Der Hof

I

Schal wie sein Rücken schob er sich die Straße nach Hause. Das Hausprojekt lag in einer Ausfahrtstraße, im Hinterhof kletterten wir über den Hintereingang; mit einer an einen Holzstrick befestigten Leine zogen wir den Türgriff nach unten und stiegen ein. Der Morgen war von Sonne getränkt, er nahm die Geschichten der Nebensitzenden, auf Russisch, Deutsch, Arabisch, auf, auch wenn er nur einzelne Wörter verstand. Was passierte, wenn er die Mitarbeiterin der Bäckerei zum Kaffee einlud? Sie war um einiges jünger als er, trug einen strengen, angelegten, aber kunstvoll geflochtenen Zopf in ihrem schwarzen Haar und schaute offen und freundlich jeden Neuankommenden an. Viele kamen für ein ausgiebigeres Frühstück die Tür hinein, andere nur für einen Kaffee mit Milch im Vorbeigehen. Kannte er sie, ihre Familie? Möglicherweise half sie hier zwei Tage die Woche aus, um ihr Studium zu finanzieren? Warum spielte es für ihn überhaupt eine Rolle? Sollte er sie nicht erst einmal kennenlernen? Er konnte sich diese Gedanken erlauben, da er sie ohnehin nicht ansprechen würde. Statt auf eine Antwort von ihr zu warten, war es, als ob er für sie weiterschriebe und mit ihr weiterredete, ein Skript, das noch zu schreiben war. Er erlebte sich als Kunstfigur, er verliebte sich sicher wieder, er brauchte den Stoff, es geht weiter, nicht leichter als vorher. Dann war auch schon wieder gut, einiges gelang, aber das reichte nicht. Die Unzufriedenheit wurde Teil, fast Inszenierung; es fiel leichter zu vergessen und leichter zu erinnern ohne Groll, später verschmitzt zu erzählen. Es gab eine Zeit, da fluteten die Töne in allen Lagen.

Den Kampf gegen die Langeweile hatte ich in der Jugend aufgegeben. Vieles wäre zu tun gewesen, ich war alle Möglichkeiten leid und sie trauerten auch nicht mit mir. Gelegentliche Disziplinarverstöße beruhigten zwar, doch langsam kam ich meiner Einfältigkeit und Verkommenheit auf die Schliche; ich begann mich an meine Mittelmäßigkeit zu gewöhnen, ja, bald mich in ihr wohlzufühlen. Die Gespräche wurden stringenter, einfacher, vorhersehbarer! Nur manchmal ereilte mich die unheilvolle Aufsässigkeit der Sätze, die um meine wenig verbundenen Gedanken wie Koloraturen von Noten umhersprangen. Die Erlebnisse hören auf, fernab von mir stattzufinden. Jetzt war ich der planende, reflektierte Protagonist und … ich spielte meine Rolle nicht schlecht – nach neugeschnittenen Maßstäben jedenfalls. Sind sie realistischer geworden oder abgestumpfter?

Wenn ich traurig bin, werde ich auch realistischer. Durch das Reden wird es manchmal besser. Schon nach kurzem Erwachen fühlt sich der Mensch in schuldiger Position. Er gibt auf, gerecht ist das nicht.

Für die Ausreißergeschichten ließ er alles andere stehen. Die Gärten im Trümmern, stand auf dem Zettel, den er am Eingang vorgefunden hatte. Und tatsächlich, das Haus war eine Kompromisslösung, wenn er es jetzt von der Straße übersah. Eine Zwischentechnologie, die mit den Tod überdauernden T-Shirt-Botschaften übertüncht war. Eine Maßnahme, um sich eine andere Zukunft vorzustellen, nicht mehr nur eine Ansammlung von Werbemaßnahmen. Was vorstellbar war, hatte er schon gesehen. Er war außerordentlich gut darin, die Werbung und Figuren und Serien seiner Kindheit zu kartographieren. Er kam zu sich, hatte die Kontrolle, wenn er in einem Lexikon der Erlebnisse seine Begriffe sortierte. Es endete in einer Verdopplung der Welt, die sich wie eine zweite Schicht darüberlegte und die Digitalität vorwegnahm. Bei jeder Rückschau konnte er ganze Abschnitte mitsprechen.

