelt habe ich, Isomatte, Schlafsack zum Übernachten auf den vielen Campingplätzen in der Gegend, oder im Freien. Einen Rucksack auf meinem Rücken, ein viel zu schweres Gesamtpaket, so schleppe ich mich die ersten Tage dahin. Es wird weiter schmerzen – ich habe zuviel eingepackt, es ist meine erste größere Wanderung. Der Schmerz geht bis auf die Knochen und wird dort noch einige Monate tief sitzen. Doch will ich wissen, wie das ist, ein Fuß vor den anderen zu setzen und vor allem will ich wissen, wie sie ist, die Landschaft – die Ebenen und Wälder an der Ostsee, die wilder und unberührter scheint als auf der deutschen Seite.

Manchmal geht es schlechter weiter. Fehlende Strecken, Wanderwege, Sümpfe, Regenfälle (besonders in der ersten Woche) erschweren den Weg. So nehme ich zuweilen auch den Bus oder den Zug, was beides ziemlich günstig und komfortabel ist und bedeutet, noch vor Anbruch der Dämmerung eine gesicherte Schlafstelle auf einem Campingplatz zu bekommen. Noch nicht am Meer, laufe ich die ersten Tage an der Straße, auf dem breiten Seitenstreifen. Nie treffe ich schlechte Autofahrer auf den Alleen und Landstraßen, auf denen ich später laufe, nie komme ich in Schwierigkeiten, auch nicht die kurze Strecke an der Autobahn, Seitenstreifen zweieinhalb Meter – über die Insel Wolin nach Międzyzdroje, eine flache, von einigen Auen und Büschen gezeichnete Landschaft. Dort begegne ich der Kehrseite eines der größten Ferienziele Polens, der Ostsee: den konsumorientierten Massentourismus. Praktisch kritiklos und hauruckartig wird seit dem Zerfall des Ostblocks in Polen das Prinzip des freien Marktes übernommen, was für die Badeorte bedeutet, möglichst profitabel ein Erfolgsmodell aus Strandpartys, unzähligen, meist unnützen Geschäften und wummernder Technomusik durchzusetzen. Dazu mit verhältnismäßig hohen Preise – wir sind schließlich im Urlaub! Doch wo, bitteschön, ist es anders?

Dann kam nur noch Wald, auf den Dünen, neben der Straße, Naturreservate, Seeadler, die europäischen Bisons, die Wisenten, Eber und Störche. Ich bin an der Ostsee und werde sie, bis auf eine Ausnahme, einem Kurzaufenthalt in Koszalin, bis Gdańsk nicht mehr verlassen. Die Schwierigkeiten der ersten Woche: neue, nicht eingelaufene Schuhe, der Regen und die nassen Klamotten, das ewige Schleppen des Gepäcks. Doch ist es nicht der neue Rhythmus,
der mich stört, im Gegenteil. Nach spätestens drei Tagen wird mir klar, worum es geht, wie der Tag sich vor mir gestaltet: früh am Tag werde ich wach, verlasse meine Zelt, um einzukaufen, ein paar Brötchen, Obst, irgendwas Süßes, gefüllte Teigtaschen mit Glasur
überzogen, wie sie häufig in den kleinen Holzbudenbäckereien angeboten werden. Anschließend Richtung Stadtausgang, wieder auf den Wanderweg von gestern, was meist das Schwierigste ist. Frei nach der Devise: Hauptsache an der See entlang! Mit zunehmender Zeit, es wird freundlicher und heißer, sinke ich ein in diesen Wanderkosmos. Zwar denke ich häufig an Zuhause, nur werden diese Gedanken auf der Strecke von anderen Prioritäten überlagert. Wo geht es weiter? Wie komme ich dorthin? Fährt
ein Bus? Komme ich noch bis zum Abend in die nächste Stadt, zum nächsten Campingplatz? Immer wieder rücke ich den Rucksack angenehmer zurecht, dann setze ich mich für fünf Minuten, bis die Mücken anfangen zu beißen und mich weitertreiben. Ich esse während des Gehens, murmele, zuweilen singe ich auch. Viele Leute grüßen mich auf dem Weg, fahren mit dem Fahrrad oder Auto die gleiche Strecke, sprechen mich an, mit den Händen zeigen sie mir auf der Karte die Strecke und Kilometer bis zum nächsten Ort und helfen mir, mich nicht in Trance zu laufen. An der Landstraße laufe ich allein, Angst habe ich keine; immerhin ist es dort sicher, zur nächsten Station in ein paar Kilometer zu gelangen. Mal halte ich den Daumen heraus, doch nimmt mich nie jemand im Auto mit. Von sich aus aber halten ein paar Autos an. Sie sehen jemanden auf der Straße laufen, langsam und gebückt und noch weit entfernt vom nächsten Dorf und halten. Fragen, wo es hingeht, zuerst auf  Polnisch, dann auf Englisch oder Deutsch.

Mein schönster Reiseabschnitt: vielleicht der Tag ab Kołobrzeg, den ersten Teil auf einem Radweg, dicht am Strand, nur von hohen Buchen getrennt, dann ins Land hinein, dem Wanderweg nach Koszalin folgend. Immer dünner besiedelt, ab und an eine Siedlung, alte Landhäuser aus dem vorletzten Jahrhundert mit umrankten Grundstücken, immer bellt ein Hund, viele kleine Waldstücken und Felder. Von Touristen ist hier kaum etwas zu sehen. Was ich denn ausgerechnet hier wolle, fragt ein junger Mann auf einer  Pferdekoppel auf Englisch. Wandern? Da solle ich doch besser in den Süden des Landes, dort gäbe es wenigstens Berge. Es ist jedoch gerade das Land hinter der See (Das Wort Pommern kommt vom Polnischen „Pomorski“ – hinter dem Meer), das mich seit seit dem ersten größeren Urlaub meiner Kindheit anzieht.
Wo ist dort? Wieviele Schritte misst ein Dorf zum anderen? Bleibe ich zurück oder gehe ich vorwärts, schiebe ich ein Stück Brot in den Mund, fühle ich mich wohler, doch will ich schon woanders sein, am Ziel. Hier ist dort, der Punkt, auf dem ich laufe. Der Weg ist zu lang an diesem Tag. Nach Koszalin werde ich nicht mehr laufen. So bleibe ich über Nacht in einer bruchfälligen Scheune, die im Wind zittert. Am nächsten Tag, in der nächsten Stadt, stellt sich heraus, dass ich einem Rundweg gefolgt bin. Von da an halte ich mich nur noch an die Wege, die unmittelbar am Wasser liegen, um die Orientierung nicht zu verlieren. Irgendwo entfernt, immer den Strand entlang, das weiß ich, liegt schließlich Gdańsk, mein Ziel. Dennoch ist es einer meiner schönsten Tage gewesen. Ein anderer ist der, an dem ich von Ustka, einem großen, viel zu großen und lauten Badeort, nach Rowy, einer beschaulichen Campingsiedlung gehe. Nur über die Klippen und Hügel über dem Wasser. Ein einziger Wald, dichte Birken und Buchen und Fichten, Wege dicht am Abhang. Es gibt keinen weiteren Weg dorthin, wenigstens ein Tag Sicherheit, auf der richtigen Strecke zu sein, lass gut sein, Ehrgeiz, zwanzig Kilometer, das geht, das ist nicht allzu viel und ich komme auch am frühen Abend an. Dann gehe ich noch, wie jeden Tag, nachdem alles aufgebaut ist, Zelt und Schlafsack und alles verstaut ist, in den Ort hinein, zum Rummel und zum Strand, Abendessen, manchmal zum Baden. Häufig esse ich Zapiekanka, ein mit Pilzen überbackenes Baguette, belegt mit Salami oder Käse und mit Ketchup übergossen. Was folgt ist das härteste Wanderstück am nächsten Tag, 35 bis 40 Kilometer, schwer abzuschätzen in dem ganzen Wald, über die riesigen, berühmten ins Land ragenden Dünen, die letzten Kilometer endlich nur am Strand. Es ist der zehnte Tag, völlig kaputt komme ich in Łeba an. Über die kleine Halbinsel bin ich getrottet, da ich keinen anderen Weg zum
Laufen gefunden habe. Den Balken, ein schwarzer, ein roter und wieder ein schwarzer Strich, das Zeichen des ewig gleichen Wanderwegs, hatte ich aus den Augen verloren. Doch habe ich es geschafft, bin wieder in so einer völlig dem Tourismus erlegenen Hafenstadt angelangt, kaufe mir Pflaster für die Füße, denn sie sind aufgescheuert und noch ohne Hornhaut und schlafe lange.

