André Gorz: Wege ins Paradies, Rotbuch Berlin, 1983

MAJUSKELN! VON LINKS! Mit fünfundzwanzig Thesen will der Sozialphilosoph André Gorz, geboren 1924, der Krise der 1980er Jahre (die im Grunde seitdem andauert) begegnen und sie von links überwinden. Dass heute kein Sachbuch, das in den öffentlich-bürgerlichen Diskurs hineinwirken will, ein „links“ im Namen stehen hat, ist eine Geschichte der linken Bewegungen und ihres Einflusses für sich. Und doch sind in den Medien derzeit, 2017, wieder mehr zeitaktuelle Diagnosen zu finden, die versuchen, die Gegenwart durch die Utopie einer anderen Zukunft (das beste aus den anderen Vergangenheiten) als die alternativlose zu denken, zu analysieren und zu diskutieren. Ein utopischer Mehrwert und Überschuss, der so wichtig scheint wie nie und der nicht verhandelbare Standards setzen soll. 1983 erschienen, hat der schöne Rotbuchband in klassischen roten und weißen Farben 1986 schon das 23.-25. Tausend erreicht – für heutige Verhältnisse dreißig Jahre später, zumal für ein ökonomisch und ökologisches Sachbuch, eine enorme Zahl!

Ein Grund für den Erfolg liegt sicherlich an der Zugänglichkeit der kurzen Kapitel, die, durch Thesen eingeleitet, mit vielen Unterpunkten und Listen daherkommen. Sie gleichen einem Programm, das konkrete Handlungsoptionen aufzeigt und den Diskursfortschritt zu der Zeit, gerade in punkto Arbeits- und Reichstumsverteilung, dem Verhältnis Arbeit-Kapital und ökologischen Notwendigkeiten anzeigt, an denen sich in der Folge Leute wie Nancy Fraser, Benjamin Butler, Wendy Smith, Paul Mason oder auch Thomas Piketty abarbeiteten. Nicht umsonst heißt der Untertitel des Buches „Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit“.

Systematisch geht Gorz in den vier Kapiteln und einem vom Verlag hinzugefügten Schlussteil mit Nachwort und Anhängen auf die kapitalistische Dauerkrise und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft, Individuum und Umwelt ein. Kapitel eins und zwei rekurrieren auf das Vergangene und den derzeitigen Zustand, der skizziert und begrifflich eingeordnet wird. Darauf aufbauend werden die Folgen der angenommenen zunehmenden Arbeitsbeseitigung und die Schlüsse für ein Handeln jenseits des Kapitalismus in den Thesen verhandelt. Entscheidend ist hier Gorz beachtenswerter (und wieder in Vergessenheit geratener) Vorschlag eines Arbeitskontos von minimal 20.000 Stunden, gerade auch im Zusammenhang mit der Debatte um ein bedingungsloses und soziales Grundeinkommen in Finnland, den Experimenten zur Teilzeitarbeit, so gerade in Schweden zu erleben oder den aktuellen Forderungen der deutschen IG Metall. Die unterschiedlichen Vorschläge des ‚Rechts auf Einkommen’ vertragen sich gleichwohl auch, wie der Autor zugibt, mit einer „elitistischen Technokratie“ oder rechten Visionen für eine Entlohnung der „erzwungenen Untätigkeit“ – wenn die Empfänger allein durch Konsum, Produktion und Wirtschaftswachstum gesellschaftlich ruhiggestellt sind. Um eine „Garantie für Freiheit, Gleichheit und Sicherheit der Individuen“ hervorzubringen, bedürfe es mehr, nämlich eine Einbettung in das gesellschaftliche „Recht jedes Einzelnen auf Arbeit: das heißt auf die Erzeugung von Gesellschaft, auf die Erzeugung von gesellschaftlich wünschenswerten Reichtümern und auf die freie Kooperation mit anderen bei der Verfolgung eigener Ziele“ (66).