Dagegen wusste er nicht mehr, mit wem er sich getroffen hatte, welche Namen, Gesichter, Stimmen dominierten und widerhallten. Dazwischengeschoben war eine Jugend, die versuchte, ein Ende mit dem anderen zu verbinden. Während er in den zweiten Stock stieg, fiel ihm auf, wie viel er heute vergessen hatte und verfluche die übriggebliebenen kleinen Fetzen, die zu nichts führten: keine Pointen, keine Erfahrungen, keine Analyse. Stattdessen: alte Videos, Websites, Helden der Vorabendserien. Er suchte diese Synthies aus den frühen 90ern, diese verwaschene Weite von Kassetten, die nicht alterten, die sich in der Unmöglichkeit, böse zu sein und dass am Ende alles gut wird, in diesen Geschichten zeigt, die Abgründe durch Theorien absuchte. Der Bass klopfte auf warmen Teppichboden und hinterließ eine wippende Stelle für den nächsten Umzug. Bei einer einzelnen Geschichte verhedderte er sich. Es mussten die vielen kleinen sein, mit Figuren drin, die sich gegenseitig ausschließen und aufstellen. Unter dem Einfluss von Werbeclips dürfte Fliehen nicht so leicht werden. Es gab Stimmen und Angebote, aber irgendwann mussten Entscheidungen auch zu Entschlüssen und Entschlüsse zu Konsequenzen führen.

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In Warschau, also nirgendwo

Ein apokalyptisches Szenario

I

Modern war der Einfluss der Innenwege.

Manchmal vergaß er, dass es die Goldberg-Variationen gab und dann erinnerte ihn ein Film oder die Stimme von Glenn Gould im Hintergrund, wie sie mitsummt, wie jetzt der Bassist in dem Café in der Oppelner. Am Anfang der Nacht, wenn der Nebel mitsamt seinen Tropfen in die Straßenbahnen hinein weiter nach Osten gezogen ist. Bald fährt hier auch eine durch, aber es ist noch unklar, ob genau durch diese Straße. Er musste an die Taustadt denken, Warschau, neulich war dort alles voller Trauer, aber die Wiese stand noch und er wusste, warum er das oder das mal gesagt habe, über die Schluchten und die Festungsmauern, die an den Hügel geklemmt war. Sie stiegen hoch, um sich vor dem Regime zu verstecken und in Ruhe zu rauchen.

Das Ende des Winters war nicht zu sehen. Er wurde ausgelaugt, fast krank. Luft und Staub waren auf ihn eingedrungen und wieder in den Matsch entflohen. Der Geruch alter abgeseifter Wäsche mischte sich mit Schneepflügen, eine rauchige Luft, die vielerorts in kalten Löchern fehlte. Er spürte die Einsamkeit des halben Tages, der als Leerlauf angelegt war, ohne es von vornherein einzugestehen, tief vergraben, fast angekommen und schon wieder entnabelt. Es war gut, in einer Stadt zu sein, die nichts mit ihm zu tun hatte, die ihr Klima noch veränderte. Sie war jetzt wieder so wie vor ein paar Monaten, als er hierhergezogen war. Es ging weiter, mit der Masse zog er in den Untergrund, noch waren die Internetcafés in den Bahnhöfen voll. Eng war der Untergrund; es roch nach verbranntem Fett und Käse, zapiekanki; Massen von Gegenständen leuchteten im Nebel, Frittenschaum auf den Büchern. Von Schwielen gezeichnete Gesichter, hitzeversengt und durchgespült, nicht fit, den Dreck von den Schuhen wischend. Er hielt sich an die Vorstellung, dass es von der Trauer kam, aus der Erwartung und Verzweiflung und dem Unverständnis, die die Blöcke und losen Stäbe der Buden im Sand forderten. Loses gelbes Gras loderte um die Stiele, in den Steinbrüchen lagen Bäume in den Anfängen. Daneben Platte, Platte, Kreide in lila und blau, fall nicht (uwaga!), Strauch, schon liegst du auf dem Hintern. Die von den Stämmen behinderten Ströme auf der A125 wurden umgeleitet, kanalisiert. Die Innenstadt, das Zentrum wuchs in sich hinein, das Blatt der Scheibe krallte sich an den Baum, die Bäume wuchsen von uns aus und durch äußere Umstände noch einmal weiter als sonst möglich war.