Von nun ist aber klar, dass ich es schaffe. Über die Hälfte hinter mir, passiere ich bald den Landrücken, dort oben auf der Karte, bei Władysławowo, dem ersten großen Hafen, von dem die große Halbinsel dreißig Kilometer bis zur Spitze, dem Überseehafen Hel,
abgeht. Der Anfang eines neuen Gebiets, nun in Pommern, das vorher, das war Westpommern. Ich esse das erste Mal Fisch auf meiner Reise, vorher gönnte ich mir selten etwas, Brot und Wurst und Käse eben aus den vielen Plastiktüten, die es zu jedem Einkauf
gibt. Da kommen zwei Rehe, ach was, eine ganze Herde, wenige Meter neben mir im Wald auf der Düne. Hoch und runter, auf den duftenden Kiefernnadeln, schnell wie sie sind, aus Angst vor mir. Ich bin in der Stadt Puck, Puzk gesprochen, mit seiner traumhaften Küste, mit Lagunen und sumpfigen Wäldern voller Farne und Sträucher, noch mehr Farben und das Wasser ist nicht mehr das der offenen Ostsee, sondern ein durch die Halbinsel von Władysławowo abgetrenntes Becken. Das sieht traumhaft aus in Puck, diese Bucht: auf der einen Seite die eine Stadt, W., von der ich mit dem Bus gekommen bin, auf der anderen P.

Pause: Wie soll ich das schaffen, über dreißig Kilometer? alles klebt, ich bin unruhig, doch habe keine Sorgen. Wozu auch?  Immer näher bin ich und folge dem Weg, der mich näher bringt. Am Ende schlafe ich dann so auf dem Weg ein. Was tut´s?
Ein letztes Mal richtig Laufen, über Umwege, einmal durch militärisches Sperrgebiet, doch hauptsächlich über Landstraßen voller Traktoren und Laster. Ich bin geübt, das merke ich, doch am Ende wackeln meine Füße vor Erschöpfung, ständig muss ich anhalten. Die Serpentinen hinunter, hinten wieder das Wasser, der Hafen von Gdynia. Meist ist die Rede von der „Dreistadt“ (polnisch: „Trojmiasto“): ein Konglomerat aus Gdynia, einem einzig großen Industrie- und Handelshafen, Sopot, dem kulturellen, sehr sauberen und feinen Städtchen, schon immer Treffpunkt der  Oberschicht, Künstler und Kurgäste, auch als die Stadt noch Zopot hieß. Schließlich Gdańsk (Zusammen haben diese drei Städte über 1,3 Mio. Einwohner, zum Vergleich die Hauptstadt Warszawa 2,5 Mio.). Über die Seepromenade gelange ich zum Ortschild, auf dem einfach so „Gdańsk“ steht, nach dem ganzen Weg und dem Leuchten des Hafens in der Ferne, dem ich entgegengegangen bin. Am vorigen Abend saß ich noch in Sopot am Strand, von irgendwoher kommt Jazzmusik und ich blicke auf die ins Meer ragende Lichterstadt. Der Sand ist sehr fein, feiner als zuvor. Schon sehr weit gekommen, denke ich an alles Erlebte.

In das Zentrum der Stadt hinein, dort, wo jeder hin will, zur Stare Miasto mit der Ulica Długa (Lange Straße) benötige ich dann doch noch einmal zwei Stunden. Vorbei am Nowy Port, dem Neuen Hafen und den vielen anliegenden Fabriken und Arbeiter- und Werfthäusern immer weiter ins Centrum. Zu den Fachwerkhäusern und Bürgerhäusern, alle dem niederländischen Renaissancestil nachempfunden mit seiner Ansammlung an farbigen und geschmückten Giebeln, Fenstern und Gemälden, seinen prunkvollen, geschwungenen Treppengeländern. Und vieles davon, das ist das Unglaubliche, nach der fast kompletten Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, detailgetreu wiederaufgebaut. Es ist eine sehr stille, schäumende Hitze, die gegen Mittag die Stadt überzieht. Mein Hostel verlassend laufe ich hier schon viele Stunden in der Altstadt, lerne ruhig die Straßen kennen. Mehrmals begegne ich denselben, denn viele sind es nicht, doch dafür umso eindrucksvoller. Ich kann mir Zeit nehmen. Wie angenehm ist es ohne Last, sich dem Sog der Massen hinzugeben, abzubiegen, die goldene Uhr des Rechtstädtischen Rathauses im Blick, rechts und links die Bürgerhäuser und auf einer Wiese im Hinterhof liege ich und schiele auf ein braunrotes Mauerwerk. Man merkt die enge Verbindung zum Meer, die die Stadt an der Motława als frühere Hansestadt prägt. Wenige Kilometer entfernt liegt das Meer, im Hafen fahren die Passagier- und Frachtschiffe nach Skandinavien und weiter. Es scheint immer weiterzugehen in dieser Stadt. Auch hat sie sich trotz der vielen Besucherströme etwas bewahrt, das unabhängig der tragischen Geschichte, unabhängig der herrschenden Macht, der Stadt einen Glanz verleiht, einen uralten Glanz. Weg von hier scheint mir unmöglich, wieder und wieder will ich über Pflastersteine, den Straßen und Häusern doch noch ihr Geheimnis entlocken.

Doch ich reise ab. Nach zwei Tagen. Es zieht mich weiter und länger als einen Tag war ich ohnehin nirgends. Ich brauche das Unterwegssein. Das Wissen, sich nur auf den Weg und das Fortkommen zu konzentrieren, bis dann gegen Abend, irgendwo, Ruhe ist und ich zwar alleine, aber zufrieden bin. Utopisch hatte ich mal gesagt, ich bin einen Monat weg, und dass ich bis hierher kommen will. Da bin ich auch noch nie gelaufen! So kam ich schon am fünfzehnten Tag dort an, wo ich hinwollte, ging am siebzehnten weiter und blieb noch eine weitere Woche in Polen. Das war ebenso: voller Felder und Seen, aber es war nicht mehr das gleiche wie vorher, musste es auch nicht. Es war ein Epilog, die Geschichte war erzählt. Die letzte Nacht, auf dem Rückweg hielt ich noch in Szczecin bei einem Studenten, den ich auf der Reise kennenlernte war ich schon nicht mehr auf der Straße, sondern Zuhause. Die vielen Tage dachte ich häufig daran, obwohl ich nicht genau wusste, wo das momentan eigentlich ist, wahrscheinlich ist es einfach etwas Verlassenes. Die vielen Tage: das waren eine Vielzahl Momente, die vielleicht nur so durch das Wandern zu erleben sind, intensiv und nacheinander, immer wieder einzeln und ohne dabei auf die Füße zu schauen.