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Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre, S. Fischer, 1976

Ein Standardwerk der DDR-Literatur, in Prosa und wieder einmal im Westen veröffentlicht, heimlich herein geschleußt. Um den geht es nicht, klar, sondern um den anderen Teil Deutschlands: Westleser sollen etwas erfahren über ihre Nachbarn/Schwestern/Brüder. Ostleser wollen auch etwas über sich und den Staat, in dem sie, je nachdem, leben wollen oder leben müssen, erfahren.
Denn wunderbare Jahre hat es auch in diesem Staat gegeben, vor allem für Heranwachsende. Die in einzelnen kleineren, scheinbar unabhängigen Geschichten unterteilte Erzählung ist durch die Beschreibung des Erzählers von seinen Eindrücken, Feststellungen und Sichtweisen gekennzeichnet. Dies im größten Abschnitt der “Wunderbaren Jahre” besonders im Hinblick auf seine jugendliche Tochter. Gerade als junger Mensch nimmt diese die Unzulänglichkeiten, Absurditäten des Alltags besonders wahr. Der Verwaltungs – und Ordnungsapparat, in Form von Schule , Ideologien oder sonstigen Einschränkungen – was nicht dem sozialistischen Bild entspricht wird zurechtgestutzt, gleich verboten. Warum ist das so? Wieso darf man Bücher nicht lesen, sich eine eigene Meinung bilden, diese kundtun und wieso darf man nicht auf einem öffentlichen (!) Platz Gitarre spielen? Es ergeben sich Fragen, deren Beantwortung nicht nur einem Vater schwerfallen, da sie schlicht nicht aus der eigenen Perspektive zu beantworten sind. Absurd und irrational: der einzeln Denkende als Gefangener der Umstände und der herrschenden Logik. Der Leser nimmt Teil an diesem kritischen Prozess, hört aufmerksam dem subtilen Beschreibungen des Autors zu, denn in jedem Alltagsschnipsel steckt ein Teil dieses großen Drucks oder sagen wir, dieses Schwindelgefühls, Ohnmacht gegenüber einer Diktatur. Dabei wird man mit der Frage konfrontiert, ob es nicht auch Teil der Identität ist, aus dieser Unterdrückung, seelisch wie körperlich, sich zu definieren. Viele sind ausgereist aus der DDR, doch für viele war es, glaube ich, auch ein Teil des “großen Spiels”, sich zu behaupten, gerade gegen ein System, das dem Individuum kritisch gegenüberstand. Und die Hoffnung nicht aufzugeben. Besser vielleicht, als dort, drüben, zu wohnen, wo es schon alles gibt, wo sich (scheinbar) alles erfüllt hat. Diese Gedanken habe ich von Volker Brauns Buch “Hinze und Kunze”, doch ergeben sich einige, zugegeben, wenig erstaunliche Parallelen, sind beide Bücher doch von Kritikern des Regimes geschrieben.

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butya

butya
immer wieder was
passiert ließ er es mich
sagen die vorbeigehenden
murrten schon
als machte ich was falsch
als wäre das
nicht meine sprache
beschwörtes wort
das es nicht gibt
im versuch gescheitert
als dürfe das
nicht so stehen
stürzten die gebäude ein
über so viel
gedankenlosigkeit

butya
zawsze cos się
zdarza kazał mi on to
powiedzić przechodnie
już szemrali
jakbym robił cos niepoprawnie
jakby to nie był
mój jezyk
przywołane slowo
którego nie ma
nieudana próba
jakby nie powinno
tak sie stać
zawaliły budynki
ponad takiej
bezmyślności

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Das Erschreiben eines Mythos – Czernowitz als Literaturhauptstadt Mitteleuropas

I Vor- und zurück

Ich nehme mich aus der Realität hinaus, beachte die Menschen um mich nicht mit der Außenwelt, dem Diskurs, dem Ausland, den Argumenten in der Zeitung zu stellen. In dieser Stadt konnte ich nicht schreiben, nur vor- oder zurück. Hier wird präsentiert. Größtenteils war es die Literatur, die die Reisenden angetrieben hat, dem Mythos nachzuspüren – ein literarisches perpetuum mobile! Joseph Roth (dessen Reiseberichte nach Russland  und in die Ukraine gerade in einer schönen Ausgabe bei C.H.Beck erschienen sind) und Alfred Döblin waren nach dem Ende des Habsburgischen Reiches, die die vielgestaltige, zwischen Polen und der Ukraine (seit 1922 der Sowjetunion) aufgeteilte Region Galizien bereisten und lebendig halten wollten – im Fall von Roth ein Rückkehr in die Heimat.

