Die Nacht, die Lieder

Wer etwas über zeitlose Musik erfahren will, sollte Josephine Foster zuhören.

Im Gespräch nach dem Konzert ist ihre Stimme viel tiefer. Wie zuvor auf der Bühne wirkt sie ruhig und gelassen, schaut aufmerksam. Die US-amerikanische Singer-Songwriterin Josephine Foster erklärt eines ihrer Instrumente, als sei das alles nichts, auch Kinder könnten darauf spielen. Ihr multifunktionales Begleitinstrument ist eine Zither, „a German instrument, you can find it on Ebay“. Mal nutzt sie sie als Waschbrett, das, auf dem Schoß gehalten wie bei der Zugabe, den Rhythmus vorgibt; mal ersetzt sie ihr die Harfe (so heißt sie auch „Auto Harp“) oder eine Harmonika, indem die Knöpfe des Aufsatzes einzelne Saiten verzerren oder in den Bassbereich verlegen können, um die Polyphonie ihrer Musik stärker zu akzentuieren.

Die Straßen in Mitte sind so verlassen wie seit Jahrzehnten nicht. Der Rote Salon dämmert in seinen Grundfarben. Die kunstvoll geschnitzte Holzdecke nickt stumm auf uns herunter, Menschen lehnen sich in die Stühle und verteilen sich in die Erker neben den Säulen. Auf der anderen Seite des Platzes, am „Kino Babylon“, prangt „60s OST – Umsonst“, Puppen sitzen auf dem Vordach. Josephine Foster ist auf Europatour. Im Repertoire hat sie diverse, oft wenig beachtete Alben aus ihrer fast zwanzigjährigen Karriere, mit denen sie die bereits Bekehrten stets zu überraschen wusste. Hier wechselte sie Genres wie Ausdrucksformen ihrer Stimme und erprobte sich in Salon-Liedern, in der Folk Music der 30er und 60er, in Oden und gar im deutschen Kunstlied des 19. Jahrhunderts wie im Album „A Wolf in Sheep’s Clothing“ aus dem Jahr 2006.

Sanft getragen durch Flügel, Gitarre, Zither und Mundharmonika umreißt Josephine Foster heute Abend mit ihrer klassisch geschulten Stimme alle Register dessen, was Folk sein kann. Fosters Stücke erlauben in ihrem technischen Aufbau und ihrer harmonischen Raffinesse eine fragile Offenheit, die erst in der zurückhaltenden Virtuosität ihres Live-Auftritts vollständig zum Tragen kommt. In schnellen Stimmungswechseln, von lamentierend bis beschwingt, outen diese sich zuweilen als durchkomponierte Pièces, dann wieder als flüchtig hingeworfene Kleinode, die aus Koketterie mit jedem Barrett ein Jahrzehnt weiter zurückgreifen. Ihre facettenreiche Stimme, die schleifen und in den Höhen glitzern kann, korrespondiert dazu wie die instrumentalen Koloraturen und Pausen.

Fosters Stimme trägt lang und hallt bis an die Bar nach hinten. Sie setzt zu einem Solo an, doch ist es nur ein improvisiertes, hinauszögerndes Zwischenspiel. Die linke Hand greift nach Akkorden, die rechte schleicht zusammen mit der Stimme in alle Richtungen, durch alle Modulationen, die du, wie dir schlagartig klar wird, vor lauter Punk vermisst hast. Ihre Stimme stockt kurz, als ginge ein flüchtiger Schauer durch den Saal, doch schon kehrt diese Lässigkeit einer sich selbst genügenden Präsenz zurück. Gleich könnten, als „Deux Ex Machina“ gewissermaßen, Orchester und Chor für die Abschluss-Fanfare erscheinen. Alles ist mit wenigen Mitteln angedeutet, wie in gutem Theater.

An einer Stelle des Konzerts dann leitet Josephine Foster noch mit einer Hand auf den Tasten ein, bringt die Zither und ihre Stimme zum Rauschen („and the birds began to sing“), um am Flügel schließlich in die Tonart des Anfangs zurückzukehren. Die Binnenerzählung ist beendet, der Rahmen gesetzt. Josephine Foster senkt die Stimme wieder leicht und geht zur nächsten Geschichte über.

Der gekürzte Konzertbericht findet sich auch auf: https://www.byte.fm/blog/redaktion/josephine-foster-konzertbericht-86109/

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Über Johann Wiede

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