Edit: Fünf Jahre später schaue ich auf einer Karte im Internet (©Google 2011) auf den letzten Ort meiner Reise, das Seedorf Siemiany, von dem aus ich mit Bus und Bahn zurück nach Szczecin und weiter nach Berlin fuhr. Ich sehe die letzte Abbiegung des Ortes, vor der ich zögerte und schließlich zurückschreckte, weil es genug war. Auch jetzt gehe ich mit meiner Hand nicht weiter. Schon einige Male bin ich in das Gebiet im Nordosten Polens zurückgekehrt, manchmal näher zu den bekannten Orten, als ich es geahnt habe, doch nie wieder alleine, mit schwerem Gepäck und ohne Polnisch. Obwohl mir bewusst war, dass es ein Wagnis werden würde, war es nötig, weil ein zweites Weggehen von zu Hause war. Das Gefahr und das Risiko dabei wurde mir erst im Nachhinein klar.  Dem Gefühl des Abenteuers tat dies aber in keinster Weise Abbruch. Immer wieder komme ich auf diese Wanderung zurück, meist als Rechtfertigung, warum ich dann später mit dem Polnischen angefangen habe. Ich kann nicht mehr sagen, wann ich mich tatsächlich dafür entschieden hatte, den Zug nach Schwedt zu nehmen und loszulaufen, ohne zu wissen, wann ich zurückkommen werde, da der Sommer gerade erst angefangen hatte. Was ich aber weiß, ist, dass diese informelle und spontane Aktion meine erste persönliche und längere Europa-Erfahrung war, ungeachtet der ganzen touristischen  Unternehmungen mit Bahn, Auto, Flugzeug in die Hauptstädte der EU. Vielleicht ja, weil ich Europa im Kleinen kennengelernt hatte.

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Europa und die Fußball-Europameisterschaft 2012 in der Ukraine und Polen

1. Einleitung: Das erste Mal Mittel- und Osteuropa

Noch vor ein paar Monaten wurde jede Bezugnahme bezüglich der kommenden Fußball-Europameisterschaft und insbesondere bezüglich der zwei Gastgeber- und Nachbarländer, Polen und der Ukraine, argwöhnisch betrachtet. Meist wurde in Kommentaren, Hinweisen, Augenzeugenberichten darauf hingewiesen, dass diese Länder noch nicht bereit seien für solch ein „Event“. Als Beispiel wurde vor allem auf die maroden Fernverkehrsstraßen Polens hingewiesen, die dortigen baufälligen Stadien, die vollständig  renovierungsbedürftig seien oder gleich neu gebaut werden mussten. Polen stach außerdem durch seine Fankultur heraus, die nicht selten auf randalierende und gewalttätige Hooligans (poln. Kibole) reduziert wurde.

Von der Ukraine war selten die Rede, zu weit entfernt, zu anders schien es dort zuzugehen – so zumindest mein Eindruck der Berichterstattung, die ich vor allem durch die Lektüre von Wochen- und Tageszeitungen (DIE ZEIT, die tageszeitung), sowie durch Schlagzeilen und Artikeln in der Internetpresse gewann. Auch der Chef des europäischen Fußballverbands UEFA, der frühere Weltstar Michel Platini, reiste in den letzten Jahren einige Male in die beiden Länder, um – bezeichnende Gemeinsamkeit zur politischen Dimension der europäischen Integration, auf die später noch genauer eingegangen wird – den Stand der technischen Vorbereitungen und entsprechenden Zusagen persönlich in Augenschein zu nehmen; er kam nicht umhin, der Ukraine bauliche Verzögerungen, Mängel in der Infrastruktur für solch ein Turnier (Hotels und Hostels, Straßen, Rasenplätze, auch einen Flughafen) zu attestieren. Andere drohten gar dem Land mit dem Entzug des Gastgeberstatus, als handele es sich bei dem Land um einen Schüler, bei dem die Versetzung in die nächste Klasse in Zweifel gezogen wird. Schnell wurden in Deutschland Stimmen laut, die sich dem polnischen Nachbarn und der UEFA als Ersatz empfahlen – die Voraussetzungen als Gastgeberland seien durch die 2006 in Deutschland stattgefundene Weltmeisterschaft ohne weiteres geboten. Mein Fokus wird im Folgenden auf der Betrachtung der Europameisterschaft als eines sportlichen Ereignisses sein; gleichzeitig schien es mir wichtig, die Medienberichterstattung aus soziologischer und diskursanalytischer Sicht zu betrachten, um Vergleiche zu der Zeit davor ziehen zu können und Verknüpfungen und Anspielungen auf den Begriff der Europäisierung herausarbeiten zu können. Die Politik – gerade in diesem Jahr, das in meiner Erfahrung das bisher „europäischste“ war – kann hierbei, ungeachtet aller Kommentare von Sportlern, Fans und Journalisten, nicht ausgeklammert werden. Sie äußert sich, implizit oder explizit bei jedem Spiel von Nationalmannschaften, zeigt sich an den Politikern in den Ehrenlogen, die sich mal herzlich, mal frostig die Hände schütteln; dies war offenkundig in den Protestaktionen von Regierungen einiger Mitgliedsländer sowie der Europäischen Kommission, die die Teilnahme einer Delegation in die Ukraine aufgrund der menschenrechtlich fragwürdigen Behandlung der früheren Präsidentin Julija Timoschenko absagte. Diese Politisierung äußert sich zudem in der Parallelisierung der Diskursarenen, wobei diese weniger Metapher, sondern reale zwischenstaatliche Machtkämpfe um Sieg und Niederlage, Wahlkampf und Verpflichtungen, Schulden, Kredite und Staatsanleihen waren, kurz: die Rolle in einem Europa der 27 Mitgliedsstaaten, das sich in ein Europa der konzentrischen Kreise zu verwandeln droht – einige als Teil des Wirtschaft- und Währungsraums des EURO, einige mit mehr Bedeutung, andere in der Peripherie, einige mit mehr EU-Fördergeldern, andere mit mehr Schulden. Polen und die Ukraine sind dabei zwei Länder mit langer und konfliktreicher Nachbarschaftsgeschichte1. Gleichzeitig markiert die Grenze zwischen beiden Ländern einen markanten geographisch-territorialen Bruch, einmal als Außengrenze der Europäischen Union, die es, wie alle Außengrenzen der EU (im Sinne der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik GASP) unter allen Umständen zu sichern gilt und die insbesondere für die Ukrainer selbst langwierige Kontrollen und umständliche Visa-Beantragungen zur Folge hat. Auf der anderen Seite wird diese grüne Grenze auch als Schnittpunkt von Mittel- zu Osteuropa gesehen, ein Urteil, das gleichzeitig von den jeweiligen Bevölkerungen, gerade in Grenzgebieten immer neu verhandelt wird.

