Vier Seiten, drei Kolumnen (tbc.)

Um es abzuschließen: Irgendwann brennt jede Küche ab. Es wird eskalieren, doch da alle damit rechnen, ist es gleichgültig, es ist sowieso schon übertrieben. Die letzten Tage waren die Hölle, die letzten Tage waren einsam, die letzten Tage blieb der Himmel blass, als Grauschimmer mit blauen Streifen. Frühere Geschichten hatten schon die Gründe für ihre Zurückgezogenheit berührt. Schließlich stellten wir die nutzlose Suche ein, da war sie auch wieder ansprechbar. Er sah sie wieder, als er nach Hause kam und die Freundinnen um den Tisch saßen und sich gegenseitig Tattoos stachen. Sie hatten sich lange nicht gesehen, aber taten nicht überrascht. Warum auch? Da gab es nichts zu vergeben.

*

Ins Exil werde er gehen und sich die Abwesenheit dazu definieren – Abwesenheit von anderen, von den Kartenmustern im Kopf, von den ausgeheckten Plänen, den Zwangsneurosen, dem Klatsch, dem du, auch wenn er dich betrifft, entspannt von außen zuschauen kannst, wie er sich weiter entfaltet, ausbreitet und die Häuserwände mit Flecken versieht; doch, doch, anders staunt er nun herum und ärgert sich mit Biographischem. Die stille Ordnung der Bibliothek, die er zuhause erreichen wollte (obwohl ihm fehlte das handwerkliche Geschick, weitere Regale an die Wände zu montieren, fehlte), hatte sie während seiner Abwesenheit in ihren Bann gezogen. Nun angekommen, streifte er beinahe sorglos umher, einen Stapel mit Büchern unterm Arm und voller guter Vorsätze.

Er hatte Wette um Wette verloren, ohne Platz für neue Ideen, wie es weitergehen sollte. Ließ sie erklären, was aus seinem Verlangen geworden war, ohne zu wissen, warum er sie stets verpasste. Wieder verkroch er sich, konnte nicht das eine Buch beenden, vorwärts und rückwärts las er es deshalb bewusst langsam, bis er nach ein paar Stunden zum Essen heruntergerufen wurde oder um den Abend zu besprechen.
Aus der Dachkammer waren alle Geschehnisse gut zu hören, von hier bekam er einen besseren Überblick als sonst wo und konnte filmen, ungestört und unbemerkt, jede Bewegung. Manchmal dauerte es drei Stunden, bis er den ersten Schatten eines Körpers sah. Wenn er sich ablenkte, öffneten sich alle Fenster (zehn am Tag sollten es schon sein) mitsamt den politischen Gegnern.

Doch einmal hatte er davon genug. Vorausgegangen war ein Zögern und seine bisherigen Grundüberzeugungen, die er abgelegt zu haben glaubte, schwirrten nur so umher, dass es im Grunde eine Freude war, hätte sie jemand von außen sehen und sorgfältig auseinanderschichten können. Er rief sie, weil er nicht weiter wusste, empfing sie auf seinem durchgelegenen Ledersofa und bat um eine Geschichte. Möglichst unglaubhaft sollte sie sein, real, aber nicht passiert. Bei Tee und Kaffee tauschten sie sich über die letzten Wochen aus (tatsächlich hatte sie ihn so lang nicht gesehen), dann fing sie an zu erzählen.

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Środa

In die Mitte der Welt der Stadt der Woche wollte ich ja gar nicht für den Hügel wo alles hier begann ließ ich das Kino sausen aber die Perspektive die Märchen in der Halle die Abwicklungen zwischen Händen in den Gassen der Buden blicklos fast tonlose Münzen eine ewige Baustelle drumherum ein paar Hochhäuser Fensterputzer die obligatorische Wäscheleine willst du sagen du traust dich nicht mehr nach neun Jahren und die Zeit ist eine andere jetzt noch schnell ein paar Bilder dort oben ohne dass jemand Aufhebens macht du verteidigst dich so schlecht dafür bist du flink den steilen Abhang hoch die Treppe hinten ist für den Rückweg im Schatten der Brandmauer die Sillhouette der Stadt der Türme ein Strauch verdeckt das Objektiv so soll es sein halb Himmel entfernt sich der Horizont obwohl so nah dran außerhalb der Linse kurz nach zwei Ost Südost von sonst aus gesehen fast zu dunkel klick klick zu wenig Licht nur für die Umrisse reicht es wenn ich sage die Fotos waren doppelt belichtet beweise ich nichts meine Minolta schoß einfach weiter ein Rattern hätte mich gewarnt.

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konkav

N.N. traf den Tisch schief an
Was blieb (einem) übrig?

