Die Geldabluchser. Sequenzen (Fortsetzung)

Ein erneutes Aufwachen im Exil, im Flanieren, Abhandeln des sich schon bald ändernden Ichs (das weiß ich bestimmt, und wenn es hinter der nächste Ecke ist!), ein Verfolger der immer neuen Ansätze und Aufschläge. Der Weg zu den Geschichten. Auf dem Bett wie auf dem Feld liegen, alles ist doppelt vorhanden, jede kleine Spalte in der Wohnung, die ich vor meinem inneren Auge abgehe; die langen Tage mit dem Holz der Dielen und die Musik übertönen selbst die Telefonanrufe. Hier ärgerte ich sie nur, weil sie nicht wussten, was ich zuhause trieb und während sie meine Ängste enträtseln konnten, war ihnen meine Ratlosigkeit fremd. Für sie war ich Ergebnis ihrer Spekulation.

Ich hatte beim ersten Mal gelernt, dass die Geldabluchser einen nicht zu Wort kommen ließen und von der alten Route wegführten. Beim zweiten Mal bestand ich auf dem bestehenden Termin und zog kein Mal den Geldbeutel aus der Tasche. Doch war ich in der Täuschung gefangen: ich hatte zu viel über die Fassade der eigenen Rolle nachgedacht, um zu bemerken, dass er jetzt mich genau an der Stelle haben wollte, wo ich saß (auf einem klapprigen Plastikstuhl in einem Café am Rand der Innenstadt), um nach Geld zu fragen. Erst für den Kaffee und den Tee, dann für seine Zähne. Schon nach dem zweiten Tag setzte die Gewöhnung ein, und wenn es die der Entfremdung war, an einen veränderten Ort zurückzukommen. Sie müssen wissen, wo du herkommst, um dich in ein Gespräch zu verwickeln und ihr diskursives Trickarsenal darauf anzupassen. Bis du ihnen kaum böse sein kannst, weil du froh bist, dass die Begegnung vorüber ist. Der eine haut schnell ab, der andere bleibt stehen, während du dich höflich verdrückst.

Wie unsere Hände fallend den Blicken der anderen entschwanden und das in Heimlichkeit taten, was die Umsitzenden auf unerklärliche Weise bereits hinter sich hatten. So legte ich mich auf die Lauer, ahmte nach, ging Innenweg, lief Rennen, die nur mir etwas bedeuteten und erschlich mir Leistungen und Komplimente. Auszubrechen war das oberste Gebot. Sich anderen Wirklichkeiten und Logiken zu stellen und zu entscheiden, zu gehen oder zu bleiben. Die Arbeit war erst getan, wenn ich eine Liste bestimmter Prinzipien, Bedingungen und Konstellationen erfüllt hatte. Wenn ich es schaffte, mich rauszuholen aus meinen Zwängen und mich vom geschäftigen Alltag und seinen Widrigkeiten in einem anderen Land zu lösen, mich also abzulenken, war es ein guter Tag. So erklärte ich es immer wieder denen, die fragten, wie es mir ginge. Ich nutzte das schöne Verb „wyrywać się“, was soviel heißt wie „fortreißen, herausreißen, losmachen, lösen, ausbrechen“.

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Über Johann Wiede

Nicht-Schreiben heißt Lesen.
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