2. Ein Wochenende in Warschau

An einem Wochenende im Juni war ich nun in Warschau, dem Austragungsort von vier Spielen. Seit meinem Auslandsaufenthalt 2009/2010 in dieser Stadt hatte sich nun einiges getan: Nicht nur war das neue Nationalstadion auf rechten Seite der Weichsel fertiggestellt worden, auch die Atmosphäre in der Stadt schien sich, selbst im Vergleich zu meinem letzten Kurzbesuch im April diesen Jahres, schlagartig verändert zu haben. Schon da fielen mir die dreisprachigen Ansagen im Berlin-Warszawa-Express (polnisch, dann englisch, schließlich deutsch) auf; auch waren viele Straßen in der Stadt runderneuert, Schilder in mehreren Sprachen waren zu lesen, Bänke wurden ausgetauscht und das Infrastrukturnetz verbessert. Am auffälligsten gab sich der Zentralbahnhof, der, erste Station für alle Neuankömmlinge in der Hauptstadt, vollständig modernisiert wurde: Neue Leuchttafeln und neue Geschäfte sollen ein modernes und junges sowie konsumorientiertes Bild für die in Massen kommenden Touristen vermitteln, analog den Goldenen Terrassen (Zlote Tarasy), dem riesigen gläsernen, architektonisch auffälligen Einkaufszentrum nebenan. Die meisten der alten, dunklen und vollgestopften Kioske mussten dafür weichen, sei es, weil neue Geschäfte dort Platz fanden, oder häufiger, dass mehr Platz und Licht in den engen Gängen des Untergrunds geschaffen wurde, durch die sich die ankommenden Fans auf den Plac Delfilad vor dem Kulturpalast und der extra aufgebauten Fanmeile drängen müssen. Nun, im Juni, ist auch der Brat- oder Ofengeruch, der bei der Herstellung des polnischen Fast-Foods zapiekanka entsteht, in der Unterführung der wenige hundert Meter entfernten Metro-Station „Centrum“ verschwunden. Auch sind die Straßenverkäufer weniger geworden, eine Entwicklung, die sich für mich auch im Vilnius des Jahres 2009 beobachten ließ. In diesem Jahr war die Stadt Kulturhauptstadt Europas und zeigte sich glitzernd und sauber von seiner besten Seite, wobei die ehemaligen Straßenbewohner der Stadt, die an den Stadtrand vertrieben wurden, nachts doch wieder in der Innenstadt trafen. Wohin also diese hauptsächlich weiblichen Verkäuferinnen gezogen sind, wusste ich nicht zu erfahren, ebenso wenig im Falle der Verkäufer auf dem berühmt-berüchtigten Jarmark Europa am Nationalstadion (außer dass diese dezentral in andere Basare verteilt wurden), der dem neuen Gelände und dem Parkplatz weichen musste. Jetzt wurde der Platz neu betoniert, an manchen Stellen wurde neues Grün gepflanzt, wobei nur die Farbe verrät, das dieses neu ist. Sonst scheint es schon immer so gewesen zu sein. Nicht immer ist jedoch klar auseinanderzuhalten, welche baulichen Maßnahmen und daraus resultierenden einschneidenden Veränderungen der Lebensumwelt einiger Stadtbewohner nun der Inszenierung des sportlichen Großereignisses geschuldet sind und welche ohnehin in der Städteplanung vorgesehen waren. An diesen Vertreibungsmechanismus „von oben“ bei der Neuschreibung ganzer Stadtviertel von oben erinnerte dann genauso der tierrechtliche Skandal in der Ukraine, nachdem durch die Medien bekannt wurde, dass die meisten der in den Innenstädten der ukrainischen Austragungsorte frei herumstreunenden Straßenhunde vertrieben oder, häufiger, vergiftet wurden. Ähnliche Berichte waren auch bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking zu hören, wo ganze Häuser der neuen Infrastruktur weichen mussten. Ein kurzer Aufschrei der Weltöffentlichkeit folgte, der schnell verebbte; ähnlich könnte es bei den diesjährigen Spielen in London der Fall sein, womöglich jedoch eher durch steigende Mietpreise auf unsichtbarerem und stillerem Weg.

3. Einschub: „Die Bankrotten sind da!“ – Zur Politisierung des Fußballs während der Krise

„Europa, wir können wir noch gewinnen!“ titelten die griechischen Zeitungen mit Bezug auf die Wirtschaftskrise, die seit Jahren wie in keinem anderen Land der EURO-Zone in dem Mittelmeerstaat herrscht. Auch das bevorstehende Viertelfinale gegen den übermächtig wirkenden Gegner Deutschland wurde deutlich mit politischer konnotiert und auch so verstanden. Da wurden schon mal die deutsche Bundeskanzlerin und nicht etwa der Trainer oder die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft Zielobjekte der halb ironischen, halb martialischen sprachlichen Drohgebärden. Der Satz „Jetzt bringt uns Frau Merkel!“ deutet außerdem auf eine Gleichsetzung des Landes mit seinen Autoritäten hin, die für ihre Politik Verantwortung übernehmen müssen und Kritik erfahren. Vor dem Hintergrund der „Euro-Krise“ haben so viele Nationalspieler verschiedener Nationen auf die Bedeutung der EM hingewiesen, besonders im Sinne der Ablenkung von der wirtschaftlich und sozial angespannten Situation im Heimatland. Dies war besonders deutlich im beschriebenen Fall Griechenlands, das fast heroische Züge im ersten Spiel gegen Polen annahm, in dem die Spieler und allen voran der Kapitän der Mannschaft, Karagounis, gegen einen ungerechtfertigten Platzverweis eines Mitspielers protestierten. Andere Fälle sind Portugal und Spanien, in denen der politische Diskurs deutlich zur Sprache kam. Letztere widmeten schließlich ihren Sieg bei der Europameisterschaft gegen Italien ihren Landsleuten. Kein Wunder also, dass die strahlenden Sieger, zu Hause angekommen sogleich vom König Spaniens empfangen wurden. Wiktor Janukowytsch dagegen, der umstrittene Präsident der Ukraine, trat kaum in der Öffentlichkeit auf. Zumindest suggerierten das die von der UEFA kontrollierten Kamerabilder, die ihn während der EM nur wenige Male zeigten. Auch die Halbzeitpause jedes Spiels kam ohne das Thema Europa – oder besser: der Europäischen Union – nicht aus. Selten waren die rund fünf- bis zehnminütigen Kurznachrichten derart von EU-Themen bestimmt: Ob der Bericht vom letzten EU-Krisengipfel, die Kritik am institutionellen Gefüge oder die Rolle der nationalen Parlamente und eine Änderung des Grundgesetzes – dies alles lief wie eine Hintergrundmusik zu den nationalen Zusammenkünften auf dem Rasen und ließen eine unruhige Zeit voller Debatten erahnen. Ein Schwenk zur Pressekonferenz der deutschen Nationalmannschaft korrigierte jedoch dieses Bild und ließ die sportliche und erfolgsorientierte Perspektive überwiegen. So betonten Bundestrainer Löw und Mittelfeldregisseur Özil jedoch vor dem Halbfinale einstimmig, dass sie die Geschichte nicht interessiere, wobei jedoch ihre ernüchternde Länderspielbilanz gegen die Italiener gemeint war und weniger die Beziehung Deutschlands zu Polen und der Ukraine oder die Rolle der Bundesregierung in der EU. Letztere legte unterdessen, wie während so mancher internationalen Endrunde, die Grundzüge neuer Politik. die niemand in der kollektiven Euphorie so recht mitbekam. Das Vorrundenspiel zwischen den Erzrivalen Polen und Russland lieferte dagegen das ernüchterndste Beispiel einer Politisierung des Sportes ab. Im Vorfeld des Spieles, das ausgerechnet am russischen Nationalfeiertag (konnte nicht beachtet werden, dieses an einem anderen Ort als Warschau abzuhalten?) stattfand, liefen russische Hooligans demonstrativ in einem langen Marsch über die Poniatowskibrücke in der Warschauer Innenstadt in Richtung des polnischen Nationalstadions. Dabei wurden sie von polnischen Hooligans angegriffen und in wahrscheinlich schon im Voraus abgesprochene Kämpfe verwickelt, die im nach dem Spiel außerhalb der Stadt in typischer Art weitergeführt wurden. Dutzende wurden verletzt und festgenommen. Es sollte entgegen panischer Stimmen vor der Europameisterschaft die einzige Ausschreitung in den beiden Gastgeberländern bleiben.