Der erste Regen hier. Es schien alles dunkler umrandet und vorbereitet, fest auf dem Sockel durch quiekendes Licht und mit dünnem Schwarz in einen Comicstrip der 60er nach Frankreich gesetzt. Jetzt wusste er, wie es die Leute hier machen: Früh aufstehen und sich durchprügeln. Von 8 bis 11 waren die schönsten Stunden, die sich für den ganzen Tag erschöpften.

Straßen wurden interviewt, manche standen an zum Rapport in Betonhäusern, in denen es keine freie Liebe gab. Die Haut, wenn ich sie durch die Hose und Hemden strich, blühte wieder auf. Der Computer der Beamten brachte Aggressivität. Das Haus verhieß nichts weiter als Trennung, eine offene Wunde, vertuschtes Feuer, das unaufhaltsam, wie von einem Katapult geschossen, aber langsam, in regelmäßigen Abständen, auf dich zukam, tschtsch, tschisch, Strich um Strich.

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Lou lief in Endlosschleife

Lou lief in Endlosschleife. Seine zweifelnde Stimme mochten sie gerne, die feudalen Späße, seine mathematische Mystik, die ganzen Geschichten hinter den Alben. Als sie den Vorführeffekt bemerkten, ließen sie es bleiben. Das Theater stirbt ja gerade, die Zahl der Lebenden übersteigt erstmals die Zahl der Toten, sagt Heiner Müller. Prüf das mal. Wenn ich ein Musiker wär wie du, würde ich wissen, was du sein wirst. Du bist tot und der Schlaf schlägt die Augen aus. Am Anfang wollte ich den Schwank noch hören können, sagte er. Bevor du weggingst, war da ein lokaler Konflikt, in den du mich bereitwillig hineinzogst, um nicht wahnsinnig zu werden.

Sie sahen sich jedes Wochenende, mal nur wenige Stunden, während er den Freitag und Sonntag fragte, wohin das führen sollte. Seit wann war das Grübchen im Kinn so eine Höhle? Er wollte nie vereinnahmt werden. Vielleicht musste er sich nicht weiter auf den Grund gehen und nur lernen, aus dem Schlüsse zu ziehen, was er tat, wie er auftrat, mit welchen Menschen er sich umgab. Alles ließ sich ertragen, wenn er nur auf etwas wartete. Sie dagegen konnte sich nicht so einfach von der Stadt trennen, wollte zwar arbeiten, gab sich aber zurecht nicht mit dem jetzigen Job zufrieden. Sie schrieb Kurzgeschichten. Die Reisen halfen, über Details nachzudenken, sich Formulierungen auszudenken, die sie nicht hasste, denen sie wohl aber misstraute, weil sie sie ähnlich wo gesehen hatte oder gerne, hervorgehoben, in den Kritiken gelesen hätte. Solchen Stimmen misstraute sie, das wäre zu billig gewesen. Eine Gefängnisszene als Teaser, das war alles für heute. Es war nicht nur der fehlende Glaube in die eigenen Texte, sondern auch das Gefühl, ohne eine Form, in der sie sich wohlfühlte, auskommen zu müssen. Den Unterschied, so und nicht anders, die Reichweite vorgesetzt zu bekommen. Im Gegenzug abgedruckt, veröffentlicht zu werden.

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Dramatische Abstraktion. Cate Le Bon in der Kantine am Berghain am 2. Juni 2019

Cate Le Bons Konzert am 2. Juni in der Kantine am Berghain bestätigt ihre in der Nische verankerte Stellung als eine der wenigen Pop-KünstlerInnen, die es fertigbringen, die experimentelle Lässigkeit der 60er mit dem Glamour der 80er, das Monotone mit dem Vertrackten und Kammerpop mit Postpunk und Jazz zu vereinbaren.

2013, da hatte Cate Le Bon gerade ihr drittes Album herausgebracht, hörte ich zum ersten Mal diese Songs. Unauffällig begleiteten sie mich, entfielen mir wieder, nur um sich langsam wieder ins Gehör zu schleichen. Ihre Musik lässt sich finden, ohne dass du sie gesucht hast.

Beim vor ein paar Wochen erschienenen neuen Album “Reward”, das die Gitarristin und Sängerin auf ihrer Record-Release-Tour präsentiert, hat sie gegenüber den Vorgängern einiges verändert. So schrieb sie die zehn neuen Songs auf dem Klavier, was sich in der balladesken Grundstruktur vieler Stücke bemerkbar macht. Auch entwickelte sie ihre auf einem klassischen Songmuster fußende Soundpalette weiter: sie gewann das im derzeitigen Pop fröhliche Umstand feiernde Saxophon dazu, das den Rhythmus hervorragend ergänzt und lässt, wie im Album-Opener, feingliedrigen Synthies den Vortritt.

