„No One Is An Island“. Idles im SO36 am 11. November 2018

In einem über weite Strecken berauschenden Konzert schaffen es Idles mit einem Punk-Handstreich aus Hymnen und Sprechgesang große Emotionen im SO36 zu entfachen.

Schöne englische Akzente ziehen durch den langsam sich füllenden länglichen Raum des legendären Kreuzberger Punktempels SO36. Plötzlich taucht da ein Satz in der Menge auf. „No One Is An Island“ steht darauf, bekannt als T-Shirt-Spruch des Protagonisten im Video zum Song „Danny Nedelko“ der Band Idles. Es wird das Motto des Abends bleiben, umschreibt es doch die Politik der Band: Anspielen gegen Vereinzelung, Mut machen, Kritik üben. Zuvor, schon kurz nach Einlass, tritt das Berliner Trio Plattenbau auf. Die Erfahrenen im Publikum stehen da bereits auf der kleinen Empore rechts und schauen interessiert. Sie sehen, dass der Bassist gleichzeitig für Rhythmus, Melodie verantwortlich ist. Verzerrt singt er dazu, während die Drums dreschen und wirbeln und das Keyboard sich in Synthienebel und Feedbackschleifen ergibt, langsam Formen annimmt, bis wir im Jahr 1986 gelandet sind – in den besten Momenten sogar bei gutem Krautrock. Zwischendurch werden die Instrumente gestimmt.

Vertrackter, verzerrter und lauter wird es beim Duo John, der zweiten Vorband. In der Tradition von Noise-Bands wie No Age oder Japandroids malträtiert auch hier der Drummer als Sänger das Mikrofon. Auf ihrem ersten Berlin-Konzert zeichnet sich die Band durch abrupt endende Songs, Stakkato-Einlagen und eine aus Wut und Empathie gespeiste Energie aus. Ihr bester Song ist wohl „Godspeed In The National Limit“.

Idles aus Bristol haben sich mit ihren kurz aufeinanderfolgenden ersten zwei Alben „Brutalism“ und „Joy As An Act Of Resistance mitten rein ins diskursive und mediale Getümmel geworfen und damit weit über die Indieszene für Aufsehen gesorgt. Doch während RezensentInnen einstimmig die Energie und die in der Tradition von The Fall, Crass oder The Sex Pistols stehende Nöligkeit der Band loben, gehen die Meinungen über die Lyrics von Sänger John Talbot auseinander. Für die einen sind sie witzig, provokativ und aufgeladen mit kritischem Brennstoff; für andere dagegen sind die plakativen, politisch unmissverständlichen Botschaften zu eindimensional, teilweise gar esoterisch. Das Konzert in Kreuzberg offenbarte jedoch die Wirksamkeit dieser Form der künstlerischen Gegenwartsbewältigung, die hinter der gekonnten Verbindung von derbem, basslastigem Postpunk mit poetischer Gesellschaftskritik steht. Zu verdanken war dies der performativen Inszenierung der Band und, was nicht zu unterschätzen ist, der erstaunlichen Textsicherheit und Euphorie von mehreren hundert dicht an dicht Gedrängten. Das Kreuzberger Zusammenkommen entfaltete eine Sogwirkung und eine Komplizenschaft, der sich kaum eine Person im Raum entziehen konnte und die auf die Bühne zurückstrahlte. Selten habe ich auf einem Konzert so viele gereckte Fäuste erlebt, selten waren die humorvollen bis dramatischen Songtexte einer Band über den ‚National Health Service‘ oder die zerrüttete Familie Anlass für so viel Jubel, selten wurde derart die Wichtigkeit von Solidarität und Pluralität auch jenseits des heutigen Abends betont.

So sehr sich Idles über die Verhältnisse, den seit dem Brexit-Referendum in UK aufstrebenden Nationalismus, Traditionalismus und eine offen zur Schau tretende Maskulinität in Gesellschaft und Politik auskotzen (wie z.B bei „Samaritans“), finden sich in ihren Songs eben auch sehr persönliche Einblicke in Konflikte, die wohl allen bekannt sind, wie die Aufarbeitung von Trauer oder die eigene, medial gefütterte Unsicherheit. Es waren dann auch diese Songs, die in ihrer Verletzlichkeit live noch einmal herausstachen. Sie erzeugten eine Ambivalenz und einen Überschuss, die in dem Furor noch einen Spalt offen ließen und so von den Zuhörenden gedeutet werden konnte. Ähnliches schien bisweilen in den nicht zu knappen Ansagen von Talbot an sein Publikum auf: „Equal opportunities for the poor and the rich!“ Wieviel davon Sarkasmus, wieviel Ernst war, blieb bewusst unklar.