4. „Building history together“ – Die Europameisterschaft als Motor der Europäisierung

In diesem Monat ist Europa wieder näher zusammengerückt. Die Autobahn zwischen Warschau und Berlin ist gerade noch rechtzeitig fertiggestellt worden, der Berlin-Warszawa-Express fährt mit schwarz-rot-gold-lackierter Lok und das „Berliner Fenster“ in den U-Bahnen berichtet täglich der „Club der polnischen Versager“ in ihrem Beitrag „Lewandolski“ (wohl eine Wortschöpfung aus den Namen der beiden Stürmer Robert Lewandowski, dem Dortmunder Stürmer auf polnischer Seite und Lukas Podolski, den Kölner Stürmer auf deutscher Seite) über die polnische Sicht auf die EURO, in kurzen abgerissenen Sätzen, ironisch und distanziert, dennoch interessant für alle, die sich erst durch den Fußball mit Polen beschäftigt haben. Es kommt einer Parodie gleich an diesem wichtigen Tag für den polnischen Fußball, diesem zweiten Gruppenspiel gegen Russland. Ich stehe dichtgedrängt in eben diesem „Klub Polskich Nieudaczników“, einer polnischen Institution in Berlin-Mitte, die ähnlich Wladimir Kaminers „Russendisko“ in den wilden ersten Jahren der Neunziger von Emigrierten gegründet wurde, schaue nun mit anderen Berlinern in dem Klub das intensive Spiel und höre gleichzeitig den parodistischen Kommentar eines Mannes, der auf Deutsch mit polnischem Akzent die Wichtigkeit des Spiels und des Fußballs im Allgemeinen demonstrativ herunterspielt. Beim Tor von Jakub Błaszczykowski, eines anderen Dortmunder Spielers, springen dann aber doch alle auf und feiern gemeinsam. Im „11-Freunde-Fußballcamp“ hinter den Lagerhallen am Ostbahnhof ist die Stimmung ähnlich. Im ersten Spiel gegen Griechenland ist die eigens aufgebaute Tribüne fest in polnischer Hand, während der vorbeifahrende Zug nach Warschau ein Anfeuerungsruf von der Lok sendet – das polnische Berlin, hier ist es. Mitveranstalter ist das Polnische Institut Berlin, das das Projekt der „Eastern Allstars“ initiierte, ein zwölfteiliger Sammelkartensatz eine fiktiven Mannschaft großer mittel- und osteuropäischer Fußballer „zwischen Ostsee und schwarzem Meer“, waren es nun sowjetische Helden ukrainischer Herkunft wie der jetzige ukrainische Nationaltrainer Oleh Blochin, der deutsch-polnische Fußballer Friedrich Scherfke (Fryderyk Szerfke), der in den Dreißigern für die polnische Nationalmannschaft spielte oder Włodzimierz Chomicki, der am 14. Juli 1894 das erste offizielle Tor der polnischen Fußballgeschichte schoss, welches seitdem im selben Maß von den Ukrainern gefeiert wird. Spielort war Lemberg, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, bis zur ersten polnischen Teilung 1772 über vier Jahrhunderte als Lwów Teil des polnischen Königreichs war und heute als L’viv in der Westukraine liegt. Gemein ist ihnen, dass ihre Geschichte die wechselvolle Geschichte der Länder spiegelt. Eine andere Form der Reportage lief einen Monat täglich im Berliner Fenster: Bilder der „EM-Stadt“ Warschau. Bemerkenswert daran war, dass die Stadt die einzige sogenannte EM-Stadt blieb, was die besondere Beziehung zu Berlin deutlich macht. Jahrelang, so hörte ich es von vielen Warschauern, hat sich ihre Stadt an Berlin orientiert, vor allem in Bezug auf kulturelle Trends, Musik, Mode, Straßenkultur. Ist jetzt die Zeit, da sich dies herumdreht? Ist Warschau, oder sogar Polen, Sehnsuchtsort geworden?

Als Gastgeberland stand Polen bei weitem nicht so im Vordergrund wie Ukraine. Niemand erwartete von letzterem einen reibungslosen Ablauf; als es nun von den vielen internationalen Fans, die, zum ersten Mal in der Ukraine, zuvorkommend und gastfreundlich empfangen wurden, nur Gutes zu berichten gab, war die repressive Politik Janukowytschs gegen die eigene Bevölkerung schnell vergessen. Der Ausnahmezustand galt dabei vor allem im Hinblick auf die Gäste, die sonst geltende Einschränkungen weniger stark zu spüren bekamen, etwa das Alkohol- und Rauchverbot in der Öffentlichkeit. Die Stadien waren wiederum nach Bekunden der UEFA fast vollständig ausgelastet. In Kiew fanden dabei die größten und am besten besuchten Spiele statt, wie beispielsweise England gegen Schweden (3-2) und natürlich das Finale, das die Spanier eindrucksvoll gegen die vorher so schnörkellos spielenden Italiener gewannen. Flankiert wurden die Spiele von einem Großaufgebot der Polizei. In Warschau, wo indes, wie in vielen anderen polnischen Städten auch, die nicht fertiggestellten Bauvorhaben unverdrossen weiter im Bau waren und die Innenstadt aufrissen, schienen sie aus der Auseinandersetzung der polnischen und russischen Hooligans gelernt zu haben und waren von nun an verstärkt und deutlich sichtbar auf den Straßen zu sehen. Die dekorierten Fans der Nationalmannschaften liefen an ihnen in der neuentstandenen autofreien Zone vorbei. Derart viele hatte ich auch bei Demonstrationen nicht auf den Straßen gesehen, was womöglich auch daran lang, dass an den einzelnen Spieltagen einige Arbeitende in den Städten frei bekommen haben. Ebenso übrigens Studierende, deren Semester sogar teilweise wegen der EURO vorverlegt wurde. Von Zeit zu zeit war der polnische Anfeuerungsruf „bialo-czerwoni“ (Die Weißroten) zu hören. In der Ferne glitzerte am Abend in eben diesen Farben das für einige Hundert Millionen Euro errichtete Nationalstadion, das erste in der polnischen Geschichte. Platz machen dafür musste der weit über Warschau bekannt gewordene Basar neben dem Stadion, der Europa im Namen trug und eine multikulturelle Enklave in der Stadt bot. Ein dialektischer Prozess der Homogenisierung schlug sich hier Bahn. Seit der Vergabe der EM nach Polen und die Ukraine in den Gaststädten ist unleugbar einiges an Geld investiert worden, dass zum Ziel hatte, einen westeuropäisierten Weg der Angleichung einzuschlagen und die technischen und städtebaulichen Rahmenbedingungen zu schaffen, ungeachtet der anderen, finanziell schwach ausgestatteten Politikfelder; auf der anderen Seite zeigt sich das Europäische daran (und dies gilt im Monat der Repräsentation am deutlichsten) in einem national geprägten Licht, das nicht weiter verwundert, spielt doch der Sport auf der nationalen Ebene mit kollektiven Emotionen, nutzt nicht zuletzt die Werbeindustrie das plötzlich gefundene Zusammengehörigkeitsgefühl. Auch wenn bald nur noch die Hälfte der Zuschauer auf den Rängen sitzen werden, leuchtet die Außenhülle weiterhin in den Nationalfarben und verengt den Spielraum der Debatte um Patriotismus, Fankultur und Nationalismus.

Viele Polen, habe ich den Eindruck, werten die EURO aber in erster Linie als eine historische Chance, die Aufmerksamkeit der europäischen, wenn nicht einer globalen Öffentlichkeit auf das eigene Land zu lenken und vor allem als gute Gastgeber zu gelten. Dieses Gefühl zeigte sich am besten in einem bezeichnenden Spruch auf der Absperrung der Fanmeile, „Razem tworzymy przyszlosc“, wobei die englische Übersetzung das flüchtige Moment, das sich nur in sportlichen Kriterien misst, unterstrich. „Building history together“ möchte zwar auch gerne als ein impliziter Aufruf verstanden werden, die Vergangenheit für eine Zukunft gemeinsam neu zu bestimmen, sagt aber im Grunde nur, dass die „Spiele“ bald wieder vorbei sind und der Zauber nur noch in der kollektiven Erinnerung besteht, sofern diese denn „historisch“ waren. Dennoch: Viele Einheimische sind überrascht, wie freundlich die Stadt während der ganzen Zeit war, wie weltoffen und unproblematisch zusammen gefeiert wurde. Dies gilt auch für andere Beobachtungen. So vertrat ebenso die polnische Psychologin Krystyna Skarżyńska in der „Gazeta Wyborcza“ die Auffassung, dass dieses europäische Spektakel der polnischen Bevölkerung das Gefühl vermittelte, in Europa angekommen zu sein. Damit gehe auch eine Normalisierung in Bezug auf den polnischen Fatalismus einher, die zudem dem Fußball seine mit Ehre und Nation aufgeladene Bedeutung nehme, da die junge Generation der Nationalmannschaft kritischer eingestellt sei. So feierten die meisten Fans auch nach dem frühen Vorrundenaus, oft sogar mit Fans aus anderen Ländern. Am Wochenende der Viertelfinalbegegnungen, an dem zur Abwechslung kein Spiel in Warschau stattfand, war die Stadt Schauplatz des traditionellen Frühlingsfestes „wianki“, bei dem für alle Mädchen und Frauen Blumenkränze geflochten werden, die anschließend am Abend in den Fluss geworfen werden. An der Wisła fanden Konzerte, eine Lichterserenade statt, zuletzt beendete ein riesiges Feuerwerk den Tag, das, ob EURO oder nicht, auch so stattgefunden hätte, aber die Feiern auf der Straße nur verstärkt hatte. Es herrschte eine Karneval-Stimmung des kommunikativen Austausches, in der die gegenseitigen Stereotype schnell verschwanden. Das Selbstbewusstsein der Gastgeber dagegen wuchs durch das anerkennende Lob von allen Seiten und die Feststellung, dass Polen ein im Grunde sehr normaler europäischer Staat war oder geworden ist.