Auch ich bin durchs Reisen zur Literatur gekommen, unterwegs zu Personen, die den Ort mit Dir verbinden. Dazwischen Schweigen, sich ordnen – Schreiben als ein Versuch, richtig zu warten. Wie es Iris Radisch in ihrem schönen Essay[i] über die Reise zum Dichter aus Iwano-Frankiwsk, Jurij Andruchowytsch, schreibt, lernen wir (das westeuropäisch schaurig zitternde Publikum) „was uns die Südosteuropäer seit vielen Jahren geduldig erklären: dass Literatur etwas mit Geografie zu tun hat, mit dem Staub, dem Licht, dem Dreck eines bestimmten Territoriums. Mit Orten wie Dukla, Gegenden wie Galizien, Mutterländern wie Slowenien, Gebirgen wie dem Karst und den Karpaten, mit Flüssen und alten Eisenbahnlinien, Kopfsteinpflaster und Wasserscheiden.“ Reisen ‚nach Galizien‘, ‚nach Czernowitz‘, nach Halb-Asien, wie es k.u.k.-Chefdichter Karl Emil Franzos ausdrückte, sind ein in Mittel- und Osteuropa beliebter Topos zur ‚Welt‘-Erschließung, aber auch zur lokal schon vorgeprägten politisch-sozialen Ab- und Eingrenzung bestimmter Gebiete. Gerüchten zufolge soll sich bereits die rechte Weichselseite für die linksflußigen Warschauer*innen in Asien befinden (Adenauer läßt grüßen!).

Die polnischen Schilder verpassend hält der Oktoberschaum die tiefschwarze Nacht zusammen, die nur unterbrochen wird von Betrieben und Tankstellen. Über mir brennt das letzte Licht, es riecht nach Deo, der zweite Fahrer köpfte zur Begrüßung Schampus. In der Serie, die seit Beginn der Fahrt läuft, schneit es seit zwei Folgen. Clubbesuche, blutige Fehden und staatliche Eingriffe beginnen sich zu häufen. Es wird unglaublich normal getrunken. In den holzgetäfelten Moskauer Büros steht Whisky herum, sonst wird Wodka gereicht. Das Bild flackert und es mischt sich der Duft gebrühten Holundertees mit kurzen gepafften Zigaretten am Wegrand. Es ist grau und kühl. Die Marienikone rechts über dem Fahrersitz steht uns bei.

Lviv nur noch zehn Kilometer. Die Uhren müssten sich umstellen. Zum Empfang am Morgen, alle sind blendend aufgelegt, gibt es Milchwaffeleis. Rechts auf den Feldern stehen Fertighäuser und mehrere orthodoxe Kirchen in Schattierungen silbernen Lacks und schnell hochgezogene Hotel-Ressorts. Die wackligen Straßen auf dem Weg ins verdrängte Tal harmonieren mit routinierten Überholmanövern. Poesie und Orientalismus versuchen sich gegenseitig zu übertrumpfen. Wäre ich nur mit dem Osteuropa verbindenden Zug 76 gekommen, aber er fährt seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, nur noch als zentraleuropäisches Journal auf Ukrainisch.[ii] Es schläft sich übrigens wunderbar in diesen Nachtzügen, die nicht allzu großen Distanzen in der Westukraine, durch die Bukowina nach Galizien überbrücken müssen. Manche früheren Grenzen werden jedoch nur umfahren. Nach Odessa gelangst Du nur über Umwege und nicht direkt durch die Republik Moldau und Transnistrien.

Wir sind mittlerweile in einen Kleinbus umgestiegen, zwei Mitfahrende und ich haben noch 120 km bis Tscherniwzi vor uns, während die Geländer blau und gelb gestrichen an uns vorbeiziehen. Die Fußballplätze sind zu dieser Zeit des Jahres verwaist. Fast verstehe ich in den Radiosender, der mit irren Gute-Laune-Kommentaren, der einlullenden Werbung und der im Schwung aus 80er-Pop und Eurodisco Mitteleuropa fest in seinem Bann hält. Die Fahrer sprechen Russisch, sagen Tschernowzy statt Tscherniwzi und tragen wie ihre Passagiere die informellen Codes zweisprachiger Transitreisender vor sich her. Aus den Nachrichten höre ich Maidan, Armia, Agresja, die Schlaglöcher sind groß wie Tische. Auf der Wand einer Bushaltestelle steht gesprüht: ‚Unkraincy za Banderu‘.