Bestuhlte Landschaft und geborgtes Gras
Wackelnde Erde um die Autobahn
Eine Stunde zu früh
wie eine Hand in die Fläche

ein Meer in Plastik schwimmt
und ein Container nichts über die Sanierungen verrät

gäbe es Zeugen
in den Disteln
mit einer Zunge die Fächer
unter Verschluss hielt
kläfften die Reiher, spuckten sie?
fingen sich Lorbeeren fügten
sich dem Schrecken ein

(
suhlen sie sich
in den Scherben der zerbrochenen Gläser und Teller
vielleicht ein letzter Ausweg
aus der Scholastik
)

Zypresse riefen sie
Zypresse

hielt sich der Gestank
kullerte Sägespäne in die
Trassen

(
streifen die Stromleitungen in einem
fort biegt die Holzwirtschaft um die falsche
Ecke treten die Mastanlagen auf
ein Regal
)

Zugerichtet folgten dem Abzweig mit Geräuschen –

die Augen

im Kontingent der Gesichter
sich auf nichts und niemanden verlassen zu müssen;

als ob manche Räume das Sprechen begünstigten

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Alben und Songs 2010-19 (tbc.)

Alben:

Deerhunter – Halcyon Digest (2010)
Tim Hecker – The Ravedeath 1972 (2011)
Piotr Kurek – Edena (2012)
Forest Swords  – Engravings (2013)
Oneohtrix Point Never – R Plus Seven (2013)
Shabazz Palaces – Lese Majesty (2014)
Merkabah – Moloch (2014)
SEEKERSINTERNATIONAL – SKRSINTL presents the RaggaPreservationSociety EP (2016)
Mark Ernestus’ Ndagga Rhythm Force – Yermande (2016)
Steve Lehman & Sélébéyone – dt. (2016)
Irreversible Entanglements – dt. (2017)
Rezzett – Rezzett LP (2018)
Lack The Low – One Eye Closed (2018)
Caroline Shaw / Attacca Quartett – Orange (2019)

Songs:

Maalem Mahmoud Guinia & Floating Points – Mimoun Marhaba
William Onyeabor – Why go to war?  (JD Twitch Edit)
Blurt – The Ruminant Plinth
Shabbazz Palaces – #CAKE
Actress – Gaze
SFV Acid – Library
Mbongwana Star – Malukayi (feat. Konono No.1)
Slum of Legs – Razorblade the Tape
Jeffrey Lewis – The Rise and Fall of the Soviet Union
Sophia Loizou – Memories of Angels
Watoo Watoo – Tuesday’s Secret
Neko Case – That Scare Me
Mutual Benefit – Auburn Epitaphs
The Kurws – Lech Wałęsa
Jon Dixon – When Belgrave Met Banks (Ft. Mike Banks, K. Johnson & D. Jones)
Dean Blunt & Inga Copeland – Face Turn
GOLDEN DISKÓ SHIP – PACIFIC TRASH VORTEX
Michał Lewicki – Tamut
Grenier Meets Archie Pelago – Navigator
The Chap – What Did We Do
Blondes – Lover
Deerhunter – Desire Lines
Blank Realm – Falling Down the Stairs
Afrikan Sciences – A Healthy Turnaround
Julia Holter – Marienbad

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An den Schienen den Kontinent gezogen

Beim Schreibtisch angekommen, war nur noch ein Mitarbeiter anzutreffen, der mir aber eine Pilgerwanderkarte verkaufen konnte. Wie auch zu den anderen sprach ich Polnisch. Ich mochte diese kleinen Ruheorte in der Stadt, aus Büchern nahm ich die Infos zum Weiterkommen, bevor ich runter zum Hafen stieg, wo mein Psychologe Erdbeeren und Hinweisschilder verkaufte. Eine bestimmte Verkehrskarte galt als Auskunft für die Fußballspieler, Vertragsleute und Familien, die sich gegenseitig die Sicht raubten, weil sie die Kleingärten für sich entdeckt hatten. Europa als große Agglomeration, in der die Ringbahn alle 2000 Meter hielt.

Ich hielt die Landkarte in der Hand, auf der Bauern als schwarze Punkte infolge des Verlusts der Kontrolle über die Produktionsmittel, ihres Status und sozialen Kapitals herumwanderten, um sich rekrutieren zu lassen. Auf der Suche nach Arbeits- oder Stipendienmöglichkeiten liefen sie den Sekunden hinterher und suchten Formulare, Übersetzungsprogramme. Mit dem Regionalzug über K., an einen kleinen Bahnhof mit Touristenhochzeit, kamen sie in einem anderen Abteil unter, weiter hinten, sodass die Kontrolleurin sie vergaß. Auf den Rasen, das Spielfeld erstarb bei einem Gerangel durch einen Faustschlag, zwei Schiedsrichter assistierten einer Reihe Särge, die im Anschluss in der Mitte des Feldes aufgebahrt dalagen, symmetrisch mit Musik.  – Zu allem eine Meinung zu haben, sich zu jeder ausgebrochenen Diskussion zu gesellen, verriet den Wunsch nach kleinen Fluchten. Es ist Abend und der Zweifel senkt sich nieder. Auf strahlenden Verkehrsinseln verhungerten sie fast, stellten nichts mehr an, glaubten nicht an sich selbst. Leistung wird belohnt, oft auch nicht, Erfolg ist Einstellungssache als auch sozial vorgeprägt. Ein Lächeln, das gefror, sobald du an der Reihe warst. Aber auch dann ein Abhaken nur, bis zum nächsten Mal, das machte es so schwierig mit der Überschau.