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Der 25. Januar, ein Berlin der Zukunft

Der 25. Januar, ein Berlin der Zukunft, Zwischengeschosse sind beliebig einziehbar. Die nackten Straßen von oben aus Sicht der U1, zwischen Kotti und Schlesi, verschränken sich, ziehen sich zusammen, landen am anderen Ende der Stadt, schneedurchweht, ziehen sich übereinander. Ein Knopfdruck zu viel und das Gitter bricht auseinander. Das Netz verschlingt uns, wir stellen uns die Katakomben der Dachgeschosse vor, die Plateaus im Keller, wir blicken von der Plattform auf die sich verschiebenden Rondells, grün und grau, verbrannte Lichterketten, ein Sturm, der vom Fluss durch die Betonstelen herüberfällt. Gesichter tauschen sich in Hinterhöfen aus. Die U1 fährt bis zum Flughafen, nur ein paar Einzelheiten stimmen nicht, lassen ratlos zurück. Wo kommen die Piercings am Ohr und in der Nase her, wieso sind die Haare kurz? Der Friseurtermin lief so: reinsitzen, mit dem Shuttle auf einem Hologramm und die verschiedenen Dienstleistungen anfahren, auf Vorschau klicken und den Preis anzeigen lassen.

Die Geschichte war natürlich nicht zu Ende, wie konnte sie auch. Heimliches Küssen im hinteren Sicherheitsterminal des großen Glaszentrums neben dem Flughafen auf dem Klo, als die Security mal unaufmerksam war. Er hatte sich kurz fallen gelassen, während das Erzählen nicht zwangsläufig weitergehen musste, weil sich die wartenden Personen ohne große Interaktion im Raum bewegten, auf die Nachrichten schauten oder sich die nächsten Stunden ausmalten. Eine Strategie besaß kaum jemand; und so schloss das Gespräch, ohne dass die dreiminütige Abwesenheit etwas groß dazugetan hätte (sie war kaum der Rede wert), praktisch nahtlos an die Frage davor an. Er antwortete, aber die Umstehenden waren nicht zufrieden, sie hatten sich mehr erhofft. Die Bar war ausgeräumt worden, die Theke auf die andere Seite gewandert. Niemand wunderte sich, dass er nach Getränken fragte, die es dann nicht zu kaufen gab, zumindest für ihn nicht, auch wenn sonst alle tranken beim Reden. Nur hinten, am Gang, saßen noch zwei Bekannte an einem runden Tisch. Er hatte nur noch diese, der Rest war verschwunden oder tot, warum, daran konnte er sich nicht mehr erinnern.

Er hatte zu viel telefoniert, bald würde die Nummer nachverfolgt werden. Das machte nichts, er würde ohnehin zu spät zum Konzert kommen. Es war nur die Probe seiner Band, die in der umgeräumten Bar am Hang ihren ersten Auftritt hatte, für den sie so wenig vorbereitet waren wie für eine Matheklausur, vor der nur Ungewissheit und Erschöpfung herrschten, im Wissen, sich gleich zu ergeben, wenn der Funke nicht am Anfang übersprang, wenn die Angst nicht schnell verflog. In der Schlange war er munter geworden, legte sich mit einer älteren Vordränglerin und einer Jugendbande hinten links an. Sie rangelte und fügte dabei Risse an die Wand des Gebäudes mit seiner dünnen Kulisse. An der Kasse angekommen versuchte ihm ein Mitarbeiter neben der Eintrittskarte weitere Bücher zu verkaufen und streckte diese gleich in eine Tüte. Er nahm: Das neueste Buch von Wondratschek, ein Horrorthriller, herausgegeben von einem Nischenverlag, aber beklebt mit einhelligen Lobeshymnen über seinen Stimmungswechsel. Er war über den Grusel gespannt und ließ Solidarität walten.