Seit dem zweiten Song, „Colossus“, herrscht traute Ekstase. Das Publikum und die fünf Bandmitglieder singen zusammen „Forgive me, father, I have sinned“, unterlegt von einem zackigen, verzerrten Postpunk. Und natürlich haben alle angefangen zu rauchen, trotz des strikten und stetig gebrochenen Rauchverbots. Das Schlagzeug, der sich wiederholende Bass und die Texte sind zum Bersten aufgeladen, bis sie der Sänger mit dem Nietzsche-Tatoo auf der Hüfte herausbellt. So entwickelt sich wie erwartet eine Pogo-Meute ganz vorne, die einzelne Stagediver nach hinten schwemmt. Überwiegend junge Menschen in ihren Dreißigern grölen mit und nutzen die Tanzfläche, so gut es bei den engstehenden Reihen eben geht. Für die, die denken, dass die Jungs clever und witzig seien, sich aber vor den berüchtigten Live-Auftritten fürchten (wie ein Youtube-Kommentar zu einem Idles-Song suggeriert) sei gesagt: Ab Reihe 30 wurde es ruhiger. Der längliche Raum des SO36, in dem sich seit nunmehr 40 Jahren Spaß und Widerständigkeit treffen, ist für solche natürlich ausverkauften Konzerte immer noch der beste Ort!

Fast wähnen wir uns in einer Kapelle, mit dem Wanderprediger Talbot vorne, der zu den Bekehrten über Klassenperspektive und gegen völkischen Nationalismus spricht: ein Wort, ein Chorus – und schon ist die Gemeinde da. Die Botschaft geht durch seinen Körper, immer wieder schlägt er sich auf die Brust und den Kopf, wühlt sich durchs nach hinten gekämmte schwarze Haar. Später dirigiert er die Menge bis diese sich selbst beschwört hat und eine Minute noch „Dance till the sun goes down“ weitersingt. Ein Gänsehautmoment! Mit zunehmender Dauer des Konzerts setzt sich der performative Charakter auf der Bühne durch. So nimmt einer der beiden Gitarristen Reißaus nach vorne, ein anderer inszeniert sich als Marionette. Fast am Ende ist die Bühne zum Welttheater mutiert. Immer mehr Menschen steigen herauf, tanzen im Pulk, die Band überlässt einigen kurzzeitig die Instrumente. Wer spielt hier noch für wen?

Es sind diese Emotionen, die zuletzt im Diskurs fehlten, die das Feuilleton begeistern und das Genre mit Vertretern wie Savages, Iceage oder Sleaford Mods wieder relevant erscheinen lassen. Hier scheint die Wut durch, die an anderer Stelle fehlt, der Mut zur Zuspitzung, die vielen offenen Flanken in ihren Texten, der Hang zum Crossover der Stile, der je nach Absicht variiert wird: hier Oi-Punk, Hardcore, da Indierock, Noise oder eklektischer Punk. So wie im „Love Song“, den Talbot der EU widmet. Kein schlechter Move. Es ist der 11. November, genau 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, mittendrin in einer Zeit, in der weltweit Faschismus, Autoritarismus und Rassismus im Aufschwung sind.

Nass liegt die Oranienstraße vor uns. Zufriedene Gesichter ziehen weiter. Doch da ist noch mehr. Vielleicht ein Gefühl, dass diese aus einem Raum treten, in dem gerade versucht wurde, kollektive Handlungsoptionen auszuleuchten. Im besten Sinne Underground also: hier wurde kurzzeitig ein Ort geschaffen, in dem Monarchie und Alltag einer kritischen Revision unterzogen wurden und der in der Praxis, im Tanzen und Sprechen, schon einmal als vorübergehender Bruch mit den Normen erfahrbar war. Konzerte mögen vielleicht nicht die einzige Antwort auf die gesellschaftlichen Verhältnisse sein. Doch als Experimentierstätten künstlerischen Übermuts und kollektiver Sinnstiftung sind sie unabdingbar, da in ihnen die ganze Palette von Gefühlen, Erfahrungen, Politiken verhandelt und – ausgespuckt – der absurden Realität da draußen entgegengesetzt werden kann. Idles und Fans haben es vorgemacht, jetzt kann es nur weitergehen.


Der Artikel erschien in leicht gekürzter Fassung ursprünglich am 12. November auf dem ByteFM-Blog.

Werbeanzeigen

Über Johann Wiede

Nicht-Schreiben heißt Lesen.
Dieser Beitrag wurde unter einleitung, rezensionen abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.