Ähnlich scheint die Situation vordergründig in der Ukraine zu sein, doch liegt der Fall anders und ist verschlungener, komplizierter. Auf der einen Seite fungiert das Land als fester Ort, als Markierung für den Rand Europas, der letzte Grenzposten vor dem großen Russland, ein Beitrittskandidat der Europäischen Union, der nach der „Orangen Revolution“ 2004 und der konservativen Konterrevolution sicher bald wieder in Tritt kommen wird. Hier, so die Argumentation, könne durch die Europameisterschaft eine Politisierung durch eine kritische Öffentlichkeit geschaffen werden und ein westeuropäisches Demokratiemodell etabliert werden. Auf der anderen Seite fällt gerade bei dem in den Medien vorherrschenden Bild der Ukraine auf, dass dem Land selber wenig Interesse beigemessen wird, sei es aus Nicht-Wissen oder Nicht-Interesse. Stattdessen wird das Land von der Landkarte genommen, „entterritorialisiert“, an einen undefinierbaren Rand verlagert und mit einem bestimmten Muster überdeckt, ähnlich dem „Eurovision Song Contest“ diesen Jahres in Aserbaidschan, von dem die meisten, ob sie nun da waren oder nicht, ob davor oder danach, nicht viel mehr wussten, als dass es dort Menschenrechtsverletzungen gab. Mit dieser nur auf einen Aspekt konzentrierten Betrachtung wird es aber schwer, diesem Land gerecht zu werden: nicht nur bleibt aus dieser Sicht alles beim Alten, auch wird das jetzige Ereignis, das für viele Ukrainer eine Möglichkeit ist, ihr Land der Welt zu präsentieren, entwertet und letzten Endes wiederum entpolitisiert, weil ein Diskurs ausbleibt.

5. Totale Kontrolle: Fußball in Zeiten der Nicht-Verortung

Das perfekte Vergnügen, das perfekte Bild. Die EM hätte aus Sicht der UEFA, des europäischen Fußballverbandes, an jedem Ort spielen können, wo Gewinnmargen zu erwarten sind. Bei den beiden diesjährigen Gastgeberländern standen jeweils konsumorientierte neue Zielgruppen verschiedenen Alters dahinter, denen einiges geboten wurde, von der austauschbaren Fanzone mit Techno-Musik bis zu den Werbeschildern und -bannern in der Innenstadt mit den beiden Maskottchen, die von einer Werbefirma die abstrusen Namen Slavek und Slavko verpasst bekommen haben, deren Namen eher ein tschechisch-kroatisches Duo vermuten lassen, kein polnisch-ukrainisches. Die Fanzonen sind dabei eine besondere Form einer wandernden Stadt. Hier gelten eigene Regeln, die Getränke sind besonders teuer und einige Dinge dürfen nicht mit hineingenommen werden. Darunter meine alte Analogkamera und das, obwohl praktisch jeder Fan heute ein Smartphone hat und Fotos in wenigen Sekunden machen kann. Dieses homogene, angeglichene Bild, das sich in der Nähe der EURO-Fanartikel-Welt zeigt, wird innerhalb der hochmodernen Technologieparks der Stadien perfektioniert. Dies wird vor allem an den Fernsehbildern deutlich, die sämtlichen Fernsehsendern weltweit von der UEFA verkauft wurden, jedoch unter Beibehaltung sämtlicher Bildrechte. Wie eine moderne und flexible Fußballmannschaft behält der Verband jederzeit die Kontrolle über das Spiel, auch wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt. Dies führte während eines Vorrundenspiels zu der skurrilen Situation, dass der auf das Spielfeld gelangte „Flitzer“ nicht in den Fokus der Kamerabilder geriet und der Kommentator von seiner Kabine aus über das Geschehen auf dem Platz berichten musste, während die Bilder weiterhin die Tribünen in Weit- und Kurzansicht zeigten oder gar gleich Rückblenden, die nicht als solche deklariert waren. Laut UEFA gehe es um ein „neutrales Bild“, das den Sport und das Spiel in den Vordergrund und „Störenfrieden keine Plattform bieten“ wolle, so der ARD-Programmchef. Dieses neutrale Bild jedoch ist mehr Imagekampagne eines Verbandes, der wie ein Unternehmen handelt, alle vier Jahre einen sicheren Hafen ansteuert und ein Franchise-Unternehmen für wenige Wochen eröffnet, an dem dieser am meisten verdient – allein 2012 waren es 1,3 Milliarden Euro. Für die EM-Städte, die ihren Teil der Kosten für die Teilnahme vor allem in teuren Infrastrukturprojekten begleichen mussten, wird sich erst zeigen müssen, inwiefern die aus Schulden finanzierten Investitionen im Bereich des Tourismus weitergeholfen haben. In Poznań beispielsweise formierte sich vor und während der EM Protest unter dem Motto „Brot statt Spiele“  („Chleba zamiast igrzysk“) gegen die hohen Kosten, die mangelnde Transparenz und fehlende  Mitbestimmung bei der Bewerbung um die EM; vor allem waren viele Stimmen zu hören, die das Geld besser in einer Ausfinanzierung der öffentlichen Einrichtungen angelegt gesehen hätten. Die 750 Millionen Złoty für das neue Stadion hätten gereicht, um 6000 Krippenplätze über zehn Jahre lang in der Stadt ausbauen zu können5. Auch die Warschauer Palme auf der Aleje Jerozolimskie, selbst eine Kunstperformance, wurde bei diesen Protesten miteinbezogen und mit dem einprägsamen Spruch auf einem Banner umhüllt. Dies macht einmal mehr deutlich, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, ein gegenwärtiges und zukünftiges Europa, EU-Europa, UEFAEuropa zu definieren. Doch gibt es neben den formalen und institutionalisierten in gleicher Weise, wenn auch kleiner und mit weniger Au0enwirkung, verschiedene zivilgesellschaftliche Zusammenschlüsse wie die polnischen Künstler- und Politgruppen bęc zmiana (Bumm. Veränderung) oder krytyka polityczna (Politische Kritik), die neben einem gelungenen Fußballfest noch andere Forderungen an Europa haben und auf die Frage, was uns wichtig sein sollte, sich eigene Bilder vorstellen.

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Staatlicher Nationalismus in Ungarn

Neuer Nationalismus?

Am 1. Juli 2011 endete die ungarische Ratspräsidentschaft im EU-Parlament. Unter den Augen der europäischen Öffentlichkeit ging es in diesen sechs Monaten selten um Vorstellungen einer gemeinsamen Europapolitik, vielmehr rückte die Innenpolitik der Regierung Viktor Orbáns das Licht auf die nationalistischen Tendenzen in anderen europäischen Staaten: In Dänemark, Finnland oder den Niederlanden sind mittlerweile nationalkonservative oder offen nationalistische Parteien im Parlament oder, wie in Österreich oder Italien, an der Macht.