Der Weg bis zur Bühne war lang. Sein Neffe, noch klein, half beim Tragen. Die Lektüre sagte einiges über seine Texte aus. Nach und nach entnahm er die Bücher und verschenkte sie an das mitleidige Publikum, bis nur eine faltbare Wanderkarte übrig blieb. Er übersprang ein paar Nebensächlichkeiten, denn er wusste, was er konnte, wofür er gebraucht wurde. Es waren nun keine Bands mehr, nur noch Sound stellenweise. Er hielt die Leute auf der Bühne mit ihren Buchstaben, Namen und Meinungen kaum auseinander. Das schien nur in einer eigenen Sprache zu klappen. Haare verhedderten sich, lagen umher.

Woher hätte er wissen können, dass es mich betraf, dass ich dazu etwas sagen konnte. Was hatte ich gespürt?

Er war wie automatisch in den Kopf einer anderen Person gestiegen und hatte die Leute im Konzertraum beobachtet. Er merkte gleich den verdächtigenden Blick, den er auf bestimmte Menschen im Saal hatte. Nur zögerlich wurde er erwidert. So stand er auf der Bühne. In der viel zu heißen Uniform konnte er alles verstecken; und als er dann nach 90 Minuten mit der Kasse durch den Keller verschwand, wusste er hinterher nicht, ob es um das Geld, die Einnahmen, einen Vertrauensbruch oder gar Schuld ging. Er hatte gehofft, etwas über sich und die Konstellation, in die er geraten war, zu erfahren. So wartete er bis zur Dunkelheit, damit die CDs wieder funktionierten. Die Frau aus der Schlange besuchte ihn und brachte einen Stoß durchgehörter Musik, der ihm gehörte, zurück. Sie liefen nur noch auf den besten Geräten, bis es knarzte, sich zunehmend die Spur verlor. Nach 50 Sekunden Stocken erschien am oberen Rand ein anderes Symbol. Die Finger konnten reglos bleiben, klick klick klack, so begann das Intro. Seine Band schlief im anderen Raum und erzählte ihm nach dem Aufwachen von der Frau, deren Namen er nicht kannte, obwohl er den ganzen Abend vor allem mit ihr gesprochen hatte, bevor er sich in einem unauffindbaren Schlaf wiedergefunden hatte, weil es draußen zu hell geworden war.

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im tau

zwischen kotti und hermannstraße ist alles crack
eine schneelandschaft so weit schon im jahrhundert
das funktionales schlafen erlaubt im futter                                   nur hinlegen
sich verjüngen die verlorene generation als                                   chor im rücken
das war merkwürdig der balkon öffnet sich                                   der haut
fast hatte es den anschein zu nah dran zu sein

alle zwei tage eine notiz weder einstecken noch austeilen
im ergebnis liegen verstreut die kugelschreiber aber kein papier
das knirscht das wartet auf nachrichten in dieser zeit
hielt ich mein lesen nicht ein verweis auf anderes gedicht
mit den einfachen sätzen dass ich nicht durchkomme
der geschichte am rand von bildschirmen in allen
landschaften im gebälk da hausen die namen gründlicher
als sonst säuberte ich die schuhe der gang vors
haus plumpe cover überlisten von sich tönen

bücher werden in ägypten geschrieben im libanon gedruckt
und im irak gelesen ein altes arabisches sprichwort begleitet
eine sammlung von missgeschicken auf beiden spuren
finger schwenken die letzten sätze vor der abfahrt
kosmische angelegenheit diese geschnörkelten noten
heften sich an die schenkel der lettern entledigen sich
ihrer die partitur transponieren über kreuz

wenn ich zusammenfassungen schreiben soll
bin ich nah dran mich abzuschaffen
spekulativ zu leben nach den büchern
der letzten tage dann
rede ich mit der zeitung weil ich eine bestimmte
sprache vermisse

vorbei an anmaßender architektur
die plastik schießt ins gebüsch eine
totenbeschwörung als wäre ich
ein fahrender buchhändler der
fortsetzungen verkauft wobei
das orange mir auch wieder
die neunziger rettet

vergessen der sound die goldberg-
variationen erinnert ein film die stimme von
glenn gould erzählt wenn sie mitsummt wie jetzt
der bassist in dem café
in der oppelner

der anfang der nacht wenn der nebel mitsamt
seinen tropfen in die trams hinein
weiter nach osten gezogen ist
in die stadt mit den wiesen im tau
unter den festungsmauern geklemmt an den hügel
den a und ich im verborgenen hochsteigen
dem regime zu entwischen endlich
in ruhe zu rauchen

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cassette cathedral

singen
zu songs
die ich
für perfekt
halte
doch
ganz anders
schriebe

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