Die Hölzer unter der elektrischen Sonne

Mit vergilbten Leerzeichen füttert sich die nicht ausstehende Sprache zu Anfang des neuen Jahrhunderts; aus Angst, zu den Ausgestoßenen zu gehören, rechne ich die Vergleiche durch und gebe die Bücher der letzten Tage ein, bis der Stapel verschwunden ist. Es fällt das Prisma auf den Staub, als wäre bereits ein Bildschirm in der Landschaft anmaßende Architektur, wohl noch nie ne Mauer gesehen, an der entlang Plastik ins Gebüsch schießt. Ein Scheinwerfer blendet von innen.

Es knirscht im Papier, das durch die getrennte Schreibschrift nicht gewinnt, in Reihenfolge wiederaufgebauter Handgriffe, mit der Kybernetik aus Schlotlöchern den Hang in Pantoffeln herunter; da sind Roger Rabbit und Robert Wyatt, damit auch die zwei, die beim Containern Schmiere stehen, und, im Abstand, der Hofstaat auf Koffern, auf der Lauer, ins andere Ausland abzuhauen; im Frühling ist die sonst so rausgeputzte Straße umgekippt wie eine Konserve, hervorgekehrt aus Reue.

Die Hölzer unter der elektrischen Sonne erzittern noch vom Schnee, sacht zugedeckt eine Art Déco in den Hochhausfluchten, erklärbar gemacht für alle weiteren. Wenn der Vorführeffekt zu deutlich wird, erzählen wir von vorn. Ein Trick aus dem panic room, du bist tot und der Schlaf schlägt die Augen aus. Organische Arbeit, erträgliches Schweigen; zuerst werde ich den Schwank und das Geräusch, das sich daraus ergibt, noch hören können, spricht das Metronom: Tüeu tut<utut, plus proche, trii, fpp.

Advertisements
Kurzmitteilung | Veröffentlicht am von | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Tagtraum in Arcade. Thundercat, 13. Dezember 18, Huxleys Neue Welt

Wer mit der Apokalypse im Fernsehen aufgewachsen ist, hat in der futuristischen Crossover-Variante von Stephen Bruner alias Thundercat seinen Jazz gefunden.

Draußen herrschen Schulden in der Musik, es ist vorweihnachtliche Betriebsamkeit in Nord-Neukölln. Doch nur einen Security-Check und eine Treppe später befinden wir uns in einem Luftschiff ins Nirgendwo. Die geschätzten 1000 Personen in leitender Funktion erwarten Nebelschwaden. Eine Orgel in dem riesigen Ballsaal des Huxleys mit seinem Holzparkett, goldenen Ornamenten, gelben Röhren und wallenden Vorhängen setzt ein. Es ist halb neun, als sich ein schmächtiger Student mit grauem T-Shirt und Brille an die Regler seiner Kommandozentrale macht.

Dorian Concept spielt sein Live-DJ-Set mit Tracks aus seinem in diesem Jahr erschienenem Album. Eingeläutet durch Stroboskope (ein Warnschild für Epileptiker ist am Eingang platziert) und Nebelschwaden setzt es Fiepen und Synthies, folgen melodische Sequenzen auf harte Brüche. Mit geschickten Überblenden verlaufen sie sich elegisch zu einem Amalgam aus verzerrtem 70er-Jahre-Funk, vertrackt-verspielter Elektronik mit sichtlicher Begeisterung für Videospiele der 90er und dem entfremdeten wie entspannten Spiel der 10er Jahre mit seinen gezielt eingesetzten Pausen und Verzögerungen. Mittlerweile werden die Beats noch punktgenauer ertastet und markanter auf den Schaltflächen geschlagen, zuletzt mit gehauchter Stimme. Schon wird ein Bass hinter ihm über die Bühne getragen, doch Concept spielt noch eine Nummer.