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Mega Bog, Glashaus Jena, 22.11.2019

Im Paradiespark von Jena angekommen, fast am Ende einer von Erkältung und Blues geprägten Novembertour in Deutschland, beginnt die fünfköpfige Band – bestehend aus Komponistin, Sängerin und Gitarristin Erin Birgy sowie Kollegen von Big Thief, Hand Habits, and iji – ihr Set mit dem Titelsong des neuen, im Juni diesen Jahres veröffentlichten fünften Albums. „Dolphine“ beschwört in elf lyrisch-surrealistischen Kurzerzählungen untergehende Welten und andere Zukünfte, ein Leben im Wasser und zu Fuß. Moderne Kammermusik à la Julia Holter trifft hier schon mal auf Patti Smith, während Kevin Ayers und Robert Wyatt von Soft Machine die Runde trollen.

Wort und Musik gehen live noch überzeugender eine ätherische, synästhetische Melange ein, die kleine Verschiebungen im Konzertraum mit seinem gemusterten Kachelboden und dem Kamin erreicht und unter der flachen Holzdecke nachhallt. Langsam zieht Birgys getragene Stimme und das allenthalben synkopisch hinterherhechelnde Keyboard den mit seinen 30 Leuten gut gefüllten gläsernen Pavillon des „Glashauses“ an sich.

Mythische Kleinode oder minimalistische Pop-Opern

Ansatzlos (und ohne Ansagen) reihen sich perlende Akkordsequenzen mit den glitzernden Chimes-Stäben des Drummers bis zur erneuten Strophe, die manchmal gehaucht, dann gesungen von Fabelwesen berichtet, von Paaren, die zu Ambient tanzen, auf Flöten Bossanova nachahmen, bis sie innehalten, um auf das Jauchzen am Ende des Crescendo zu warten. Es sind dissonant-polyphone Klanggemälde, die sich vor uns aufbauen, übereinanderschichten und filettiert in ihre Bestandteile jeweils anders um die Ecke biegen. Diese produktive Kontingenz erreicht die Musik durch einen Überschuss an Dynamik-, Tempo- und Rhythmuswechseln, die trotz aller jazzigen Modulationen im Pop ruhen. Herausgehoben seien die Kleinode „Left Door“ und „For the Old World“, aber auch die Vier-Minuten-Mini-Oper „Truth in the Wild“ (alle von „Dolphine“), in der das Keyboard zum Vibraphon mutiert und Mega Bogs selbsternannter „Sci-Fi-Pop“ am besten zur Geltung kommt.

Es ist jetzt sehr Herbst und der Nebel hat das Saaletal gänzlich eingenommen. Nur noch der rote „Intershop“-Schriftzug auf dem JenTower leuchtet schwach durch die Zweige. Nach ihrem Hit „Diary of a Rose“ ist für die Band, die sich ins Publikum verabschiedet, nach unter einer Stunde schon wieder Schluss. Erin Birgy schiebt noch die unveröffentlichte minimalistische Ballade „Emilia“ nach; sie haucht alleine, flüstert mit geschlossenen Augen bruchstückhafte, schwer nachprüfbare Teilwahrheiten, die die komplexe Realität ordnen, ihr sinnstiftende Bedeutung zuschreiben und eine Brücke in die Gegenwart schlagen. So werden Mythen definiert.

Video: Mega Bog – Truth in the Wild: https://www.youtube.com/watch?v=oNJxK70PNOc

Album: Mega Bog – Dolphine (Paradise of Bachelors), Release-Date: 28.6.2019

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Nubya Garcia in Concert: The Modern Age

Wie kommt es, dass Jazz wieder Teil der alternativen Musikszene geworden ist? Eine mögliche Antwort liefert der Abend im Berliner „Gretchen“ mit der Tenorsaxofonistin Nubya Garcia und ihrer Band.

Was haben der Latin-Jazz-Pionier João Donato, die in New Yorker Clubs zockenden „Lucky Chop“ und das Souljazz Orchestra gemeinsam? Sie alle traten oder treten noch dieses Jahr im Kreuzberger Gretchen-Club auf. Sein exzellentes Booking und die wunderbare Akustik hat bereits viele international hochkarätige Jazz-Acts an den Rand des Dragonerareals geführt. So auch Jazz-Hoffnung Nubya Garcia aus London, der ihr Ruf als junge Bandleaderin, Crossover-Musikerin und Komponistin vorauseilt. Nachdem ihr Konzert im April abgesagt werden musste, hat sich jetzt ein vermutlich noch größeres, meist junges und diverses Publikum in die Gewölbehalle mit seinen Säulengängen eingefunden.

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