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Piemonter Skizzen

Ich lasse den getrunkenen Kaffee stehen, blinzle nicht, bin nicht zu höflich; die Zeitungen sind schlecht, Touristen verirren sich augenmerklich; die Torbögen sind geputzt und die Zeitungen schlecht; Menschen schlendern, bis eine Gruppe an der Ecke haltmacht. Ein Espresso kostet den Euro, den er kostet.

Fontänen mit dem grünen Bullen, um den Druck von den umliegenden Talquellen zu nehmen. Fürstenpaläste mit Kammern für den höheren Adel (wie in Lviv) und Autos oder Geschäfte, die einen Freskenhof als Abstellfläche nutzen; Geometrie, sodass sich das Zentrum der Piazzen schon nach wenigen hundert Metern zurückzieht und einem verschwenderischen Art-Deco-Barock weicht oder an Bauhausstil gemahnenden strengen 30-Jahre-Avantgardebau aus Bukarest. Die Plätze sind hier die großen Straßen und der Asphalt narbt sich, reicht aber bis zum ersten Stock der verzierten Häuser, die steinern oder eisern zart sich aufplustern. Klassenliebe, aus Verachtung gegenüber der Bourgeousie, die die Gegend zugrunde richtete.

Der Körper wird schnell müde in dieser Stadt voller Reiterstandbilder, von der sich Skopje noch eine Scheibe abschneiden wird, mit seinen Automaten für Kondome, 5-Centissimi-Wasser, kalt oder sprudelnd, voller Abwasserrinnen, die Gehwege sein sollen und die Passanten und die Taxis wunderbar umschlingen vorbei an durchsichtigen Pavillons vor den Ein-Frau-Cafés.

Computercheck, zuerst dachten wir, sie nehmen nur die Pässe, „asylo politco“, erst muss er seinen Status verlieren, dann kann er seine Familie in Italien besuchen. Sie werden herausgebeten, einer mit pakistanischem Pass, neben mir. Wir stehen bei laufendem Motor unter Betonwänden. Doch davor schon, ein Hauch von Grenzen, soziale Undurchlässigkeiten auf der Fahrt von Berlin nach München. Es tat gut, mit Alex Englisch zu sprechen, v.a. da er es verstand. Wir saßen im Auto bei einem französischsprachigen Schweizer, Fred. Alex war aus Stockholm, seine Mutter kam mit 13 Jahren aus Rumänien, sein Vater mit 2 aus Serbien, da sein Vater in Schweden eine Anstellung gefunden hatte.

Alex ist Parcourkünstler und verlor, zusammen mit seiner neunköpfigen Gruppe, sein  ganzes Reisegepäck in einem abgelegenen Stadtteil von Barcelona.  Sie waren auf Rundreise und um zu trainieren und nun waren ihre Autos ausgeraubt worden. Aus Frust fuhr der Rest zurück, Alex weiter durch den Westen des Halbkontinents, standete in Berlin und traf mich an der Raststätte Nikolassee, weil ihm ein Freund den Tipp dieser guten Trampgelegenheit gegeben hatte.

In einem neuen Rucksack hatte Alex eine Hängematte und einen Schlafsack und noch ein paar übriggebliebene Klamotten. Wenn er an der Raststätte Nürnberg-Feucht nicht weiterkäme, würde er in dem Waldstück nebenan aufschlagen, gerade bei den zwei Kiefern. Er sei hart im Nehmen, wurde ihm gesagt.

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zweidreistunden (2) // zweifelhaft draußen auf grauer reling kein popentwurf ohne mangel an talent / das könnte helfen wäre nicht letztes jahr groß an seltener krankheit verendet / geschnüffel mit runtergerocktem lipgloss getauscht für die molekularen irrtümer / emailadressen statt vokabeln ausgesiebter perlmuttener erden / um nicht eine weitere szene zu riskieren wurde heute geschrieben / der wirklich schöne 19. september kickt seit regen weil nacht.

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die straße 645

was meine schrift sagt
nur noch wäsche hängen
lass dich zutraulich
entschuldige nicht eine andere person
natürlich die frage wie ich hier meine
unmittelbare erfahrung los werde
für die die wiederkommen
und die weitermachen

im schlepptau schlag worte schlag
eine neue sprache für die rippen
was nicht vorkommt auswendig lernen
wir fordern den erhalt der straße 645
wir wünschen uns artenvielfalt
wir schauen in garderobe auf die ölkatastrophe

europa oder meine bedürfnisse
es braucht den abend parallel

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