Tagtraum in Arcade. Thundercat, 13. Dezember 18, Huxleys Neue Welt

Wer mit der Apokalypse im Fernsehen aufgewachsen ist, hat in der futuristischen Crossover-Variante von Stephen Bruner alias Thundercat seinen Jazz gefunden.

Draußen herrschen Schulden in der Musik, es ist vorweihnachtliche Betriebsamkeit in Nord-Neukölln. Doch nur einen Security-Check und eine Treppe später befinden wir uns in einem Luftschiff ins Nirgendwo. Die geschätzten 1000 Personen in leitender Funktion erwarten Nebelschwaden. Eine Orgel in dem riesigen Ballsaal des Huxleys mit seinem Holzparkett, goldenen Ornamenten, gelben Röhren und wallenden Vorhängen setzt ein. Es ist halb neun, als sich ein schmächtiger Student mit grauem T-Shirt und Brille an die Regler seiner Kommandozentrale macht.

Dorian Concept spielt sein Live-DJ-Set mit Tracks aus seinem in diesem Jahr erschienenem Album. Eingeläutet durch Stroboskope (ein Warnschild für Epileptiker ist am Eingang platziert) und Nebelschwaden setzt es Fiepen und Synthies, folgen melodische Sequenzen auf harte Brüche. Mit geschickten Überblenden verlaufen sie sich elegisch zu einem Amalgam aus verzerrtem 70er-Jahre-Funk, vertrackt-verspielter Elektronik mit sichtlicher Begeisterung für Videospiele der 90er und dem entfremdeten wie entspannten Spiel der 10er Jahre mit seinen gezielt eingesetzten Pausen und Verzögerungen. Mittlerweile werden die Beats noch punktgenauer ertastet und markanter auf den Schaltflächen geschlagen, zuletzt mit gehauchter Stimme. Schon wird ein Bass hinter ihm über die Bühne getragen, doch Concept spielt noch eine Nummer.

„What’s Going On?“, fragt eine Stimme mit Marvin Gaye ins Luftschiff hinein und lacht dabei, wie auch bei allen zukünftigen Liebesbekundungen aus dem Publikum, die Stephen Bruner allesamt beantwortet. „Rabbot Ho“, der erste Song aus Thundercats neuestem Album „Drunk“ an, prescht in doppelter Geschwindigkeit voran. Bei den krachenden Drums und dem in die Fläche ausgelegten Sound der zwei Keyboards geht der Gesang des Manns in der orangen Trainingsjacke anfangs noch ein wenig unter. Eine Nu-Jazz-Improvisation an seinem 6-Saiter-Bass später ist Bruner aber voll da.

Space Odyssee am He-Man-Platz

Schon wird es mit dem heimlichen 80er-Hit „Bus In The Streets“ glitzern und poppig. Doch dann nimmt Thundercat über ein analytisch wie impulsives Mini-Solo die Loopstation mit und groovt sich in die Effekte hinein. Ganz zum Tragen kommt das breite Griffbrett des Basses beim ersten Highlight des Konzerts, dem rhythmisch vertrackten „Tron Song“, der sich mit dem Keyboard um eine Tonfolge aufbaut, über die Bruner in seinem markanten Falsett die Koloraturen setzt. Ihm gefällt, was er sieht: junge Leute mit andächtigen, mitfiebernden Gesichtern, die nach jedem Solo vor Begeisterung in die Hände klatschen und entlang der Funk-Riffs schreien.

Ähnlich wie seine Kollaborateure und Labelpartner bei „Brainfeeder“ aus L.A., Kamasi Washington und Flying Lotus, schafft es Thundercat, nicht nur Musikstile gekonnt zu verschmelzen, sondern auch Fans unterschiedlicher Lager zu begeistern. Das liegt zum einen an den cleveren Arrangements, die live beeindruckend musikalisch unterstrichen werden; zum anderen funktioniert das Bandgefüge: Bass, Keyboard und Drums haben allesamt Mikrofone vor sich, verstärken sich mal gegenseitig, fungieren an anderer Stelle, wie beim großartig verlangsamten „Heartbreaks + Setbacks“, als Background-Vocals für den jeweils anderen. Für manche ist das Gospel, für andere Punk!

Dazu übertragen sich die Querverweise („R.I.P. Mac Miller“) und der obskure Humor aus den Songs mit Referenzen an seine Anime-Helden – „Dragonball“ („Tokyo“), eben die „Thundercats“, die in den 80er Jahren ästhetisch zwischen H.R. Giger und He-Man schwankenden cyberfuturistisch kämpfenden Wildkatzen – oder aber ein Jingle-Sound, der aus einer Matchbox-Werbung stammen könnte, nur zu gut auf die Bühne. Ein paar wenige Ansagen und sich wiederholende Songstrukturen, die in intime, tranceartige Kammersituationen aus Solo, Flächen und eklektischem Krachen münden, wären jedoch nach gut der Hälfte des Konzerts verzichtbar gewesen. Vielleicht wäre hier das ursprünglich als Venue angedachte „Astra“ in Friedrichshain die bessere Wahl gewesen.

Ein Schrei und wir sind wieder elektronisch! Arcade reißt uns mit seinen fiependen Melodien aus unseren Videospiel-Träumen. Beim vorletzten Song gehen die mitwippenden Musik-Nerds wieder voll mit und wissen, wann ihnen der Gesang überlassen wird. Als Dankeschön gibt es das tolle soulige „Show You The Way“, das Thundercat auf „Drunk“ mit seinen Idolen Michael McDonald und Kenny Loggins singt, bevor er den Song am Schluss wieder intergalaktisch entgrenzt. Nach 80 Minuten sind wir wieder zurück bei Level 1, doch mit einem Leben mehr.

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Über Johann Wiede

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