Ähnlich Ungarn, dessen nationales Erbe während des Kommunismus in den Hintergrund geriet, haben sich während der fortschreitenden Demokratisierung und politischen Differenzierung in den ehemaligen „Ostblock“-Staaten rechte Parteien ein Nischendasein zurückerworben; vielerorts, wie in Serbien oder Kroatien, gehören nationale Diskurse und ein Vergangenheitsbezug zum politischen Grundtenor der meisten Parteien (vgl. Mayer 2010: 15). In Zeiten wirtschaftlicher Depression und politischer Polarisierung ist der Diskurs des Nationalen als „optimal ‘identity-securing interpretive system‘“ (Spiering 1996: 124) eine erfolgreiche Mobilisierungsstrategie aller Parteien geworden, mit der Wahlen zu gewinnen sind. Der ungarische Nationalismus im Speziellen ist jedoch, wie zu zeigen sein wird, der Dauerhaftigkeit und Omnipräsenz der Nationalgeschichte und dem daran anknüpfenden Populismus in den letzten beiden Jahrzehnten geschuldet, die der gegenüber anderen Ländern radikaler und extremer auftrenden „neue[n] Generation in der rechtsextremistischen Szene“ (Mayer 2010: 12) den Weg geebnet haben.

Kontroverse und widersprüchliche Amtshandlungen der Regierung bestimmen Ungarns Politik. Ihre auf europäischer Bühne gelobte Bereitschaft, eine Vorreiterrolle in der Integration der Roma zu spielen kreuzt sich mit der ideologischen Streichung von Namen aus dem Stadtbild – wie Endre Ságvári, einem sozialdemokratischen Freiheitskämpfer, der durch europäisch anerkannte Bekämpfer des Kommunismus, wie die polnischen Geistlichen Jerzy Popiełuszko und Johannes Paul II. ersetzt wurde (vgl. Schmidt-Häuer, 26.5.2011). Die Umbenennung von 25 Straßen und Plätzen in Budapest durch Ungarns Mehrheitsregierung der FIDESZ (deutsch: „Bund junger Demokraten“) ist nur das jüngste Beispiel eines geschichtsrevisionistischen Nationalismus, der jegliche, auch implizite Kritik an Ungarns Geschichte totschweigt, dafür Antikommunisten und Diktatoren wie Ferenc Kisbarnaki Farkas rehabilitiert (vgl. Mayer 2010: 38). Diese „offene Verachtung für demokratische Institutionen und Verfahren“ (ebd.: 34), die die FIDESZ seit ihrer Gründung verfolgte, ist mittlerweile mehrheitsfähig – die 52% der Parlamentswahl vom April 2010 und die 17% der ultranationalen ‚Jobbik‘ (deutsch: „Gemeinschaft von rechtsgerichteten Jugendlichen –Bewegung für ein besseres Ungarn“) – sprechen eine deutliche Sprache. Dabei ist die frühere „extreme Lagerbildung“ (Kolb, 12.4.2011) zwischen linkem und rechtem Lager, die keine politische Diskussion oder Konsensbildung zuließ, zugunsten einer emotionalisierten „Politik des Symbolischen“ (Mayer 2010: 33) der FIDESZ aufgelöst; daneben bleibt lediglich eine sich bewusst anti-politisch, bürgernah und antielitär gebende ‚Jobbik‘ und eine dahinschwindende sozialistische Partei MSZP, die bei der letzten Parlamentswahl ein Debakel erlebte.

Verschiedene gesellschaftlicher Tendenzen führten zu dieser Entwicklung: Auf der einen Seite das Versagen der korrupten und in Eigeninteressen verharrenden sozialistischen Vorgängerregierung, in einen Diskurs mit den Wählern zu treten, auf der anderen Seite historisch nicht aufgearbeitete Konflikte wie die „nationale Identitätsstörung“ (Sitzler 1992, 105) des Vertrags von „Trianon“ nach dem Ersten Weltkrieg oder die Beteiligung ungarischer Politiker an der Herrschaft der Nationalsozialisten. „Trianon“ kann als ständig aufgegriffenes Herzstück des ungarischen Nationalismus bezeichnet werden, das sich auf das (in Europa entwickelte) Ideal eines Nationalstaats beruft, in dem die Grenzen von Nation und Staat kongruent sind (vgl. Spiering 1996: 105). So ist nicht verwunderlich, dass zum 70. Jahrestag des Friedensschlusses von Trianon am 2.6.1990 Ministerpräsident Jószef Antall sich als Ministerpräsident von 15 Millionen Ungarn (statt der ungefähr 10 Millionen ungarischen Staatsbürger) bezeichnete und damit „in Gedanken Ethnos, Nation und Staat wieder zur Deckung gebracht“ (Sitzler 1992: 107) hat. Ein Katalysator für die ökonomische Krise, mit der Ungarn seit 2000 kämpft, war zudem die im September 2006 an die Öffentlichkeit geratene „Wutrede“ des sozialliberalen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány, der die Misswirtschaft in den eigenen Reihen anprangerte. Durch die Medien angefeuert war sie „politische Feuertaufe“ (Mayer 2010: 50) vieler rechter Gruppierungen, die mit Unterstützung der ‚Jobbik‘ einen Volksaufstand initiierten, der in langanhaltenden gewaltsamen Unruhen (dem „heißen Herbst“) mündete und hunderte Verletze forderte (vgl. ebd.: 49).

Drittstärkste Partei – in 4 Jahren

Erst ab 2003 als offizielle Partei agierend, setzt sich die ‚Jobbik‘ u.a. aus ehemaligen nationalkonservativen Funktionären und Mitgliedern der nordungarischen Skinhead-Szene zusammen. Unter Gabor Vona, früherer Orbán-Anhänger und seit 2006 Präsident der ‚Jobbik‘, baute sie ihr Netz von kleineren Unterorganisationen, wie der paramilitärischen „Ungarischen Garde“ und anderen nahestehenden Milizen aus; mittlerweile gehören ihr auch eine Polizeigewerkschaft mit 5000 Mitgliedern, kooperierende radikale Fußballclubs und nicht zuletzt zahlreiche Presseorgane und -läden an (vgl. Mayer 2010: 71). Viel erschreckender als diese Parallele zu anderen rechtsextremen Parteien ist jedoch der auf fruchtbaren politischen Boden treffende erfolgreiche rassistische und antisemitische Diskurs der ‚Jobbik‘, der, gepaart mit einer auf nationalen Mythen, einer aktiven gewaltbereiten Mobilisierung durch den „Kampfbegriff der ‹‹Zigeunerkriminalität››“ (ebd.: 19) und einer daran anknüpfenden sozialdarwinistischen Argumentation (vgl. ebd.: 55) sogar über die (direkten wie tolerierten) Diskriminierungen der FIDESZ hinausgeht. Das martialische Aushängeschild der ‚Jobbik‘ (wenngleich von dieser unabhängig) ist die sich auf christliche Werte berufende paramilitärische „Ungarische Garde“, die trotz Verbots in militärischen Trainingscamps sich als bewaffnete patrouillierende „Bürgerwehren“ gegen die Kriminalität, gerade in Gebieten mit höherer Roma-Bevölkerung, inszenieren (vgl. ebd.: 51/52). Nach der Tragödie von Tatárszenthyörgy (Februar 2009), in der in einem Brandanschlag fünf Mitglieder einer Roma-Familie in einem Hinterhalt ermordet wurden (vgl. ebd.: 11), kam es im nordungarischen Gyöngyöspata vor wenigen Monaten zu offenen Auseinandersetzungen zwischen rechten Milizen und Roma, nachdem erstere schon Wochen vorher mit Kundgebungen und einem „Trainingslager“ unter Führung der ‚Jobbik‘ die Roma-Familien ohne Eingreifen der Polizei provoziert und bedroht hatten (vgl. ebd.).