„What’s Going On?“, fragt eine Stimme mit Marvin Gaye ins Luftschiff hinein und lacht dabei, wie auch bei allen zukünftigen Liebesbekundungen aus dem Publikum, die Stephen Bruner allesamt beantwortet. „Rabbot Ho“, der erste Song aus Thundercats neuestem Album „Drunk“ an, prescht in doppelter Geschwindigkeit voran. Bei den krachenden Drums und dem in die Fläche ausgelegten Sound der zwei Keyboards geht der Gesang des Manns in der orangen Trainingsjacke anfangs noch ein wenig unter. Eine Nu-Jazz-Improvisation an seinem 6-Saiter-Bass später ist Bruner aber voll da.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter einleitung, rezensionen | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

„No One Is An Island“. Idles im SO36 am 11. November 2018

In einem über weite Strecken berauschenden Konzert schaffen es Idles mit einem Punk-Handstreich aus Hymnen und Sprechgesang große Emotionen im SO36 zu entfachen.

Schöne englische Akzente ziehen durch den langsam sich füllenden länglichen Raum des legendären Kreuzberger Punktempels SO36. Plötzlich taucht da ein Satz in der Menge auf. „No One Is An Island“ steht darauf, bekannt als T-Shirt-Spruch des Protagonisten im Video zum Song „Danny Nedelko“ der Band Idles. Es wird das Motto des Abends bleiben, umschreibt es doch die Politik der Band: Anspielen gegen Vereinzelung, Mut machen, Kritik üben. Zuvor, schon kurz nach Einlass, tritt das Berliner Trio Plattenbau auf. Die Erfahrenen im Publikum stehen da bereits auf der kleinen Empore rechts und schauen interessiert. Sie sehen, dass der Bassist gleichzeitig für Rhythmus, Melodie verantwortlich ist. Verzerrt singt er dazu, während die Drums dreschen und wirbeln und das Keyboard sich in Synthienebel und Feedbackschleifen ergibt, langsam Formen annimmt, bis wir im Jahr 1986 gelandet sind – in den besten Momenten sogar bei gutem Krautrock. Zwischendurch werden die Instrumente gestimmt.

Vertrackter, verzerrter und lauter wird es beim Duo John, der zweiten Vorband. In der Tradition von Noise-Bands wie No Age oder Japandroids malträtiert auch hier der Drummer als Sänger das Mikrofon. Auf ihrem ersten Berlin-Konzert zeichnet sich die Band durch abrupt endende Songs, Stakkato-Einlagen und eine aus Wut und Empathie gespeiste Energie aus. Ihr bester Song ist wohl „Godspeed In The National Limit“.

Idles aus Bristol haben sich mit ihren kurz aufeinanderfolgenden ersten zwei Alben „Brutalism“ und „Joy As An Act Of Resistance mitten rein ins diskursive und mediale Getümmel geworfen und damit weit über die Indieszene für Aufsehen gesorgt. Doch während RezensentInnen einstimmig die Energie und die in der Tradition von The Fall, Crass oder The Sex Pistols stehende Nöligkeit der Band loben, gehen die Meinungen über die Lyrics von Sänger John Talbot auseinander. Für die einen sind sie witzig, provokativ und aufgeladen mit kritischem Brennstoff; für andere dagegen sind die plakativen, politisch unmissverständlichen Botschaften zu eindimensional, teilweise gar esoterisch. Das Konzert in Kreuzberg offenbarte jedoch die Wirksamkeit dieser Form der künstlerischen Gegenwartsbewältigung, die hinter der gekonnten Verbindung von derbem, basslastigem Postpunk mit poetischer Gesellschaftskritik steht. Zu verdanken war dies der performativen Inszenierung der Band und, was nicht zu unterschätzen ist, der erstaunlichen Textsicherheit und Euphorie von mehreren hundert dicht an dicht Gedrängten. Das Kreuzberger Zusammenkommen entfaltete eine Sogwirkung und eine Komplizenschaft, der sich kaum eine Person im Raum entziehen konnte und die auf die Bühne zurückstrahlte. Selten habe ich auf einem Konzert so viele gereckte Fäuste erlebt, selten waren die humorvollen bis dramatischen Songtexte einer Band über den ‚National Health Service‘ oder die zerrüttete Familie Anlass für so viel Jubel, selten wurde derart die Wichtigkeit von Solidarität und Pluralität auch jenseits des heutigen Abends betont.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter einleitung, rezensionen | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die Geldabluchser. Sequenzen (Fortsetzung)

Ein erneutes Aufwachen im Exil, im Flanieren, Abhandeln des sich schon bald ändernden Ichs (das weiß ich bestimmt, und wenn es hinter der nächste Ecke ist!), ein Verfolger der immer neuen Ansätze und Aufschläge. Der Weg zu den Geschichten. Auf dem Bett wie auf dem Feld liegen, alles ist doppelt vorhanden, jede kleine Spalte in der Wohnung, die ich vor meinem inneren Auge abgehe; die langen Tage mit dem Holz der Dielen und die Musik übertönen selbst die Telefonanrufe. Hier ärgerte ich sie nur, weil sie nicht wussten, was ich zuhause trieb und während sie meine Ängste enträtseln konnten, war ihnen meine Ratlosigkeit fremd. Für sie war ich Ergebnis ihrer Spekulation.

