Wellen im Delay. Sequenzen (Fortsetzung)

Das alte Karthago. Wer spricht?

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Reparaturarbeiten, Ausbesserungen, für wie viele Jahre noch. Eine neue Sohle, ein glattgebügeltes Hemd, eine Silberkrone im Mund, ein Flicken auf der Stoffhose. Keine Ansagen, nur eine Schuhkontrolle der Absätze, es uns in der Hülle zu dritt einzurichten. Nach unten über die Wendeltreppe traut sich keiner. Der Aufenthaltsraum hat etwas von einem privaten Separée, hineingeschlagen in die Katakomben.

Es wird bereits 20 Uhr und erst jetzt C: schaut auf das Ticket, auf dem die Abfahrtszeit mit 20 Uhr angegeben war. Sie fand sich auf der Anzeigetafel nicht wieder.

J: telefoniert mit zuckriger Stimme mit der Infohotline, wie wir zu unserem Schalter kämen. Selbst der Schuhkontrolleur scheint ihn zu kennen.

C: meint, das Fortkommen sei eine Chance für fehlendes Lernen für die Präsentation. Aber keine der Karten ist mehr gültig.

Breite, vollgepresste Fahrrinnen schieben ins Zentrum oder in äußere Distrikte.

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Die Fischer mit ihren kurzen Leinen am Strand, von dem man aus die beiden ins Mittelmeer ragenden Arme der Bucht von Karthago überblicken kann. Daneben flirren Hochhäuser. Das Wasser hat vielleicht 18 Grad, wie die Luft. Es ist Mitte Dezember und kalt für die Stadtbewohner. Sie tragen Jacken und Mützen. Als wäre ich aus einer Zeitschlaufe gefallen, breitet sich vor mir ein spätfrühlingshafter Tag aus; der Flughafen erinnert an den in Amman.

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Kauende Mütter, ziellos wirkende Männer, kaum rasiert und mit verblichenem Anzug überqueren zu Fuß die mehrspurige Straße. Der Beton zieht sich weiter, Schlendernde müssen sich ihre Wege selber suchen. Für sie ist kein Weg in den Hotels, Einkaufszentren oder an den Strand vorgesehen. Das regeln Taxis und Busse und, für die besser Betuchten, ein Koloss von einem Auto. Das ist vorzeigbar auf einer der Konferenzen des UNHCR oder des UNDP in den Luxushotels, die in der Gegend von Karthago, dieser „zone touristique“, isoliert und ihrer eigenen Infrastruktur gehorchend, errichtet wurden.

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Kräfte wirken nebeneinander, die Wellen sind im Delay für eine so ruhige, konzentrierte Tätigkeit wie das Angeln (oder heißt es Fischen) mit seinem Präparieren, der Hoffnung beim Auswerfen. Die Brandung ist dann kaum noch hörbar; dann das langsame Rauchen, das von salzigen Windböen unterbrochen wird, nur die Fischer also und die Sportler, drei Pferde und ein Kamel, das vor den jetzt ungenutzten Holzhütten sitzt. Die Wolken stoßen sich an den Rand des Blickes, der draufhält. Der Hunger vergeht, das mittelmeerische Denken setzt ein.

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Über Johann Wiede

Nicht-Schreiben heißt Lesen.
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