Mit zweierlei Maß

Eine große Mitschuld für diese Vorfälle trägt hierbei die FIDESZ als Regierungspartei, die rechtsextreme, rassistische und antisemitische „Hassdiskurse“ nicht nur billigt, sondern erst legitimiert und zur Normalität erklärt und damit sukzessive die gesellschaftlichen Hemmschwellen gegenüber diesen senkt (vgl. Mayer 2010: 70) und „den Unterschied zwischen rechtem Populismus und rechtem Extremismus unkenntlich“ (ebd.: 38) macht. Ihre „Politik der Tabubrüche“ (ebd.: 34), die die Partei während ihrer radikalen Oppositionszeit und ihrer ersten Regierungsperiode zwischen 1998 und 2002 verfolgte, hat die nunmehr mit einer absoluten Mehrheit regierende Partei zu einer „Kultur des Denunziatorischen“ (Lendvai, 7.7.2011) weiterentwickelt, die Kritik und alternative Diskurse verbietet und das gesellschaftspolitische Leben im Land lähmt (vgl. ebd.). In der Reduzierung der Parlamentssitzungen, Ablehnungen der von der Opposition beantragen Untersuchungsausschüsse (vgl. Mayer 2010: 35), der Kontrolle der Gerichte durch willkürlichen Austausch der höchsten Verfassungsrichter (vgl. Lendvai, 7.7.2011), der Zentralisierung der Medien durch eine einzelne Medienbehörde (NMHH) äußert sich zudem bereits nach einem Regierungsjahr ihre antiparlamentarische Haltung, die gesellschaftspolitischen Wandel, die selbst postulierte „Revolution in den Wahlkabinen“ (zit. nach ebd.), in kürzester Zeit erzwingen will. Die neue, in einem Eilverfahren und ohne Bürgerbeteiligung oder Teilnahme der Opposition konzipierte Verfassung folgt einem ähnlichen Muster (vgl. Bota, 24.3.2011): Zum einen wurde in dem am 18. April 2011 mit großer Mehrheit verabschiedete und von den meisten europäischen Staaten kritisierte Entwurf der Gesetzgebungsprozess zugunsten der Mehrheitspartei geändert, da Steuer- und Rentengesetze in Zukunft nur noch von einer Zweidrittelmehrheit geändert werden kann, was der FIDESZ aufgrund ihrer jetzigen Mehrheit im Parlament in die Hände spielt und die Entscheidungskraft jeder zukünftigen Regierung massiv einschränken wird (vgl. Steinbeis/Boulanger, 20.4.2011). Zum anderen sind in der Präambel, dem „Nationale Glaubensbekenntnis“, die im Programm der FIDESZ verankerten Nationalideologien als „verbindliche[r] Interpretationsmaßstab“ (ebd.) festgeschrieben: Der Heilige Stefan als Staatsgründer, »die nationerhaltende Kraft des Christentums« sowie die „Arbeit und geistige Leistung“ werden als gemeinschaftsfördernd für „alle Ungarn“ herausgestellt (vgl. ebd.) – womit einmal mehr die Idee einer doppelten Staatsbürgerschaft für die drei Millionen „Auslandsungarn“ der Nachbarländer betont und zu einer konfliktgeladenen „europäischen Angelegenheit“ (Lendvai, 7.7.2011) ausgeweitet wird.

Auf der anderen Seite werden kritische Journalisten und Künstler durch Androhung von Geldstrafen und Kündigungen mundtot gemacht, in der Öffentlichkeit mit stillschweigendem Einverständnis der Regierung als „kosmopolitisch-liberale [hier meist „jüdische“] Nestbeschmutzer“ (ebd.) beschimpft und Demonstrationsteilnehmer durch physische Repression von Rechtsextremisten, deren Beleidigungen und Übergriffe verharmlost werden, indirekt staatlicher Ungleichbehandlung ausgesetzt. Verschärft werden diese Spannungen im Land durch die janusköpfige Politik gegenüber den Roma, die den alltäglichen Rassismus der Bevölkerung fördert. Die „geförderte Ghettoisierung“ (Mayer 2010: 94) in Sonderschulen, fehlende Arbeitszulassungen, Nichtbeachtung bei Bewerbungen bedienen dabei die viele herrschende Stereotype und Klischees, die mittlerweile sogar von der sozialistischen Partei reproduziert werden (vgl. ebd.: 96). So besteht die Strategie der autoritären Regierung Orbáns darin, die „Ordnung“, d.h. ihr Machtmonopol, das die anderen Parteien langfristig überflüssig machen soll, mit Themen dieser zu sichern – getreu seinem politischen Motto „Ein Lager, eine Fahne“ (vgl. Mayer 2010: 71).

Ausblick

Kathrin Sitzler prognostizierte 1992 für die Zukunft des Landes eine stabile Demokratie und Öffentlichkeit, die auf der „Stärke und demokratische[n] Wachsamkeit der Opposition“ (Sitzler 1992: 117), der „ideologische[n] Abstinenz“ und dem „Pragmatismus der Bevölkerung“ (ebd.) basieren sollte. Dass diese Einschätzung sich in ihr Gegenteil verkehrt hat, liegt vor allem an der mittlerweile konkurrenzlosen FIDESZ, die der nationalen Ordnung einen „höheren Stellenwert als Freiheit“ (zit. nach Schmidt-Häuer) einräumt und sich mit nationalen und populistischen Themen und in autoritärer Manier möglicherweise auf Jahre die (absolute oder zumindest relative) Mehrheit sichern könnte. Selbst wenn sie, was unwahrscheinlich ist, die nächste Wahl verlieren sollte, „säße seine Gefolgschaft noch über Jahre hinaus an allen Schalthebeln der Macht“ (Lendvai, 7.7.2011). Die ‚Jobbik‘ ist ein parteipolitischer Sonderfall, da sie, so schnell sie gewachsen ist, in ihren nationalen und kommunalen Strukturen sehr gut aufgestellt ist und so „sich ähnlich wie die Slowakische Nationalpartei im Nachbarland langfristig als politische Kraft im Parlament etablieren“ (Kolb, 12.4.2011) könnte, wobei sie dann, wie die Partei ankündigte, „die parlamentarischen Regeln aufkündigen“ (Mayer 2010: 68) werde.

Dieses rechtspopulistische Problem ist längst kein rein ungarisches mehr: Die Minderheitenregierung in Dänemark, die der Forderung der rechtspopulistischen Partei DVP nachkam, das „Schengen-Abkommen“ innerhalb der EU durch verschärfte Grenzkontrollen zu annullieren; der Wahlerfolg der „Wahren Finnen“, der „Freiheit“ in den Niederlanden oder die seit Jahren etablierte „Legia Nord“ in Italien – sie alle haben durch mehr oder weniger offensichtliche Diskriminierung von Minderheiten, Migranten oder Asylbewerbern erfolgreiche populistische und gegen den europäischen Wirtschaftsraum wetternde Politik etabliert (vgl. Valsecchi, 20.4.2011), die in Ungarn nur während der Ratspräsidentschaft vergessen werden sollte. Dagegen muss jedoch eine scharfe Trennlinie zu den durch die wirtschaftliche Schuldenkrise in Europa aufkommenden Volksbewegungen, die demokratische Partizipation und Offenlegung der Staatsgeschäfte fordern, gezogen werden. Denn nur in einem gemeinsamen Einigungsprozess können die Regierenden und die Bürger dem derzeitigen Misstrauensprozess, den die Schlagwörter ‚Europa‘ und ‚Brüssel‘ bei vielen enttäuschten (Nicht-)Wählern, gerade in Ungarn, hervorgerufen hat, entgegenwirken und eine konstruktive Debatte über das Verhältnis von nationaler und europäischer Identität anstoßen.

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