Ich hatte beim ersten Mal gelernt, dass die Geldabluchser einen nicht zu Wort kommen ließen und von der alten Route wegführten. Beim zweiten Mal bestand ich auf dem bestehenden Termin und zog kein Mal den Geldbeutel aus der Tasche. Doch war ich in der Täuschung gefangen: ich hatte zu viel über die Fassade der eigenen Rolle nachgedacht, um zu bemerken, dass er jetzt mich genau an der Stelle haben wollte, wo ich saß (auf einem klapprigen Plastikstuhl in einem Café am Rand der Innenstadt), um nach Geld zu fragen. Erst für den Kaffee und den Tee, dann für seine Zähne. Schon nach dem zweiten Tag setzte die Gewöhnung ein, und wenn es die der Entfremdung war, an einen veränderten Ort zurückzukommen. Sie müssen wissen, wo du herkommst, um dich in ein Gespräch zu verwickeln und ihr diskursives Trickarsenal darauf anzupassen. Bis du ihnen kaum böse sein kannst, weil du froh bist, dass die Begegnung vorüber ist. Der eine haut schnell ab, der andere bleibt stehen, während du dich höflich verdrückst.

Wie unsere Hände fallend den Blicken der anderen entschwanden und das in Heimlichkeit taten, was die Umsitzenden auf unerklärliche Weise bereits hinter sich hatten. So legte ich mich auf die Lauer, ahmte nach, ging Innenweg, lief Rennen, die nur mir etwas bedeuteten und erschlich mir Leistungen und Komplimente. Auszubrechen war das oberste Gebot. Sich anderen Wirklichkeiten und Logiken zu stellen und zu entscheiden, zu gehen oder zu bleiben. Die Arbeit war erst getan, wenn ich eine Liste bestimmter Prinzipien, Bedingungen und Konstellationen erfüllt hatte. Wenn ich es schaffte, mich rauszuholen aus meinen Zwängen und mich vom geschäftigen Alltag und seinen Widrigkeiten in einem anderen Land zu lösen, mich also abzulenken, war es ein guter Tag. So erklärte ich es immer wieder denen, die fragten, wie es mir ginge. Ich nutzte das schöne Verb „wyrywać się“, was soviel heißt wie „fortreißen, herausreißen, losmachen, lösen, ausbrechen“.

Veröffentlicht unter einleitung, geschichten | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die frühen Geräte

Wenn ich alte Handys aktivieren und mir die Zusatzteile und Adapter besorgen würde, suchte ich als erstes die SMS, die guten Geschichten, Bilder, Notizen, an die ich nicht mehr rankomme.

Ein paar weniger wichtige Nachrichten hatte ich über die Jahre wieder gelöscht, um Platz für neu eintreffende zu machen. Das sagt sich so leicht, aus heutiger Sicht.

Der Akku fehlt, die Nachbestellung faktisch unmöglich, der Aufwand zu hoch. Wo sind die frühen Geräte hingerettet, unverdient, mit Finderlohn? Wie viele waren es noch gleich? Wie sahen sie aus? Hüllen aus Plastik und Chips, mit denen ich täglich hantierte.

Ich fragte nach, wenn mir ein Name entfiel. Schon hier seid ihr alle zuviel. Wie bedrängt sind wir von denen, die wir für die anderen halten!

 

Wie kam es, dass der Körper nicht kontrolliert wurde, als er auf der Schwelle stand. Manchmal verstanden wir uns auch nur falsch und ein Schweigen mehr wäre besser gewesen.

Der Raum wird nicht verlassen, sondern getrennt gedacht. Falsche Türen eingerannt. Spätestens abends, wenn sich die Rasensprenganlage von selbst anschaltet, regieren Notstandsgesetze.

