Zielona Góra ohne Diphtong. Sequenzen (Fortsetzung)

„Diese Ordnung in Deutschland, wieso beschweren die sich! Überall Krankenhäuser und ein Arzt sei auch immer verfügbar. Falls dann mal eine Grippe auftritt, wird man gleich eine Woche krankgeschrieben, nicht, wie bei uns, zwei, drei Tage – und Schluss. In Deutschland wissen sie Studierende zu schätzen, Stipendien gibt es, Bafög is ok und selbst Leute, die 1.500 € verdienen, protestieren, obwohl dort auch noch alles billiger is!“

Müde warten die Passagiere auf den verspäteten Zug, aus der warmen Bahnhofshalle treten alle paar Minuten neue, mit Tüten, Rucksack oder kleinen Koffern, dazu viele Alte mit Filzmütze und Stock. Mit ihnen Gespräche über die Zeit, kurze Erkundigungen, Ungeduld. In alle vier Richtungen kann es gehen von hier. Wer hier wohnt, macht sich am nächsten Tag ins Lebuser Land, nach Brandenburg, oder aber, regelmäßig pendelnd, nach Berlin auf. Dem Straßenrand entkommen, behalten die gegen die Kälte Ankämpfenden in der einsetzenden Dämmerung den Fahrplan im Kopf. Der Schaffner hat im Schienenwagen kein eigenes Abteil, sondern macht es sich auf einem Vierersitz bequem und unterhält sich mit der Nebensitzerin in der anderen Koje. Eine Mappe mit Dokumenten auf den Knien, gelegentlich den dicken Fahrplan in den Händen, doziert er Zahlenreihen und beschwert sich über Alltäglichkeiten. Dazwischen presst er die Lippen aufeinander und schaut über seine randlose Brille mit aufgeschlagenen zarten Augen.

Auf den kahlen Feldern, die sich hinter dem Bahnhofsgelände türmen, raucht es bis in die Kleinstadt; und noch weiter, bis an den Sumpf, die Grenze für so viele, das letzte, nicht ausgetrocknete Stück. Dennoch wird gefischt, nebenan beginnen die Kolchosen. In der Zwischenzeit wird das größte freistehende Gebäude gesprengt. In Moskau, so heißt es, soll eine moderne Innenstadt auf dem Feld entstehen, auf dem im Moment nur noch jahrhundertealte Schlösser und Gutshöfe vor sich hin wachsen. Ich träume, ich wache in einem dieser Paläste auf dem Sofa auf. Zuvor war ich in einer mir wiederkehrenden Stadt und nahm bei einer unglücklichen Verfolgungsjagd über Rolltreppen teil. Statt darauf einzugehen, werde ich von den Gastgebern abgekanzelt, als über undenkbare, eingemauerte Fenster in diesem Teppich von Mauern Erde hereinfliegt. Die Halter fliegen zurück und Sekunden in der Schwebe entscheiden. Auf dem Feld, das nun quer hängt, blinken einstige Schiffe und ihre Segel. Am Zaun gespießt sehe ich mich in Zukunft, doch noch halten die Latten.

Hundert Meter höher ändert sich der Name des Nobelortes, der Diphtong entfällt, das k wird härter, sodass es kaum eine Person richtig aussprechen kann. Auch nicht meine Begleiterin, wie mir unser Fahrer von hier erklärt. Er hat uns von der besetzten Villa zu diesem Ort gefahren, da wir uns ein neues Domizil suchen sollen. Wir packen unsere Sachen und schauen den Einziehenden zu. Das sind ganz unterschiedliche, schön anzusehende Charaktere, die sich alles beibringen, nichts fragen. Einer spielt zum Abschied ein Ständchen auf der Ukulele, das er für seine Tochter geschrieben hat. Die Türen krachen. Wir spüren das Schlagen und erzittern durch den Knall und den Wind, der durch das zusehends leerer werdende massive Gebäude bis hoch in den dritten Stock, an die Decke und zurück über die Galerie zieht.

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Über Johann Wiede

Nicht-Schreiben heißt Lesen.
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