Unter Rechtfertigungsdruck entspinnt sich ein Gespräch in einer Bank, zwei Ecken weiter, in den Fußsohlen falsches Wasser. Ein aufmerksames Keuchen ist so viel wert wie drei Sprechblasen im Gegenwind.

Wie froh bin ich, wenn sich der nächste Ton und die Stellung des Rhythmus meinen Erwartungen zuwiderläuft, sich mir entzieht, erst zu erschließen ist (wozu meistens aufgrund des übrigen Geschehens weiter keine Zeit bleibt).

 

Mein Traum, der durch Glas fällt, das Zimmer, das auf die Straße fällt. Dort riecht es nach Kohle und führt hinein in den Strudel. Es wird das verpixelt, was gespiegelt ist.

Der alte Beamtengrundsatz: Ich äußere mich, bevor ich eine Haltung habe. Das mit den Transitgebühren war wohl nur ein Scherz gewesen.

Was hier alles zu Ende geht!

Ich werde immer gründlicher, bevor ich das Haus verlasse; der Schreibtisch wird aufgeräumt, die Stapel weniger. Das Zimmer ist einsehbar, ist öffentliches Versteck. Die nächste Party steigt bestimmt.

Kurzmitteilung | Veröffentlicht am von | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Wellen im Delay. Sequenzen (Fortsetzung)

Das alte Karthago. Wer spricht?

*

Reparaturarbeiten, Ausbesserungen, für wie viele Jahre noch. Eine neue Sohle, ein glattgebügeltes Hemd, eine Silberkrone im Mund, ein Flicken auf der Stoffhose. Keine Ansagen, nur eine Schuhkontrolle der Absätze, es uns in der Hülle zu dritt einzurichten. Nach unten über die Wendeltreppe traut sich keiner. Der Aufenthaltsraum hat etwas von einem privaten Separée, hineingeschlagen in die Katakomben.

Es wird bereits 20 Uhr und erst jetzt C: schaut auf das Ticket, auf dem die Abfahrtszeit mit 20 Uhr angegeben war. Sie fand sich auf der Anzeigetafel nicht wieder.

J: telefoniert mit zuckriger Stimme mit der Infohotline, wie wir zu unserem Schalter kämen. Selbst der Schuhkontrolleur scheint ihn zu kennen.

C: meint, das Fortkommen sei eine Chance für fehlendes Lernen für die Präsentation. Aber keine der Karten ist mehr gültig.

Breite, vollgepresste Fahrrinnen schieben ins Zentrum oder in äußere Distrikte.

*

Die Fischer mit ihren kurzen Leinen am Strand, von dem man aus die beiden ins Mittelmeer ragenden Arme der Bucht von Karthago überblicken kann. Daneben flirren Hochhäuser. Das Wasser hat vielleicht 18 Grad, wie die Luft. Es ist Mitte Dezember und kalt für die Stadtbewohner. Sie tragen Jacken und Mützen. Als wäre ich aus einer Zeitschlaufe gefallen, breitet sich vor mir ein spätfrühlingshafter Tag aus; der Flughafen erinnert an den in Amman.

*

Kauende Mütter, ziellos wirkende Männer, kaum rasiert und mit verblichenem Anzug überqueren zu Fuß die mehrspurige Straße. Der Beton zieht sich weiter, Schlendernde müssen sich ihre Wege selber suchen. Für sie ist kein Weg in den Hotels, Einkaufszentren oder an den Strand vorgesehen. Das regeln Taxis und Busse und, für die besser Betuchten, ein Koloss von einem Auto. Das ist vorzeigbar auf einer der Konferenzen des UNHCR oder des UNDP in den Luxushotels, die in der Gegend von Karthago, dieser „zone touristique“, isoliert und ihrer eigenen Infrastruktur gehorchend, errichtet wurden.

*

Kräfte wirken nebeneinander, die Wellen sind im Delay für eine so ruhige, konzentrierte Tätigkeit wie das Angeln (oder heißt es Fischen) mit seinem Präparieren, der Hoffnung beim Auswerfen. Die Brandung ist dann kaum noch hörbar; dann das langsame Rauchen, das von salzigen Windböen unterbrochen wird, nur die Fischer also und die Sportler, drei Pferde und ein Kamel, das vor den jetzt ungenutzten Holzhütten sitzt. Die Wolken stoßen sich an den Rand des Blickes, der draufhält. Der Hunger vergeht, das mittelmeerische Denken setzt ein.

Veröffentlicht unter einleitung, geschichten | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Zielona Góra ohne Diphtong. Sequenzen (Fortsetzung)

„Diese Ordnung in Deutschland, wieso beschweren die sich! Überall Krankenhäuser und ein Arzt sei auch immer verfügbar. Falls dann mal eine Grippe auftritt, wird man gleich eine Woche krankgeschrieben, nicht, wie bei uns, zwei, drei Tage – und Schluss. In Deutschland wissen sie Studierende zu schätzen, Stipendien gibt es, Bafög is ok und selbst Leute, die 1.500 € verdienen, protestieren, obwohl dort auch noch alles billiger is!“

Müde warten die Passagiere auf den verspäteten Zug, aus der warmen Bahnhofshalle treten alle paar Minuten neue, mit Tüten, Rucksack oder kleinen Koffern, dazu viele Alte mit Filzmütze und Stock. Mit ihnen Gespräche über die Zeit, kurze Erkundigungen, Ungeduld. In alle vier Richtungen kann es gehen von hier. Wer hier wohnt, macht sich am nächsten Tag ins Lebuser Land, nach Brandenburg, oder aber, regelmäßig pendelnd, nach Berlin auf. Dem Straßenrand entkommen, behalten die gegen die Kälte Ankämpfenden in der einsetzenden Dämmerung den Fahrplan im Kopf. Der Schaffner hat im Schienenwagen kein eigenes Abteil, sondern macht es sich auf einem Vierersitz bequem und unterhält sich mit der Nebensitzerin in der anderen Koje. Eine Mappe mit Dokumenten auf den Knien, gelegentlich den dicken Fahrplan in den Händen, doziert er Zahlenreihen und beschwert sich über Alltäglichkeiten. Dazwischen presst er die Lippen aufeinander und schaut über seine randlose Brille mit aufgeschlagenen zarten Augen.

Auf den kahlen Feldern, die sich hinter dem Bahnhofsgelände türmen, raucht es bis in die Kleinstadt; und noch weiter, bis an den Sumpf, die Grenze für so viele, das letzte, nicht ausgetrocknete Stück. Dennoch wird gefischt, nebenan beginnen die Kolchosen. In der Zwischenzeit wird das größte freistehende Gebäude gesprengt. In Moskau, so heißt es, soll eine moderne Innenstadt auf dem Feld entstehen, auf dem im Moment nur noch jahrhundertealte Schlösser und Gutshöfe vor sich hin wachsen. Ich träume, ich wache in einem dieser Paläste auf dem Sofa auf. Zuvor war ich in einer mir wiederkehrenden Stadt und nahm bei einer unglücklichen Verfolgungsjagd über Rolltreppen teil. Statt darauf einzugehen, werde ich von den Gastgebern abgekanzelt, als über undenkbare, eingemauerte Fenster in diesem Teppich von Mauern Erde hereinfliegt. Die Halter fliegen zurück und Sekunden in der Schwebe entscheiden. Auf dem Feld, das nun quer hängt, blinken einstige Schiffe und ihre Segel. Am Zaun gespießt sehe ich mich in Zukunft, doch noch halten die Latten.

Hundert Meter höher ändert sich der Name des Nobelortes, der Diphtong entfällt, das k wird härter, sodass es kaum eine Person richtig aussprechen kann. Auch nicht meine Begleiterin, wie mir unser Fahrer von hier erklärt. Er hat uns von der besetzten Villa zu diesem Ort gefahren, da wir uns ein neues Domizil suchen sollen. Wir packen unsere Sachen und schauen den Einziehenden zu. Das sind ganz unterschiedliche, schön anzusehende Charaktere, die sich alles beibringen, nichts fragen. Einer spielt zum Abschied ein Ständchen auf der Ukulele, das er für seine Tochter geschrieben hat. Die Türen krachen. Wir spüren das Schlagen und erzittern durch den Knall und den Wind, der durch das zusehends leerer werdende massive Gebäude bis hoch in den dritten Stock, an die Decke und zurück über die Galerie zieht.

Veröffentlicht unter geschichten | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen